Pe und Ette
Kampf um die Göttin und Krieg den Geräten — eine Erzählung von P. Pauly
Es gibt Leute, die glauben, dass Maschinen und Geräte so etwas wie eine Seele besitzen. Dass sie einen eigenen Willen innerhalb ihres Dunstkreises durchsetzen und Gewalt gegen ihre Benutzer ausüben. Ich glaube das nicht. Ich weiß es!
Und ich habe Beweise dafür. Nehmen Sie meinen Toaster zum Beispiel. Es ist ein hoch technisches, elektronisch gesteuertes Gerät, das völlig unbeeinflusst vom Wetter oder der politischen Lage mein Toastbrot in immer gleichmäßiger Tönung bräunt. Genau so, wie ich es einmal an einem kleinen schwarzsilbernen Drehknopf eingestellt habe. So behauptete es jedenfalls die Werbung, weswegen ich sofort meinen alten Toaster in die Mülltonne geworfen hatte und zum nächsten Kaufhaus gerannt war. Und dies behauptete auch der Verkäufer, der mir das Gerät aufschwatzte. Und ebenso die Bedienungsanleitung, die ich mit Hilfe eines freiberuflichen Übersetzers in nur zweieinhalb Tagen in richtiges Deutsch überführt hatte.
In Wirklichkeit nimmt mich mein Toaster auf den Arm und tut zwei Scheiben lang so, als hätte er meinen Dreh an dem schwarzsilbernen Knopf verstanden. Die dritte und vierte Scheibe hingegen gleicht schon fast einem Brikett nach der Begegnung mit einer Dampfwalze. Natürlich könnte man nach der zweiten Scheibe nachregeln. Aber glauben Sie ja nicht, dass irgendeine Systematik in der Abfolge von schwarzen und weißen, kaum angewärmten Scheiben zu entdecken wäre. Das Gerät spuckt stets mit einem lauten Knackgeräusch geradezu triumphierend eine Überraschung aus.
Sie werden mir jetzt mit der Garantie-Urkunde kommen, die sinnvoller Weise und den Heimwerkergeist herausfordernd auf dem Umkarton aus Wellpappe aufgedruckt war, so dass ich der Angelegenheit sowohl mit einem Teppichmesser als auch einem geradezu selbstmörderischen Risiko zu Leibe rücken musste. Durch eine kleine Metallklammer an den Kassenbon gefesselt verbringt diese “Wellpappen-Urkunde” ihre Tage nun in einer Truhe, in der ich alle Garantie-Urkunden und die dazugehörigen Bedienungsanleitungen seit meiner Geburt aufhebe.
Natürlich machte ich mich mit diesen wertvollen Papieren und dem störrischen Gerät bewaffnet auf den Weg zu dem Kaufhaus, wo ich für weniger als eine Monatsmiete den Toaster erstanden hatte. Das Gerät zeigte seine ganze Hinterlistigkeit, als der Verkäufer vor meinen Augen Toastscheibe für Toastscheibe in gleichmäßiger Tönung und ohne nachzuregeln... Sie ahnen schon, wie es weiter ging, nicht wahr?
Nach zwei Stunden Teströsten hatten wir einen riesigen Berg gleichmäßig gebräunter Toastscheiben auf dem Verkaufstresen und zogen in Erwägung, ein nahegelegenes Altersheim damit zu beglücken. Den Toaster habe ich noch heute. Aber er wird alt, seine Angriffe werden schwächer.
Oder nehmen Sie zum Beispiel meine Waschmaschine, die vorsätzlich meine kostbarste Wäsche zerknittert oder gar verfärbt. Oder einfach nicht das Wasser abpumpt, nur weil ich die Klappe mit dem Bullauge mal etwas zu forsch zugeschlagen habe. Ich nehme jedenfalls an, dass dies der Grund ist, denn sonst bin ich eigentlich recht freundlich zu ihr. Abgesehen davon, wenn sie beim Schleudern mit dem Keilriemen quietscht. Dann klopfe ich ihr schon mal gegen das Gehäuse, denn es klingt schrecklich und ich habe immer Angst, die Nachbarn könnten die Polizei alarmieren, weil sie einen blutigen Streit vermuten.
Zum ersten Mal hatte ich das von vielen zu Unrecht bestrittene Phänomen als Spätjugendlicher bemerkt. Ich wohnte noch bei meiner Frau Mama zur Untermiete. Kaffeemaschinen waren gerade groß in Mode gekommen. Gegenüber der herkömmlichen Methode, die heute wohl kaum noch jemand kennt, war das schon eine enorme Vereinfachung. Das Aufstellen des Wasserkessels auf den Herd war ja noch schnell gemacht, aber das schlückchenweise Aufbrühen in die bereitgestellte Kanne mit aufgesetztem Filter war schon lästig. Den ersten Schub konnte man noch gut auf dem Weg zum Badezimmer unterbringen. Dann den zweiten zwischen Duschen und Zähneputzen. Und schließlich weitere Güsse zwischen Rasieren, Haarefönen und Ankleiden. Nun denken Sie, dass mein Frau Mama sich rasieren musste, aber da tun Sie ihr Unrecht. Ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe des Kaffeekochens freiwillig und dauerhaft übernommen. Also war die neue Kaffeemaschine für meinen Tagesstart eine deutliche Erleichterung.
Die ersten Maschinen dieser Art waren noch so konstruiert, dass man den Filter herausnehmen musste, um an den duftenden Kaffee zu gelangen. Zunächst glaubte ich an einen Zufall, als das Gerät mit dem Endblubbern den Abschluss seiner Tätigkeit signalisierte und ich den Filtereinsatz entfernen wollte. Just in diesem Moment stieß das Gerät zischend noch eine letzte Dampfwolke auf meinen Handrücken, was wirklich schmerzhaft war.
Nach einem friedlichen Tag ohne Attacke folgte das gleiche Spiel erneut. Egal, wie lange ich mit dem Herausnehmen des Filters wartete, immer erst, wenn ich zulangte, zischte es erneut. Nun, ich will der Maschine nicht Unrecht tun, es gab auch eine ganze Reihe von Tagen, an denen ich ohne verbrühte Hand ins Büro kam, wo ich ein Praktikum in einem Verlag absolvierte. Aber grundsätzlich hatte ich doch das Gefühl, dass die Kaffeemaschine nach getaner Arbeit immer sprungbereit auf mein Eingreifen lauerte.
Von jenem Morgen an sollte mir die Eigensinnigkeit von Maschinen und Geräten noch öfter auffallen. Da gab es diese Handbohrmaschine, die ich mir von meinem ersten verdienten Geld gekauft hatte. Man konnte sie auf Links- und Rechtslauf umstellen. Sie besaß auch ein zuschaltbares Schlagwerk, falls man ein Loch in absolut undurchdringliches Material wie einen Luftschutzbunker oder ähnliches bohren wollte. Obwohl jene Maschine mir meistens gute Dienste leistete, kümmerte sie sich ab und zu einfach einen Dreck um meine Einstellungen und arbeitete nach ihrem Gutdünken mit oder ohne Schlagwerk. Mal nach links, mal nach rechts drehend. Anfangs konnte ich keine Regelmäßigkeit dieser Macke entdecken. Aber irgendwann erkannte ich: Der Mittwoch ist nicht ihr Tag! Ich will Sie aber nicht mit dieser dämlichen Maschine langweilen.
Eines Tages sagte ich: “Mam, ich ziehe aus.”
Ich nannte sie übrigens immer Mam, weil für “Mama” mein Mund einfach nicht breit genug war, ich “Mutti” als irgendwie albern empfand und “Frau Mutter” ja nun doch etwas zu förmlich klingt. Sie strahlte über das ganze Gesicht und sah überglücklich aus. Es war der Tag, nachdem sie mich gefragt hatte:
“Beziehst du eigentlich schon Rente?”
Auf meine Frage “Wieso?” zuckte sie nur die Achseln und murmelte:
“Ach, nur so...”
Den ganzen Tag ging mir ihre Bemerkung nicht aus dem Kopf. Aber als ich am Abend zwei neue Koffer in meinem Zimmer vorfand, die mit geöffnetem Deckel einladend auf meinem Bett standen, da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Noch vor erreichen meines Rentenalters zog ich also bei meiner Mam aus und in meine erste eigene Wohnung ein. Eigentlich war es keine eigene, denn ich musste Miete dafür bezahlen. Aber ich war stolz auf sechsundzwanzig Quadratmeter mit abgeteilter Küchenecke, abgeteilter Schlafecke, abgeteilter Eingangstür und abgeteilter Dusche. Alles war abgeteilt. Ein Schrank, Stauraum über der Eingangstür, ein alter Kohleofen in der hintersten Ecke des Zimmers.
Dusche und Toilette waren zusammen untergebracht, sozusagen gemeinsam abgeteilt. Es war so eng, dass ich beim Duschen auf dem Toilettendeckel sitzen konnte. Es war nur folgerichtig, dass ich mir angewöhnte, während des Duschens mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Dazu gehörte auch die Naßrasur und das Zähneputzen. Das Abtrocknen stellte sich dort übrigens als ein unmögliches Unterfangen heraus. Oder haben Sie schon mal jemanden in der völlig überfüllten U-Bahn vom Angeln erzählen sehen? Sie wissen schon, von der Größe des Fanges. Aufgrund der Enge musste ich stets nass in den Wendebereich der Zentraleinheit hinaustreten. Das war der freie Quadratmeter in der Mitte der Wohnung. Das Handtuch konnte ich ob dieser Prozedur ohnehin an der Stehlampe hängen lassen, wo es auch wunderbar trocknete.
Sie können sich jetzt vielleicht eine halbwegs realistische Vorstellung von meiner ersten Behausung, meinem ganzen Stolz, machen. Obwohl ich weder die Küchenecke mit der winzigen Unterbau-Waschmaschine noch den Kühlschrank mit der aus Platzgründen nur etwa halb zu öffnenden Tür beschrieben habe. Geschweige denn die Schlafecke mit den raffinierten Einbau-, Umbau- und Abseitenschränken. Die Waschmaschine musste man zur Benutzung in die Zimmermitte rollen, weil sonst der Platz nicht ausreichte, um den Deckel nach oben zu öffnen. Waschtag bedeutete also zwangsläufig: keinen Besuch! Und keine Arbeiten, die irgendwie Raum beanspruchten, wie das Sortieren von Belegen mit vielen kleinen Häufchen von Zetteln oder das Aneinanderreihen von Lageplänen oder ähnliches.
Ich schrieb damals Artikel für das Bonsai-Magazin und musste häufig Fotos sortieren und vergleichen. Sie wissen schon worum es da ging, diese kleinen Bäume in Tonschalen, die zu viel Nahrung bekommen zum Sterben und zu wenig, um groß zu werden, die aber irgendwie so tun, als wären sie schon erwachsen. Jedenfalls schlossen sich auch Fotos und Feinwäsche gegenseitig aus.
Den alten Kohleofen warf ich schnell hinaus, nachdem mir ständig im ersten Stock Oma Grabowski und im dritten Stock Oma Müller auflauerten, damit ich für sie ebenfalls Blecheimer mit Briketts aus dem Keller hochschleppen durfte. Ich wohnte in der Mansarde im vierten. Ich stellte mir einen Ölofen hin. Wer sich an diese übel riechenden Kästen noch erinnern kann, der weiß, dass in einer Art Pfanne im Innern Petroleum verbrannt wurde. Oma Grabowski und Oma Müller folgten meinem Beispiel. Und das konnte ich als Erfolg werten. Von nun an musste ich keine Briketts mehr vom Keller in den ersten, dritten und vierten Stock schleppen, sondern Kannen mit Petroleum.
Meine unverzügliche Eingabe bei der Hausverwaltung hatte Erfolg. Es wurden Nachtspeicherheizungen eingebaut. Riesige Kästen, die so schwer waren wie Tankschiffe. Im Innern befanden sich Schamottsteine, die in der Nacht mit billigerem Strom aufgeheizt wurden, um tagsüber trockenheiße Luft in die Räume zu pusteten, dass einem das Tupet wegflog.
“Bei dieser trockenen Luft sollten Sie sich viel an der frischen Luft bewegen.” meinte damals mein Arzt. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich Jogging liebe. Ich bin eher der intellektuelle Typ, für den körperliche Betätigung so angenehm ist wie Lepra. Dies ist zwar keine hinreichende Entschuldigung, aber eine gewisse Erklärung dafür, dass ich mit dem Auto normalerweise “bis ins Klo” fahre. So jedenfalls bezeichnete es mit deutlich vorwurfsvollem Ton vorgetragen eine gottähnliche Lichtgestalt, ein unnahbarer Engel, das makelloseste Produkt der Schöpfungsgeschichte, der Liebreiz schlechthin. Und wenn ich noch zehnmal geboren werden sollte, nie könnte ich unsere erste Begegnung vergessen, die Carlo Manzoni beobachtet haben muss.
Wie sonst hätte er dies in “Blut ist kein Nagellack” so treffend beschreiben können:
“Sie haben es natürlich schon erfasst, dass es sich um eine außergewöhnliche Erscheinung handelt, aber auch >außergewöhnliche Erscheinung< ist noch zu armselig, um der Einmaligkeit dieses rassigen Engels gerecht zu werden.
Verdammt nochmal! Nicht eine Minute werde ich mehr verlieren, um sie Ihnen zu beschreiben: nun, sie ist so groß wie ich, hat eine Unmenge kastanienbrauner Haare, zwei Augen, so groß, dass sie in keiner Pfanne Platz hätten, falls Sie sie als Spiegeleier in Butter braten möchten. Sie haben die gleiche Farbe wie die Haare, nur vielleicht etwas lichter. Die genaue Nuance zu bestimmen, bleibt mir keine Zeit, denn ich muss ganz schnell den Rest beäugen.
Werfen Sie einen Blick auf alle grandiosen Statuen und Gemälde berühmter Meister, suchen Sie sich die schönsten Frauen darunter aus, und werfen Sie sie dann in den Mülleimer. Denn an dieser gemessen, wären sie doch nur armselige Gartenzwerginnen. Wenn Sie sich nun ein ungefähres Bild von diesem Geschöpf gemacht haben, ist es doch nur kalter Kaffee, schmeißen Sie es auch weg. Sie ist zehnmal schöner, als Sie es sich überhaupt vorstellen können...”
Ja, das stimmt. Man kann es besser einfach nicht formulieren. Manzoni verschwieg, dass diese lebensentscheidende Begegnung mit dem Joggen zu tun hatte. Nur war es der Liebreiz, der joggte, und ich, der im Auto saß und aus dem Augenwinkel in Bruchteilen einer Sekunde erfasste, was zuvor so treffend beschrieben wurde. Mir blieb die Luft weg. Ich vergaß einfach das Atmen.
Als ich blau angelaufen war, entschloss ich mich, diese Fatamorgana zu überprüfen. Ich fuhr mehrere Runden um die Häuser und den angrenzenden Park, nur um festzustellen, dass es wirklich diese Lichtgestalt war, die dort mit anmutigen Bewegungen die Straße entlang Richtung Park schwebte. Nach der vierundneunzigsten Umrundung nahm ich allen Mut zusammen, kurbelte die Seitenscheibe auf der Beifahrerseite herunter und beugte mich über den Beifahrersitz, während ich das Tempo drosselte.
“Entschuldigung...”
Die Lichtgestalt machte keinerlei Anstalten langsamer zu werden oder den Kopf zu wenden, geschweige denn anzuhalten. Ich musste wieder etwas Gas geben und wagte einen zweiten Anlauf:
“Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?”
In diesem Moment wurde ich nach vorne geschleudert und von dem Sicherheitsgurt aufgefangen. Krachen, Scheppern, und das zarte Klimpern fallender Glassplitter.
Der auberginefarbene Jogging-Anzug mit weißen Streifen an den Ärmeln hatte nun tatsächlich inne gehalten. Die liebreizende Lichtgestalt starrte mit offenem Mund auf die zerbeulte Front meines Autos und die Rohrkonstruktion, die gerade erfolgreich eine alte Kastanie am Straßenrand verteidigt hatte. Keine Ahnung, wie groß der Schaden ausgefallen war, aber es hatte sich gelohnt. Denn sie stand nun regungslos da, als ich mich abschnallte und beim Aussteigen erneut fragte:
“Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?”
Als sie wortlos mit einer schwachen Handbewegung auf meine Kühlerhaube deutete, winkte ich ab:
“Das ist nichts. So halte ich immer an.”
Die Lichtgestalt schien keine Stimme zu besitzen. Armes Wesen, vielleicht gehörlos? Also versuchte ich es noch einmal:
“Ich kann Sie ja ein Stück mitnehmen.”
Ihre Miene verfinsterte sich, und sie zog die überaus hübschen Augenbrauen zusammen.
“Dann brauchen Sie sich nicht so zu plagen”, fuhr ich fort.
Sie schüttelte den Kopf. Ich drohte ins Koma zu stürzen, als eine etwas dunkle, aber ungemein angenehme Stimme aus dem Himmel zu mir sprach:
“Erstens mache ich das freiwillig. Und zweitens ist das kein Plagen.”
Damit begann die Lichtgestalt erneut in Richtung Park zu schweben. Ich startete durch. Nie hätte ich gedacht, dass ich meine Füße auf den Gehwegplatten so schnell zu koordinieren vermochte. Überhaupt war es erstaunlich, zu welchen Bewegungen mein intellektueller Körper fähig war.
Ich hatte Mühe, sie einzuholen. Vielleicht hatte sie auch etwas zurückgeschaltet, damit ich sie überhaupt erreichen konnte, phantasierte mein krankes Hirn. Wunschdenken. Als ich keuchend auf gleicher Höhe war, presste ich mühsam hervor:
“Können Sie... mich dann... wenigstens... ein Stück... mitnehmen?”
Mit einem kurzen Seitenblick stellte ich fest, dass sie demonstrativ auf den Boden schaute. Keine Regung. Aber ich war zäh. Ich ließ ihr Zeit und stampfte schweigend neben ihr her.
Ich hatte wirklich Probleme mit der Atmung. Eigentlich sollte so eine elementare Lebensfunktion von selbst gehen. Nur spürte ich, dass zwischen meinen heftigen Armbewegungen und meiner Lunge irgend etwas nicht stimmte. Organe und Gliedmaßen schienen sich zu entfremden. Innerlich fluchte ich, und wies sie an, verdammt nochmal, willig zusammen zu arbeiten. Es ging schließlich um nicht mehr und nicht weniger als mein Leben!
Nach einer Weile hatten sich meine Innereien wieder etwas vertragen und ich setzte zwischen den keuchenden Atemzügen erneut an:
“Machen Euer Lieblichkeit... das hier öfter?”
Huschte da etwa der Anflug eines Lächelns über ihr Gesicht? Nein, wohl doch nicht. Ich musste mich getäuscht haben.
Die Luft muss ziemlich staubig gewesen sein, anders konnte ich mir das Brennen in meiner Kehle nicht erklären. Das heftige Atmen durch den offenen Mund hatte sicher so eine Art Schmirgelwirkung, so dass nun auch meine Bronchien zu schmerzen begannen. Wir hatten den Park erreicht. Irgend etwas stach in meinem rechten Lungenflügel. Ich hatte da doch nicht etwa irgendeinen messerscharfen Dreck eingeatmet? Aus dem Keuchen wurde bereits ein Pfeifen.
“Das hat er übrigens... extra gemacht... vorhin...” setzte ich meinen mühsamen Monolog fort. Keine Reaktion. Mein linkes Knie schmerzte. Es musste meterdick angeschwollen sein. Zu dem Schmerz im rechten Lungenlappen kam nun auch noch ein Stechen in der Hüfte. Mein Körper begann sich zu verweigern. Schlappschwanz! Nehmt euch zusammen, ihr nichtsnutzigen Organe! Muskeln, Sehnen, Knochen..., alles nur Werkzeuge für ein bisschen spaßiges Leben. Sollen funktionieren, verflixt nochmal.
Aber es ging einfach nicht mehr. Mir war etwas schwindelig. Als ich auf eine Bank zu taumelte, wurde mir schwarz vor Augen. Ich sah gerade noch, wie die Lichtgestalt weiter schwebte und nahm dumpf war, wie die auf dem Kies knirschenden Schritte leiser wurden. Das war´s. Ende, aus und vorbei. Ich würde sie nie wieder sehen. Ich ergab mich dem Unausweichlichen. Mein Kopf fiel in den Nacken, und ich schloss die Augen, während das Blut in meinen Schläfen donnerte.
Meine Atmung verlangsamte sich, und ich begann zu träumen. Von dem unvergleichlichen Wesen, das meinen Weg gekreuzt hatte. Gekreuzt? Nein, eher tangiert, in Sichtweite rechts neben dem Auto. Ich kam mir blöd vor. Wie ein Idiot hatte ich versucht, mit ihr Schritt zu halten. Ein kitschiger Film zeigte mich, wie ich zusammenbrach. Und wie sie anhielt, um mich aufzufangen. Ich muss die Szene mehrfach geträumt haben, eine Endlosschleife. Ich sah sie vor mir. Die Sonne stand an diesem herrlichen Frühlingstag genau hinter ihr und überstrahlte ihre Kontur, so dass ihr Gesicht durch den Kontrast nicht zu erkennen war. Aber es war zweifellos ihre Gestalt.
“Wer hat was extra gemacht?”
Die etwas dunkle, warme Stimme erreichte mich kaum, als ich gegen die Sonne blinzelte.
“Wie bitte?” hörte ich mich stammeln. Ich hatte das Gefühl, mein eigener Zuschauer zu sein.
“Du hattest gesagt: Das hat er übrigens extra gemacht, vorhin.”
Ich mochte es kaum glauben. Sie war zurückgekehrt! Oder sie hatte eine Runde im Park vollendet und stand erneut vor der Parkbank, auf der ich zusammengebrochen war. Aber das war egal, Hauptsache sie war da. Falls ich das nicht doch nur träumte. Aber sie war es wirklich, die vor mir Arme und Beine ausschüttelte und mit einigen leichten Stretchübungen begann.
Ich versuchte mich zusammen zu reißen. Hatte ich das gesagt? Ja, ich glaube schon. Und mir fiel tröpfchenweise ein, dass es sich irgendwie um den Wagen gehandelt hatte. Ich stammelte:
“Er..., das ist mein Wagen.”
“Der Wagen?”
Sie hielt mich wahrscheinlich für durchgeknallt. Und irgendwie hatte sie ja auch Recht. Was redete ich denn da für einen Schwachsinn!
Sie würde sich jetzt umdrehen, und einfach davon joggen. Hastig begann ich zu reden, ohne zu wissen, wie das enden sollte:
“Ja, ja, das ist so..., wie soll ich das erklären...”
Ich blieb stecken. Meine Kehle brannte und war wie zugeschnürt. Der Computer unter meiner Schädeldecke schien ein Software-Problem zu haben. Er durchlief sinnlose Schleifen. Nach einer kurzen Pause drang die wohlig warme Stimme durch:
“Was soll der Wagen, bitteschön, denn extra gemacht haben?”
Das klang gedehnt, überlegen, ironisch. Während dieser Engel seine Übungen fortsetzte, die mir so harmonisch erschienen, dass ich sie durchgehend zehn Tage ohne Schlaf hätte anschauen können, wurde mir klar: Ich war am Verlieren. Und ich verlor doch so ungern. Konzentriere dich! Nimm dich zusammen!
Ich räusperte mich. Ich hörte mich mit einigermaßen fester Stimme sagen:
“Er hat blockiert.”
“So? Er hat...”, sie machte eine kleine Pause, “blockiert?”
“Ja. Er hat blockiert. Die Lenkung. Irgendwie.”
“Blockiert. Aha.”
Der Tonfall war genau der, mit dem man im Sanatorium psychisch Kranke besänftigt. Der ganze Ausdruck von “Natürlich! Sie haben ja so Recht! Es stimmt alles, was Sie sagen!” lag darin. Ich war am Verlieren, kein Zweifel. Trotzig redete ich weiter:
“Ja, ich nehme an, er ist eifersüchtig.”
“Eifersüchtig? Der Wagen? Natürlich!”
Ich redete weiter, noch schneller, als könnte ich meinen Schwachsinn dadurch mildern:
“Er bekommt mit, wie ich am Straßenrand eine hinreißende Frau beim Joggen bemerke...”
Sie lächelte, oder täuschte ich mich schon wieder?
“...und er hat wahrscheinlich Angst, dass ich mich verliebe und ihm Zuwendung entziehe.”
Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf, und mir wurde erstmals bewusst, was ihren gigantischen Charme ausmachte. Vollkommene Schönheit ist das eine, aber vollkommene Schönheit mit Charme ist etwas ganz anderes. Ein Grübchen bildete sich auf ihrer linken Wange ab. Ich fuhr schon immer auf den Charme dieser besonderen Hautvertiefungen ab, bei Frauen jedenfalls. Die Einseitigkeit steigert die Wirkung. Totale Symmetrie mag Vollkommenheit darstellen. Was aber ist sterile Schönheit ohne Charme? Ohne die winzigen Unterschiede bei den Augen, die Lebendigkeit verheißen?
“Er ist sehr sensibel”, fuhr ich hastig fort. “Er straft mich manchmal ab, wenn ich ihn unsanft behandele.”
Das Grübchen verstärkte sich, sie lächelte wirklich:
“Verstehe. Ich hatte mal ein Fahrrad, dass verhielt sich ähnlich. Bergauf ging es immer schwergängig, aber abwärts sehr leicht.”
Wollte sie mich verarschen? Noch ehe ich erwidern konnte, dass das wohl nicht ganz das Selbe wäre, verschwand abrupt das Grübchen.
“Aber ich will den Wagen nicht weiter beunruhigen.” Mit diesen Worten beendete sie ihre Stretchübungen und war innerhalb einer Sekunde bereits einige Meter entfernt.
Ich wollte aufspringen, knickte aber mit dem Knöchel etwas um. Ein Stechen in der rechten Lunge ließ mich endgültig auf die Bank zurücksinken. Ich schloss die Augen und mir war klar, dass ich es vermasselt hatte. Versiebt, versaut, versemmelt, vergeigt. Wie konnte ich ihr nur diesen Schwachsinn auftischen. Natürlich, ich hatte reichlich Erfahrung mit Geräten, die mir den Krieg erklärt hatten. Aber auch wenn mein Wagen mich manchmal mit seinen Marotten zur Weißglut brachte, das mit der blockierten Lenkung war schlicht gelogen. Ich hatte einfach gepennt, nichts weiter.
Plötzlich schoss ein Gedanke durch mein müdes Hirn. Hatte die Unvergleichliche nicht ein vertrauliches “Du” benutzt? Ich versuchte den Dialog zu rekonstruieren. Das Band war zurückgespult, aber es hakte. Ich bildete mir das sicher nur ein. Und selbst wenn es stimmen sollte, so sagte das nicht allzu viel aus. Wenn es ein Du war, dann sicher ein rhetorisches “Hamburger” Du und kein vertrautes.
Ich musste mich zwingen, die Augenlider zu öffnen. Der auberginefarbene Jogging-Anzug war verschwunden. Die Niederlage war nicht mehr zu leugnen. Hätte ich mir doch nur etwas Kondition antrainiert. Mehrere Milliarden Menschen inklusive meines Arztes hatten mir schließlich immer wieder ans Herz gelegt, den Tag mit ein paar Turnübungen zu beginnen, mich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Ich hatte nicht auf sie gehört. Und das war nun das Ergebnis: die verpasste Chance des Lebens.
So war sie damals, unsere erste Begegnung. Die unwiderstehliche Lichtgestalt wusste damals noch nicht, dass ich mit dem Auto “bis ins Klo” fahre. Sie konnte es allenfalls erahnen, aus meiner deprimierend schwachen Kondition ableiten. Meine Trauer um die eigene Unzulänglichkeit und die dadurch verpasste Chance sollte fast ein Jahr anhalten.
Ich quälte mich während dessen mit einer Antiquität von Schreibmaschine herum, die mich nicht leiden konnte. Immer wenn ich mir meinen Frust von der Seele schreiben wollte, verklemmte sie vorsätzlich die Typenhebel, obwohl ich ganz sicher war, dass ich nicht versehentlich zwei Tasten zugleich angeschlagen hatte. Oder sie boykottierte mich durch das Verhaken das Farbbandes, woraufhin ich eine Stunde benötigte um alles mit schwarzblau verschmierten Fingern zu entwirren und die elende Mechanik wieder in Gang zu setzen. Haben Sie schon einmal versucht, die Tinte eines Farbbandes wieder ab zu bekommen? Sie werden verzweifeln und sich tagelang nicht mehr unter richtige Menschen trauen. Weil Sie befürchten müssen, mit der Unfähigkeit sich zu waschen abgestempelt zu werden. Die Attacken wurden stärker, so dass ich mich schließlich nur noch dadurch wehren konnte, indem ich sie in ein Museum gab, wo man sie mit offenen Armen aufnahm.
Zu jener Zeit waren elektrische Schreibmaschinen schon am Aussterben, denn Computer hielten Einzug. Auch wenn diese verglichen mit den heutigen gegen jede altersschwache Schnecke verloren hätten, so waren ihre Möglichkeiten zur Korrektur- und Speicherung den Schreibmaschinen doch haushoch überlegen. Textverarbeitung nannte man das, was ich zu diesem Zeitpunkt nur dem Namen nach kannte. Der Gedanke an elektronische Rechenknechte ließ mich damals noch erschauern. Mein Freund Bulle hatte nur Probleme damit und andere Nutzer der ersten Stunde, die ich kannte, auch. Eine innere Stimme warnte mich vor diesen Maschinen, denn was sollte dabei herauskommen, wenn ich schon mit Toaster, Waschmaschine und Schreibgerät einen ständigen Kampf auszufechten hatte? Die Lösung war offensichtlich eine elektrische Schreibmaschine, bei der ein Druck auf die A-Taste auch den Abdruck eines “a” auf dem Papier zur Folge hatte, und keine verklemmten Typenhebel, weil es solche gar nicht gab.
Außerdem brauchte man die Tasten einer Elektrischen nur anzuschauen, um einen Buchstaben zu erzeugen, während ich auf die Mechanische kraftvoll einhämmern musste. Gebrochene Finger würden daher unwahrscheinlicher werden, wenn ich nur eine günstige gebrauchte finden würde. Eine Kleinanzeige stellte Abhilfe in Aussicht. Unter der Rufnummer meldete sich eine völlig erkältete Person. Zwischen Kaskaden heftigster Hustenanfälle konnte ich aus der krächzenden Stimme eine Adresse am anderen Ende der Stadt heraus hören. Ich schwang mich in die verbeulte Teedose, die ich seit der ersten Begegnung mit der unvergleichlichen Lichtgestalt nicht mehr als Auto zu bezeichnen wagte.
Als mir die Tür im dritten Stock an besagter Adresse geöffnet wurde, versiegten alle stürmischen Regenschauer dieses Tages, die Sonne brach hervor aus dem Dunkel, und alle Singvögel der Umgebung begannen plötzlich zu zwitschern. In diesem Moment hätte nichts passender erscheinen können als ein Feuerwerk hernieder prasselnder Sternschnuppen. Allein das sanfte Einsetzen eines Engelchores hätte noch zu einer Steigerung führen können, als mir Schwaden von Minzeöl durch die halb geöffnete Tür entgegen schlugen. Mit verquollenen Augen, die knapp über einem dicken Schal hervorblinzelten, und in eine verkrampft zusammengehaltene Wolldecke eingehüllt stand sie vor mir, die liebreizende Lichtgestalt.
Wieder vergaß ich zu atmen. Heiße Schauer durcheilten meinen Körper von oben bis unten. Mein Mund war trocken und die Kehle wie zugeschnürt. Es kam mir vor, als hätte ich Minuten lang ziemlich dumm herumgestanden, als eine krächzenden Stimme fragte:
“Na, was machen die Krücken?”
Ich war nicht nur von dem unglaublichen Glück des Tages fast betäubt, auch die Frage versetzte mich in fassungsloses Staunen.
“Was für Krücken?”
Sie musste husten und quetschte dann mühsam hervor:
“Jemand mit deiner Konstitution...”, sie wurde wieder von einem Hustenanfall geschüttelt, “...kann sich doch nur mit Krücken fortbewegen.”
Nicht schlecht. Das hatte gesessen. Wenn ich eine zweite Chance erhalten wollte, dann sollte ich wohl wirklich eine sportliche Betätigung ins Auge fassen. Allein der Gedanke daran deprimierte mich bereits, aber das Ziel...!
Sie deutete auf ihren Hals, kreuzte dann die Hände mit abgespreizten Fingern, um sie dann auseinander zu wischen. Eine eindeutige Geste für “Rien ne va plus”. Sie würde nicht mehr viel krächzen wollen. Schade, ich hätte doch so viel mit ihr zu bereden gehabt.
Statt dessen drückte sie mir die flache Elektrische nebst Bedienungsanleitung in die Hände, was etwas umständlich war. Schließlich musste ich noch das Geld aus der Tasche fingern. Mit jedem anderen hätte ich vielleicht noch um den Preis aus der Annonce gefeilscht. Aber das kam bei dem kranken Liebreiz auf keinen Fall in Frage. Ich wollte mich doch nicht bereits vor dem ersten Rendezvous als Geizkragen entlarven lassen.
Und schon schob sie mich sanft aber bestimmt zur Tür. Mit einem Klick rastete das Schloss hinter mir ein und signalisierte: “Das war´s für heute!”
Rein mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich die verbeulte Teedose erreicht hatte. Die Begegnung kam mir unwirklich vor, so phantastisch sie auch war.
Na großartig! Das hatte ich ja prima hin bekommen! Die zweite Chance, und was hatte ich daraus gemacht? Eine Frage, eine Gegenfrage und dann tatsächlich noch ein vollständiger Satz aus nicht weniger als dreiundsechzig Buchstaben. Insgesamt siebenundneunzig war die komplette Ausbeute. In Silben gerechnet war es noch deprimierender: einunddreißig! Aber ich hatte ja etwas viel kostbareres, für das ich noch vor ein paar Stunden ein Vermögen auf den Tisch gelegt hätte: Ihre Adresse und die Telefonnummer.
Ich saß erstarrt in den Überresten meines Autos, die Hände auf dem Lenkrad, die Elektrische neben mir.
”Mit deiner Konstitution” hatte sie gesagt. Es war ein “Du”. Aber das hatte ich mit mir doch schon einmal ausdiskutiert. Und ich war zu dem Ergebnis gekommen, dass es rein gar nichts bedeutete. Im Gegenteil. Jetzt fiel mir ein, dass sie wahrscheinlich zu den geselligen Typen gehörte, die ohnehin jeden duzten und es nicht so genau nahmen. Ein “Hamburger” Du eben. Das konnte auch gut bedeuten, dass sie massenhaft Freunde hatte, vorwiegend männliche natürlich, hunderte, tausende, Heerscharen von Liebhabern! Nicht auszudenken! Was würden da schon Adresse und Telefonnummer bewirken können, für einen unsportlichen, schwachsinnig daher redenden Second-Hand-Käufer?
Wenn Sie nun glauben, dass ich Ihnen alle Begegnungen mit der Lieblichkeit in Person geschildert habe, dann liegen Sie daneben. Und wenn sie glauben, dass ich Ihnen alle Begegnungen detailliert berichten werde, so liegen sie wieder falsch. Tatsache ist, dass ich bereits am zweiten Tag gezwungen war, bei der Schönsten aller Schönen anzurufen. Nicht etwa, weil ich Tag und Nacht an nichts anderes denken konnte und kaum ein Auge zu getan hatte, sondern weil es ein technisches Problem gab. Mit der Elektrischen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Euer Lieblichkeit mich übers Ohr gehauen haben könnte, indem sie meine Gutmütigkeit mit einem defekten Gerät bestrafte. Tatsache ist auch, dass ich kaum etwas arbeiten konnte, weil meine Gedanken sich doch nur um die schlanke, hustende Lichtgestalt, eingewickelt in einer dunkelbraunen Wolldecke, drehten. Als ich mich dann aber zu einem kleinen Schriftsatz durchgerungen hatte, klickte nach der achten Zeile irgend etwas in der Schreibmaschine, und fortan konnte ich jede Taste berühren, die ich wollte, es war kein Buchstabe mehr auf das Papier zu bringen.
Also wählte ich ihre Nummer, von der Sie sicher sein können, dass ich sie unmittelbar nach der Rückkehr mit der Elektrischen auswändig lernte. Nach dem sechsten Rufton brüllte mir ein Löwe dermaßen ins Ohr, dass mein Trommelfell einen bleibenden Schaden davonzutragen drohte. Vor Schreck ließ ich den Hörer fallen. Eine Stunde später war ich vorbereitet und hielt einen Sicherheitsabstand zu dem kleinen Lautsprecher des Hörers ein. Ich lernte, dass dem Löwen eine der grässlichsten Monsterstimmen folgte, die ich je gehört habe. Eine Kombination von Kreissäge mit startendem Jumbo durchsetzt mit Fetzen von Darth Vaders Geschnaufe erklärte mir, dass alle Bewohner dieses Anschlusses gerade von ihm aufgefressen worden seien, ich aber dennoch eine Nachricht auf dem Band für den unwahrscheinlichen Fall einer Wiedergeburt hinterlassen könne.
Auch in jeder Stunde des darauf folgenden Tages war unter dieser Telefonnummer nichts anderes als das Gebrüll des Löwen zu vernehmen. Zu mehr ließ ich mich verständlicher Weise nicht mehr verleiten. Eigentlich konnte ich mir nicht recht vorstellen, dass die Lichtgestalt ihre Abwesenheitsmeldemaschine mit einer derart grausamen Geräuschkulisse bestückt haben könnte. Das zeugte doch von einer erheblichen Portion englischen Humors, den ich ihr einfach nicht zusprach. Schließlich kam ich auf die Idee, dass die von mir mit stundenlanger, mühevoller Repetition erlernte Rufnummer einen Fehler enthalten könne.
Das Problem war jetzt das “Leverage”. Falls Sie wissen, was das ist, so wird Ihnen möglicherweise trotzdem der Zusammenhang mit der Rufnummer verborgen bleiben. Denn “Leverage” bedeutet so etwas wie Druck oder Hebelwirkung. Bei diesem Trick setzt man sich selbst unter Erfolgsdruck, wenn man den Lernerfolg beschleunigen will. Nach dem Zuckerbrot-Und-Peitsche-Prinzip könnte man sich beim Vokabellernen zum Beispiel mit einem Stromstoß knapp unter der Mortalitätsgrenze für eine fehlerhafte Antwort bestrafen lassen. Bei Masochisten wäre diese Methode übrigens nur von geringem Wert. Zuckerbrot dürfte sich ab einer gewissen Schmerzschwelle erübrigen. Nun müssen nicht gleich derart drastische Maßnahmen her. Der Druck, etwas Wichtiges unbedingt zu behalten, kann auch dadurch erzeugt werden, dass die Quelle vernichtet wird.
Sie werden jetzt ahnen, dass die Annonce mit der gebrauchten Elektrischen nicht mehr unmittelbar zur Verfügung stand. Nein, verbrannt hatte ich sie nicht, aber in den Mülleimer geworfen, den ich obendrein bereits am Vortag in den Großcontainer entleert hatte. Ich hoffte inständig, dass mich niemand dabei beobachten würde, wie ich mit dem Oberkörper in den Abfällen wühlte. Aber ich hatte Glück, nach nur einer Stunde fiel mir der Fetzen Papier in die Hände. Ach, Sie meinen, die Telefonauskunft wäre einfacher gewesen? Damit kommen Sie mir jetzt, wo es überflüssig geworden ist!
Diese zweifellos grandiose Idee hätte aber auch nicht allzu viel gebracht, denn ich kannte nur die Initialen “A.S.”, was rein theoretisch die Lichtgestalt als eine schwedische Aktiengesellschaft kennzeichnete. Diese Initialen erschienen übrigens sowohl in der Anzeige wie auch auf dem Türschild. Wenn Sie jetzt einwerfen wollen, dass ich doch die Adresse kannte: Vergessen Sie´s, Schlaumeier! Damals gab es noch keine CD-Roms, aus denen man nach der Adresse die Telefonnummer heraussuchen konnte! Außerdem: Was drängen Sie mir diese nutzlose Diskussion auf, wo ich doch den Zettel gefunden hatte?
Ich konnte also ohne weiteres feststellen, dass ich in der Tat zwei Ziffern vertauscht hatte bei all dem “Leverage”. Bei meinem neuen Versuch sprang nach dem achten Rufton ein Signalton in die Leitung, der bedeutete, dass ein Anrufbeantworter ohne Begrüßungstext mich zum Hinterlassen einer Nachricht aufforderte. Das irritierte mich derart, dass ich wieder den Hörer fallen ließ.
Nur Initialen auf dem Türschild und einen Anrufbeantworter ohne Begrüßungstext, das passte zusammen. Es zeugte von gesundem Understatement. Oder von Vorsicht. Vielleicht war die Lichtgestalt berühmt und wollte unerkannt bleiben? Vielleicht war sie stinkreich? Vielleicht war sie beides? Das alles war nicht sehr erbaulich, denn es dürfte meine Chancen erheblich verschlechtern, dachte ich.
Nach dem Signalton auf das Band zu sprechen, war völlig indiskutabel. Hätte ich vielleicht sagen sollen: “Hallo, ich bin der unsportliche Typ, der zu dämlich ist die Elektrische zu bedienen?” Das war ebenso unter meiner Würde wie ein Vorwurf in der Richtung: “Euer Lieblichkeit haben mir den Defekt der gebrauchten Elektrischen verschwiegen!”
Und ganz und gar undenkbar war das, was der Wahrheit wohl am nächsten kam: “Ich finde dich supertoll, ich träume von dir, ich möchte dich wiedersehen...”
Als ich weder an diesem noch am nächsten Tag mehr als den Signalton vernehmen konnte, schwang ich mich am Abend in die verbeulte Teedose und fuhr quer durch die Stadt. Ich fahre nicht wirklich gern Auto. Allein die Tatsache, dass jeder Schüler und jedes Haustier heute ein eigenes Auto besitzt, macht mich krank. Nicht, dass ich ihnen das nicht gönne, aber diese Tatsache nimmt mir den notwendigen Platz auf der Fahrbahn. Und schon damals, an jenem Abend stellte ich mir die Frage, wohin diese Neuzulassungen führen würden. Allein an jenem Tag mussten in unserer Stadt dreitausend neue Autos angemeldet worden sein.
Als ich dennoch schweißgebadet noch deutlich vor Mitternacht den Stadtrand mit den vierstöckigen Häuserblocks erreichte, maltretierte ich den Klingelknopf umsonst. Ich klingelte mir einen Wolf an Daumen und Zeigefinger, aber nichts rührte sich. Und wenn ich so die ganze Nacht hindurch fortfahren würde, es änderte nichts an der Tatsache, dass die liebreizende Lichtgestalt nicht öffnen würde. Lediglich die genervten Nachbarn würden mich irgendwann erschlagen und im Vorgarten vergraben. Warum, in aller Welt, war sie nicht da? Sie war ja sehr stark erkältet vor ein paar Tagen. Eingedenk der Hustenkaskaden fürchtete ich, dass sie daran gestorben sein könnte. Aber nun blieb mir zunächst nichts weiter übrig, als darauf zu vertrauen, dass dieser Fall doch eher selten eintritt.
Am nächsten Tag hatte ich mehr Glück, als ich am Vormittag die Nummer wählte. Ihre Stimme klang zwar deutlich besser, es war aber noch nicht der bekannte, warme Ton. Eher lauwarm und mit dem Kratzen einer alten Schellackplatte durchsetzt erreichte “Ja, Hallo?” meinen Hörnerv. Ich war froh, dass sie nicht gestorben war.
“Ja Hallo ist ja ein blöder Name”, sagte ich. Diese Worte mochten noch nicht einmal am anderen Ende der Leitung angekommen sein, da bezweifelte ich bereits ihre Witzigkeit. Konnte ich sie damit nicht verärgert haben? Dann wäre es ein unverzeihlicher Fehler gewesen. Aber sie krächzte nur knapp:
“Danke. Und mit wem spreche ich?”
“Äh..., hier ist die gebrauchte elektrische Schreibmaschine.”
Sie wurde eine Spur freundlicher. Es war allerdings eine so geringe Nuance, dass man ein Elektronenmikroskop hätte bemühen müssen, um sie zu entdecken. Erneutes Wunschdenken?
“Aha. Und was gibt´s?” fragte die Schellackplatte.
“Nun, es ist mir irgendwie unangenehm..., und ich möchte auch wirklich nicht stören..., aber...”
“Sorry, mir geht´s nicht so gut. Bitte mal raus mit der Sprache.”
“Nun, seit der achten Zeile versagt die Maschine den Dienst. Sie nimmt keinen Tastendruck mehr an. Hat sie das schon immer gemacht?”
Die Schellackplatte hustete kurz.
“Stimmt, habe ich nicht erwähnt. Ist kein großes Problem. Das passiert unheimlich selten. Wenn es denn aber so ist, drückt man kurz oben an der rechten Seite gegen das Gehäuse, gleich unterhalb des Walzenknopfes.”
“...unterhalb des Walzenknopfes”, wiederholte ich. Das störrische Gerät stand nicht weit weg. Also zog ich es etwas dichter heran und drückte auf die besagte Stelle. Klick! Und das schönste “a” seit Erfindung des Buchdrucks sprang auf das Papier.
“Ja, geht! Danke!” freute ich mich. Ehe ich mit der Frage fortfahren konnte, ob ich mich mit einem Essen für den Tipp bedanken dürfe oder was mir sonst gerade als Vorwand für eine Verabredung eingefallen wäre, hörte ich die Schellackplatte:
“Na, super. Tschüß dann.” Und “Klick”, weg war sie, die Lichtgestalt, die Traumfrau mit dem Grübchen auf der linken Wange beim Lächeln.
Ich hatte den Hörer noch eine Weile in der Hand und lauschte dem Freizeichen, während mein Hirn die Wahrscheinlichkeit für eine unversöhnliche Verärgerung durch einen weiteren Anruf durchrechnete. Nach zwei Stunden hatte ich mich endlich durchgerungen, alles auf eine Karte zu setzen. Besetztzeichen. Neuer Versuch. Besetztzeichen. Nach einer halben Stunde acht Rufzeichen und der Signalton für die Bandaufzeichnung.
“Hallo”, sagte ich hastig, “hier ist die Schreibmaschine. Ich wollte als Dankeschön für den Tipp ein Abendessen anbieten und würde mich über ein Kopfnicken freuen. Telefonnummer...”
Als ich aufgelegt hatte, fragte ich mich, ob das mit dem Kopfnicken nicht zu flapsig gewesen war. Und überhaupt, der ganze Versuch erschien mir jetzt viel zu plump. Mit jedem weiteren Spruch auf das Band würde das nicht besser werden, im Gegenteil. Gesagtes kann man nicht zurücknehmen. Auf Band gesprochenes nur dann, wenn man in die Wohnung einbricht und das Band löscht. Aber das kam nicht in Frage, ich hatte schließlich keine Übung als Krimineller. Also ergab ich mich dem Schicksal. Sollte es doch laufen, wie es wolle, ich hatte zu arbeiten.
Sie sah ihm an, dass er nervös war. Er war wie sie Mitte zwanzig und sah eigentlich recht gut aus, trotz seines leichten Übergewichtes. Seine kurzen dunklen Haare waren sehr dicht und erinnerten sie irgendwie an das Federkleid eines Zwergpinguins. Sportlich war er bestimmt nicht, aber er hatte eine ruhige, Harmonie ausstrahlende Art. Sie schrieb das seinen Augen zu, die zwischen gütigem Lächeln und unsicheren Ausflügen über das Mobiliar hin und her pendelten. Oder verfing sie sich gerade in eine ihrer berühmten Fehlinterpretationen? Vielleicht war er in Wirklichkeit eine Schlaftablette auf zwei Beinen. Sie würde es ganz sicher früher oder später herausfinden.
Sie gab ihm zwei Tage. Die meisten versuchten es schon eher, manche gleich. Das war der Preis dafür, eine recht ansehnliche Verpackung der Seele zu besitzen, so als Frau versteht sich. Sie wettete mit sich, dass er sie spätestens übermorgen anbaggern würde. Und wehe ihm, wenn er auch nur ein Sterbenswörtchen über das Grübchen auf ihrer linken Wange fallen lassen würde. Sie hasste es seit ihrer Kindheit. So richtig ausrasten würde sie, wenn er es etwa “niedlich” fände. Das klang in ihren Ohren schon immer nach Puppe und Exponat in einer Glasvitrine. Und wer ist schon gern ein Ausstellungsstück? Beglotzt und begafft von halbherzigen Schwärmern? Noch dazu von vorübergehenden. Sie würde ihn falten, aber richtig. Das war sicher. Aber wenn sie es so recht bedachte, so würde sie ihm auch großzügig verzeihen können. Später.
“Yano hat mir den Namen genannt, aber ich hab ihn vergessen”, sagte sie in ihrer entwaffnend offenen Art, während sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger ein paarmal nach ihm hackte. Yano, das war ihr Chef, der große chaotische, neurotische, ideotische Werbefuzzy mit einer Vitrine voller Preise.
“Henning Hellmann”, sagte der Pinguin mit überraschend heller Stimme. Vielleicht sollte er mal ein bisschen üben, um von unten aus dem Zwerchfell heraus ein stattliches “Hönning Höllmann” zu brummen. Das würde ihm noch einige Punkte bringen. Aber ohne Begabung Gesangsunterricht zu nehmen war einfacher als die Stimme zu beeinflussen. Was soll´s, er schien ja sonst ganz nett.
“Hier in der Agentur duzen wir uns”, fuhr sie fort, “das ist sozusagen branchenüblich und hat übrigens keinerlei Auswirkungen auf Hierarchie, Akzeptanz und Wertschätzung. Fachliche Qualifikation ist und bleibt die Grundlage für Respekt. Also, ich bin Anne, Anne Schneider. Yano hat mir gesagt, du sollst hier drei Wochen auf mich aufpassen?”
Er lächelte fast verlegen:
“Aufpassen soll ich sicher, aber sicher nicht auf Sie.”
“Auf dich.”
“Auf mich aufpassen?”
“Unsinn..., vergiss es!”
Er schien irritiert. Hatte er keinen Humor? Das wäre sehr schade.
“Wie lange wird das Praktikum dauern?” wollte sie wissen.
“Es soll ein ganzes Jahr werden.”
“Das deutet auf Publizistik hin. Ist das so? Was hast du bisher gemacht?”
Verlegen nestelte er an seinem Kragen herum, der von einer hässlichen Krawatte zusammengehalten wurde. Das würde sie ihm abgewöhnen müssen. Anzug und Kulturstrick waren in dieser Branche allenfalls in Kundengesprächen angesagt. Und das auch nur bei ganz bestimmten.
“Ich habe eine Lehre als Verlagskaufmann gemacht. Danach habe ich Wirtschaft studiert, ein bisschen Wirtschaftstheorie, VWL, BWL...”
“Zuende gemacht?”
Ein verlegener Griff zum etwas windschiefen Knoten der Krawatte:
“Abgebrochen...”
Sie zuckte gleichgültig mit den Achseln. War er ein Typ ohne Ziele? Ohne Ideale? So sah er eigentlich nicht aus. Vielleicht brauchte er eine führende Hand. Sie hatte nie geglaubt, einen Mutterinstinkt zu besitzen. Konnte es sein, dass jetzt so etwas hervorbrach? Vielleicht schüchterte sie ihn damit ein. Aber kein Problem, sie würde das hinbekommen. Sie bekam alles hin, wenn sie nur wollte. Das sagte Yano auch immer und gab ihr dann irgendwelche anspruchsvollen Sonderaufgaben. Yano McNish war nach dem zweiten Weltkrieg das Ergebnis der britischen Besatzung im norddeutschen Raum und der intensiven Kulturpflege mit seiner Haushälterin, einer hübschen in Deutschland lebenden Niederländerin. Als halbe Indonesierin hatte sie Yano den nicht ganz alltäglichen Vornamen mit ins Leben gegeben. Er selbst kokettierte oft damit, eine genetisch gut durchmischte Person zu sein. Als Deutscher aufgewachsen fühlte er sich weder schottisch, noch holländisch oder indonesisch. Und britisch schon gar nicht. Welcher Schotte fühlt sich schon britisch?
“Also, Henny, du bist vier Wochen bei mir hier, ja?”
Er nickte. Sie fand das Henny eine nett Schöpfung, klang verniedlichend, machte ihn kleiner. Wollte sie ihn denn wirklich kleiner? Sie fand ihn doch irgendwie sympathisch. Deshalb sollte Henny ja auch vertraut klingen, persönlich, ihm die Scheu nehmen.
Sie sollte ihm jetzt das Gefühl geben, in den “inner circle” aufgenommen zu sein, wenn auch nur auf Zeit. Sie würde ihm erklären, dass sie hier die Texterin wäre, aber auch ständig im Layout einsprang. Sie können sich das vielleicht noch vorstellen, wie es damals ohne Computer-Design, ohne CAD und ohne Bildbearbeitungsprogramme war? Richtig, man schob Papier oder Filmschnipsel hin und her, hantierte mit Schere, Offsetmesser und für Filme auch mit Skalpell. Hin und wieder suchte man vergebens ein ausgeschnittenes Detail, bis man es nach Wochen zufällig unter dem Papierkorb oder sonstwo wiederfand. Dann hatte man schon längst Ersatz beschafft und konnte den Findling getrost vernichten. Man wurschtelte sich mit Fixogum und Klebestreifen durch und konnte sich vor dem absoluten Chaos allein mit einer gewissen Grundordnung in der Form von Arbeitsmappen retten. Das waren noch Zeiten! Kaum zu glauben, dass all das ohne Computer zu überleben war.
Henning lauschte andächtig, als sie ihm die Arbeit der letzten Tage darlegte. Sie sollte für einen großen Pharmazeuten einen schützbaren Markennamen ersinnen und eine Vorschlagsliste erarbeiten. Das Medikament enthielt Nitroglyzerin gegen Herzschwäche. Sie erklärte Henning, wie man systematisch Wortgruppen mit Nitro-, dem griechischen Glykeros-, Ceros- und Propa- von Propantriol bilden konnte. Und das Wichtigste, wie und wo man die bestehenden Registrierungen überprüft. Hier sollte seine erste Tätigkeit einsetzen.
Sie betrachtete ihn amüsierte und erfand für ihn die Schublade “andächtig lauschendes Kind”. Sie beobachtete ihn auch dabei, wie er sich in seine erste Aufgabe hineinkniete. Er schien sehr akkurat, ja fast pedantisch zu sein. Nach zwei Tagen wurde Anne unruhig. Sie hatte ihm den Kulturstrick abgewöhnt, indem sie ihm dargelegt hatte, wie ein solches Gerät die Blutzufuhr zum Gehirn abklemmt. Und es doch völlig klar wäre, dass die Leistung des menschlichen Rechners darunter erheblich zu leiden habe. Henning trug inzwischen ein T-Shirt, aber einfarbig, hell, langweilig. Nicht einmal irgendein witziger Spruch aufgedruckt, geschweige denn ein versauter als Anmache.
Genau das war es wohl, was sie unruhig machte. Auch am zweiten Tag hatte er weder ein Kompliment, noch irgendeine Andeutung dazu von sich gegeben. E hatte still seinen Job erledigt und hin und wieder eine Cola getrunken. Nichts weiter.
Am dritten und vierten Tag hatte sich auch nichts weiter getan, obwohl sie ihm liebevoll einen Dinosaurier aus dem Augenwinkel entfernt hatte, der ihn doch erheblich bei der Arbeit gestört hatte. Dabei war sie ihm sehr nahe gekommen, aber er war fast unmerklich zurückgezuckt. Sie hatte es gespürt und sich nicht weiter darum gekümmert. Ihr gelang schließlich alles, wenn sie nur wollte.
Als sie nach einer Woche zugeben musste, ihre Wette verloren zu haben, war gleichzeitig klar, dass ab jetzt stärkere Geschütze an die Front gefahren werden mussten. Während sie in ihren Spiegel guckte, ging sie systematisch alle Optionen durch, die eine gut gebaute Frau so hatte. Sie suchte das engste T-Shirt heraus, das sie finden konnte. Ihre wohlgeformten Brüste konnten sich auch ohne BH jederzeit sehen lassen, und das nicht nur im Radio, da war sie sicher. Sie fand, dass diese Formen, die sich unter dem straff gespannten Stoff abzeichneten, Nobelpreis verdächtig waren. Na ja, nicht Nobel gerade, wo schließlich Leistung und kein Aussehen prämiert wurde. Aber eine gewisse Miss-Reife war unzweifelhaft, da war sie ganz sicher. Wenn sie sich auf dem Weg in die Agentur keine Jacke überziehen würde, so war ein Verkehrschaos unvermeidlich. Der entstandene Sachschaden würde die Versicherungen Millionen kosten. All die abgelenkten Autofahrer! Und schlimmer noch: Busfahrer. Aber all das war die geringere Gefahr gegen die Lenker von Gafahrgut-Transportern! Sie stellte sich vor, wie so ein vom rechten Wege abgekommener Bomber erst eine Fußgängergruppe überrollte und dann in eine Tankstelle nagelte. Die Explosion musste gigantisch sein! Kein Zweifel, sie war eine Gefahr. Zumindest für den männlichen Teil dieser Welt. Aber das genau entsprach doch auch ihrer Absicht.
Als sie so Henning gegenüberstand, hatte er ihr T-Shirt nur mit einen flüchtigen Blick gestreift und sofort weggesehen. Das war schon fast eine Frechheit ihr gegenüber. Anne empfand das als widerwärtig, ja geradezu ungezogen. Das machte man nun einmal nicht, als Mann jedenfalls. Solche Möpse ließ man nicht links liegen, unmöglich. Irgendwann würde sie ihm das unter die Nase reiben. Irgendwann, wenn sie erst einmal gesiegt haben würde. Aber natürlich nicht heute. Sie war ihm überlegen, und dazu nahm man auch diesen grausamen Schicksalsschlag einfach hin, ohne zu murren, ohne auszurasten, ja auch ohne nur geringfügig lauter zu werden oder gar ein Eingeschnappt-Sein erkennen zu lassen. Das war Größe!
Yano hatte durch die Zähne gepfiffen an diesem Tag, und auch so manch anderer hatte seine Augen vom Schreibtisch aufsammeln müssen. Aber das war nicht der Erfolg, den sie sich ausgerechnet hatte. Der Tankstellen-Unfall war ebenfalls ausgeblieben. Und niemand hatte sie angehalten, um zu fragen, ob sie nicht für den Playboy oder das Penthouse posieren wolle. Nein, das war kein guter Tag gewesen. Aber morgen war ja auch noch einer. Und wenn nicht morgen dann eben nächste Woche, kein Problem!
Wenn die Totalverweigerung der Elektrischen sehr selten vorkommen sollte, so konnte ich damit leben. Nur wissen Sie ja bereits, dass Geräte aller Art offensichtlich mein Wesen als provokativ empfinden, was mich zu ihrem natürlichen Feind zu machen scheint. Egal, worauf Sie wetten. Ich konnte nicht mehr als zwei komplette Seiten beschriften, bevor die Maschine sich erneut verweigerte.
Man wächst mit seinen Aufgaben. Und der Überlebensinstinkt lässt jeden Menschen unweigerlich lernen, selbst wenn er unsportlich ist wie ich und etwas linkisch im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Ich wuchs also mit der Aufgabe und gewöhnte mich daran, nach zwei bis zweiundneunzig Seiten rechts oben gegen das Gehäuse der Elektrischen zu drücken. Es würde mich nicht wundern, wenn ich damals im Schlaf hin und wieder diese Bewegung ausgeführt hätte, ein in Fleisch und Blut übergegangener Überlebensreflex. Ich kann das natürlich nicht genau wissen, denn ich beobachtete mich damals recht selten beim Schlafen.
Mein Studium der Journalistik und Publizistik brachte es mit sich, dass ich Berge von Papier zu Restmüll, später in der “Ultragrünen Phase” dann auch Wertstoff genannt, verarbeitete. Ohne die Schreibmaschine wäre ich aufgeschmissen gewesen, oder schreiben Sie etwa Tausende von Seiten mit der Hand? Klar, auch in eine Tastatur gibt man die gewünschten Schriftzeichen mit jenen Extremitäten ein, die von einigen Menschen Finger genannt werden, aber es macht schon einen Unterschied, ob man mit einem Schreibstift Hieroglyphen in die Zellulose kerbt, oder nur auf kleine Plastikkappen einschlägt. Hinzu kommt, dass Leser der von mir geschriebene Texte nicht in jedem Falle Graphologen oder gar Krypotographen sind. Letztere sind jene Leute, die verschlüsselte Texte durch Vorahnung, Handauflegen oder einen sechsten Sinn in lesbares Deutsch übersetzen.
Die Macke der Elektrischen war es aber auch, die mich immer wieder an die Lieblichkeit erinnerte. Ich brachte weder Zeit noch Mut auf, mich vor der bekannten Adresse am anderen Ende der Stadt auf die Lauer zu legen. Außerdem bezweifelte ich meine Fähigkeiten als Privatdetektiv.
Es war an einem düsteren, verregneten Tag, als ich vom Bahnhof kommend Trost und Beistand in einem Kaffeehaus suchte. Manch einer besucht dazu Freunde, viele gehen in eine Kneipe und ein oder zwei in die Kirche. Bei mir ist das anders. Es ist eine Berufskrankheit von Schreiberlingen, sich an einem Becher mit dampfendem Kaffee festzuhalten, Trost, Entspannung und Erleuchtung daraus zu schöpfen. Es ist die Kaffee-Religion. Und nun war ich fix und foxi nach einer langen Bahnfahrt. Als ich den Aktenkoffer auf den Boden und mich selbst zwischen die Armlehnen eines gepolsterten Stuhles fallen ließ, schweifte mein müder Blick durch die heiligen Hallen des Kaffeeduftes, der nur selten von Fetzen eines ekligen Beigeruchs durchsetzt wurde, Zigarettenqualm.
In diesem Kaffeehaus war ich zuvor erst ein oder zweimal gewesen. Es konnte also kaum verwundern, dass ich kein bekanntes Gesicht entdeckte. Oder wenigstens die bekannte Textilie eines Bekannten. Ein sportlicher, flaschengrüner Hosenanzug, der mir den unverkennbar weiblichen Rücken zudrehte, hatte es mir angetan. Kastanienbraunes Haar in einem sportlichen Schnitt krönte das Kleidungsstück. Seufzend lehnte ich mich zurück, denn erstens war ich müde, zweitens nicht auf der Pirsch, und drittens saß dem Hosenanzug ein mäßig aussehender, aber breitschultriger Kerl gegenüber, gegen den ich im Faustkampf nicht die geringste Chance gehabt hätte.
Nachdem ich eine halbe Stunde mit “für diesen Tisch bin ich nicht zuständig” und “die Kollegin kommt gleich” zugebracht hatte, war endlich meine Bestellung umgesetzt. Mein Blick fiel erneut auf den flaschengrünen Hosenanzug, und mein Herz beschleunigte die Frequenz seines Pochens. Das etwas zur linken Seite gedrehte Profil über dem Hosenanzug zeigte ein Grübchen. Und die Ähnlichkeit mit der Lichtgestalt war frappierend!
“Ihre Zwillingsschwester!” schoss es mir durch den Kopf. Hatte jemand das Licht angeschaltet? Das Kaffeehaus war deutlich heller als zuvor. Und die Bedienung, die nun am Nebentisch kassierte, war auch sichtlich freundlicher geworden, vermutlich lag es am Trinkgeld in der Höhe einer Eigentumswohnung.
Nein, nein, ein Zwilling hat nicht unbedingt das selbe Grübchen. Sie musste es selbst und persönlich sein, die schwedische Aktiengesellschaft, die Sonne, die liebliche Lichtgestalt. Nur die Frisur war neu, kürzer, sportlicher. Natürlich, ich spürte es, das Vibrieren in der Luft, das allerdings deutlich schwächer wurde, als der breite Kerl wieder ins Blickfeld geriet. Wer war das? Etwa ihr Freund? Oder gar ihr Ehemann? Einen Ring trug sie jedenfalls nicht, aber das sollte heutzutage auch nicht mehr viel bedeuten. Vielleicht war es ihr Vater? Dann müsste sie aber bereits geboren worden sein, als der nur knappe acht war. Dann blieb nur eine Lösung: Stiefvater, angeheiratet, als ihre Mutter es leid war, von einem alten Knacker von Säufernatur betrogen worden zu sein. Aber das hätte gleichzeitig bedeutet, dass die Lichtgestalt die Tochter eines lustwandelnden, trinksüchtigen Greises wäre. Und genau das war unmöglich.
Der breitschultrige Stiefvater fischte nach einem Aktenkoffer unter dem Tisch. Aha, ein Versicherungsvertreter. Natürlich, daran hatte der Typ mich doch gleich erinnert! Sie wollte eine neue Hausratversicherung abschließen. Oder eine Lebensversicherung. Oder einen Rechtschutz, für den Fall, dass ich sie weiter belästigen würde? Ich fiel etwas in mich zusammen. Das war ja schon fast ein Korb der herberen Güte.
Der Vertreter erhob sich und machte Anstalten, sich zu verabschieden. Meine Pumpe begann erneut einen Zahn zuzulegen. Als der Kerl dem Ausgang zustrebte, fürchtete ich eine Herzattacke. Langsam, Herzilein, soviel Liquidität muss doch nun auch nicht in Umlauf gebracht werden! Es pochte wie wild, und das Adrenalin in meinen gefluteten Adern war für mich das Startzeichen zum Angriff. Behende wie ein Jedi-Ritter sprang ich auf, vor meinem geistigen Auge das Lichtschwert in der Hand, eingeschaltet. Was kümmerte mich da der umgekippte Stuhl? Es hätte nur noch eines Mut machender Kampfschreies bedurft, und man hätte mich der Lokalität verwiesen. Ich tätigte den Kampfschrei also nur innerlich, schnappte Teller und Kaffeetasse und stürmte mit etwas eingezogenem Kopf und angespannten Nackenmuskeln los durch die feindlichen Reihen. Der Angriff musste plötzlich und unerwartet kommen. Ich hatte das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Die Möglichkeit, dass der Abschluss der Rechtschutzversicherung noch nicht zustande gekommen war, konnte meine dritte Chance werden.
Ich hatte sie unterschätzt. Als mich meine Attacke bis an ihren Tisch geführt hatte, drehte sie nur minimal ihren Kopf in meine Richtung, schickte einen Blick schräg von unten zu mir herauf, der mich ins Herz traf, und sagte mit wohlig warmer Stimme:
“Der Stuhl!”
Da stand ich, verdutz, Teller in der einen, Tasse in der anderen Hand. Es gab nur eine Erklärung, sie musste mich schon beim Hereinkommen erkannt haben. Sehr, sehr langsam senkte ich das Geschirr ab auf ein nadelbreites Niveau über ihrer Tischdecke. Dabei blickte ich unentschlossen auf den Stuhl, der von dem Versicherungen verkaufenden Stiefvater noch warm sein musste. Sie bemerkte meinen Blick und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Nach einer kurzen Schweigesekunde ruckte ihre neue Frisur in Richtung meines verlassenen Tisches.
Was auch immer dieses richtungsweisende Kopfnicken andeuten sollte, ich empfand es nicht gerade als Ermunterung.
“Verzieh dich an deinen Tisch!” konnte es bedeuten. Mir war klar, dass alles von den nächsten Worten abhing, die ich wählte. Mein Hirn qualmte, und noch ehe es zu einem abschließenden Urteil hinsichtlich der passenden Wortwahl gekommen war, übertrug mein Hörnerv:
“Der Stuhl! So etwas gehört sich doch nicht.”
Ach ja, da war ein Stuhl umgefallen.
“Entschuldigung, darf ich...?”, murmelte ich und setzte etwas zu hart das Geschirr auf die Tischecke.
Sie verdrehte die Augen zur Zimmerdecke und atmete hörbar ein. Das sah nicht gut aus. Aber sie hatte immerhin nicht nein gesagt. Noch ehe ich mich auf die Mission “Stuhlaufrichten” begeben konnte, hatte sich eine Bedienung dieser Problematik angenommen. Ich war froh, denn die erkämpfte Linie hätte ich ungern wieder aufgegeben oder auch nur eine halbe Minute verlassen, um einen lächerlichen, unwichtigen und dem Lebensglück wahrscheinlich im Weg stehenden Auftrag zu erfüllen. Statt dessen krümmte ich mich langsam, sehr langsam und schob mein Hinterteil immer näher an den Vertreter-Stuhl heran. Ich wollte ihr Zeit geben, ein deutliches Nein auszusprechen. Das war ich ihr schuldig. Aber sie sagte nichts, sondern schaute mit einem Gesichtsausdruck zu, der ein leichtes Entsetzen verriet.
“Entschuldigung...” wiederholte ich leise.
Die liebliche Lichtgestalt sog kurz Luft durch die Nase, bevor sie sich etwas vorbeugte: “Zäune anfahren, Stühle umwerfen..., was für eine Show ist das?”
Ich hob entschuldigend die Schultern:
“Das passiert mir nur, wenn ich sehr beeindruckt bin.”
Die Lichtgestalt reagierte nicht, sondern nippte an ihrer Tasse. Sie hätte wenigstens den Ball aufnehmen können, zum Beispiel mit “Ich hoffe, von mir” oder etwas gleichwertiges. Statt dessen nippte sie an der Tasse und schwieg.
“Entschuldigen Sie”, sagte ich zum dritten, “wenn ich Sie so überfalle. Aber mich interessiert, ob die elektrische Schreibmaschine bei Ihnen wirklich ganz selten gehakt hat, ob es doch häufiger vorgekommen ist.”
Die Lieblichkeit in Person lächelte plötzlich, das hervortretende Grübchen stimulierte mich ungemein.
“Sehr, sehr selten”, war die knappe Antwort. Dann schwieg sie beharrlich, es schien mir ein Versuch für das Guinnesbuch der Rekorde zu werden. Den galt es zu verhindern:
“Bei mir macht sie es andauernd, wenn auch in unregelmäßigen Abständen.”
Sie brach ihr Schweigegelübde:
“Vielleicht hast du sie geärgert. Oder sie kann dich einfach nicht leiden, wie dein Auto.”
Sie duzte mich schon wieder. Nun musste ein neuer Angriff erfolgen, ein Test sozusagen. Ich musste sie auch duzen, obwohl es mir etwas schwer fiel, weil sie mir doch trotz meiner bisherigen Versuche so unnahbar erschien. Vielleicht war es aber auch die Überlegenheit, die sie ausstrahlte. Ich bekam das Du einfach nicht zustande und flüchtete mich in die dritte Person:
“Euer Lieblichkeit haben eine super neue Frisur, gefällt mir sehr!” sagte ich.
Ich wurde geblendet. Die schönste aller Schönen lächelte erneut. Es konnte gut sein, dass sie sich über mich lustig machte. Schließlich ist es ein Unterschied, ob man sich über die nette Art eines Zeitgenossen amüsiert, oder sich an seinem Dilettantismus weidet. Das eine ist Vergnügen an angenehmer Unterhaltung, das andere ist die Demonstration von Sieg und Überlegenheit über die armselige Kreatur. War sie mir überlegen? Natürlich. Sie entschied schließlich über alle weitere Entwicklung, da brauchte ich mir nichts vorzumachen. Sie hatte das Heft in der Hand, egal, was ich auch täte.
Eine Sache ließ mir einfach keine Ruhe. Ich musste es wissen. Ich räusperte mich:
“Der Herr vorhin hier am Tisch, ist das...”
Mir fiel auf, dass ich mich noch immer nicht zu dem großen Test durchgerungen hatte. Es fehlte noch immer die Auflösung, die Reaktion auf ein betontes Du von mir. Also betonte ich dieses magische Wort:
“...dein Herr Vater?”
Die Lichtgestalt lächelte weiter und überging dieses mutige Wort einfach. So simpel war das, überlegen zu sein. Einfach übergehen!
Sie setzte die Tasse ab, beugte sich etwas über den Tisch und flüsterte:
“Das ist ein Agent.”
Ich wusste es doch, ein Versicherungsagent, ein Vertreter, ein Klinkenputzer!
“Dachte ich mir, ein Versicherungsvertreter.”
Sie verzog zweifelnd das Gesicht und wiegte den hübschen Kopf von einer Seite auf die andere.
Ich stutzte irritiert. Was gab es denn sonst noch für Agenten? Schlagartig fiel mir ihr Understatement ein, die Möglichkeit, dass sie reich und berühmt sein könne. Die Lichtgestalt eine Künstlerin? Künstler halten sich häufig durch gezielten Sport für ihre Auftritte fit. Das erklärte ihr Jogging. Und überhaupt passte nun endlich alles zusammen. Es war ihr Agent, der sie bei irgendwelchen mittelklassigen Künstleragenturen unterbrachte!
Sie setzte sich abrupt zurück, machte eine abwehrende Handbewegung und sagte mit heftigem Kopfschütteln:
“Oh Gott, vergiss es! War Quatsch.”
Es klang fast so, als hätte sie das zuvor Gesagte wieder zurücknehmen wollen, als hätte sie sich verplappert.
Ich bohrte nach:
“Also kein Versicherungsvertreter?”
“Doch, doch. Ein Versicherungsvertreter...” sagte sie gleichhin und eine Spur zu schnell.
“Da stimmt doch etwas nicht, oder?” hakte ich nach.
Die Lichtgestalt machte eine bedeutungsvolle Pause. Vielleicht dachte sie darüber nach, wie sie die verfahrene Situation retten könnte. Dann holte sie tief Luft, beugte sich wieder etwas vor und betonte mit angehobenen Augenbrauen jedes einzelne Wort:
“Ich - wollte - eine - Lebensversicherung - abschließen!”
Na bitte, was hatte ich gesagt? Zum Glück keinen Rechtschutz, das ließ die Chancen wieder steigen.
Ich spürte, dass ich wieder an der Reihe war, denn sie schien gerade ein neues Schweigegelübde abgelegt zu haben.
“Was machst du so?” fragte ich, ein unglaublich professionelles Resultat der Suche meines Hirns nach geeignetem Gesprächsstoff.
“Ich trinke Kaffee.”
Das war wieder ihre überlegene Art, mich als dummdreisten Tölpel hinzustellen. Sie war ein Engel, ohne Zweifel, aber ein gemeiner. So langsam ging mir das Du auch schon besser über die Lippen, man gewöhnt sich.
“Ja, das sehe ich. Aber wovon lebst du, was machst du beruflich?”
“Nein.”
“Was heißt nein?”
“Erzähl du erst mal, womit du die Zeit vergeudest.”
Sah ich etwa so aus, als vergeudete ich Zeit? Oder entsprang diese Formulierung dem Gefühl ihrem eigenen Beruf gegenüber? Wenn sie nun Künstler war, so konnte sie ihre Tätigkeit doch unmöglich als Zeitverschwendung sehen!
“Nun, ich studiere derzeit Journalistik und arbeite freiberuflich für ein paar Blätter. Bin gerade mit dem Zug aus Stuttgart zurück...” Ich deutete mit dem Kopf die Richtung zum Bahnhof an und fuhr fort:
“Da sitzt ein Verlag.”
Sie sah kurz auf ihre Armbanduhr und fragte:
“Was für Blätter?”
“Ach, dies & das, Henne & Ei, Löwenmagazin, Dorfbote...”
Sie nickte ironisch und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten:
“Also richtige Massenauflagen!”
Die Lieblichkeit war schon wieder dabei mich zu verarschen. Was trieb diese Frau nur dazu, permanent ihre Überlegenheit zur Schau zu stellen? Wenn ich nicht schon wie Butter auf dem Heizkissen dahin geschmolzen wäre, über jeden anderen hätte ich mich bereits dunkelanthrazit geärgert. Und vielleicht fürchterlich zurück geschlagen. Aber bei der Lichtgestalt war das natürlich etwas ganz anderes. Vor allen Dingen wollte ich gern mehr über sie erfahren. Da gab es möglicherweise Ansatzpunkte für Gemeinsamkeiten.
“Aber jetzt erzähle doch bitte von dir”, wurde ich eindringlicher.
“Ich jogge, habe einen schwarzen Gürtel im Aikido...”
Sie brach einfach ab, griff nach ihrer Tasse und verstummte. Das irritierte mich doch erheblich.
“Und davon kann man leben?” provozierte ich die Lichtgestalt.
Sie schüttelte in Zeitlupe diesen überaus hübschen Kopf mit der sportlichen Frisur und hauchte ein zartes “Nein”.
Die Lichtgestalt nippte an ihrer Tasse und blickte mich aufregend lange über den Tassenrand hinweg an. Schließlich kniff sie ein Auge zusammen, ließ die Tasse sinken und beugte sich vor:
“Darüber kann ich nicht reden.”
Also doch Understatement, reiche Künstlerin, Verträge mit Schweige-Klauseln oder so ähnlich?
Ich ließ nicht locker:
“Ach, nun sag schon, oder bringst du auf Bestellung Leute um?”
Bei dem letzten Gedanken musste ich lachen. Eine solche Bemerkung musste sie einfach aus der Reserve locken.
Die Lichtgestalt stellte abrupt ihre Tasse ab, so dass eine kleine Welle über den Rand schwappte. Anstatt zu lachen wirkte sie mit ihren dunklen, weit aufgerissenen Augen irgendwie schockiert. Das plättete mich nun wieder, denn was hatte ich da gesagt? Es war ein Spaß, nichts weiter. Nun gut, wenn sie Chirurgin war, so fand sie das wahrscheinlich nicht witzig. Aber ich hatte mich doch innerlich schon auf eine Künstlerin eingestellt. Eine Chirurgin? Das brachte doch nur alles durcheinander.
Nach einer kurzen Pause fragte ich: “War das daneben? Dann Entschuldigung bitte. Ich könnte das verstehen, wenn du im Operationssaal tätig bist...”
Jetzt trat das Grübchen hervor, und nach einigen Millisekunden war ein glucksender Lacher zu hören. Aber sie wurde wieder schlagartig ernst und fixierte mich:
“Sagen wir mal, in geheimer Mission.”
Was hatte das denn nun schon wieder zu bedeuten? Was waren meine Worte gewesen? Tätig. Jawohl. Also in geheimer Mission tätig. Das wurde ja immer schöner! Vorhin hatte die Lichtgestalt sich mit dem Agenten verquatscht, und jetzt das! Aber wenn ich es so recht bedachte, offenbarte das einen ganz neuen Konsenz: die Insignien A und S am Türschild, der schwarze Gürtel im Aikido, ein Anrufbeantworter ohne Ansage, ihr abwehrendes, verschlossenes Verhalten und das Treffen mit einem Agenten im Kaffeehaus. Ihr überdimensionales Ego sprach ebenfalls für eine Spezialausbildung. Wo hatte sie ihre Waffe? Aber vielleicht lief eine Agentin nur im Film oder in Romanen mit einem Ballermann herum. Für das wirkliche Leben reichten wahrscheinlich die Waffen einer Frau und Aikido.
“Für eine staatliche Institution, nehme ich an?” Meine Frage klang eher wie eine Feststellung.
Wie zufällig legte sie zwei Finger ans Kinn und sagte leise:
“Darüber kann ich wirklich nicht reden.”
Ja, das konnte ich gut verstehen. Wenn man für den Geheimdienst spioniert und vielleicht sogar Leute kaltblütig umlegen muss, das war kein Thema für das Kindertagesheim. Und schon gar nicht für das Kaffeekränzchen.
Ich hatte wieder mit einer Gedenkminute gerechnet und wollte innerlich zur Überbrückung schon einen alten Kinderreim aufsagen, als ihre angenehme Stimme etwas lauter wurde:
“Einen Beruf gibt es natürlich auch. Offiziell bin ich Texterin in einer Werbeagentur.”
Sie blickte wieder auf ihre Armbanduhr:
“Oh, schon so spät? Tut mir leid, ich muss sofort weg!”
Das “sofort” hatte sie energisch betont und war schon im Begriff aufzustehen. Ich geriet in Panik und fragte hastig:
“Darf ich dich vielleicht mal anrufen?”
Eigentlich wollte ich noch den Vorschlag zu einer gezielten Verabredung anbringen, bemerkte aber ihre Mimik. Die Lieblichkeit in Person verzog schmerzlich das Gesicht, als sie sagte:
“Ich weiß nicht, ob das gewissen Leuten gefallen würde.”
Damit war sie aufgestanden, griff in die dunkelgrüne Handtasche aus Lackleder und warf im Weggehen einen Geldschein auf den Tisch.
“Ich zahle das!” rief ich ihr nach.
Aber sie schüttelte nur den Kopf ohne sich noch einmal umzudrehen.
Ich hing wie benommen in meinem Stuhl und musste das Ganze erst einmal verarbeiten. Es war unglaublich. Nichts, aber auch rein gar nichts von meinen Vorstellungen war eingetroffen. Ich war sicher, dass ich mich ein ganz klein bisschen verliebt hatte, nur einen Hauch. Aber es war sinnlos. Meine Traumfrau hatte einen merkwürdigen Beruf, der alle träumbaren Aussichten zunichte machte. Vielleicht war die Lichtgestalt selbst ja gar nicht mal abgeneigt, aber ihr Vorgesetzter, Truppenführer, Gauleiter oder, wie immer man das nennt, hatte offensichtlich ein Wörtchen mitzureden, wenn es um private Beziehungen ging. In jedem anständigen, bürgerlichen Beruf war so etwas undenkbar. Aber ausgerechnet sie, die engelgleiche gute Fee, musste in die unberechenbaren Fänge der staatlichen Informations-Beschaffungs-Mafia geraten! IBM war eine perfekte Abkürzung dafür.
Ich hatte dieses Mal nicht das Gefühl, die dritte Chance versiebt zu haben. Eher fühlte ich mich als Opfer der grausamen Realitäten, in denen ganzen Berufszweigen das Recht auf privates Glück verweigert wird. Was war das nur für eine Welt, in die ich da hinein geboren worden war! Zerfloss ich da etwa in Selbstmitleid? Ich beschloss zu tun, was ich sonst nie tat: mich vorsätzlich und hemmungslos zu besaufen... Aber zuerst musste ich meinen Aktenkoffer suchen, der im Kampfesrausch untergegangen war und jetzt unter irgend einem Tisch zu schimmeln begann.
“Nitrozol” schien sich als Favorit herauszuschälen, obwohl es wegen der phonetischen Nähe zu dem bereits angemeldeten Lack “Nitrosol” durchaus Schwierigkeiten geben konnte. Die Nitro-Gruppe war bei den eingetragenen Warenzeichen gut besetzt, und es gab nur wenige Lücken. Die Namenssuche war nur ein geringer Teil der Arbeit zwischen den Textkreationen von Speisekarten bis Hotel-Lügen, Geschäftsberichten mit der Selbstbeweihräucherung des führenden Managements, in denen sie darlegten, wie toll sie waren und warum, bis hin zu den üblichen Produktübertreibungen in Katalogen und Prospekten. Oberchef Yano hatte immer wieder betont, dass Prospekt aus dem Lateinischen käme und mit Frauen zu vergleichen wäre. Denn das Wort bedeute schließlich Ansicht. Und eine Frau zeige sich genetisch bedingt nun einmal nur mit ihrer schönsten Ansicht in der Öffentlichkeit. Er pflegte dann einzuschieben:
“Sollte ein gegenteiliges Beispiel auftauchen, so ist höchste Vorsicht angebracht; es handelt sich dann wahrscheinlich nicht wirklich um eine Frau.”
Dann wartete Yano gewöhnlich, bis ein treuer Zuhörer um Auflösung des Rätsels bettelte, um dann mit trockenem Lachen zu antworten:
“Warte ab, bis die Hübsche abgeschminkt ist!”
Henning machte seine Arbeit ordentlich. Aber sie war mit ihm dennoch nicht so recht zufrieden. Die Nichtbeachtung ihrer Reize schmerzte auch nach Tagen noch. Was bildete er sich eigentlich ein? Was ihr am meisten zu schaffen machte, war der Umstand, dass Henning so wenig von sich gab. Man konnte einfach keinen Einblick in seine persönlichen Interessen, Neigungen, Hobbys oder Familienverhältnisse gewinnen. Doch als sie darüber nachdachte, fielen ihr seine Bemerkung ein, die sich um Basilikum und Estragon gedreht hatten. Natürlich wusste sie, dass Ersteres nichts mit dem Mittelschiff einer Kirche zu tun hatte, und dass Letzteres auch kein Nebengebäude des Amerikanischen Verteidigungsministeriums war. Jemand der solche Begriffen benutzte, konnte nur ein Masochist sein, der sich stundenlang vor einen heißen Herd stellt, Unmengen von Töpfen, Pfannen und Schälchen einsaut, also kurz: ein überdimensionales Chaos in der Küche anrichtet, nur um nach einer zehnminütigen Fress-Attacke von den Gästen eine Lobeshymne auf den Koch entgegen zu nehmen. Die höchste zu erreichende Auszeichnung waren dabei Standing-Ovations, aber das war es dann auch. Denn nach weiteren zwei Minuten blieb allenfalls noch eine vage Erinnerung an den Genuss, dafür aber ein gigantischer Müllberg in der Küche, an dem teilzuhaben sich jeder Gast weigerte.
Das war etwas, was sie hasste, Kräuter und Gewürze, Zeitverschwendung vor dem Herd und absolut vermeidbarer Dreck. Aber wenn ihm soetwas Spaß machte, dann sollte man ihn gewähren lassen! Vielleicht könnte sie davon profitieren. Wenn er schon gern kochte, dann war es eher unwahrscheinlich, dass seine Erzeugnisse ungenießbar waren. Sich an einen liebevoll gezierten Tisch zu setzen, von brennenden Kerzen eingerahmt, von leiser Musik berieselt und stimuliert, das hatte schon etwas. Wenn man dafür keinen Finger zu krümmen brauchte erst recht. Und wer weiß, ob sich in dieser entspannten Atmosphäre nicht doch noch ihr Sieg abzeichnen würde.
“Wo ich dir nun so vieles beigebracht habe, würdest du nicht mal so richtig schön für uns beide Kochen wollen?” fragte sie ihn unvermittelt, wie es ihrer direkten Art entsprach.
“Was, hier?” entfuhr es ihm, und es klang wirklich panisch. “Wir haben hier doch nicht einmal eine richtige Küche...!”
“Wer redet von hier?” fragte sie spitz und sah ihm tief in die Augen.
Er hielt ihrem Blick nicht allzu lange stand. Dann murmelte er ein “Ach so...” und setzte nach kurzer Zeit ein Lächeln auf:
“Ja doch, gerne, wie wäre es Samstag?”
Na, endlich! Sie atmete tief durch, das wäre geschafft. Samstag hatte sie eigentlich Aikido, aber das würde sie ausfallen lassen. Außerdem lag noch eine von Yanos Sonderaufgaben an, die sie aber auch noch am Sonntag erledigen konnte.
In den zwei Tagen bis Samstag stellte sie zufrieden fest, dass Henning ihr zwischendurch immer wieder ein Lächeln schenkte. Das machte die Sache aussichtsreich. Sie lächelte mit dem wärmsten Ton zurück, den sie je vor dem Spiegel geübt hatte, und betete inständig darum, dass er diesen Ausdruck nicht als billiges breites Grinsen interpretieren würde. Aber es schien nicht so. Sie stellte sich immer wieder vor, wie sie mit Henning allein am Tisch saß und die warmherzige Stimmung genoss. Wie er zart und fast unabsichtlich ihre Hand berührte, als Zufall getarnt. Dann würde sie ihrerseits Absicht erkennen lassen und ihre Hand fester in die seine fügen. Und es würde sehr romantisch sein, wenn sich ihre Lippen über dem Schrott von dreckigem Geschirr und Essensresten begegneten...
Am Samstag Abend stand sie topgestyled fast pünktlich, also mit einer knappen halben Stunde Verspätung, vor seiner Wohnungstür im zweiten Stock. Die nach Yano typisch weiblichen Vorbereitungen in Sachen “Prospekt” hatten länger gedauert als kalkuliert. Wie immer. Die Nachbarn feierten anscheinend eine Party. Denn als sie auf den Klingelknopf drückte, hörte sie von irgendwo Hardrock, Black Sabbath oder etwas ähnliches. Henning öffnete ihr. Die grüne Schürze stand ihm nicht besonders gut. Aber das war unerheblich, denn es ereignete sich ein Wunder, mit dem sie in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet hatte: Er deutete Begrüßungsküsschen auf beide Wangen an. Henning schien in bester Laune zu sein, er wirkte lockerer und gelöster, als sie ihn in der Agentur je erlebt hatte.
Das einzige, was störte, war Black Sabbath, die hier offensichtlich ein Live-Konzert gaben. Mit dem Öffnen der Tür war die Lautstärke nahezu unerträglich angeschwollen. Als Anne die nächste Tür passierte traf sie der Schlag: Höllenlärm, absolute Kneipenatmosphäre, sechs Männer, von denen einer asiatisch aussah, und zwei Frauen. Zwei Tische waren zusammengeschoben, die liebevoll in prähistorischer Zeit zusammengestellte Dekoration war noch als solche zu erkennen. Jetzt hatte die Party, die hier offensichtlich im Gange war, sie schon reichlich ramponiert. Sehr romantisch, Black Sabbath und das ganze Ambiente. Das konnte ja ein richtig gemütlicher Abend werden.
Aber sie war zäh. So schnell ließ sie sich nicht unterkriegen. Ihr Plan stand sofort fest, glasklar, ohne Wenn und Aber. Sie würde bis zum Schluss durchhalten, bis alle volltrunken nach Hause gerobbt waren und sie allein mit Henning zurückblieb. Dann würde sie für den richtigen Ausklang des Tages sorgen. Jetzt erst recht!
Für das wirklich schmackhafte Menü aus vierhundertachtunddreißig Gängen, so kam es ihr vor, wurde die Musik zum Glück etwas leiser gedreht. Mit den alkoholhaltigen Getränken hielt Anne sich zurück, das gehörte zur Strategie. Die Gefechtstaktik war ebenfalls klar, erst die Gegner, das waren immerhin sechs männliche und zwei weibliche, kommen lassen. Bis sie müde und abgekämpft waren durch ihre Selbstdarstellung und das Gebalze um nur drei Weiblein. Vielleicht würde sie das sogar genießen können. Ja, ergab sich dabei nicht sogar die Möglichkeit für die Produktion von Eifersucht?
Um Mitternacht wusste sie, dass es die nicht gab. Das Mädel, das Navina hieß gehörte offensichtlich fest zu dem Koreaner, der mit dem Namen “Seejeelee” möglicherweise einen Künstlernamen führte. So hatte er sich vorgestellt und wurde auch von allen Anwesenden genau so angesprochen. Die andere Konkurrenz war sogar verheiratet, und zwar mit dem schmierigen Typen aus der Sesamstraße. Er sah zwar nicht so textil aus, hieß aber so. Rabea und Bert, ein Traumpaar. Und weder C.G.Lee noch einer der anderen, Henning eingeschlossen, hatten irgendwelche Annäherungsversuche gemacht.
Gegen zwei Uhr hatten ihnen zwei nette Streifenbeamte einen Besuch abgestattet; sie wollten allerdings weder ein Bier trinken, noch tanzen und auch nicht länger bleiben. Als die Musik auf Flüsterniveau abgesenkt worden war, hatten sie die Wohnung wieder verlassen. Um halb drei hatte noch niemand Anstalten zum Aufbruch gemacht. C.G.Lee hatte sich zwar mit Navina in eine Ecke der allgemein zugänglichen Sitzgruppe gekuschelt, aber die Themen der anderen waren nach wie vor Fußball, Reisen, und schöngeistige Dinge wie die besten Galerien der Welt, Literatur und Musik. Na toll! Interessant, aber nicht das, was sie sich erhofft hatte. Unerwartet war, dass sich der schmierige Bert an dieser Thematik beteiligte während Rabea sich zurückhielt. Ihr Interesse flammte nur einmal kurz auf, als es um Superreiche und Filmstars ging.
Gegen vier hatten sich die beiden Pärchen verabschiedet. Die anderen männlichen Gäste machten jedoch noch immer keine Anstalten, das Feld aufzugeben. Als sie schließlich erfuhr, dass das aufgrund von mitgebrachten Schlafsäcken auch nicht zu erwarten war, gab sie die Schlacht verloren. Henning hatte sich zwar immer wieder höflich um sie gekümmert, über das Essen, die Feinheiten des Soufflés und das Wetter gefachsimpelt, mehr aber auch nicht. Ein Fiasko. Eine gottverdammte Niederlage. Sie würde ihm das irgendwann heimzahlen. Nicht mit ihr, und schon gar nicht so. Sie hatte sich doch klar ausgedrückt: Kochen für uns beide. Von einer Kompanie hatte sie nichts gesagt, oder?
Wütend fuhr sie nach Hause. Sie hätte sich genau so gut einen hinters Zäpfchen kippen können, wie Yano es auszudrücken Pflegte; wäre besser gewesen. Mit mehr Alkohol im Blut hätte sie entspannter kämpfen können, aber was war da schon zu kämpfen? Was sollte man mit einer Fußballmannschaft anfangen, die außer Elfmeter und Abseits nur Klee, Monet und Dali kannte. Das war ohnehin eine ziemlich merkwürdige Zusammenstellung. Sie hatte noch nie von Fußballern gehört, die sich Kunstausstellungen ansahen und zu Vernissagen gingen. Aber das Leben hielt doch immer wieder Überraschungen bereit...
Ich kam gar nicht darüber hinweg. Man musste sich das einmal vorstellen! Ein bildschönes Exemplar von Frau, die mich unscheinbaren Sonderling auch zu mögen schien, und dann entpuppte sie sich als kaltblütige Killerin für den Geheimdienst! Meine ersten klaren Gedanken, die ich nach zwei Tagen Delirium nur mit Mühe fassen konnte, drehten sich natürlich um diesen lieblichen Engel.
Ich marterte mich mit dem Gedanken, dass sie auf das “Leute umbringen” so erschrocken reagiert hatte. Sie würde demnach irgendwelche Personen in unserem freien und rechtstaatlichen Land für einen Geheimdienst abknallen, erstechen oder vergiften. Ich versuchte, mir die liebliche Lichtgestalt bei einer solchen Mission vorzustellen. Wie würde sie das anstellen? Rohe Gewalt war eigentlich nicht denkbar. Ja selbst das eher zufällig aussehende Anstoßen eines auf dem Hochhausdach balancierenden Feindes gefolgt von den Worten “Oh, hoppla!” wollte mir nicht recht einleuchten. Vielleicht gab es beim Aikido ja eine Disziplin, die Totlachen hieß.
Und dann diese aussichtslose Situation. Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Sich ebenfalls beim Geheimdienst beworben, um ihr nahe sein zu können? Alle Gauleiter dieser Welt hätten in diesem Fall doch gegen ein Verhältnis nichts mehr einwenden können. Vielleicht würde ihr Führungsoffizier sogar auf einer Hochzeit bestehen? Unter normalen Umständen wäre das für mich völlig indiskutabel gewesen. Aber so? Es gab doch genügend Beispiele für Spionage-Ehen in der Geschichte.
Ich grübelte mir die Hirnwindungen wund, wie ich der Situation Herr werden könnte. Allein mir fehlten die Perspektiven. Der Preis einer Ehe wäre sicher hoch gewesen. Aber war das die Sache nicht wert? Es gab da noch einen heiklen Punkt. Was würde in dem immerhin denkbaren Fall eines Scheiterns dieser Ehe passieren? Liquidation wahrscheinlich. Lohnte es sich, für die Lichtgestalt zu sterben? Am Ende hätte ich den lieblichen Engel noch mit in den Tod gezogen, falls die Obergeheimen das Aus für beide bestimmten. Womöglich gab es noch eine Exekution auf offener Straße, wo Oma Müller und Oma Grabowski das mit ansehen müssten. Aber sachte, sachte! Mir wurde bewusst, dass meine Gedanken viel zu weit voraus eilten. Soweit waren wir doch noch gar nicht.
Die erste Frage war doch, bei welchem der diversen Geheimdienste ich mich denn hätte bewerben sollen. Haben Sie da eine Antwort? Wer hatte denn gesagt, dass es ein deutscher sein würde? Der BND operierte wahrscheinlich eher im Ausland. Innerhalb der Grenzen würde sicher mehr verwaltet als spioniert. Dann aber hätte die Lichtgestalt ein Sessel-Puper sein müssen, ein geheimer, versteht sich. Sie hätte keinen Beruf als Deckmantel benötigt. Und letztlich hätte sie viel weiter südlich in der Republik wohnen müssen, in Pullach bei München vielleicht.
Es blieb wohl nichts anderes übrig, ich würde sie fragen müssen.
“Eye, Engelchen, ich hätte da mal eine Frage, für welchen Geheimdienst arbeitest du mal noch?” So in dieser Form? Oder eher:
“Du wirst es nicht glauben, aber ich möchte mich bei einem Geheimdienst bewerben. Wen könntest du mir da empfehlen?”
Alles gequirlte Kacke. Das ging so nicht, völlig klar.
Nach einhundertachtundsechzig schlaflosen Stunden (ehe Sie zu rechnen beginnen, das sind sieben Tage und sieben Nächte - und außerdem meine ich das mit dem schlaflos nicht ganz so wörtlich - es könnte auch ein fast davor stehen) griff ich erneut zum Telefonhörer. Der war schon ganz abgenutzt, weil ich ihn diese Woche bereits so oft in die Hand genommen, dann aber wieder unschlüssig auf die Gabel zurückgelegt hatte. Auch die Wählscheibe hatte leichte Blessuren davon getragen, denn ich hatte so an die zweitausend Mal sogar mit dem Wählen begonnen. Aber wie genau wollen Sie ein solch wichtiges und dazu heikles Gespräch beginnen? Ohne entsprechende mentale Vorbereitung war das unmöglich. Die Strategie im Ganzen musste klar sein, und die Taktik im Einzelnen natürlich auch. Sie sehen also, es gab viel zu bedenken. Und es gibt keinen Grund, mich als untentschlossenen, schwachsinnigen Zögerling zu verunglimpfen!
Als ich zum ersten Mal seit langem zu Ende gewählt und den Hörer am Ohr behalten hatte, erklang nach dem achten Rufton:
“Dieser Anschluss ist vorübergehend gesperrt.”
Hatte die Lichtgestalt etwa ihre Telefonrechnung nicht bezahlt? War sie inzwischen verarmt oder hatte sie nur die Rechnung verschlampt? Für so unordentlich hatte ich sie gar nicht gehalten. Bei einigem Nachdenken aber war das doch Unsinn, denn es waren acht Ruftöne, acht! Wenn die Telefongesellschaft den Draht abklemmte und auf diese Ansage schaltete, dann kam der Text sofort. Die Lichtgestalt war immerhin Agentin für den MI5, KGB, Mossad, CIA oder was weiß ich für wen. Da wird sie schon einen triftigen Grund gehabt haben, warum sie ihren Anrufbeantworter mit diesem Text bestückt hatte.
Ich musste mich zwingen, wieder vernünftig zu arbeiten. Es dauerte nicht lange, und die Elektrische klemmte wieder. Ein neuer Reflex ließ mich kurz und trocken mit der flachen Hand auf die Maschine schlagen. Darin lag die ganze Wut über ungelöste Probleme, alles was nicht klappen wollte, das Wetter und die politische Lage. Ich traute meinen Augen kaum, rechts hinten lief eine ölige Flüssigkeit aus dem Gehäuse genau auf meine wichtigsten Unterlagen! Pinkelte mir diese Mimose auf grandiose Belege zu meiner Recherche, nur weil ich ihr Gehäuse gestreift hatte. Vielleicht etwas unsanft, zugegeben. Es war doch nichts weiter gewesen, als ein klitzekleiner, versteckter Hinweis auf meine Stimmungslage.
Ich griff zum Hörer und wählte Bulles Nummer. Bulle hatte Ahnung von der Technik, und außerdem hatte ich lange nicht mit ihm gesprochen.
“Hey, Bulle, alles klar bei dir?”
So ging das meistens los und endete mit einer langen Schlammschlacht. Wir verstanden uns prächtig, obwohl wir uns nicht sehr häufig sahen und auch gewiss nicht immer die selben Interessen pflegten. Ich quatschte mit ihm über alles Mögliche und kam schließlich auf den Punkt. Mich interessierte, wieweit die Selbstüberschätzer von Entwicklern eigentlich mit Computern wären. Bulle machte legte mir haarklein dar, dass Apple MacIntoshs jetzt überall stehen. Er klärte mich über Spielekonsolen von Atari und Commodore auf, und dass in Kürze auch in Europa was ganz verrücktes käme, nämlich der Personal Computer von IBM.
“Und was ist der Unterschied?”
Er schnappte nach Luft und konnte eine solch unsinnige Frage nicht fassen. Aber als ich nachfragte, auf welchen der Geräte man Texte verfassen, korrigieren und auf eine Schreibmaschine leiten könnte, meinte er:
“Auf allen. Und außerdem heißt das nicht mehr Schreibmaschine sondern Drucker. Und wenn jemand eine Elektrische mit RS-232 Schnittstelle hat, dann funktioniert das auch.”
Was interessierte mich diese Schnittstelle, von der ich weder wissen wollte wie sie hieß, noch wie sie arbeitete. Wichtig war, dass alles so funktionierte, wie man es sich vorstellte. Und genau da hatte ich so meine Zweifel. Für mich gab es dann also keine Unterschiede in den Maschinen, außer...
“Na ja”, meinte Bulle an dieser Stelle, “mit entsprechenden Programmen kann man auf einigen Maschinen Musik machen. Und Macs sind große Klasse, was die Grafikfähigkeit angeht. Coprozessor.”
“Coprozessor, natürlich...” murmelte ich, “klar.”
Unter den Programmen konnte ich mir auch nicht allzuviel vorstellen, die kannte ich als gedruckte Broschüren aus dem Theater. Ich war nicht sicher, ob weiter gehende Fähigkeiten dieser Geräte für mich interessant sein konnten. Texte zu verfassen und hinterher beliebig versetzen und korrigieren zu können war für mich schon ein deutlicher Fortschritt. Ob ich meine Elektrische als Drucker benutzen könnte, hing von dieser Dingsbums-Schnittstelle ab, das hatte Bulle ja deutlich gesagt. Nur, hatte sie diese..., ich musste mir das aufschreiben, RS-232?
Nachdem ich aufgelegt hatte versuchte ich gleich noch einmal eine andere Telefonnummer. Rufzeichen und schließlich:
“Dieser Anschluss ist vorübergehend gesperrt.”
Erst zwei Wochen später erreichte ich diese herrliche, warme Stimme wieder.
“Der Anschluss war vorübergehend gesperrt?”
“Ja, aber das kann ich jetzt nicht erklären. Was gibt´s?”
“Entschuldige die Störung, aber hat die Elektrische eigentlich eine...”, ich schaute auf meinen Zettel, “RS-232?”
“Eine was?”
“Eine Schnittstelle, RS-232.”
“Weiß ich doch nicht. Es war doch eine Bedienungsanleitung dabei. Das müsste doch drinstehen.”
“Eine Bedienungsanleitung?”
“Ja”
Da hätte ich ja auch selbst drauf kommen können! Ich wusste nicht mal auf Schlag, wo die abgeblieben war, vermutlich untergebuddelt unter schweißtriefender Wäsche.
“Steht nicht drin”, log ich überzeugend. Jetzt durfte sie nicht auflegen, ich musste schnell sein:
“Du findest mich wahrscheinlich nicht sonderlich sympathisch, aber...”
Sie nutzte die Lücke:
“Stimmt!”
Oh, das war hart. Aber dranbleiben war die Devise:
“Na ja, hat man dir anscheinend ja auch verboten.”
Jetzt lachte sie laut auf. Es klang so herrlich rein und voll wie eine perfekt schwingende Glocke. Das Lachen steckte mich an. Ich spürte, wie sich mein Mund zu einem Schmunzeln verbreiterte:
“Für mich wäre es wahnsinnig wichtig..., sozusagen lebenswichtig, mit dir etwas zu besprechen.”
Sie lachte wieder:
“Also, ich weiß nicht, ob das gern gesehen wird.”
Ihr Lachen wurde für einen Moment noch stärker, dann fing sie sich und setzte mit verkrampft wirkendem Ernst fort:
“Aber wenn es um das Leben geht, dann muss es ja wohl wirklich wichtig sein.”
“Nun ja, kommt darauf an, um wessen Leben es geht.”
“Geht es denn um meins?” wollte sie wissen.
“Ja” war meine spartanische Antwort.
Stille. Ich hörte sie atmen. Kein Lachen mehr, nur Stille. Sie schien nachzudenken. Auf der einen Seite hielt ich es nicht für ratsam, sie beim Gedanken-Jogging zu unterbrechen, auf der anderen Seite hatte ich Angst, sie könnte abrupt auflegen. Also entschloss ich mich zu einem sanften Einwurf:
“Entschuldige”, sagte ich leise, “würdest du mit mir am Reihersee joggen? Du joggst doch sicher immer noch. Und das wäre dann ein Sporttreffen und kein Rendezvous. Und wir könnten etwas wichtiges bereden. Ganz unverbindlich, keine Verpflichtung, kein Stress.”
Sie holte tief Luft:
“Na gut, warum nicht. Aber nimm deine Krücken mit.”
Wir verabredeten uns. Obwohl es mich hätte glücklich machen müssen, machte ich mir eher Sorgen. Ich verrannte mich da in eine Sache, die ich nicht überblicken konnte. Aber Dale Carnegie hatte doch so recht: Sorge dich nicht, lebe! Also versuchte ich es jetzt.
Wir wollten uns direkt an den Parkplätzen des Sees treffen, es gab drei davon. Der Samstag bescherte uns einen strahlend blauen Himmel, in dem nur wenig verbeulter Blumenkohl hing. Der äußere Parkplatz war bei diesem Badewetter bereits weitgehend belegt, es gab nur noch wenige Lücken. Aber wozu weiter laufen als nötig? Ich steuerte die verbeulte Teedose souverän auf den zweiten zu, der aber bereits überquoll mit Schrottlimousinen und Fahrrädern. Der letzte Parkplatz lag zwar am dichtesten zum See, aber das war natürlich so eine Sache: Es konnte gerade einer weggefahren sein..., oder eben nicht. Natürlich! Na, dann eben nicht. Aber da war ja auch noch der Platz vor dem Sperrschild, unmittelbar vor dem asphaltierten Bauernweg, wo auf der anderen Seite bereits der Waldgürtel begann. Es stand zwar schon ein Kleinwagen dort, aber mit etwas Geschick konnte man die Teedose noch und etwas schräg daneben quetschen.
Die Lichtgestalt hatte ich noch nicht gesehen. Wahrscheinlich würde sie erst in einer Viertelstunde antanzen und sich mit dem Ausflugsverkehr entschuldigen. Ich tauschte meine ausgefransten Treter gegen die Sportschuhe, die ich vor wenigen Stunden für eine halbe Monatsmiete erstanden hatte. Gerade als
ich dabei war, die Sonnenbrille mit einem weichen Lappen auf Hochglanz zu trimmen, hörte ich hinter mir die harmonische Glocke anschlagen:
“Sag mal, fährst du immer bis ins Klo?”
Da stand sie, in strahlendem Weiß wie die Tennis-Elite in Wimbledon. Sie sah noch attraktiver, noch bezaubernder, noch vollkommener aus.
“Dann wundert mich deine schwache Kondition nicht”, lachte die Lichtgestalt.
“Ich habe die Krücken mit”, nahm ich ihr den Wind aus den Segeln.
“Ich hätte jetzt danach gefragt!”
Das glaubte ich ihr aufs Wort. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich noch immer nicht ihren Namen kannte. So wie die Dinge lagen, standen die Insignien A und S wohl auch nur für einen Decknamen, und es war fraglich, ob ich je ihre wahre Identität erfahren würde.
Ich hatte mir vorgenommen, sie einfach mit einem Vornamen wie Annette oder Astrid anzusprechen. Sie würde reagieren müssen. Adelheid oder Annegret kamen wohl eher nicht infrage. Eigentlich hätte ich doch Zeit genug gehabt, um das komplette weibliche Vornamenregister unter A durchzulesen. Aber den richtigen herauszufischen war ja ohnehin aussichtslos.
Gerade wollte ich den großen Namenstest starten, da legte die Lichtgestalt den Zeigefinger auf den Mund und deutete auf zwei schwarz weiße Vögel, die ich noch nie gesehen hatte. Elstern waren es auf keinen Fall, dafür waren sie viel zu klein, etwa nur ein Drittel davon. Das schmale, ausladende Schwanzgefieder der Elstern ist unverkennbar, also waren es auch keine Jungvögel dieser Gattung.
Die flinken Schwarzweißen flatterten umeinander herum, es schien fast wie ein Spiel. Sie waren sehr schnell dabei und sehr behende.
“Was sind das für Vögel?” fragte die Lichtgestalt in Weiß, obwohl es eher rhetorisch klang.
“Pinguinzwergreiher”, warf ich im Brustton der Überzeugung ein.
Sie warf mir nur einen kurzen Blick zu, und das hinreißende Grübchen zeichnete sich auf der linken Wange ab. Dann wandte sie sich wieder den gefiederten Freunden zu und fragte lachend:
“Bist du Ornithologe?”
Das Wort ließ mich erschauern, und Sie werden sich fragen weshalb. Dieses Wort war stets Ernestos Part. In der Kneipe pflegte er häufiger mal mit einem Seitenblick auf üppige Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu bemerken, er sei Ornithologe. Falls eine Schönheit nachfragte, und das war die eigentliche Absicht bei dieser Nummer, so erklärte er mit einem breiten Grinsen, dass er sich mit Vögeln besonders gut auskenne. Und sein Augenzwinkern lies keinerlei Zweifel aufkommen, wie das gemeint war. In der Hitliste der Reaktionen rangierte “Arschloch” gleich hinter einem verächtlichen “Aha”.
Das sollte mir nicht passieren. Deshalb entschloss ich mich zu einem einfachen:
“Nee, Peter. Ich bin einfach nur Peter.”
Sie stieß einen kleinen, glucksenden Lacher aus:
“Na, wenn das mal stimmt!”
Sie war falsche Namen anscheinend gewohnt. In ihrer Branche auch kein Wunder. Ich konnte wohl wirklich nicht davon ausgehen, dass ihr wahrer Vorname mit A begann. Aber was blieb mir anderes übrig? Also spielte ich das Spielchen:
“Hör mal, Annette...”
Ich machte eine Pause, um ihre Reaktion einzufangen. Nichts. Sie lächelte wie zuvor, beobachtete das schwarzweiße Federvieh wie es herum balgte und schwieg.
“...Ich heiße wirklich Peter. Und ich entschuldige hiermit ausdrücklich meine Eltern, dass ihnen nichts besseres eingefallen ist.”
Sie blickte mich aus dem Augenwinkel an. All ihre Pfiffigkeit blitzte auf, als sie tonlos zischte:
“Lass drei Buchstaben weg!”
Mir war klar, dass sich das nicht auf meinen Namen bezog, aber ich konnte es mir einfach nicht verkneifen:
“Pe? Das klingt auch nicht besser”
Die Pinguinzwergreiher hatten sich in die Baumwipfel verzogen. Die Lieblichkeit in Person stieß mir einen Ellenbogen in die Rippen, deutete mit dem Kopf in die Richtung des asphaltierten Weges und begann verhalten zu laufen. Langsam und stockend, sich etwas drehend, seitlich rechts, seitlich links, mal ein Knie stärker anziehend, mal das andere. Dann trat sie eine Zeitlang nur auf der Stelle.
Ich stand verdutzt da und schaute kopfschüttelnd ihrem seltsamen Treiben zu.
“Du musst deine Muskulatur langsam anwärmen!” rief sie mir zu, “Habt ihr das denn nicht im Sportunterricht gelernt, Pe?”
“Welcher Sportunterricht?” antwortete ich und begann, ihrem Vorbild nachzueifern.
“Den in der Schule.”
“Was für eine Schule?”
Sie winkte ab und begann zu laufen. Der Weg verlief parallel zum Seeufer. Bevor ich die weiße Lichtgestalt erreicht hatte, hielt sie inne und bückte sich nach etwas schwarz glänzendem. Als sie das fingerlange Stück umdrehte glänzte weißer Perlmutt. Ich hatte die Schalen auch schon bemerkt. Sie lagen mal rechts, mal links auf dem Asphalt, viele waren zerbrochen. Ich hatte mir die Frage gestellt, wie diese Süßwassermuscheln hierher gekommen seien. Die meisten von ihnen sahen recht frisch aus, was aber auch an ihrem natürlichen Glanz gelegen haben kann.
“Süßwassermuscheln”, rief mir die Lichtgestalt zu, während sie erneut zu laufen begann. Ich nickte nur stumm, denn ich musste meine Luft gut einteilen. Ich ermahnte mich unaufhörlich, ruhig und gleichmäßig zu laufen. Aber meine Atmung stimmte nicht. Meine Gedanken schweiften gerade wieder zu den Muscheln ab, als sich einige Krähen aus den näheren Baumwipfeln meldeten. Eine Krähe flog direkt vor mir, als wolle sie mir den Weg weisen. Ein knackender Aufschlag auf die Asphaltdecke direkt vor mir riss mich aus meinen Gedanken. Die Muschel sprang noch einmal hoch und rutschte dann seitlich ins Gras. Ich lief langsam aus und pumpte Luft in die Lungenflügel. Diese Show mit den Muscheln musste ich mir genauer ansehen. Die Krähe ließ sich durch uns nicht stören. Nach einer knappen Wendung, segelte sie im Sturzflug auf uns zu, packte die Muschel, die noch geschlossen und unbeschädigt aussah, und suchte mit ihrer Beute das Weite.
Die Lichtgestalt begann erneut zu laufen und ich hatte Mühe, wieder den richtigen Rhythmus zu finden. Etwa vierzig Meter vor uns ließ die Krähe die schwarze Köstlichkeit erneut fallen. Und dieses Mal platzte die Schale auf. Bevor wir die Stelle erreicht hatten, hatte sich der schwarzfiedrige Schlaukopf schon einige Meter abseits mit der geknackten Beute niedergelassen und begann genüsslich, das Muschelfleisch herauszupicken.
“Schlaue Burschen!” meinte die Lieblichkeit im Rhythmus des Laufens.
“Holen sich die Muscheln aus dem Uferschlamm.”
Ich nickte und hatte mit meiner Luft zu kämpfen. Sie war eine unglaubliche Frau, gescheit, clever und dazu auch noch phantastisch aussehend. Eigentlich war das zuviel für eine. Wer würde der Glückliche sein, der je ihr Herz komplett eroberte?
Der Waldstreifen am See entlang war licht und ließ viele Stellen frei, die an diesem herrlichen Tag gern von den Badenden bevölkert wurden. An einer spärlich belegten Mulde stoppte sie und begann Arme und Beine auszuschütteln. Sie winkte mich heran und bedeutete mir, mich neben sie in das Gras zu setzen.
“Hey, alter Mann, ich denke, ich sollte dich besser nicht überfordern”, meinte sie mit einem Lächeln.
“Oh, das ist wirklich rücksichtsvoll”, schnaufte ich, während ich meine Knochen und Sehnen sortierte.
“So bin ich immer...”, sie machte eine Kunstpause, “wenn ich nicht gerade Leute umbringe.”
Ich schielte zu ihr hinüber. Sie lächelte amüsiert. Während ich mich aklimatisierte, gab sie mir Tipps, wie ich mit einer Zähltechnik die Atmung verbessern könnte. Alles schön und gut, aber sie glaubte doch wohl nicht im ernst, dass ich eine solche Tortur ein zweites Mal auf mich nehmen würde?
Sie wurde ernster und legte die Stirn in Falten:
“Du wolltest etwas ernstes mit mir besprechen, Pe.”
Sie sah mir fest in die Augen und wartete. Ihr Blick irritierte mich. Sie hatte so unglaublich schöne dunkle Augen, braun wie schwerer Bernstein, süß wie Kandisstücke. Mir kam alles, was ich mir vorgenommen hatte, plötzlich albern vor.
“Weißt du, Annette...”
“Drei Buchstaben weniger!” gab sie trocken und ohne eine sonstige Regung von sich.
“Ette ist aber genauso blöd wie Pe!” Das gab mir etwas Zeit, meine verwirrten Gedanken zu sortieren.
“Haltet den Brüllwitz fest, wir kommen!” parierte sie in dem gleichen, trockenen Tonfall. Sie heftete ihre Augen noch immer genau in die meinen, wobei ich nicht entscheiden konnte, ob sie mein linkes oder rechtes fixierte. Das war es, was mich aus dem Takt brachte. Ich konnte mich einfach nicht sammeln, nicht konzentrieren. Ich traute mir nicht zu, es vernünftig zu Ende zu bringen.
Sie konnte beharrlich schweigen. Und eine Menge Geduld aufbringen. Das gehörte sicher zu einer Spezialausbildung und betonte ihr starkes Ego.
Ich schluckte kurz, bevor ich einen Versuch wagte:
“Anne..., ist doch richtig so?”
Sie nickte stumm, langsam und nur einmal.
“Nehmen wir einmal an, ich würde für einen Geheimdienst arbeiten wollen...”
Ich bemerkte ein Zucken ihres Bauches unter ihrem weißen T-Shirt. Sie versuchte ernst zu bleiben, aber es gelang ihr nur für Bruchteile einer Sekunde. Sie gluckste, schnaufte, und dann warf sie sich lachend nach hinten ins Gras. Sie lachte leise und konnte sich nicht bremsen. Ich hatte das alles wirklich nicht für so witzig gehalten. Und ich hatte auch nicht beabsichtigt, mich zum Kasper zu machen. Wut stieg in mir auf. Wut auf mich selbst, Zorn auf ihre Reaktion.
Sie rappelte sich auf, legte ihre Handfläche an meine Schulter und schüttelte den Kopf:
“Entschuldige, entschuldige bitte...”
Sie musste sich offensichtlich zur Ruhe zwingen und schüttelte weiter langsam den Kopf:
“Entschuldige, aber du und Geheimdienst?”
Wenn sie doch bloß aufhören würde, den Kopf zu schütteln! Der würde ihr noch abfallen.
“Was ist daran so komisch?” wollte ich wissen,
Sie musste wieder Lachen:
“Also hör mal, Pe. Du fährst dein Auto zu Schrott. Du zertrümmerst Stühle in Cafés. Du hast keine Kondition, bringst dich aber halb um mit Laufen. Und du fühlst dich von Geräten verfolgt und bedroht. Und schließlich...”
Sie hielt inne.
“Und schließlich?” fragte ich nach, tonlos und betroffen. Sie zählte mich aus wie einen Boxer, der blind und ohne Deckung in den Aufwärtshaken gelaufen ist. Das war es wohl wieder. Langsam drang ihre Stimme durch mein gelähmtes Bewusstsein, wie ein Schiff, das sich behutsam aus dem Nebel schält:
“Und schließlich verknallst du dich in eine Agentin mit Killerinstinkt.”
Sie lachte einmal kurz auf: “Pe, mal ehrlich, sieht so ein Agent aus?”
Alles, was ich jetzt sagen würde, könnte sie gegen mich verwenden. Alles, was ich tun würde, wäre ein Punktabzug. Ich sollte jetzt nur lachen. Aber es würde nur ein sehr gequältes werden. Es würde nicht überzeugen, keine Punkte retten. Sie hatte es wieder getan. Sie hatte mich wieder verarscht!
“Hey, Pe, vergiss es! Komm hoch, lass uns laufen. Du weißt doch, wir müssen etwas für deine Kondition tun.”
Sie war aufgestanden und begann mit Stretching. Ich schaute zu ihr auf und sagte:
“Schade, dass du mich nicht verstanden hast, Ette.”
Sie zog die Augenbrauen hoch:
“Habe ich nicht?”
“Nein, hast du nicht.”
Sie zuckte die Schultern und begann mit sich zu diskutieren, während sie die Beine ausschüttelte um die Muskulatur zu lockern:
“Er sagt, ich hätte ihn nicht verstanden... Hab´ ich ihn nicht verstanden? Oder hab ich ihn zu gut verstanden? Überverstanden sozusagen... Ja, ich glaube, ich habe ihn überverstanden!”
“Was redest du da?” maulte ich, während ich meine Knochen zusammensuchte, um sie wieder in funktionierendes Gehwerkzeug zu verwandeln. Mir tat eigentlich schon alles weh, obwohl wir noch gar nicht lange gelaufen waren.
Sie lachte vergnügt und begann das Tempo vorzugeben. Ich gab mir alle Mühe, dass Seitenstechen zu ignorieren. Es war ein sinnloses Unterfangen, mein Keuchen verbergen zu wollen.
“Sag Bescheid, wenn du nicht mehr kannst!” rief sie mir zu, “Und hab keinen falschen Ehrgeiz... Das schadet mehr, als es nutzt!”
Ich quälte mich weiter und nahm dankbar zur Kenntnis, dass sie bereits das Tempo gedrosselt hatte. Ich konnte ihr nichts vormachen.
Eine kleine Pause rettete mich unzweifelhaft vor dem Kollaps. Ich nutzte diesen Moment, um meinen Gedankengang fortzusetzen:
“Nehmen wir einmal an, du würdest für einen Geheimdienst arbeiten, was du ja nicht tust, wenn es aber doch so wäre...”
“Ich spreche nicht darüber, Pe”, fiel sie mir ins Wort.
“Ist doch nur ein theoretisches Gedankenspiel...”, ließ ich nicht locker.
“Ich kann darüber wirklich nicht reden.”
“Aber nur theoretisch...”, meine Ausdrucksweise verlor an Kraft.
“Aus jetzt!” sagte sie barsch mit einer Handbewegung, als wolle sie mit der flachen Hand das Frühstücksei köpfen. Es klang, als erteilte sie ihrem Hund einen Befehl. Aber ich bezweifelte, dass sie einen Hund in ihrer Wohnung halten würde. Dann lief sie los und gab erneut ein Tempo vor, dem ich kaum folgen konnte.
Als wir am Parkplatz ankamen, brannte meine rechte Ferse. Der neue Sportschuh hatte eine mit Lymphe gefüllte Erinnerung hinterlassen. Ich stützte mich erschöpft und Schweiß triefend auf die Motorhaube der Teedose. Sie kam näher und knuffte mir mit einem Ellenbogen in die Rippen:
“Bist schon ein netter Kerl, Pe. Ich weiß es wohl zu schätzen, dass du dich für mich so geplagt hast.”
Ich drehte etwas den Kopf, gerade soviel, dass ich ihren Gesichtsausdruck erfassen konnte. Sie lächelte jetzt anders als vorhin, nicht mehr so angriffslustig, aggressiv. Eher milde und vielleicht sogar eine Spur traurig, Eingedenk unserer ersten Begegnung sagte ich zwischen den gequälten Atemstößen:
“Erstens mache ich das freiwillig. Und zweitens ist das kein Plagen.”
Das Grübchen sprang wieder etwas deutlicher hervor. Sie nickte langsam. Dann gab sie mir eine Anweisungen mit auf meinen Weg, einen Befehl:
“Ruf mich nicht an, Pe. Keine Besuche, keine Blumen oder so einen Quark, hörst du? Vielleicht rufe ich dich irgendwann einmal an...”
Sie setzte sich in Richtung des zweiten Parkplatzes in Bewegung. Nach ein paar Schritten drehte sie sich noch einmal um:
“Vielleicht auch nicht.”
Der Schweiß brannte in meinen Augen. Ich murmelte “Ette...” und spürte, wie ich dabei mechanisch mit dem Kopf nickte.
“Anne...”
Ehe ich mich erholt hatte, war sie längst verschwunden.
Oberchef Yano war über seinen Schatten gesprungen und hatte für die Agentur weitere Macs angeschafft, die atemberaubende Menge von zwei Stück. Er hatte einsehen müssen, dass viele Arbeiten mit so einem Computer einfacher waren. Außerdem kamen in letzter Zeit immer häufiger Kunden mit Disketten an, zunächst mit den 5 1/4 Zoll Formaten, die an abgestürzte Frisby-Scheiben erinnerten. Später gab es die kleineren 3 1/2 Zoll Nachfolger, die Anne für Untersetzer hielt. Jedenfalls hatte sie einem Art-Director ein Glas Orangensaft darauf gestellt. Sein empörtes Kopfschütteln war ihr entgangen.
Auf den Macs wurden jetzt einfache Layouts für Briefbögen und Geschäftsausstattungen gemacht. Das Problem war, dass sich kaum jemand mit der Bedienung auskannte. Und eine Vorstellung davon, was in dem kranken Speicher eines solchen Gerätes wirklich vor sich ging, hatte schon gar keiner hier. Tatsache war, dass unvorhergesehene Aktionen durch das Drücken einer Taste eintraten, die man weder beabsichtigt noch erwartet hatte. Oder es erschienen merkwürdige Fehlermeldungen auf Englisch, deren einziger Lebenszweck darin zu bestehen schienen, einfach da zu sein und nicht mehr zu verschwinden. Man konnte machen, was man wollte, irgendwelche Tasten drücken, ein kleines Plastikkästchen hin und her bewegen, das mit einem Kabel am Mac hing und das alle Welt merkwürdigerweise Maus nannte. Oder man konnte gegen das Gehäuse trommeln. Nichts davon half. File-Errors erlangten in der Agentur bald eine traurige Berühmtheit, weil nur noch das Ausschalten des Rechners half.
Yano und Anne konnten sich später nicht einig werden, ob er Anne oder sie ihn davon überzeugt hatte, dass keine Texterin mehr ohne Computer auskam. Objektive Betrachter der Szene vertraten die Meinung, dass keiner von beiden den Texter-Mac mit ganzem Herzen gewollt hatte. Bei Yano war es der Geiz, bei Anne eine verschwommene Angst vor der Maschine. Und dennoch siegte die Notwendigkeit, weil es jetzt schließlich alle so machten.
Die vier Wochen waren vorbei, in denen Henning einiges für Anne erledigt hatte. Er war zwar nicht aus der Welt, wenn man den Abstand von drei Büroräumen als Welt betrachten wollte, aber eben auch nicht mehr direkt gegenüber. Sie hatte in dieser Nähe die größte Chance für mehr als einen Flirt gesehen. Aber nicht einmal der war zustande gekommen. Schade, dass er so rein gar nichts für sie übrig gehabt hatte. Sie mochte ihn wirklich. Aber was nützte das, wenn er völlig andere Vorstellungen von einer Traumfrau hatte? Wie er sich die wohl vorstellte, ihre Art, ihr Aussehen? Vielleicht stand er ja auf Dicke. Dann würde sie aber ganz schön kräftig futtern müssen, vor allem Kalorienbomben, und mit dem Sport wäre auch Schluss.
Als sie am Schreibtisch über die Alternativen nachdachte, musste sie kurz auflachen, was Philipp Nimrod, den “Creativ Director” in ziemliches Erstaunen versetzte. Er hatte sie im Vorübergehen kurz beobachtet, wie sie zunächst in stoischer Ruhe fast trübsinnig auf die Schreibtischplatte gestarrt und dann plötzlich diesen Lacher ausgestoßen hatte. Aber die alternative Vorstellung war auch zu komisch: entweder sehr junge Hühner oder sehr alte. Da war dann schon rein gar nichts mehr zu machen. Auch der beste Maskenbildner würde kein sehr junges Huhn mehr aus ihr machen. Wenn er allerdings auf Alte stand, dann brauchte sie nichts weiter zu machen, als eben vierzig Jahre zu warten.
Sie war es bisher gewohnt, umgarnt, angebaggert und begehrt zu werden. Ihr war bisher nie in den Sinn gekommen, dass es auch anders sein könnte. Oder hatte sie das nur vergessen? Sie erinnerte sich an David aus der letzten Klasse. Sie mochte ihn unheimlich gern, aber sie hatte nie begreifen können, wie ein Mensch, und schon gar nicht ein männlicher, dermaßen schüchtern und verklemmt sein könne. Das war es! Extrem schüchtern und verklemmt! Die Botschaft von Flower-Power, freiem Leben und freier Liebe war entweder bei ihm nie angekommen, oder an ihm vorbei gezogen. Wenn das der ganze Grund war, so schien noch nichts verloren. Es würde nur eine Frage der Zeit sein. Sein Auftauen hatte dann ganz sicher mit Vertrautheit zu tun. Der Anfang war mit dieser Fete vom Samstag ja gemacht. Sie war immerhin in seiner Wohnung gewesen und hatte ihn obendrein in der peinlichen, grünen Schürze gesehen. Wenn das nichts war!
Einige Tage lang hatte Anne den sturen Knochen von Henning immer wieder ein paar Bürowände weiter aufgesucht, ihm hin und wieder eine Cola hingestellt und bei diesen Gelegenheiten auch nicht mit Lob über seine Kochkünste gespart. Er hatte sich freundlich bedankt und abgewiegelt, aber keine Geste von Zuneigung, geschweige denn mehr oder weniger beabsichtigte Berührungen.
Während einer Geschäftsreise zu der Präsentation bei einem Markenartikler hatte Anne genug Zeit, über sich, Henning und das Universum nachzudenken. Während an dem Bahnabteil die Landschaft vorbei raste und die Radreifen jeden einzelnen Schinenstoß meldeten, klärte sich Stück für Stück ihr verträumter Blick. So langsam wurden ihre Anbiederungsversuche peinlich. Weder eine rote Nase noch Unmengen von Körperhaaren würden ihr stehen; also sollte sie sich weder zum Clown noch zum Affen machen. Außerdem begannen sich ihre Aktionen abzuschleifen. Wenn man jemandem zum dritten Mal erzählt, wie toll sein Menü zusammengestellt war, dann reichte es. Irgendwann war Schluss mit lustig. Sie schwor sich, keine Anstrengungen bei Henning mehr zu unternehmen.
Als Anne wenige Tage später vor ihrem Texter-Mac saß und den hartnäckigen File-Error in seinen ganzen Pracht zwölf Minuten lang bewundert hatte, sprang sie auf. Sie schlenderte lustlos zu Henning hinüber und stellte sich eine Weile stumm neben ihn.
“Schade, dass du dich nicht mit einem Mac auskennst”, ließ sie beiläufig fallen. Sein Kopf war herumgeschossen:
“Wer sagt das?”
Oh, da schien sich ein wunder Punkt abzuzeichnen. Nach einer Denksekunde entspannte er sich und setzte lächelnd hinzu:
“Na ja, der richtige Profi bin ich nicht, aber das Eine und Andere kenne ich davon schon.”
Natürlich war er so nett, einen Blick auf den störrischen Mac zu werfen. Und Anne genoss es, dieses Duftgemisch aus Rasierschaum und Mandelblüte aus nächster Nähe zu riechen. Sie wusste gar nicht, ob Mandelblüte wirklich so roch, aber sie stellte es sich so vor. Eine alte Bauernregel besagte, dass Personen, die gut zueinander passen, sich gut “riechen” könnten. Dabei war nicht das verwendete Eau de Cologne sondern der körpereigene Grundgeruch gemeint, der bei jedem Menschen anders ausfällt. In diesem Augenblick befand Anne, dass sie hervorragend zusammenpassten. Das Schicksal würde nachgeben müssen.
Verflucht nochmal, warum stürzte dieser dämliche Mac nicht endlich wieder einmal ab? Tagelang hatte er seinen Dienst nun schon ordnungsgemäß absolviert und nichts war passiert. Sie schlug manchmal mit der flachen Hand gegen das Gerät, um einen Absturz zu provozieren. Sie versuchte mit dem Mauszeiger, oder “Körsa”, wie Henning das Teil genannt hatte, zwei Dateien gleichzeitig zu öffnen. Aber es gelang ihr einfach nicht. Schließlich hatte sie entnervt aufgegeben und war aufgesprungen. Bei Henning angekommen hatte sie fast klagend berichtet:
“Er läuft noch immer einwandfrei.”
Und Henning hatte kaum von seiner Schnipselarbeit aufgeblickt:
“Na, das ist doch sehr erfreulich...”
“Wollen wir nicht mal was zusammen unternehmen?” hatte sie unvermittelt gefragt.
Henning schien zu erstarren und stotterte, als er sich nach einem halben Jahrhundert zu einer Antwort durchgerungen hatte:
“Äh..., nun, mal sehen... passt im Moment schlecht... ich habe viel auf dem Zettel derzeit...”
Sie ließ ihm Zeit. Und obwohl sie wütend war, hielt sie sich im Griff. Sie hatte schon wieder viel zu viel von sich gegeben. Im Zug hatte ihre vernünftige Linke mit ihrer emotionalen Rechten eine Übereinkunft getroffen: Sie wollte weder die Körperhaare, noch die rote Nase. Und jetzt hatte sie diesen Deal schon wieder gebrochen. Der einzige Ausweg jetzt noch das Gesicht zu wahren, war ein überlegener Abgang.
“Ist auch nicht wichtig. War nur so ein Gedanke”, sagte sie betont gleichmütig und drehte sich abrupt um. Sie musste ihn kommen lassen, irgendwie.
Wenn jemand wie Henning auf ein eindeutiges Angebot so brüsk reagierte, konnte das nur bedeuten, dass er in festen Händen war. Und das auch noch mit Leib und Seele. Nie würde er seine Angebetete betrügen. Und der beste Schutz war sicher, jede drohende Verwicklung schon im Keim zu ersticken. Er wollte erst gar keinen Zweifel aufkommen lassen. Das zeugte doch von einer klaren Linie und war objektiv betrachtet auch ultra-fair.
Henning war ein ganz anderer Typ, als der etwas linkische aber amüsante Sonderling, mit dem sie am vergangenen Samstag am Reihersee gejoggt hatte. Es war nicht zu übersehen gewesen, dass er gern mit ihr angebändelt hätte. Sie würde kein Problem damit haben, zum Hörer zu greifen, bevor sie an langer Weile sterben würde. Seine Rufnummer hatte er einmal auf ihre Klönkiste gesprochen, und sie hatte sie sogar in ihr Adressbuch aufgenommen. Aber dieser Anruf wäre das allerletzte Mittel. Denn mehr, als sich ein bisschen über ihn lustig zu machen, wollte sie von ihm gewiss nicht. Dieser Pe ohne die drei Buchstaben bot so herrlich viel Angriffsfläche. Er war das geborene Opfer und spielte diese Rolle bewusst oder unbewusst hervorragend.
Ihr Leben war nicht gerade langweilig. Die Sonderaufgaben von Yano trugen ihren Teil dazu bei. Sie hatte einmal eine Affäre mit Philipp gehabt, bis Yano dahinter gekommen war, und es einen mörderischen Rabatz gegeben hatte. Eigentlich hatte sie selbst die Lawine losgetreten, als sie zunächst eine zweite Nebenfrau bemerkte. Sie hatte damals im Vorübergehend das Telefon an Philipps Platz abgenommen, und sofort begann eine Weiberstimme, ihr kleine Schweinereien ins Ohr zu flüstern. Es war klar, dass dies nicht seine Frau sein konnte. Und da sie sich ja nun mal nicht selbst angerufen hatte und von dieser Weiberstimme auch nicht gemeint war, blieben nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder verwählt, was ebenfalls höchst unwahrscheinlich war, oder...
Yano hatte ihr die Augen geöffnet. Er kannte Philipp seit Jahren und dazu auch viel besser als jeder andere hier. Yano hatte Philipp nicht umsonst zum Creativ Director gemacht, er war wirklich unschlagbar gut. Aber er hatte bei all seinen Frauengeschichten nie etwas mit einem Crewmitglied gehabt. Und das war es, was Yano damals ausrasten ließ. Er ließ Philipp gegenüber keinen Zweifel daran, dass man einen “verdammt guten Creativ Director” nicht einfach so fallen ließ, es aber bei einem zweiten Vorfall dieser Art kein Pardon geben würde.
Als sich abzeichnete, dass Philipp nicht nur ziemlich fest verheiratet war, sondern auch noch parallel so an die hundert Liebschaften pflegte, hatte sie Rache geschworen. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes eine Nummer gewesen, eine unter vielen. Und sie rangierte damals wahrscheinlich auf einem der hintersten Plätze. Das war es, was sie wirklich in Harnisch gebracht hatte. Sie würde ihm das irgendwann heimzahlen. Aber sie hatte Zeit. Es würde fürchterlich werden, ein blutiges Gemetzel sozusagen. Aber es musste auch der richtige Zeitpunkt sein, und der war noch immer nicht gekommen.
Während Anne abends in der Badewanne einhundert Liter Wasser mit Badesalz, Rosenduft und Schaum verunreinigte, kreisten ihre Gedanken zur Abwechselung mal wieder um diese noch ausstehende Rechnung. Sie verglich die beiden Typen Henning und Philipp und konnte nur den Kopf darüber schütteln, wie unterschiedlich die allesamt mißratenen Exemplare von Männern doch waren. Auch auf den Schreiberling vom Samstag passte kein Standard. Es gab so viele Schubladen, aber es war schon erstaunlich, wieviele man im Laufe der Zeit noch hinzufügen musste. So groß war keine Kommode! Wie konnte sie Rache nehmen an Philipp? Fachlich war er zu gut, um ihm ans Zeug flicken zu können. Seine Affären außerhalb waren bekannt und wurden offensichtlich toleriert. Es war ja schließlich auch seine Privatangelegenheit, solange es keine Auswirkungen auf die Agentur hatte. Und was war mit “Henny”? Sie würde ihn wohl auf “Henning” zurückstufen müssen. Ehrlich, brav und treu? Sie hatte nie daran geglaubt, dass diese Schublade der Männerwelt mit Inhalt zu füllen sein würde. Aber jetzt schien es fast so.
Gemäß ihrer Wette mit sich selbst sollte Henning sie ja innerhalb von zwei Tagen angebaggert haben. Die Tatsache, dass sie diese Wette so haushoch verloren hatte, wütete von Zeit zu Zeit in ihrem kleinen Kopf. Nach einem solchen Anfall folgte stets der Zustand einer gewissen Erschöpfung. Manchmal wurde dieser von einer Trotzreaktion abgelöst, die nicht viel mit geplantem und durch den Intellekt bestimmtes Handeln zu tun hatte. Es war die nackte Emotion. Ein Tribut, den sie an ihre doch sonst so kontrollierte Handlungsweise zahlte. Sie erlaubte sich einfach mal ein gesteuertes Loslassen. So wie an diesem Abend, als sie, in einen knallroten Bademantel gewickelt, zum Hörer griff.
Ich hatte sie noch nach dem vorübergehend gesperrten Telefonanschluss fragen wollen, war aber angesichts des Verlaufes unserer Begegnung am See nicht mehr dazu gekommen. Falls sie unter Geldknappheit litt, ich hätte ihr ohne zu zögern unter die Arme gegriffen.
Einem Engel unter die Arme greifen? Durfte man das? Ich musste lachen bei diesem Gedanken. Aber mal ehrlich, stellen Sie sich das einmal vor! Sie stehen hinter so einem Engel, umfassen ihn einigermaßen zärtlich bis sie zufällig, oder auch nicht, diese wunderbar geformten Titten in den Händen spüren. Nein, das durfte man natürlich nicht. Ich meine, die wunderbar geformten Brüste eines gar lieblichen Engels mit diesem frivolen Begriff belegen, wobei man noch nicht einmal sicher sein konnte, ob ein Engel tatsächlich so etwas hatte, Titten. Wenn man an die formalisierte Darstellung im weißen Nachthemd dachte..., sie wissen schon, extrem weite Ärmel, die von den gefalteten Händen bis auf die Knie hängen, ein verklärter Blick entweder nach innen oder schräg nach oben in Richtung Heiligenschein. Und dann diese unheimlich beknackten, überdimensionalen, gefiederten Schwingen, die immer aussahen, als hätte ein Schwanen-Opa dafür herhalten müssen. Konnte so eine magersüchtige Figur so etwas wie Brüste haben, von richtigen Titten ganz zu schweigen?
Mir fielen auch noch jene meisterhaften Bildnisse von Michelangelo ein. Das waren doch pummelige, gefiederte Kinderchen und eher was für Pädophile! Nein, nein, ein gestandener Engel, das war schon etwas anderes. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie mein Favoriten-Engel, die liebliche Lichtgestalt, wirklich gebaut war. Natürlich hatte ich sie mir angesehen, genau beäugt. In Manzonis Beschreibung kam die Hügelregion auch nicht vor. Verdammt nochmal, ich war sicher, dass alles dran war, was dran sein musste. Aber genauer konnte ich mich einfach nicht erinnern.
Es lag sicher an ihrem Charme, der alles überstrahlte. Und der mir auch viel wichtiger war, wenn ich genauer darüber nachdachte. Ich stellte mir die Frage, ob es einen Unterschied für mich machte, ob ihr engstes T-Shirt eher ein männliches oder doch ein weibliches Profil abgeben würde. Ich kam zu dem Ergebnis, ein weibliches wäre schon ganz schön. Alleine schon, um jegliche Zweifel an der Geschlechtszugehörigkeit zu vermeiden. Aber auch wenn es anders wäre, ich würde sie ohne auch nur einen Millimeter Abstriche hinzunehmen genau so vergöttern!
Sie hatte mir alles verboten, was sich aufgedrängt hätte: Anrufe, Fleurop-Blumen, unangemeldete Besuche. Briefe hatte sie nicht ausdrücklich erwähnt, aber es war klar, dass auch die schriftliche Form der Annäherung gemeint war. Auf der anderen Seite konnte ich mich guten Gewissens darüber hinweg setzen. Hätte sie ihre Liste doch vervollständigen sollen, oder etwa nicht? Diese kleine Schlamperei ließ also einen Spielraum. Ein Brief hatte den Vorteil, dass man sehr genau an dem Text feilen konnte, notfalls monatelang. Das war ich schließlich gewohnt, es war mein Job. Aber er hatte auch zwei entscheidende Nachteile. Man wusste nie, in welcher Laune der Empfänger war, wenn dieses brillante, geschliffene Dokument ihn erreichte. Eine unmittelbare Reaktion, eine Änderung der Taktik, war nicht möglich. Ein Brief war, wie er war. Punkt um. Und das war der zweite Nachteil, dass man die brutale schriftliche Form nicht rückgängig machen konnte. Das war noch schlimmer, als mit dem besprochenen Anrufbeantworter, den man nur im Zuge eines Einbruchs hätte löschen können. Ein Text verankerte sich viel tiefer, und man konnte ihn wunderbar der besten Freundin zeigen, um sich dann vor Lachen gemeinsam auf dem Boden zu wälzen.
Nein, ein Brief war nicht die optimale Lösung. Während ich noch über ein Entkommen aus diesem Dilemma nachdachte, gab das Telefon Lärm von sich. Das Klingeln kam mir bekannt vor. Es war ein besonderes Klingeln. Vielleicht das eines Verlegers.
“Ich wollte nur mal schnell loswerden, dass...”
Das hätte durchaus ein Verleger sein können, aber die volle, warme Stimme mit den dezenten, einzigartigen Schwingungen schickte sofort meine Pumpe auf einen Hundert-Meter-Lauf im Hochgebirge. Ich spürte, wie Schweißperlen durch die mikrofeinen Öffnungen meiner Haut quollen und hoffte inständig, dass sie am anderen Ende der Leitung weder den unangenehmen Geruch noch die herabfallenden Tropfen bemerken würde.
“...es mir irgendwie leid tut. Pe.”
Sie machte eine Pause. Entweder konnte ich jetzt einen Lappen gegen die Schweißpfütze unter meinem Arbeitsstuhl holen, oder besser die Initiative ergreifen. Ich entschied mich für Letzteres.
“Dass Euer Lieblichkeit am See so schnell verschwunden war, während ich noch auf den Notarztwagen mit der Sauerstoffmaske wartete?”
Vielleicht klang ich jetzt zu frech, aber gesagt war gesagt.
Ich hörte sie förmlich lächeln, der Klang der Stimme veränderte sich mit dem breiter werdenden Mund. Ob auch das Grübchen einen Einfluss ausübte?
“Nächstes Mal bringe ich eine Sauerstoffflasche mit”, besänftigte sie mich. “Aber das meinte ich nicht. Ich denke da eher an die Elektrische, die bei mir immer einwandfrei funktioniert hat.”
“Immer?”
“Na ja, fast immer. Macht sie dir häufig Schwierigkeiten?”
“Nur jeden zweiten Satz, aber ich hab mich daran gewöhnt.”
Ich versuchte das Problem herunter zu spielen, obwohl mich die Sache schon ärgerte. Es leuchtete mir ja sogar ein, dass sie mich nicht so besonders leiden konnte. Die Maschine, meine ich. Also wenn ich eine elektrische Schreibmaschine gewesen wäre, mit einem schönen zu Hause, einer gar lieblichen, klugen und geistreichen Besitzerin, und wäre dann zu einem zwar begabten, aber eben nur zweitrangigen Schreiberling zwangsversetzt worden, wie, glauben Sie, hätte ich meinen Unmut dann geäußert? Ich hätte mich sicher auch verweigert und bei schlechter Behandlung wahrscheinlich auch auf seine wertvollsten Unterlagen gepinkelt.
“Die Maschine kann mich eben nicht leiden”, legte ich dem unvergleichlichen Engel mit der Glockenstimme dar, “und das kann ich ihr nicht einmal verübeln. Wenn ich sie wäre, dann würde ich auch lieber bei Euer Lieblichkeit wohnen, als hier.”
Ich hatte keine Ahnung, warum ich sie wieder in der dritten Person anredete. Sie war für mich nach wie vor unnahbar. Ich drückte damit so etwas wie Respekt aus. Respekt wovor? Ich konnte es mir nicht erklären, es war ein Gefühl.
Sie lachte wieder ihr Glockenlachen:
“Ach, das ist doch Unsinn!”
“Das sehe ich aber ganz anders”, konterte ich mutig, “Ich bin überzeugt davon, dass sie einwandfrei arbeitet, wenn...”
An dieser Stelle kam ich ins Stocken. Es lag einfach an dem zwangsläufigen Du. Aber ich fing mich:
“...wenn du ihr wieder einen Text zumuten würdest.”
“An diesen Quatsch glaube ich nicht”, meinte sie eine Spur sachlicher, “aber wir können das natürlich ausprobieren.”
Wir konnten das ausprobieren? Ich war sprachlos. An eine solche Wendung hätte ich nie geglaubt. So etwas hätte mir in meinen Texten mal einfallen sollen! Ehe ich das Glück eines Wiedersehens auch nur ansatzweise verarbeitet hatte, legte sie nach:
“ Also eigentlich bin ich todmüde, aber der Morgen graut ja auch noch nicht. Wo wohnst du eigentlich, Pe?”
Mein Herz begann wieder zu rasen. Wollte sie etwa in meine kleine, enge Wohnung kommen? Jetzt, sofort auf der Stelle? Was müsste ich da alles machen? Waschen, bügeln, Kleidungsstücke wegräumen, den Staub von den Möbeln lecken..., ich weiß nicht was noch alles! Der Abwasch, oh Gott, der Abwasch!
“Bist du noch da?” hörte ich sie fragen.
“Ja, ja”, sagte ich hastig. Ich durfte das nicht versauen. Nicht schon wieder. Und wenn sie jetzt hierher kommen wollte, so musste es eben jetzt und auf der Stelle sein. Jeder Widerspruch war unangebracht, verletzend, tödlich. Ich stotterte meine Adresse, als hätte ich sie noch nie in meinem Leben nennen müssen. Was machte das bloß wieder für einen Eindruck, Herrschaften!
Sie hatte Straße und Hausnummer wiederholt und sogar den vierten Stock behalten. Und sie wollte sich unverzüglich ins Auto schwingen. Hätte ich gewusst, dass sie noch ein knallroter Bademantel einhüllte, wäre ich nicht in diese Panik ausgebrochen. Obwohl ich tausend Dinge zu erledigen hatte, war ich wie gelähmt. Paralysiert stand ich da, den Hörer in der Hand und ein paar Gehirnwindungen liefen heiß, als ich die Prioritäten überdachte. Was musste unbedingt als erstes gemacht werden?
Als sich die Schock-Verkrampfung löste, tobte ich los wie ein Orkan. Es war nur zu schaffen, wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig erledigte. Was jeder vielleicht einmal gedacht haben mag, aber sich wirklich nie zu tun getraute, ich nahm es der Not gehorchend in Angriff. Ich warf das dreckige Geschirr in einen Waschkorb und stellte ihn unter die Dusche. Der härteste Strahl der möglich war und mir normalerweise die Haut vom Körper gerissen hätte, rettete mich vor der größten Blamage. Ein Berg schmutzigen Geschirrs war das Peinlichste, was ich mir in einer ordentlich geführten Junggesellenbude vorstellen konnte. Das war es eben, nämlich keine ordentlich geführte. Und deshalb musste ich jetzt von einer Ecke in die andere hasten.
Während ich den laufenden Fön auf dem Klodeckel neben dem in der engen Dusche stehenden Wäschekorb platzierte, dachte ich panisch über die nächsten Schritte nach. Was war mit den Möbeln? Ach, die waren egal. Hauptsache, das Geschirr trocknete rasch, damit ich notfalls ein sauberes Glas für einen Orangensaft parat hätte. Die herumliegenden Kleidungsstücke verursachten den schlimmsten Störfaktor im Gesamtbild.
Sie würden mir jetzt wohl nicht glauben, wenn ich ihnen weißzumachen versuchte, dass dies ein absoluter Ausnahmezustand in meiner Wohnung war? Dass ich sonst immer alles pikobello in Ordnung hielt? Was auch immer Sie von meinem Ordnungssinn halten, ich war sicher, dass ich darin etwas abgerutscht war, seit ich der engelgleichen Lichtgestalt begegnet war. Ich schob es auf eine Art Frust, hatte aber eigentlich gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich knüllte die textilen Fetzen zusammen und drückte sie hastig in die vorhandenen Schränke und Abseiten, wo sich auch nur ein Hauch Platz fand.
Die Fragmente meiner Studien und Arbeiten waren auch problematisch. Hier ging es schließlich nicht nur darum, dass man zerknülltes Papier später mit einem Bügeleisen schlecht wieder in den Urzustand zurück verwandeln konnte. Auch die eminent wichtige Frage der systematischen Sortierung war zu beachten. Ich tobte wie ein Sommergewitter im Zenit einer Hitzeperiode.
Als der Ruf der Eule erklang, raste ich schweißgebadet zur Wohnungstür. Noch bevor ich sie erreicht hatte, wurde dagegen gehämmert:
“Aufmachen, Polizei!”
Ich bremste mit quietschenden Sohlen und hatte Mühe, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und gegen das Türblatt zu fallen. Ich verfluchte es, noch immer keinen Türspion eingebaut zu haben. Sie kennen doch diese kleinen Gucklöcher, mit deren Hilfe man Besucher vor der Tür ansehen kann, obwohl man sie noch gar nicht geöffnet hat. Auch wenn die Personen durch die Linse etwas verzerrt und surreal erschienen, ich hätte bestimmt feststellen können, ob die Beamten eher freundlich aussahen, oder ob die GSG-9-Truppe in schusssicheren Westen, mit Sturmgewehr und Blendgranaten vor der Tür stand.
Eigentlich war ich mir keiner Schuld bewusst. Aber reichte nicht die Zusammenkunft mit einer Agentin eines fremden Geheimdienstes? Und in dieser Notsituation fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Die Lichtgestalt war gar nicht beim Geheimdienst. Dass ich nicht eher darauf gekommen war! In geheimer Mission konnte ja auch ganz etwas anderes bedeuten. Sie war eine Killerin der Mafia, und das war noch viel schlimmer! Ich war überwacht worden, kein Zweifel. Sie hatten mein Telefon angezapft. Wieviel Jahre gab es für Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung? Ich war verzweifelt.
Es hatte gar keinen Sinn, an Flucht zu denken. Die Jagd über Dächer sah im Fernsehen immer so einfach aus. Ich würde nicht die geringste Chance haben. Nicht einmal, wenn ich schwindelfrei gewesen wäre! Wenn so an die Tür gepocht wurde, dann war bereits alles umstellt. In diesem Moment hatte der Einsatzleiter längst überprüft, ob alle Positionen besetzt waren, die Spezialgewehre mit Zielfernrohr zum Fangschuss bereit im Anschlag.
“Machen Sie auf! Öffnen Sie, sonst treten wir die Tür ein!” Die Stimme klang merkwürdig rauh. Oh Gott, was sollten bloß die Nachbarn sagen? Ich konnte jetzt nur aufgeben.
Als ich die Tür öffnete, bog sich dieses Weibstück vor Lachen. Sie hatte die Stimme verstellt und kriegte sich gar nicht wieder ein. Sie prustete und beugte sich schließlich über das Geländer hinweg ins Treppenhaus, um nach unten zu rufen: “Es ist nichts weiter. War nur ein Scherz. Entschuldigen Sie den Lärm, bitte!”
Ich hatte keine Ahnung, wie die Nachbarn das wohl aufgefasst haben könnten. Nur sollte ich vielleicht ernsthaft über einen Umzug in der nächsten Zeit nachdenken. Bestimmt würde mich Oma Grabowski darauf ansprechen, sobald sie mich in die Finger bekäme.
Dann wandte sich die Lichtgestalt, dieser teuflische Engel, wieder mir zu:
“Entschuldige, ich konnte einfach nicht anders.”
Sie fing erst an zu glucksen und brach dann wieder in Lachen aus.
“Wie kommt man nur auf so etwas?” knurrte ich und gab wütend den Weg in die Wohnung frei. Ich hatte zwar noch den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht, ob ich eine Mafia-Killerin überhaupt herein lassen sollte, aber angesichts dieses üblen Scherzes und meiner nicht zu versteckenden Zuneigung, konnte ich nichts anderes machen. Vor allen Dingen musste sie so schnell wie möglich aus dem halböffentlichen Treppenhaus heraus.
Als sie sich an mir vorbei drückte, erklärte sie:
“Als der Klingelknopf nur so ein merkwürdiges Geräusch hergab, dachte ich, er wär defekt. Und als ich gegen die Tür trommelte, hatte ich den Einfall mit der Polizei. Und ich konnte mich einfach nicht bremsen... Man, ist das warm hier!”
Du meine Güte, der Fön! Ich raste an ihr vorbei und rettete das Geschirr vor dem Hitzetod. Die Dimensionen der Wohnung ließen es nicht zu, dass ich die Tellerwäsche unter der Dusche verheimlichen konnte. Der Wäschekorb war zu groß, als dass ich ihn hinter dem Rücken verstecken konnte. Ich versuchte es zwar so unauffällig wie möglich, aber versuchen Sie mal, eine ausgewachsene Giraffe durch den Zoll zu schmuggeln! Peinlich, das Ganze. Aber was sollte ich machen? Immerhin hatte ich jetzt ein paar halbwegs saubere Gläser.
“Ist deine Klingel kaputt?” fragte die Lichtgestalt. Unsicher blickte ich mich um, um festzustellen, dass nicht irgendwo ein Kleidungsfetzen unter einer Schranktür hindurch lugte, während ich so nebenbei antwortete:
“Nö, die klingt immer so. Das ist der Ruf der Eule.”
Als sie mit einem “Darf ich noch mal?” zur Wohnungstür zurückschlenderte, um nochmals diesen Klingelknopf zu betätigen, gab mir dies die Gelegenheit, einen Teil des brauchbaren Geschirrs in der Küchenecke bereit zu stellen, und den Rest schnell zwischen Arbeitsplatte und Waschmaschinendeckel zu schieben.
Sie war begeistert von der Eule:
“So eine möchte ich auch haben!”
“Hat mein Freund Bulle gebastelt”, gab ich zurück und lud sie mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.
Ich brauchte eine Weile, um mich nach dem Stress und diesem Überfall wieder zu beruhigen, während die Lichtgestalt sich noch immer köstlich zu amüsieren schien.
Sie wollte mir wahrscheinlich etwas Zeit geben und fragte während sie die Sommerjacke achtlos neben meinem einzigen Sessel fallen ließ:
“Du hast bestimmt Muskelkater nach dem kleinen Ausflug am See gehabt, oder?”
“Nicht nur das”, gab ich kleinlaut zu, “auch entzündete Bronchien, Wasser in den Knien und Lungenentzündung.”
Sie lachte wieder ihr schönstes Glockenlachen.
“Nun mach´s mal halb lang!”
Sie war eine tolle Frau, ohne Frage, die schlanken, braun gebrannten Beine, die aus der weißen Dreiviertel-Jeans herausragten, die gekreuzten Arme und... Mir fiel ein, dass ich auf etwas Bestimmtes noch genauer achten wollte. Ich wagte gar nicht hinzusehen. Und eigentlich war ich sogar froh, dass sie ihre Arme davor gekreuzt hatte. Es gehörte sich nicht, die Intimsphäre eines Engels zu beobachten!
Nachdem ich wortlos einen Orangensaft in ihre Reichweite geschoben hatte, sah sie mich fragend an:
“Hatte ich den bestellt?”
Ich blickte in ihre dunkle Augen und hob entschuldigend die Schultern:
“Ich hab dich nicht gefragt. Hätte ich es getan, hättest du womöglich einen Whisky haben wollen. Da ich den nicht habe, hätte das dumm ausgesehen und mir wertvolle Punkte gekostet. Also habe ich gar nicht erst gefragt.”
Die Lichtgestalt nickte zweimal und schien nachzudenken. Dann sagte sie leise:
“Genau nach Orangensaft war mir jetzt.”
“Na, bitte!” triumphierte ich.
Sie nahm einen Schluck ohne einen Geruchstest, ob ich ihr vielleicht Gift hineingeschüttet hätte. Das hätte ich von einer professionellen Mafia-Killerin erwartet. Aber vielleicht war sie ja gar nicht so professionell. Eher eine Hobby-Killerin?
“Schmeckt gut, das Gift”, meinte sie.
“Na ja, gut gekühlt”, antwortete ich und fühlte mich in meiner Gedankenwelt ertappt.
“Ich würde dir mit Geld aushelfen, falls du welches brauchst.”
Jetzt war es heraus. Mutig hatte ich es einfach so in den Raum geschleudert.
“Was glaubst du eigentlich, was so ein Profi-Killer verdient?” fragte sie lachend.
Ich winkte ab. Natürlich war sie kein Profi-Killer. Nie im Leben hätte sie sonst solche Scherze von sich gegeben.
“Du arbeitest nicht für den Geheimdienst.” Stellte ich trocken fest.
“Natürlich nicht!” sie lachte wieder.
“Vielleicht für die Mafia?”
Sie öffnete den Mund zu einem breiten Grinsen. Ich sah sie gerne lächeln, natürlich, aber das war ein Grinsen:
“Oh, darauf bin ich noch gar nicht gekommen! Keine schlechte Idee, Schreiberling.”
Dass sie mich Schreiberling nannte, wurmte mich.
“Aber wie kommst du darauf, dass ich Geld brauche, Pe?” wollte sie wissen.
“Nun, wenn einem das Telefon abgeklemmt wird, dann doch sicher, weil man seine Rechnungen nicht bezahlt hat.”
Sie schüttelte heftig den Kopf:
“Ganz falsch! Ich erklär´s dir. Da hat mich in der letzten Zeit irgend so ein kranker Macho mit Schweinereien am Telefon genervt. Also hab ich zwei Wochen lang den Draht abhängen lassen.”
“Ich war´s nicht!” sagte ich.
Zu meinem Entzücken lachte sie schon wieder, wenn auch nur etwas verhalten:
“Ist klar. Die Post war es.”
“Wieso die Post?” fragte ich verblüfft.
“Die Post hat den Draht abgeklemmt. Weil ich das schließlich wollte.”
Ach ja, wieder einer ihrer bewußten Verdrehungen.
“Nein, ich meine, ich war das nicht mit den Schweinereien.”
Sie verdrehte die Augen:
“Das weiß ich auch, Pe! Hätte deine Stimme erkannt. Bestimmt.”
“Hat es wenigstens genutzt?”
“Das Abstellen?” sie nickte mit dem Kopf, “Hat sich bisher nicht wieder gemeldet.”
Nun, die Sache mit dem abgestellten Telefon war also geklärt.
“Was ist mit der geheimen Mission?” wollte ich wissen.
Ihr nicht enden wollender Lachanfall ließ sie die Kontrolle über das Glas verlieren. Sie verschüttete die Hälfte des O-Saftes über den ältesten Teppich des Viertels. Als sie sich halbwegs beruhigt hatte, und Sie können sicher sein, dass ich ein halbes Kochbuch in der Zwischenzeit hätte schreiben können, legte sie die Handflächen aneinander:
“Entschuldige..., entschuldige. Ich gebe zu..., und ich bereue.”
Ich konnte sehen, dass sie nichts, aber auch gar nichts wirklich bereute. Es war eine rhetorische Entschuldigung ohne Inhalt. Ich wusste nicht einmal, wofür. Fragen wollte ich auch nicht, der Ball lag bei ihr. Sie würde sich jetzt erklären müssen.
“Weißt du, damals im Café animierte mich die Situation dazu, dir einfach ein paar Brocken hinzuwerfen. Du hast da etwas hinein phantasiert, was nie existierte.”
Ich war entrüstet:
“Ich? Ich habe etwas hinein phantasiert? Wer hat denn von dem Agenten gesprochen?”
“Du hast einen Geheimagenten daraus gemacht. Obwohl es genau so gut ein Versicherungs- oder Sportagent hätte sein können.”
Auf Sportagent war ich noch gar nicht gekommen, ich hatte eher an eine Künstleragentur gedacht.
“Du hattest von geheimer Mission gesprochen!” warf ich ein.
Sie nickte treuherzig:
“Natürlich. Davon gibt es etliche Varianten. Das muss doch aber nicht immer gleich ein Geheimdienst sein, oder sogar die Mafia.”
Aha, also ich war selbst schuld. Klar. Sie schob es mir in die Schuhe, obwohl sie mich verarscht hatte, da konnte ich jetzt sicherer sein denn je.
Ihr Schweigen gab mir Gelegenheit, einen Schwamm aus Küchenecke zu holen, um die paar Liter Orangensaft aus dem Teppich zu saugen. Ich gestehe, dass ein hundsgemeiner Rachegedanke mir in der Küchenecke den Floh ins Ohr setzte, den Schwamm über einem Glas auszuwringen und...
Nein, dagegen verwahre ich mich. Solche Gedanken waren meiner unwürdig. Die waren eher einem teuflischen Engel wie diesem da zuzutrauen. Ein Blick in ihre Richtung gab das Bild auf einen unschuldig lächelnden Engel frei, der den kümmerlichen Rest des O-Saftes aus dem Glas lutschte.
“Möchtest du noch ein Glas?” fragte ich und hatte einige Mühe, den noch einmal aufkeimenden Rachegedanken endgültig zu unterdrücken.
“Eigentlich bin ich wegen der Schreibmaschine hier”, entgegnete sie.
Ich widersprach:
“Quark, in Wirklichkeit bist du hier, um mich kennenzulernen.”
“Oh, überhebliche Kreatur, die wir dich Mann getauft haben!”
“Amen”, warf ich ein, obwohl mir dieser Satz zweifellos gefiel. Ich sollte ihn bei Gelegenheit aufschreiben, wobei ich einfach Mann durch Frau ersetzen würde.
“Hör mal, Pe. Du musst damit leben, du bist einfach nicht mein Typ, klaro?”
Nicht ihr Typ? Da könnte sie nun wirklich Recht haben.
“Wer ist denn dein Typ?”
“Das geht dich nichts an!”
Das stimmte ja auch wieder. Es ging mich wirklich nichts an. Aber Gedanken durfte man sich darüber doch schließlich machen, so im stillen Kämmerlein, oder etwa nicht?
“Du meinst also”, fuhr die Lieblichkeit fort, “dass die Maschine keine Mucken macht, wenn ich sie benutzte, während sie streikt, wenn du...”
Ich nickte heftig mit verkniffenen Lippen. Sie stellte das Glas ab, setzte sich an den überquellenden Schreibtisch und hämmerte auch schon in die Tasten.
Sie schrieb und schrieb.
Ich blickte ihr über die Schulter und las, was sie geschrieben hatte: “afvlknasoi ihahv uifgn#äömb ojsnblkny ofdnlk lkaön ohd iakldnv ikhdsvh asdvioiadsv ijavln jalkmvölm ...”
“Was soll denn das sein?” fragte ich sie. “Ich denke du bist Texterin?”
“Blindtext”, knurrte sie, und nach einer Weile:
“Wozu soll ich mir etwas Sinnvolles ausdenken, wenn es doch nur darum geht, die Funktionen der Maschine zu überprüfen?”
“Aber was ist, wenn sie auf den geschriebenen Text reagiert?”
“Du meinst einen Text, der ihr nicht behagt, und den sie dann mit Verweigerung bestraft?”
“Genau.”
“So ein Quatsch.”
Sie drosch weiter auf die Tasten ein, dass es nur so funkte. Plötzlich hielt sie inne:
“Was für ein Text könnte das denn sein?”
Ich überlegte kurz, bis mir der zündende Gedanke kam. Wenn meine Vermutung stimmte, dann müsste sie verweigern...
“Ich könnte mir das vorstellen bei einem Text wie >Anne Schröder ist ein beknackter, dämlicher Typ, der die Männer dieser Welt nach Strich und Faden verarscht...<“
Sie schrieb:
“Anne Schröder ist ein beknackter, dämlicher...”
Als sie den Satz wie von mir vorgegeben beendet hatte, verfiel sie wieder in Blindtext. Als die Seite voll war, und das ging bei ihr rasend schnell, machte sie sich gar nicht erst die Mühe, ein frisches Blatt Papier zu suchen. Sie spannte es einfach erneut ein und hämmerte weiter.
Sie hielt inne und grinste mich triumphierend an:
“Na, war wohl nichts mit dem Text?”
Ich zuckte die Schultern:
“Ich dachte, sie mag dich.”
Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht:
“Ich sag dir was, ich heiße nicht Schröder.”
“Kann ich doch nicht wissen”, murrte ich, “Dann ist das ja auch kein Wunder. Sie weiß, dass du nicht gemeint bist. Wie heißt du denn?”
Sie sagte nichts, sondern trommelte erneut Buchstaben über die schon vorhandenen. Mit etwas Mühe entzifferte ich:
“Anne Schneider ist ein beknackter, dämlicher...”
Ich dachte kurz darüber nach, dass Anne Schneider wirklich wie ein ganz profaner Deckname klang. Aber dieses Thema hatte sich ja nun auch erledigt.
Von dem häufigen Wenden und Neueinspannen des Blattes war das Papier schon wellig und aus der Form geraten. Außerdem konnte man ohnehin nichts mehr entziffern, was bei Blindtext aber auch nicht weiter störte.
Ich spendierte ein neues Blatt Papier. Sie erhob sich achselzuckend von meinem Arbeitsstuhl und machte eine einladende Handbewegung.
Ich setzte mich und verschränkte die Hände. Mit geschlossenen Augen drehte ich die Handflächen nach außen und die Arme nach vorne, gerade so, wie sich ein Pianist unmittelbar vor seinem Konzert vorbereitet.
“Sehr eindrucksvoll!” meinte der teuflische Engel sarkastisch und nickte anerkennend mit dem Kopf, die Unterlippe vorgeschoben.
Ich begann:
“Anne Schneider ist ein beknackter, dämlicher Typ...”
Und dann sprang ich triumphierend auf. Ich hüpfte wie ein Känguruh auf dem einzig wirklich freien Quadratmeter in der Zimmermitte und brüllte wie ein Indianer mit Nagelbettentzündung:
“Ich hab´s doch gesagt, ich hab´s doch gesagt!”
Sie, die unfehlbare, überlegene Lichtgestalt, stand etwas verdutzt da, blickte zwischen Schreibmaschine und dem kranken Indianer hin und her und schüttelte in Zeitlupe den Kopf.
Nachdem ich den Teppich durchgetanzt hatte, verschränkte sie die Arme, legte den Kopf schief und demonstrierte wieder Überlegenheit.
Ich hielt in meinem Kriegstanz inne. Sie sagte langsam:
“Zu-fall!”
Dann hob sie ihre weiße Sommerjacke vom Boden auf und war auch schon an der Haustür. Ich startete durch, verfing mich im Teppich, strauchelte, ein Glas zerschellte am Boden.
“Wo willst du hin? Warte!”
“Zufall!” rief sie noch einmal, bevor sie die Tür von außen zuzog.
Als ich mich endlich aufgerappelt und das Treppenhaus erreicht hatte, war sie schon fast unten. Deprimiert hörte ich wenig später die Haustür ins Schloss fallen und dann das typische Aufheulen einer Ente.
Das passte zu ihr, dieses Kultvehikel, der 2CV, mit den zwölf PS. Ein Gefährt, das nur vom jeweiligen Besitzer manchmal versehentlich Auto genannt wurde. Alle anderen damals noch fünf-komma-acht Millionen Menschen sagten “überdachter Gartenstuhl”, “Kiste”, “Blechhaufen” oder eben “Ente” dazu. Und so sah es ja auch aus, das Gefährt. Mit gelben und schwarzen Streifen würde sie heute an die berühmte Tigerente von Janosch erinnern. Ja, diese Kiste passte zu diesem teuflischen Engel.
Ich war entsetzt darüber, dass die Lichtgestalt mal wieder so schnell verschwunden war, und ich keine Chance zu einer weiteren Verabredung gehabt hatte. Wie schaffte sie es nur, dass ich ständig das Gefühl hatte, verloren zu haben. Obwohl ich doch gerade die Richtigkeit meiner Vermutung bewiesen hatte. Aber sie tat das als Zufall ab. Natürlich, man konnte das so sehen, wenn man wollte. Aber die Häufung dieser “Zufälle”, das konnte doch unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Diese Häufung würde sie ebenfalls bestreiten. Im Geiste hörte ich sie davon reden, dass “Cluster doch durchaus als normale Häufungen bekannt wären” oder so ähnlich. Nein, sie konnte nicht verlieren. Und wenn es dann doch so war, so würde sie es nie zugeben. Sie verlor nicht, egal was da käme. Und genau das war ihre Stärke.
Die neuen Macs hatten sich ganz gut eingeführt. Sie stürzten nie ab, wenn man es sich wünschte, dagegen immer, wenn man es partout nicht gebrauchen konnte. Aber wer wünschte sich außer ihr schon einen Mac-Absturz? Außerdem hatten diese Computer-Kontakte mit Henning ja auch nichts gebracht. Sie wartete nur auf den Tag, an dem er eine Einladung an alle Kollegen zum Polterabend herumreichte. Sie würde nicht hingehen.
Manchmal dachte sie an den linkischen Schreiberling. Es war schon fast rührend, wie er sie verehrte und dabei aus Versehen Autos zu Schrott fuhr, sich mit seiner mangelnden Fitness ruinierte, in einem Loch von Wohnung hauste und das Geschirr unter der Dusche zu waschen schien. Am rührendsten aber war seine Naivität, die schon fast Mutterinstinkte wachrief. Ohne eine führende Hand würde er kaum durchs Leben kommen. Die Agentengeschichte war schon zu komisch. Und sein erschrecktes Gesicht während ihres Polizeieinsatzes hätte einen Ehrenplatz im Wachsfigurenkabinett der Madam Tussaud verdient. Er schien ernsthaft verunsichert gewesen zu sein.
Sie hatte ja etwas den Vorhang gelüftet, mehr aber auch nicht. Dass er nicht ihr Typ war, hatte sie deutlich ausgesprochen. Sie hatte an jenem Abend aber verschwiegen, dass sie dieses geheimnisvolle Agenten-Bild bewusst entworfen hatte, um seine Annäherung jederzeit und ohne viel Aufwand abblocken zu können. Es war ein genialer Schachzug gewesen, der sich durch ihren geschäftlichen Termin im Café ergeben hatte. Was hatte sie denn schon groß erzählt? Das Wort “Agent” hatte sie fallen lassen und die Wendung “in geheimer Mission”. Das war alles. Den Rest hatte er mit seiner übersteigerten Phantasie besorgt.
In gewisser Weise hatte er sie provoziert, indem er auf diese Agentennummer so bereitwillig hereingefallen war. Eine Zeitlang hatte sie sogar darüber nachgedacht, ob er vielleicht den Spieß umgedreht und ihr den Gläubigen vorgespielt hatte. Zum Beispiel am See, als er vorgab, sich für den Geheimdienst zu interessieren. Das roch nach einer Riesenverarschung. Sie hatte es zwar so hingedreht, als ob er sich das alles eingebildet hätte. Aber es war natürlich nicht seine Schuld gewesen. Sie hätte das Spielchen noch wesentlich stärker angeheizt, wenn er skeptischer gewesen wäre. Da war sie sich ganz sicher. Der Reiz war einfach zu groß.
Die Show dieser Schreibmaschine war schon merkwürdig. Das gute Stück hatte sie lange treu begleitet, aber eine Seele hatte sie nie darin entdeckt. Das war auch nicht logisch, ein völlig absurder Gedanke. Aber jedes Mal, wenn der Mac Zicken machte, überlegte sie unwillkürlich, ob sie ihn zuvor nicht mit irgend etwas gekränkt haben konnte, schlecht behandelt, vernachlässigt. Hatte die Macke dieses Schreiberlings sie schon angefressen? So etwas durfte nicht abfärben. Es war mit Sicherheit reiner Unsinn.
Die Sonderaufgaben von Yano hatten leicht zugenommen. Es war Saison. Herbstsaison, in der alte Etats verteidigt, neue hinzu gewonnen werden mussten. Das war gar nicht so einfach und erforderte einige Phantasie, denn es wurde mit Haken und Ösen gekämpft. Henning gefiel ihr noch immer, aber was sollte das noch? Je mehr sie sich einen gewissen Frust eingestehen musste, desto mehr konnte sie diesem Schreiberling etwas abgewinnen, der sich zum Glück nicht mehr gemeldet hatte. Sie war sicher, wenn sie es wollte, dann könnte sie von jetzt auf gleich eine Affäre daraus machen. Aber danach war ihr nicht. Nicht solange Hennings Hochzeit nur ein Hirngespinst war. Er konnte sich schließlich immer noch mit seiner Traumfrau verkrachen. Ob man dabei etwas nachhelfen konnte? Nein, das war unter ihrem Niveau. Und es würde alles nur schlimmer machen, wenn auch nur ein Hauch davon heraus käme.
Sie liebäugelte in letzter Zeit damit, nach München zu gehen; es gab phantastische Agenturen dort. Das Praktikumjahr von Henning würde in ein paar Monaten enden. Auch der Job begann sich abzuschleifen. Die Programme auf dem Mac waren deutlich besser geworden, die neuen Macs schneller und relativ absturzsicher. Was war mit München? Yano hatte erwähnt, sie würde für eine Sonderaufgabe nach München fahren müssen. Vielleicht sollte man das mit einem Vorstellungsgespräch verbinden?
Zum Glück hatte ich eine Menge um die Ohren und verbrachte viel Zeit im Verlagsbüro. Die Arbeit drängte sich und die Termine waren grausam. Mich nervte der Verkehr, die Ampeln, die Fußgänger, Kinder auf der Straße, dümmliche Verkäuferinnen, Nachbarn, entfernte Verwandte, die kleine Wohnung, das Wetter, die politische Lage und die Fliege an der Wand. Und darin waren noch nicht einmal die permanenten Probleme mit der Waschmaschine, dem Toaster, dem Plattenspieler, dem Radio, der verbeulten Teedose und der Elektrischen enthalten. Etwas kürzer ausgedrückt: mich nervte alles! Und das war ein sicheres Zeichen dafür, dass ich überarbeitet und gefrustet war.
Hin und wieder erinnerte mich die Elektrische an die Lieblichkeit in Person. Dann griff ich zum Hörer, obwohl sie mir das untersagt hatte, legte aber meistens schon wieder auf, während die Elektronen des Rufzeichens gerade mal die Mitte der Kupferleitung passiert hatten. Einige Male ließ ich es sogar klingeln bis der Quatschautomat ansprang. Sie dürfen gerne raten, ob ich etwas auf das Band gesprochen habe.
Wenn ich daran dachte, wie die liebreizende Lichtgestalt an jenem Abend so überraschend in meiner Behausung aufgetaucht war, fiel mir auf, dass ich wieder etwas vergessen hatte. Ich hätte nachfragen sollen, wer eigentlich der Typ im Kaffeehaus gewesen war. Der Versicherungen verkaufende Stiefvater konnte eigentlich keine Gefahr sein. Und die Lichtgestalt erschien mir ziemlich ledig an jenem Abend. Aber was nutzte das alles, wo sie mir doch deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass ich nicht ihr Typ war.
Arbeit ist gut, Arbeit betäubt, redete ich mir ein. Bis mir eines Tages bewusst wurde, dass ich mit dem lockeren Klodeckel und dem tropfenden Wasserhahn haderte. Als ich mich dann auch noch bei einem Streitgespräch mit meinem einzigen Sessel ertappte, wurde es höchste Zeit zu handeln. Ich rief Bulle an.
“Hey, Alter, wie ist es? Was macht das Liebesleben?”
“Du kannst ja mal vorbei kommen!”
Das war das übliche Gefrotzel zwischen uns.
“Bulle, du weißt, nicht dieses Thema, ja?”
“Du hast doch angefangen”, maulte er zurück.
“Eye, lass uns mal wieder feiern, zumindest ein kleines Sit-In oder so. Was hältst du davon?”
“In deiner Zwergenburg? Nur, wenn Marco mitkommt...”
Dagegen war gar nichts einzuwenden. Wenn ich noch zwei halbwegs menschliche Wesen dazu einlud, war die Bude voll. Dann würde wahrscheinlich einer schon auf der Bierkiste Platz nehmen müssen. Aber das war egal. Ich hatte Bulle ja ewig nicht gesehen. Er experimentierte mit einem Tessla-Trafo, wie er sagte, hochfrequent gepulste Hochspannung, was auch immer das war. Und er hatte seit einiger Zeit einen neuen Job und wollte mir dann auch davon erzählen.
“Na klar, wenn du jetzt knapp mit der Zeit bist. Dann also Freitag Abend, Alter!”
Ich wusste zwar nicht, warum er so wenig Zeit hatte, aber das passte zu hochfrequent gepulster Hochspannung.
Es war Donnerstag Abend, und ich hatte alles bestens für den kommenden Tag vorbereitet. Reichlich kalte Platten waren bestellt und Getränke von soft bis heavy eingekauft. Ein befreundetes Paar war eingeladen, Bulle und Marco wollten kommen. Außerdem hatte Ellen zugesagt, deren Freund gerade geschäftlich in Madrid weilte. Ich hatte sie lange nicht gesehen und wollte ihr gerne mal wieder durch die Gläser in die Pupillen blicken. Sie trug immer ziemlich verrückte Brillen, und wenn man sie längere Zeit nicht gesehen hatte, konnte man auf das aktuelle Gestell gespannt sein. Wir alle waren sicher, dass sie Optiker geschädigt war. Das gab sie auch ohne weiteres zu, erinnerte aber gern daran, dass doch jeder einen Schaden von seinen Alten mitbekäme. So war das, wenn man einen Optiker zum Vater hatte.
Als mir Ellens Zusage sicher war, griff ich nochmals zum Telefon, wählte eine Geheimnummer und wartete. Nach dem achten Rufzeichen ertönte der bekannteste Piepton der Welt, und ich sprach eine Nachricht auf das Band. Eigentlich hätte ich genau so gut meine verstorbene Urgroßmutter einladen können. Sie würde nicht kommen, das war sicher. Es war halt ein Versuch und schlichtweg egal. Dem Band teilte ich mit, dass ein paar Freunde am Freitag anwesend sein würden, sowie reichlich Nahrung und Alkohol. Und falls sie nichts anderes vorhätte...
Der Freitagabend startete super. Ich hatte sogar den Schreibtisch für die Fressplatten freigeräumt. Mir war schleierhaft, wo ich all den Krempel, der sich sonst darauf türmte, gelassen hatte. Na ja, Die Elektrische befand sich jetzt zusammen mit dem Papiervorrat irgendwo darunter. Und einiges Material war in der Trommel der Waschmaschine gelandet, was nicht jeder zu wissen brauchte. Hauptsache, wir hatten viel Spaß.
Ellen war mit einem dreieckigen, quittegelben Gestell auf der Nase erschienen. Bulle meinte, es müsse sechseckig heißen, weil es schließlich für jedes Auge ein Dreieck gab. Ellen hatte trotz der empfindlich kühlen Temperaturen unter ihrem rosa Trenchcoat ein atemberaubend kurzes Kleid an, knallrot, das Oberteil aus zwei drappierten Hälften, die von den Schultern schräg hinab Kurs auf ihren Bauchnabel hielten. Die Brüste waren gerade mal so bedeckt und der nackte Teil dazwischen war eine Sünde. Ich fragte mich, was ihr Freund Bruno, der auf der französchen Färbung “Brü-no” bestand, wohl dazu sagen würde. Aber er war über zwölfhundert Kilometer weit weg und das war im Moment vielleicht auch besser so.
Marco und Bulle waren bester Laune. Sie wohnten zusammen, was letztendlich ja auch viel billiger war. Aber das war nicht der einzige Grund, wie man sich denken konnte, wenn man sie umarmt sah. Wir wussten das alle seit Jahren und es war kein Problem für uns. Und die beiden wussten, dass von ihnen in der Gesellschaft unseres Kreises eine gewisse Zurückhaltung erwartet wurde. Und darauf hatten sie sich eingestellt, bis auf ein paar seltene Ausrutscher.
Unsere Musik rockte heftig los. Die ersten Biere waren längst geleert und die Platten schon angefressen, als ein seltsames Geräusch sich in den dominierenden Hardrock drängte. Bulle hob Augenbrauen und Zeigefinger und säuselte mit diskanter Stimme:
“Hört, hört! Meine Kreation, die Eule!”
Ich ahnte, was kommen sollte und rief:
“Oh, dreh´ bloß die Musik leiser, die Nachbarn kommen sich beschweren!”
Bulle hatte seinen Spitznamen aus der Schule, wo er mal ein paar jüngere in der Pause niedergewalzt hatte. Er war damals noch um einiges fülliger gewesen. Unser Klassenlehrer hatte ihn angebrüllt, er solle sich nicht wie ein Bulle auf der Weide benehmen. Die Umstehenden hatten gegrölt vor Lachen, und diesen Spitznamen wurde er auch nie wieder los. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, später dann daran gewöhnt und als Erwachsener ertrug er ihn mit Gleichmut. Normalerweise war Bulle recht zurückhaltend, aber heute war er wirklich super drauf. Während ich zur Wohnungstür ging, hielt er Marco im Arm. Als ich die Wohnungstür geöffnet hatte, drückte er seinem Freund gerade einen nicht allzu bedeutenden Kuss auf den Mund, einer dieser seltenen Ausrutscher, wenn seine gute Stimmung außer Kontrolle geriet.
Es war ein unglaublicher Augenblick. Die liebliche Lichtgestalt stand atemberaubend herausgeputzt vor der Tür, lächelte ihr schönstes Lächeln mit einem extra für mich gestylten Grübchen. Sie trug eine in Geschenkpapier gewickelte Flasche wie eine Fackel vor sich her, als ich sie an mir vorbei winkte. Dann ging alles sehr schnell.
Zunächst hörte ich hinter mir etwas fallen, Glas zerbersten. Als ich herum schoss während ich mit einem Fuß die Tür zudrückte, bot sich ein Bild des Grauens. Anne stand mit weit aufgerissenen Augen da, die Flasche war ihr entglitten. Sie starrte auf Bulle, der mit den Lippen an Marco gehangen hatte, jetzt aber wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen war. Er rang nach Atem und das Blut schoss in seinen Kopf. Mit so einer roten Birne musste ihm ganz schön warm geworden sein. Ich hatte zwar keine Ahnung, warum dieses Schauspiel, aber das Ganze war doch recht unterhaltsam. Es roch kräftig nach Whisky.
“Das ist Anne Schneider”, versuchte ich gegen die Musik anzukämpfen, während Bulle noch nach Atem rang und Anne die flache Hand auf ihren offenen Mund presste. Sie starrte Bulle an. Wahrscheinlich hatte sie eine Schwulen-Szene noch nie von so dichtem erlebt. Sie wollte sich umdrehen, riss die Stehlampe um, an der ich sonst mein Handtuch trocknete. Die Tür konnte sie unmöglich erreichen, ich versperrte schließlich den Weg.
“Laß mich durch!” fauchte sie mich an. Ich wollte sie umarmen, um sie zu beruhigen. Und weil ich genauer wissen wollte, was los war. Ich brachte meinen Mund dicht neben ihr Ohr und redete leise auf sie ein:
“Mach dir nichts daraus, das ist Bulle, er ist schwul aber ein netter Kerl...”
Ich nahm das Chanel Nr.5 wahr und hörte ihren hektischen Atem.
“Er heißt Henning!” flüsterte sie tonlos. Sie starrte mit ihren großen dunklen Augen über meine Schulter hinweg zur Tür.
“Ja, klar”, nickte ich zustimmend. Dann erst wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Wenn sie ihn kannte, aber nicht so... dann konnte das für beide zu einer Katastrophe werden. Ich spürte, wie ihr Körper starr und steif war. Und ich ahnte, dass alle ihre durchtrainierten Muskeln sich für einen weiteren Blick in die Wohnung verweigern würden.
Sie versuchte sich von mir zu befreien. Ich nutzte ihre Bewegung, zog sie zur Wohnungstür und schließlich ins Treppenhaus. Ich lehnte die Tür an, während sie den flaschengrünen Hosenanzug, der mich schon einmal so fasziniert hatte, mit dem Rücken an die Wand lehnte. Sie atmete schwer und rutschte mit geschlossenen Augen langsam Stück für Stück an der Wand herunter. Ich kauerte mich neben sie und hörte sie flüstern:
“Mein Gott, ist das peinlich!”
Besser, ich sagte jetzt nichts, obwohl mich brennend interessierte, woher sie ihn kannte.
Ich ließ ihr Zeit, bis ich so einfühlsam wie möglich fragte:
“Peinlich für dich oder für ihn?”
Sie brauchte eine Weile, bis sie die Augen wieder öffnete und mir das unter dem dezenten Make-Up gerötete Gesicht zuwandte:
“Wir arbeiten zusammen, wusstest du das nicht?”
Ich schüttelte den Kopf. Woher in aller Welt sollte ich das gewusst haben? Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen. Und bei den Telefonaten hatten wir andere Themen. Heute Abend waren wir auch noch nicht dazu gekommen, über seinen neuen Job zu reden. Nur sah ich kein großes Problem darin, als Frau mit einem Schwulen zusammen zu arbeiten. Auf Neudeutsch würde man sagen: “So what?”
Das Licht im Treppenhaus ging aus. Wir kümmerten uns nicht darum. Der schmale Streifen, der durch den Spalt meiner Wohnungstür stach, reichte völlig aus. Das Halbdunkel hatte sogar etwas besänftigendes, wie eine Wolldecke, die über ein frierendes Kind ausgebreitet wird. Ich war froh, das die Jungs “Deep Purple” leiser gedreht hatten.
“Er ist Praktikant in unserer Agentur”, sagte sie mit gesenktem Blick.
Ich hielt den Zeitpunkt für gekommen, sie ins Leben zurückzuholen:
“Na ja, du musst ja nicht unbedingt breittreten, dass er schwul ist. Ich kann ja verstehen, dass du damit nicht gerechnet hast. Aber hör mal, ein Beinbruch ist das doch auch nicht.”
Sie starrte mich jetzt fassungslos an. Hatte ich da etwas ganz Dummes gesagt? Ich fand das nicht so tragisch, sie dagegen schon. Ihre Augen schienen auszudrücken: “Was weißt denn du schon!”
Wie sollte es jetzt weiter gehen?
“Kannst du dich überwinden, und trotzdem mit reinkommen?” wollte ich wissen.
Sie schüttelte heftig den Kopf:
“Unmöglich...”
“Aber ihr kennt euch doch.”
“Ja, eben. Das ist es ja. Und den Koreaner kenne ich auch.”
“Du meinst, du kennst C.G.Lee?” Ich fiel von einer Ohnmacht in die andere. Woher in aller Welt kannte sie den?
“Und Navina?” fragte ich vorsichtig.
Sie nickte. Das wurde ja lustig. Sie kannte meinen halben Freundeskreis, und ich wusste nichts davon. Ich wollte mit ihr anbändeln, und sie schlief am Ende vielleicht sogar mit einem meiner Bekannten? Das war so unglaublich, dass ich eines Tages eine Geschichte darüber würde schreiben müssen.
“Sie waren auf einer Party bei Henning”, sagte sie und zog kurz die Nase hoch.
Na toll, sie war sogar schon mal auf einer von Bulle veranstalteten Party gewesen. Ohne dass ich dabei war. Unglaublich.
“Wen kennst du denn sonst noch von meinen Kumpels?” fragte ich und fürchtete gleichzeitig, dass sie so etwas wie Eifersucht heraushören könnte.
Sie zuckte die Schultern:
“Was weiß ich, wen du alles kennst.”
Das stimmte nun auch wieder. Wir konnten wohl schlecht beide voneinander wissen, wie sich der Bekanntenkreis zusammen setzte. Eigentlich war es auch egal, die Situation war verfahren genug.
Die Haustür klappte und das Licht im Treppenhaus ging an. Irgend jemand hatte sich vorgenommen, ein tragisches Paar in hockender Stellung auf den Holzdielen zu stören. Unerhört, gerade jetzt nach Hause zu kommen.
“Was machen wir jetzt?” wollte ich wissen. Meine Mitbewohner im ersten Stock hatten endlich ihre Wohnungstür gefunden.
Anne riss sich zusammen, rückte heran und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
“Du kannst ja nichts dafür, Pe. Aber versteh´ mich bitte. Geh rein und sag den anderen, dass ich mich nicht wohlfühle...”
Ich schaute ihr tief in die Augen:
“Hast du schon darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn ihr euch im Büro begegnet?”
Sie fiel zurück. Ihr musste klar geworden sein, was das bedeutete. Ich fuhr fort:
“Hier könntest du Gleichmut üben.”
Sie biss sich auf die Unterlippe. Ich konnte sehen, wie sie an diesem Thema knabberte. Schließlich ging ein Ruck durch ihren Körper, und sie stellte Entschlossenheit zur Schau:
“Du hast Recht.”
Sie rappelte sich auf und klopfte pro Forma Knitterfalten aus dem flaschengrünen Hosenanzug. Alle Achtung, ich wusste ja, dass sie Format hatte, die Lichtgestalt.
Wer weiß, was Bulle in der Zwischenzeit so alles von sich gegeben hatte. Wir enterten gemeinsam die Zwergenburg. Ich ging voran und verkündete vielleicht eine Spur zu laut:
“Anne hat sich ja ganz schön erschreckt, als diese dämliche Flasche heruntergefallen ist!”
Ich bemerkte, dass sich irgend jemand um die Scherben gekümmert hatte. Der älteste Teppich des Viertels war ohnehin nicht mehr zu retten, vielleicht mochte er sogar Whisky. Aber er sollte sich nicht daran gewöhnen.
C.G.Lee hatte offensichtlich ein feines Gespür für schwierige Situationen. Er hatte Navina aus meinem einzigen Sessel gepeitscht, die schenkelhohe Unterbauwaschmaschine hervorgeholt und seine Freundin darauf gesetzt. Dann schob er den flaschengrünen Hosenanzug zum Sessel. Bevor sich die Lichtgestalt setzte, nickte sie kurz in die Runde und fragte selbstbewusst lächelnd:
“Na, alles klar?”
Dann setzte sie sich und wandte sich der Ecke zu, in der Bulle sich zu verkriechen schien:
“Na, bei dir auch?”
Der wusste gar nicht, was er antworten sollte. Er blickte mich hilflos an und begann hektisch hinter seinem Körper mit den Armen zu fuchteln. Offensichtlich wollte er damit andeuten, dass er unbedingt mit mir sprechen müsse. Das war im Moment natürlich ein frommer Wunsch, und ich drückte die Handfläche mehrfach auf ein unsichtbares Polster in Hüfthöhe. Das war das international anerkannte Zeichen für: Nun mal ganz ruhig, Junge, keine Panik!
C.G.Lee kauerte sich zu Navinas Füßen und lächelte freundlich in die Runde. Die Lichtgestalt hatte das souverän gemeistert. Ich war stolz auf sie. Sie saß wie eine Königin auf dem Thron und erklärte dem staunenden Publikum, was “Henny” in der Agentur doch für tolle Arbeit ablieferte. Großartig.
Marco hatte sich fast bis zur Wohnungstür vorgearbeitet. Er sah aus, als würde er gleich heulen. Vielleicht war es ihm peinlich und er wollte nach Hause. Ich nahm Marco beiseite, so gut, wie es in der Zwergenburg eben ging:
“Sag mal, Marco, hat Bulle inzwischen irgend etwas gesagt?”
Marco war hysterisch. Er schrie:
“Eben nicht! Nix hat er gesagt! Nix erklärt! Ist er jetzt Bi oder was?”
Oh Mann, das konnte ja Eiter werden! Es war Eifersucht. Er musste intuitiv aus der Situation so einiges heraus gelesen haben und machte jetzt eine Szene. Ich schob ihn vehement durch die Tür ins Treppenhaus und lehnte die Tür an.
“Beruhige dich, bitte!” empfahl ich ihm eindringlich. “Sie arbeiten nur zusammen.”
“Das glaubst du. Die haben bestimmt schon mehr zusammen gemacht, als gearbeitet!”
Seine weinerliche Stimme war jetzt nicht mehr zum Aushalten.
“So ein Quatsch! Da bildest du dir da was ein...”
Ich wurde wütend. Was war das heute für ein Kindergarten hier! Jetzt saß ich schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten im zugigen Treppenhaus und fühlte mich wie ein Kindermädchen.
Marco wollte leiden. Er wollte sich nicht trösten und schon gar nicht umstimmen lassen. Ich konnte ihn nicht festhalten, als er plötzlich die alten Treppenstufen hinunter lief. Hätte ich ihn denn aufhalten sollen? Einen Krach zwischen Bulle und Marco wollte ich ganz sicher nicht, schließlich war Bulle mein Freund. Nachdenklich ging ich in die Wohnung zurück.
Ich nahm ein paar Weintrauben von der Käseplatte, hockte mich auf den Boden und beobachtete die Lichtgestalt. Sie unterhielt sich angeregt mit C.G.Lee und Navina, blickte aber zwischendurch immer mal wieder in die Ecke, in der Bulle zusammengesunken hockte und auf seien Füße starrte.
Im Laufe der Zeit wurde Anne immer ruhiger. Navina redete jetzt fortwährend. Ich bemerkte, dass der liebliche Engel immer mehr von seiner Souveränität verlor, die ich vorhin noch so bewundert hatte. Die Lichtgestalt rutschte immer häufiger im Sessel hin und her. Ich musste fürchten, dass der flaschengrüne Hosenboden durchgescheuert sein würde, wenn sie sich erhob. Sie schien Navina gar nicht mehr zuzuhören. Woran sie jetzt wohl dachte?
Ich hatte es befürchtet. Bei all ihrer Überlegenheit, sie hatte es einfach nicht durchgehalten. Sie erhob sich langsam und stammelte:
“Ihr müsst mich entschuldigen, mir ist nicht gut...”
Dann schlängelte sie sich an C.G.Lee und der Waschmaschine vorbei. An der Tür holte ich sie ein.
“Entschuldige, mir ist nicht gut”, wiederholte sie für mich. Sie hatte feuchte Augen.
Ich wäre jetzt gerne mit ihr gefahren, hätte gerne herausgefunden, was da so im Verborgenen schlummerte. Es war mir schleierhaft. Wie gern hätte ich sie in den Arm genommen und getröstet. Aber worüber? Man konnte jemanden nur über etwas hinweg trösten, wenn man wusste, was es war. Trost ohne dieses Wissen konnte alles verschlimmern. Wie damals im Erste-Hilfe-Kursus in der Schule, als wir unter dem Stichwort “Moralischer Beistand” befragt wurden, wie wir uns das vorstellten. Als sich niemand meldete, wurde ein Fall konstruiert:
“Stellt euch mal vor, da wurde jemand von der Straßenbahn überfahren, sein Bein wurde abgetrennt, und ihr kommt hinzu. Wie würdest du das Unfallopfer trösten, Henning?”
Bulle hatte ohne zu zögern geantwortet:
“Ist doch nur halb so schlimm, das Bein liegt da ja noch!”
Die ganze Klasse hatte gebrüllt vor Lachen und war in dieser Stunde kaum noch zu beruhigen gewesen. Zugegeben, hier lag der Fall deutlich anders. Hier ging es nicht um ungeschickten Beistand, sondern um Ratlosigkeit. Der gebrochene Engel ließ sich nicht aufhalten.
Die Stimmung in der Zwergenburg war gekippt. Mit der lieblichen, aber traurigen Lichtgestalt war auch der Glanz aus dem Raum verschwunden. Es war still geworden, wenn man von dem Plattenspieler einmal absah. Ich hockte mich neben Bulle, der sauer war, dass Marco das Weite gesucht hatte.
“Was wolltest du mir vorhin denn so dringendes sagen?” wollte ich wissen.
Er hob die Augenbrauen:
“Ist sie die Traumfrau, von der du gesprochen hattest?”
Hatte ich das? Ja, ich hatte es einmal am Telefon erwähnt. Und auch, dass ich sie für eine Geheimagentin hielt. Bulle war damals in Lachen ausgebrochen. Und hätte er es damals nicht so verdammt eilig gehabt, dann wären wir sicherlich in einem heftigen Streitgespräch gelandet.
Ich nickte:
“Sie ist es!”
Bulle drehte die Augen nach oben, wand sich wie unter Schmerzen, schlug mit der flachen Hand gegen die Wand:
“Oh nein..., nein, nein!”
“Nun krieg dich ein, Alter!” versuchte ich seinen Anfall abzuwürgen. Was sollte das Theater? C.G.Lee, Navina und Ellen stritten über irgend etwas. Auf jeden Fall hörten sie uns nicht zu. Bulle machte keine Anstalten, etwas zu erklären. Er schüttelte nur den Kopf und trommelte mit den Fäusten auf seine Oberschenkel.
Ich bearbeitete ihn:
“Irgend etwas ist los. Okay. Findest du nicht, dass du es mir sagen solltest?”
Er sah mich an und verzog schmerzlich das Gesicht:
“Es wird dir nicht gefallen.”
Das konnte sein, aber was es auch war, ich wollte es wissen. Ich stieß ihm aufmunternd in die Rippen.
“Du wirst es auch nicht glauben wollen...” spannte er mich weiter auf die Folter.
“Ach was, und wenn schon... Nun mach schon!” Ich wurde ungeduldig.
Er holte tief Luft:
“Sie arbeitet als Texterin in der Agentur, in der ich seit einem guten halben Jahr praktiziere.”
Ja, toll, eine Super-Neuigkeit, gähn! Oh Mann, was dachte er sich bloß dabei? Ich stieß ihm wieder in die Rippen:
“Na los, weiter...”
“...Und sie hat mich angebaggert.”
“Sie hat dich was?” Meine Stimme drohte sich etwas zu überschlagen. C.G.Lee, Navina und Ellen hatten kurz erstaunt herüber geschaut, dann aber an ihrem interessanten Thema weiter gearbeitet.
“Angebaggert, ja.”
Das konnte nicht sein. Unmöglich. Er nahm mich auf die sprichwörtliche Schippe. Quatsch, Quark, Unsinn, Blödsinn...
“So ein Schwachsinn!” entfuhr es mir.
Bulle nickte nur mehrfach und schaute auf den Boden. Bulle war hochgradig schwul, da konnte sie ihn nicht angebaggert haben. Aber wenn sie das nicht wusste? Ihre Reaktion heute. Na klar. Da wurde ein Schuh daraus! Dann war es ihr vielleicht jetzt peinlich, ihr Versehen, ihr Fehlgriff. Und Bulle war es unangenehm, dass sie jetzt seine Neigungen kannte.
Bulle redete weiter:
“Sie wollte mit mir ausgehen. Dann wollte sie, dass ich für uns beide koche, so richtig romantisch, weißt du? Das war ein echtes Problem für mich. Bis ich auf die Idee kam, ihr zuzustimmen. Ich lud sie also ein. Was sie aber nicht wusste: auch Bert und Rabea und C.G.Lee und Navina waren da. Außerdem hatte ich Gregor hinzu gebeten, weil ich hoffte, er würde vielleicht etwas mit ihr anfangen. Aber am meisten Sorgen bereitete mir Marco. Ich hatte unheimlichen Schiss, dass irgendwelche Gesten unsere Beziehung aufdecken könnten. Ich traute ihm einfach nicht zu, sich den ganzen Abend neutral zu verhalten. Also habe ich ihm gut zugeredet, mal wieder seine Verwandten in Wiesbaden zu besuchen. Das wollte er ja sowieso seit langem. Und ersatzweise habe ich auch noch Falko eingeladen.”
Aha. Die Geschichte war zu lang, um von ihm erfunden worden zu sein. Aber wenn schon. Er war ja auch ein netter Kerl, auch wenn ich mir wirklich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau auf ihn fliegen könnte. Die gar liebliche Lichtgestalt schon gar nicht. Bulle hatte sicher einiges falsch interpretiert. Aber die Reaktion heute abend gab Bulles Darstellung doch Recht.
C.G.Lee hatte sich zuvor um die Fütterung des Plattenspielers gekümmert, aber dieser war jetzt schon eine ganze Weile verstummt. Ebenso wie Bulle und ich. Ich saß einfach da, auf dem Boden, den Kopf an die Wand gelehnt, und ließ die Gedanken laufen, kreuz und quer, ohne Kontrolle. Ich hörte wie C.G.Lee erneut eine Platte auflegte, etwas altes, Percy Sledge, “When A Man Loves A Woman”...
Sie hatte ganz schöne Manschetten vor der ersten Begegnung im Büro gehabt. Aber es war halb so schlimm gewesen. Henning hatte knapp gegrüßt, sie hatte knapp mit dem Kopf genickt, es war halt ein knapper Tag gewesen. Jedenfalls hatten sie keine weiteren Worte gewechselt, was auch nicht weiter tragisch war, da sie während des Nachmittags ohnehin zu einer Druckerei fahren musste. Die schwächelnde Kommunikation war also niemandem groß aufgefallen.
Sie hatte ja auch lange genug Zeit gehabt, die ganze Problematik hin und her zu wenden und zu verarbeiten. Ein ganzes Wochenende. Hatte sie sich lächerlich gemacht? Wenn die Crew nichts mitbekommen hatte, dann war es doch eigentlich egal. Henning war uninteressant geworden. Und schließlich war er nichts weiter als ein Praktikant, der nach wenigen Monaten wieder verschwunden sein würde. Wen interessierte noch, ob sie ein paar peinliche Angriffe auf eine uneinnehmbare Festung gestartet hatte?
Die restlichen Tage der Woche war mit einigen Merkwürdigkeiten vergangen. Ihr waren Hennings rote, verquollene Augen aufgefallen. Sie hatte überlegt, ob sie es ihm nicht schuldig war, sich ein bisschen um ihn zu kümmern. Offensichtlich hatte er ja viel schwerer unter der ganzen Angelegenheit zu leiden, als sie. Aber Philipp hatte mehrfach intensive Gespräche mit Henning geführt, und dann waren da ja auch noch ihre Besuche in der Lithoanstalt und der Druckerei. Und die Fahrt nach München musste vorbereitet werden.
Am Freitag schließlich hatten Philipp und Henning hinter der angelehnten Bürotür herzlich gelacht. Das Schlimmste schien also vorüber. Zu gern wäre sie Mäuschen gewesen, um mitzubekommen, was Beichtvater Philipp so alles zu hören bekam. Aber daran war im Moment nicht zu denken. Sie würde sich nächste Woche darum kümmern.
Als ich erwachte, lag ich auf dem Boden neben dem Klotz von Nachtspeicherheizung. Mir brummte der Schädel wie ein Umspannwerk im Nebel. Es stank höllisch nach Whisky. Ich war heilfroh, dass kein Raucher dabei gewesen war; man hätte die Wohnung neu tapezieren, die Wände vielleicht sogar neu verputzen müssen. Irgend ein guter Geist hatte die leeren Fressplatten auf dem Schreibtisch zusammengestellt. Ansonsten sah es in der Zwergenburg aus, wie das Schlachtfeld bei Waterloo im Herbst 1815. Ich würde nicht länger als ein halbes Jahr brauchen, um alles wieder in den Griff zu bekommen.
Wie schön wäre jetzt eine Dusche gewesen. Aber wie wollen Sie vernünftig duschen, wenn in der Fußwanne knietief die wichtigsten Dokumente lagern? All jene, die keinen Platz mehr in der Waschmaschine gefunden hatten. Alles in den Griff bekommen, war das Stichwort, das mich bewegte, als ich die Dusche leer räumen wollte. Zuvor musste erst Platz auf dem Schreibtisch geschaffen werden. Um Platz auf dem Schreibtisch zu schaffen, musste erst das Geschirr in die Küche gelangen, um Platz in der Küche zu schaffen...
Alles wieder in den Griff bekommen... Ich musste mal dringend Inventur in meiner Seele machen. Zu viele neue Aspekte hatten sich ergeben. Wie sollte ich mich in diesem Wust zurecht finden? Also, die liebliche Lichtgestalt hatte ein Auge auf Bulle geworfen, weil sie nicht wusste, dass er oberschwul war. Gut. Verbesserte das jetzt meine Chancen? Sie war enttäuscht gewesen, feuchte Augen und so. Von wem oder was? Von Bulle, klar. Von der Brutalität des Lebens, weil es Bulle so geschaffen hatte, wie er war. Vielleicht von sich selbst, weil sie es nicht eher gemerkt hatte. Aber hatte das alles mit mir zu tun? Verbesserte das irgend etwas? Für die beiden war die Aufarbeitung wahrscheinlich schwieriger, als ein außenstehender Beobachter es sich vorstellen konnte. Aber mit mir hatte das nichts zu tun. Ich war Beobachter, leider.
Während des Aufräumens startete ich den Plattenspieler, Percy Sledge lag noch auf dem Teller. Natürlich nicht er persönlich, er war ja nicht eingeladen und wäre wahrscheinlich auch nicht gekommen, sondern eine seiner LPs. Der Titelsong erinnerte mich daran, dass man sich um Leute, die man mag, kümmert, sie schützt und ihnen hilft. Und das Lied hatte Recht, einige Leute konnten wahrscheinlich meine Hilfe brauchen. Bulle gehörte sicher dazu, ebenfalls Marco. Und die Lieblichkeit? Das war die Frage.
“When A Man Loves A Woman” war noch nicht einmal bis zur zweiten Strophe vorgedrungen, als es knackte. Die Musik wurde brutal abgebrochen, während der Plattenarm abhob und nach außen in die Ruheposition schwenkte. Nur senkte er sich dort nicht in die dafür vorgesehene Halterung ab. Der Plattenteller drehte sich weiter und der Arm schwenkte erneut in die Mitte der LP. Ich beobachtete, wie er sich dort die Rille suchte und zwei Sekunden lang “Spooky, I like you” abspielte. Dann knackte es wieder, der Arm schwenkte zur Seite, Rotation, Rückschwenk, Absenken und wieder zwei Sekunden lang “Spooky, I like you”. Ich will Sie ja nicht nerven, aber... Knacken, Seitenschwenk, Rückschwenk, “Spooky...” Sie sollen sich ruhig mal fühlen, wie ich mich damals.
Der Kasten war die halbe Nacht einwandfrei gelaufen. Das war typisch! Schön tun, solange die Gäste im Haus waren. Und nun den Beleidigten herauskehren! Was hatte ich ihm getan? Was wollte die Kiste? Einen neuen Keilriemen vielleicht? Ich bekam auch nicht immer alles, was ich wollte.
“Mal sehen, wer die stärkeren Nerven hat!” rief ich zu dem Kasten hinüber, in der Annahme, dass sich die Macke gleich wieder geben würde. Nach vier Minuten wusste ich aber nun wirklich, dass Percy seine Spooky gut leiden konnte und war es leid.
“Okay, hast gewonnen”, knurrte ich verärgert und zog einfach an dem Stromkabel, um den Stecker aus der Wanddose zu ziehen. Der Stecker ließ aber nicht los, er krallte sich in die Dose und zog sie mit heraus, während mich “Spooky, I like you” weiter nervte. Ich verwarf den Gedanken, die beiden liebenden mit einem Eimer kalten Wassers zu trennen. Schließlich handelte es sich nicht um ein Hundepaar. Nein, ich meine auch nicht Spooky und ihren Lover, sondern den Stecker und die Steckdose! Und kaltes Wasser, bei einer so elektrischen Verbindung? Das würde auch nicht gut gehen.
Ich bekam richtig schlechte Laune, als ich bemerkte, dass ich nicht nur die Steckdose wieder fest in die Unterputzdose einsetzen musste, sondern auch noch die umgeworfene Stehlampe, mein Arbeitsstuhl und eine abgerissene Scheuerleiste zu repapieren waren. Die Stehlampe war aus dem massiven Fuß ausgebrochen. Der Stuhl hatte seine Rückenlehne verloren. Und was es mit der Scheuerleiste auf sich hatte, war mir ohnehin schleierhaft. Hatte die jemand zur Verteidigung abgerissen? Sie werden verstehen, dass mein Programm für diesen Tag so voll war, dass ich abends todmüde auf meine Liege fiel, ohne Bulle angerufen zu haben.
Am Sonntag sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus. Dachte ich. Bis ich Bulles Nummer gewählt hatte.
“Eye, Bulle, ...was? Heul nicht rum, was ist los...”
Ich konnte ihn kaum verstehen. Er überschüttete mich mit einer Wortkaskade, die ich von ihm wirklich nicht gewohnt war. Das Schlimme war sein weinerlicher Tonfall. Er jammerte mir ins Ohr, dass ich eine Gehörgangsentzündung fürchten musste.
“Er will sich ausziehen?”
Ich verstand anscheinend nur Bahnhof.
“Nicht sich? ...Marco will ausziehen, Ach so... Was hat er gepackt? ...Ach so, den Koffer. Klar. Komm, Alter, gib mir mal den Marco!”
Ich hörte es rascheln und poltern als der Hörer am anderen Ende der Leitung herunter fiel. Es schepperte. Irgend etwas war zu Bruch gegangen.
“Hallo? ...Marco? ...Was ist los, Marco?”
Mir platzte fast das Trommelfell, als er in den Hörer brüllte:
“Das weißt du doch ganz genau! Und außerdem hältst du doch sowieso nur zu ihm!” - Klick!
Damit hatte Marco den Hörer auf die Gabel geworfen. Meine Güte, da tobte der Bär! Revolution in einem Rudel von Ratten konnte nicht schlimmer sein. Was da ablief, war bar jeder Realität. Ich konnte nur den Kopf schütteln. Wie sollte man da helfen?
Ich wählte die Geheimnummer. Der Piepton schreckte mich diesmal nicht ab:
“Hallo, Euer Lieblichkeit...”
Quark mit Leberkäs! Der Start musste viel fröhlicher ausfallen. Also begann ich von neuem:
“Hallo, Ette! Wenn du da bist, nimm doch bitte ab! Und glaube ja nicht, dass ich damit dein Gewicht meine!”
Ich wartete eine Weile, aber nichts rührte sich. Bevor das Band abschalten konnte, setzte ich noch schnell hinzu:
“Liebe Mafia-Killerin, rufe mich doch bitte zurück. Es ist dringend. Gezeichnet: Dein Opfer”
Die ganze Woche hatte sie nicht zurückgerufen. Noch vor einem Vierteljahr hätte ich vermutet, dass sie sich beim Treffen der großen Clans auf Sizilien aufhielt. Aber alles andere war jetzt wahrscheinlicher. Vielleicht hatte sie zur Überwindung ihres Schocks ja kurzfristig Urlaub genommen. Last Minute nach Mallorca lag im Bereich des Möglichen. Vielleicht war sie auch krank, sie hatte zum Abschied gesagt, es ginge ihr nicht gut. Oder hatte sie das alles viel mehr berührt, als ich angenommen hatte? Verstehen Sie mich richtig: Nicht einfach viel mehr. Sondern viel, viel, viel mehr! Nicht auszudenken, wenn sie sich die Enttäuschung regelrecht zu Herzen genommen hätte. Ich glaubte, sie inzwischen zu kennen. Aber so gut, dass ich auch in die hinteren Ecken ihrer Seele zu blicken vermochte, das war unwahrscheinlich.
Oh Gott! Ich stellte mir vor, wie sie nach dem Schlamassel in ihre einsame Wohnung zurückgekehrt war. Wie elend muss sie sich gefühlt haben, wie niedergeschmettert und allein! Sie könnte sich in eine Verzweiflung hineingesteigert, die Sinnlosigkeit des Lebens erkannt haben! Sie wohnte im dritten Stock. Reichte diese Höhe, um sich aus dem Fenster...?
Ich hetzte los, die endlosen, alten und gefährlichen Treppen hinunter, zur verbeulten Teedose..., wo war mein Autoschlüssel? Wieder zurück zum Haus, die endlosen Treppen hinauf. Wenn ich das häufiger machte, würde meine Kondition auch besser werden. Ich stand vor der Wohnungstür. Geschlossen. Bei mir war geschlossen, das heißt, ich hatte die Tür hinter mir zugezogen, sie war eingeschnappt. Sie wissen, was es bedeutet, wenn jemand eingeschnappt ist. Er lässt nicht mehr mit sich reden. Fertig und Ende. So auch diese verdammte Tür, zu der man einen Schlüssel brauchte! Einen Schlüssel, der sich an einem Schlüsselbund zusammen mit dem Autoschlüssel befand. Und wenn ich keinen Autoschlüssel hatte... Aber wozu lamentierte ich da herum? Ich hatte gar keine Zeit zu verlieren.
Mir schoss als erstes durch den Kopf: Die Nachbarwohnung, Gehrkes, ein älteres Paar. Von deren Fenster aus... Quatsch, im vierten Stock! Und ich nicht einmal schwindelfrei. Keine Chance. Außerdem waren Gehrkes in Urlaub. Eine Leiter? Hatte ich heute gerade nicht in der Hosentasche, und wäre auch zu viel zu kurz gewesen. Aber die Tür war ja nur eingeschnappt. Mit einem Schraubenzieher vielleicht?
In den Resten meines ehemaligen Autos hatte ich einen Schraubenzieher. Aber keinen Schlüssel, um jenes Schrottomobil zu öffnen. Oma Müller! Mit einem Schlusssprung überwand ich die letzten fünf Stufen. Mein Knöchel! Oh, das tat verdammt weh. Egal. Klingeln..., nochmal..., klopfen. Ich hörte die schlurfenden Schritte, Gerappel hinter der Tür. Sie legte die Sicherheitskette vor! Brav, sehr brav. Man konnte schließlich nie wissen... Aber doch nicht gerade jetzt, wo es um jede Minute, um Leben und Tod ging!
“Frau Müller, schnell, haben sie einen Schraubenzieher?” hechelte ich durch den geöffneten Türspalt. In Zeitlupe wurde die Tür wieder geschlossen und die Sicherheitskette abgefummelt. Meine Güte, als wenn wir alle Zeit der Welt hätten, wo es am anderen Ende der Stadt um Sein oder Nicht-Mehr-Sein ging!
“Oh, das ist aber schön, dass Sie mich mal wieder besuchen!” strahlte die alte Dame mich an.
Ich wurde so langsam wirklich nervös:
“Ja, schön. Ihnen geht´s gut sehe ich, Heizöl aus dem Kellerfaß brauchen wir auch nicht mehr..., also Frau Müller, es geht um Leben und Tod! Haben Sie einen Schraubenzieher?”
Sie schaute mich verblüfft an:
“Es geht um Leben und Tod?”
Ich korrigierte mich, um es rasch auf den Punkt zu bringen:
“Es geht um einen Schraubenzieher!”
“Einen Schraubenzieher? Was denn für einen?”
“Egal, einen normalen..., mit einer normalen Klinge.”
“Mit einer Klinge? Dann brauchen Sie ein Messer!”
Das konnte doch alles nicht wahr sein! Ich fuchtelte nervös mit den Händen:
“Einen Schraubenzieher! Das Teil am Griff heißt da auch Klinge... Aber wozu erzähl ich das! Haben sie, oder haben sie nicht?”
Sie schnaufte ärgerlich:
“Sein Sie doch nicht so nervös!”
Sie schlurfte in ihre Küche und grub mit den Händen in einer Schublade. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als sie tatsächlich mit einem Schraubenzieher mittlerer Größe zurück war.
“Aber nicht abbrechen!”
Als ob ich jemals einen Schraubenzieher abgebrochen hätte! Ich glaube, wir hatten noch nie jemanden in der Familie, der das fertig gebracht hatte. Wahrscheinlich gab es in der ganzen Stadt niemanden!
Ich war schon wieder eine Etage höher. Mein Knöchel schmerzte höllisch. Ich musste umgeknickt sein. In welcher Höhe genau saß wohl der Schnäpper? Das ist kein Vogel, sondern eine Metallzunge, mit der das Schloss in dem Loch des Schließbleches in der Türzarge einrastet, nur für den Fall, dass Sie mal Schlosser werden wollen. Schraubenzieher zwischen Türblatt und Rahmen..., und hebeln. Knack. Holz splitterte..., aber die Tür war offen. Alle Achtung! Sportliche Anerkennung! Bis zu diesem Moment wusste ich noch gar nicht, dass ich ein so begabter Einbrecher war!
Ich suchte sehr systematisch den Schreibtisch, die Küchenecke, dann wieder den Schreibtisch, die Dusche und endlich auch mal den Schreibtisch ab. Meine Wohnung erschien mir viel größer als sonst. Aber ich hatte Glück. Als ich grübelnd auf die noch immer offen stehende Wohnungstür zuging, sah ich es. Direkt neben der Wohnungstür lag das Schlüsselbund, aber außerhalb, im Halbdunkel des Treppenhauses, direkt neben der Fußmatte! Es musste mir aus der Tasche gefallen sein. Das war ja wieder eine tolle Aktion, mit dem abgesplitterten Holz am Türrahmen, und völlig für die Katz.
Na, da hatte ich wenigstens Oma Müller mal wieder guten Tag gesagt, wurde ja auch Zeit. Im Vorbeihumpeln drückte ich ihr den Schraubenzieher in die Hand und versicherte ihr, dass er völlig unbeschädigt sei. Im Gegensatz zu meiner Tür, aber das brauchte sie nicht zu wissen.
Ich raste quer durch die Stadt. Die zerbeulte Teedose gab ihr Bestes. Das war mir zwar nicht genug, minimierte auf der anderen Seite allerdings das Risiko, einer Polizeistreife aufzufallen. Jetzt wo ich kein Zeit hatte, nervten mich die Kontergan-Autos mehr denn je. Sie werden sich vielleicht noch an jenes Medikament der Chemischen Werke Grünenthal erinnern, das seinerzeit einer ziemlichen Anzahl von Neugeborenen wachstumsgestörte Gliedmaßen bescherte. Ein Riesenskandal, damals. Mich störten an jenem Abend, als es um Leben und Tod ging, Autos, die anscheinend ohne Gaspedal das Licht der Welt erblickt hatten.
Es war schon lange Nacht geworden. Am anderen Ende der Stadt erwarteten mich nur dunkle Fenster. Klingeln und klopfen neben dem Namensschild A.S. blieben unbeantwortet. Ich schickte meine Ohren durch die geschlossene Tür und trug ihnen auf, nichts zu verpassen, nicht das leiseste Röcheln oder Atmen. Stille. Das absolute Nichts. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Ich schnüffelte am unteren Türspalt, ob Gasgeruch festzustellen war. Gott sei Dank, nein. Aber wahrscheinlich hatte dieses Haus nicht einmal einen Gasanschluss. Auf jeden Fall lag vor dem Haus kein Leichnam unter den Fenstern. Die Rückseite konnte ich ja vorsichtshalber auch noch inspizieren.
Sie würde doch wohl nicht in den Park gegangen sein, um sich umzubringen? Sich den Enten zum Fraß vorwerfen, möglicherweise. Um diese Uhrzeit sind die längst satt. Vor einem Vierteljahr war sie für mich noch eine Agentin, heute verfügte sie hoffentlich nicht einmal mehr über eine Pistole. Während ich so vor dem Wohnblock stand und darüber sinnierte, was die Lichtgestalt mit einem Ballermann in ihrer Verzweiflung so alles anstellen könnte, ging das Licht im Treppenhaus an und jemand trat in die Dunkelheit. Ich stürzte auf den Eingang zu, aber sie war es nicht. Eine ältere Dame sah mich mit schreckgeweiteten Augen an und drohte mit einem Hilfeschrei. Ich erkannte die Folgen meiner ungestümen Handlungsweise. Um Himmels Willen, die alte Schnepfe sollte jetzt bloß nicht um Hilfe schreien!
“Ich tue Ihnen nichts!” rief ich und merkte, dass dies eine der dümmsten Eröffnungen war, die sich denken ließ. Jeder zweite Bankräuber würde so beginnen, um dann den Satz zu vollenden: “...wenn Sie tun, was ich sage!”
“Entschuldigen Sie bitte vielmals, dass ich so auf Sie zugestürzt bin”, sagte ich jetzt ganz ruhig und sehr höflich. Dann stellte ich mich ordnungsgemäß vor. Es hätte nur noch gefehlt, dass ich meinen Personalausweis aus der Tasche gefummelt und ihr meine Sozialversicherungsnummer genannt hätte.
“Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken.”
Die alte Schnepfe schluckte und nickte ein paarmal mit dem Kopf. Ich fasste Mut, fortzufahren:
“Wissen Sie, ich sorge mich nur um eine Bekannte, die in diesem Haus wohnt. Ich kann sie nicht erreichen. Wohnen Sie ebenfalls hier?”
Die alte Schnepfe nickte wieder und sprach dann mit einer Stimme, die wie eine stumpfe Kreissäge klang und mein Blut in den Adern gefrieren ließ:
“Wen suchen Sie denn, junger Mann?”
Ich stotterte etwas irritiert:
“Es handelt sich um Frau Schneider.”
“Ach die Anne. Ja, die ist vorhin weggefahren. Sie muss für ihren Chef nach München.”
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das war doch mal eine nette alte Dame. Ich hätte sie umarmen können. Liebenswürdig, weltoffen, gut informiert, und ihre Stimme war doch gar nicht so übel. Man musste sich nur daran gewöhnen.
München war die Hölle gewesen, Stress und Termine. Das Wetter hatte sein übriges dazu getan, sie war nass bis auf die Knochen geworden und hatte zuwenig Wechselkleidung mit. Für eine Frau die Mega-Panne. Auf der Hinfahrt hatte sie sich in Ihrem Abteil auf die Gespräche vorbereitet. Die Rückfahrt ließ ihr Zeit genug, über sich selbst nachzudenken. Wenn sie sich jetzt etwas wünschen könnte...
Das wäre bei einem einzigen Wunsch gar nicht so einfach. Bei zwei Wünschen würde sie sowohl eine superfette Rache für Philipp wählen, eine Blamage bis ins Mark, als auch eine Verwandlung für Henning. Er sollte dann durch Zauberhand in einen Hetero verwandelt werden. Wenn die gute Fee wirklich nur einen freien Wunsch raus tun würde, dann..., nun..., das war wirklich schwierig, aber nach einem längeren Kampf entschied sie sich für die Rache an Philipp.
Aber freie Wünsche wurden heutzutage kaum noch vergeben. Das war vor Jahrhunderten so, als die Gebrüder Grimm noch lebten. Aber heute? Feen ließen sich auch nur noch selten blicken. Und wenn, dann hatten sie gerade keine Wünsche dabei. Nach dem Disaster mit Henning dachte sie intensiver über einen Job in München nach, etliche hundert Kilometer weiter südlich. Aber das ging zunächst niemandem etwas an.
Als sie am Bahnhof ankam, war ihre Ente weg. Zumindest stand sie nicht mehr an dem Platz, wo sie sie geparkt hatte. Sie war ganz sicher. Aber was bedeutet schon sicher zu sein? Sie war ja auch sicher gewesen, dass dies ein hervorragender Stellplatz für ihr autoähnliches Vehikels war, und jetzt grinste sie genau an der Stelle ein rundes Schild an: ziemlich blau, ziemlich roter Rand und ziemlich rotes “X” dazwischen. Die konnten doch nicht seit gestern Morgen hier ein absolutes Halteverbot hingestellt haben! Das konnten nur die Taxifahrer dieser Stadt veranlasst haben, die nun eine Fahrt bekämen.
Ärgerlich und zeitaufwändig war das Procedere auf dem Polizeirevier, um wieder an den fahrbaren Untersatz zu kommen, der ihr schließlich gehörte. Notfalls konnte sie das mit einen Kfz-Brief in irgend einer Schublade belegen. Die Rechnung für das Abschleppen war happig. Wenn sie noch einmal auf die Welt käme, so würde sie einen Abschleppdienst gründen. Und als erstes einen gewaltigen Stapel Rechnungsformulare bei einer Druckerei bestellen, das war sicher. Nach zwei Monaten würde sie sich einen Rolls-Royce leisten und einen Porsche dazu. Aber es hatte ja noch etwas Zeit mit der Reincarnation.
In der Agentur hatte sich nicht viel verändert. Außer dass Henning und Philipp richtig dicke Freunde geworden zu sein schienen. Jedenfalls gingen sie mittags einen Happen zusammen essen und feixten um die Wette. Sie schienen sich wirklich gut zu verstehen, obwohl Philipp etliche Jährchen älter war. Sie verstanden sich tatsächlich bestens, besser ging es gar nicht.
Ihr Herz schlug wie wild. Wo war Yano? Er hatte eine Reinzeichnung in der Hand und spach ein paar Meter weiter mit Benny, dem Layouter. Sie spurtete zu ihm hin, riss an seinem Ärmel und flüsterte aufgeregt:
“Schnell Yano, die Hecke brennt!”
Er stolperte mit ihr den Gang entlang.
“Das musst du sehen”, zischte sie ihm noch schnell zu, stoppte an der Tür und drückte das Türblatt etwas weiter auf. Yano fiel die Reinzeichnung aus der Hand.
Philipp hatte den Arm freundschaftlich um Hennings Schulter gelegt, und der hing wie eine Klette an seinen Lippen. Als die Tür einen winzigen Quietscher von sich gab, stoben sie auseinander, Philipp wedelte mit den Händen, als wolle er sagen, dass alles gar nicht so wäre, wie es aussähe und er doch alles erklären könne. Und Henning hatte einen so roten Kopf wie ein klassisches Zündholz, nur geringfügig größer.
Das war der absolute Hammer! Philipp war entweder Bi oder hatte eine Hetero-Auszeit genommen. Keiner in der Crew hätte das je gedacht! Es war auch egal, jetzt, wo Yano nur kurz aber heftig mit dem Kopf genickt hatte und Philipp ihm in sein Büro folgen musste. Anne reckte die Faust nach oben, hüpfte von einem Bein auf das andere und begann den Samba zu tanzen. Sie jubelte innerlich und genoss das heiße Gefühl der Rache. Anschließend war ihr danach, auf die Knie zu fallen und ein Gebet zum Himmel zu schicken. Sie entschied sich dann aber doch für einen inneren, aufrichtigen Dank an jene gute Fee, die den Wunsch erhört hatte. Innerhalb von zwei Tagen hatte Philipp seinen Schreibtisch geräumt, und Henning hatte von sich aus das Praktikum aufgegeben. Die Situation war zu peinlich gewesen.
Es war Montag. Sie saß Yano in seinem Büro gegenüber. Seine Sorgenfalten glätteten sich langsam. Sie hatten über den Stand verschiedener Projekte gesprochen. Als sie sich schon erheben wollte, hatte Yano ihr mit einer Handbewegung bedeutet, dass sie noch etwas bleiben möge. Er schaukelte in seinem üppigen Chefsessel und hatte sie eine ganze Weile nur angesehen.
Dann schob er seinen Körper plötzlich an die Schreibtischkante heran und stützte sich mit gefalteten Händen auf die Papiere, die vor ihm lagen.
“Ich brauche jetzt einen neuen Creativ-Director”, sagte er unvermittelt und versuchte, ihre Reaktion einzufangen.
Sie sagte nichts. Es wäre besser, ihn erst anzuhören.
“Ich könnte mir gut vorstellen, dass es eine Frau wäre”, fuhr er fort. Aber auch diese Pause würde sie ungefüllt dahin fließen lassen. Er musste weiter reden:
“Ich denke, sie könnte Petra oder Janin heißen.”
Er machte es aber spannend. Zunächst hatte sie gedacht, er würde sie fragen. Aber jetzt wollte er ihren Rat zu zwei Kandidatinnen, deren Namen ihr überhaupt nichts sagten. Aber das machte nichts mehr aus. Statt ihr mehr Inhalt zu den beiden Namen zu vermitteln, sagte er:
“Oder Anne.”
Oh, er meinte tatsächlich sie! Nun, das war angenehm. Wer so viele Sonderaufgaben gelöst und in so vielen Bereichen gearbeitet hatte, wie sie, war nicht so ganz ungeeignet und hatte diesen gut dotierten Job wohl auch verdient. All dies wiederholte Yano jetzt laut, als lese er ihre Gedanken aus ihren Augen.
Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf, aber sie fragte nur:
“Wieviel Bedenkzeit habe ich?”
Yano seufzte:
“Zwei Minuten. Und die haben vor drei begonnen.”
“Nein, im ernst bitte.”
“Eine Woche?”
Sie schüttelte den Kopf:
“Vierzehn Tage!”
Er nickte und das Gespräch war beendet.
“Was heißt das, Du hast deinen Job verloren?”
Ich konnte mal wieder gar nicht glauben, was das Leben so zu bieten hatte. Bulle saß mir gegenüber, etwas abseits des Tresens in einer Nische. Das dritte Bier schmeckte mir schlecher als das erste, aber das war bei mir schon immer so gewesen. Heute konnte ich es ganz gut auf das schieben, was Bulle mir kleinlaut dargelegt hatte. Den ganzen Streit mit Marco, an dem er, Bulle, sich doch völlig unschuldig fühlte. Und da konnte ich ihm Recht geben. Die Reaktion von Marco war alles andere als logisch.
Aber diese letzte Filmsequenz, mit einem gewissen Philipp, und dann auch noch mitten in der Agentur! Das war schon reichlich dumm, fand ich, und ich sagte das auch ganz offen. Bulle nickte nur stumm dazu und starrte auf den Bierdeckel vor sich.
Obwohl ich Bulle und seinen Lebensweg schon seit der Schulzeit kannte, hatte ich noch immer ein gewisses Problem, was das Verstehen der Schwulen-Gefühlswelt anging. Ich versuchte es mir immer damit klarzumachen, dass ich mir seine Situation auf meine Hetero-Welt umschneiderte und das selbe Szenario für mich und eine Frau entwarf. Meine Bemühungen um Verständnis waren sicher aller Ehren wert, aber die Grenze war eben da erreicht, wo ich mir einfach keine Zärtlichkeit von einem Mann zum anderen vorstellen konnte. Das entlarvte meine eher technisch motivierten Bemühungen als Krücke. Bulle hatte mir mehrfach bestätigt, dass es ihm haargenau so erging, wenn das Thema Zärtlichkeiten zwischen Männlein und Weiblein waren. Er hatte aber auch hinzu gesetzt, das er damit eher zu einer Minderheit unter den Schwulen gehörte. Die meisten, jedenfalls die, die in seinem Dunstkreis vorkamen, waren eher bisexuell veranlagt mit recht unterschiedlichen Schwerpunkten. Deshalb hatte er sich auch so phantastisch mit Marco verstanden. Der war wie er selbst, oberschwul.
“Und wie geht es jetzt weiter, nachdem Marco ausgezogen ist? Was ist mit diesem Philipp?”
Er schüttelte den Kopf:
“Vergiss es. Er ist extrem nett und extrem verheiratet.”
“Verheiratet? Mit einer Frau?”
“Mit einem Hund jedenfalls nicht.”
Bulle wirkte düster. Als ich nichts sagte ergänzte er:
“Falls er überhaupt richtig Bi ist, dann auf jeden Fall mit dem falschen Schwerpunkt. Er soll schon massenhaft Weibergeschichten gehabt haben. Aber im Nachhinein ist sich keiner mehr sicher, wieviele davon männlich waren.”
Was war das für ein “Soda und Gomorrum”! Nicht wirklich meine Welt, aber Bulle war mein Freund und wenn ich die Chance hatte ihm zu helfen, dann würde ich es tun. Aber wie sollte ein Blinder einem Sehenden bei der Auswahl eines Farbtons helfen? Dennoch ich hatte eine Idee, wie ich ihn wenigstens ablenken könnte. So eine Art Beschäftigungstheorie müsste es sein. Und ich würde noch einiges dabei lernen.
“Sag mal, Bulle... Mal was ganz anderes. Diese Computergeschichten.”
“Was für Geschichten?”
“Nun, ich meine, diese ganze Entwicklung. Ich habe ja nun gar keine Ahnung, was da zur Zeit läuft und was man mit so einem Gerät alles anstellen kann und so weiter”
Er nickte:
“Vor allem das Und-So-Weiter.”
“Genau!” grinste ich, denn ich hatte auch keine genauere Vorstellung von dem Und-So-Weiter. Das genau sollten die drei Worte ja auch ausdrücken: Ich-Kenne-Davon-Nichts und in der Folge: Ich-Wüsste-Nicht-Einmal-Was-Ich-Erfragen-Sollte.
Er dachte eine Weile nach, bevor er sagte:
“Es gibt 8086er und seit neustem 80286er.”
Ich verstand überhaupt nichts. Was sollten die Zahlen? Aber er ließ sich nicht beirren, sondern erzählte munter weiter von “Macs”, “Amigas” und “Motorola 68000”. Meine Güte, was mutete er mir da eigentlich zu? Aber er sollte ja beschäftigt werden, und das schien ja wohl auch die richtige Taktik, denn er fuhr voll darauf ab. Aber dennoch wurde mir das viel zu technisch und ich begann unruhig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen.
“Bulle, das sind ja alles ganz spannende Geschichten. Aber kannst du nicht mit mir Deutsch reden, bitte? Was kann man machen mit einem Amiga, oder wie das Teil heißt.”
Der Begriff hatte mir irgendwie am besten gefallen, war nicht so spröde wie der Zahlensalat. “Amiga” bedeutete außerdem “Freundin” und das klang auch nicht schlecht. Obwohl, das musste ich einräumen, für einen Computer mit einer doch eher maskulinen Ausstrahlung der Name “Amigo” besser gepasst hätte.
“Ja, was kann man damit machen... Am besten, du besuchst mich mal und schaust dir das einfach an.”
Das war das vernünftigste Wort in der letzten Viertelstunde gewesen. Was sollte der ganze theoretische Quark. Bulle überlegte angestrengt weiter. Die Geschichte schien noch gar nicht zu Ende zu sein.
“Ich glaube, dir würde ein Commodore besser gefallen”, sinnierte Bulle vor sich hin, “und ich habe meinen an C.G.Lee abgegeben. Ich habe nämlich schon einen 286er.”
Was sollte das denn nun schon wieder?
“Amiga gefällt mir aber besser”, maulte ich.
Er winkte ab:
“Das ist ja ein Commodore. Commodore heißt der Hersteller. Die machen auch Schreib- und Rechenmaschinen. Amiga heißt ihr Produkt, also der Computer, verstehst du?”
Na klar verstand ich. Ich war ja nicht blöd.
“Ich arrangiere ein Treffen bei C.G.Lee, okay?” strahlte Bulle mich an und stemmte sein Bierglas.
“Prost!”
Es war ein toller Abend. Drei Kerle im Halbdunkel des Zimmers um einen Monitor geschart. C.G.Lee war mit dem Gerät anscheinend noch nicht so ganz vertraut, aber dafür hatten wir ja Bulle. Ich war begeistert. Der Monitor hatte rechts und links kleine Lautsprecher aus dem richtige Töne kamen, wenn ich nach Bulles Anweisung Noten per Mausklick in das Liniensystem dieses Musikprogramms namens Sonix einsetzte. Man musste dann nur ein kleines Feld anklicken, auf dem PLAY zu lesen stand, und schon ertönte das Chaos. Nun gut, aus dem Chaos konnte man mit einiger Mühe auch eine Fanfare und später sogar eine Melodie machen. Wenn man dann erst einmal herausgefunden hatte, wie die Länge der einzelnen Noten zu bestimmen war, tja, dann konnte sogar so etwas wie ein Lied daraus werden.
Ich war verblüfft und euphorisch:
“Wie macht diese Kiste das?”
“Coprozessor für den Sound”, murmelte Bulle, “aber sag nicht Kiste zu ihm.”
Der Bildschirm hatte kurz geflackert und knisterte etwas, als das Bild zusammenbrach. Ich starrte auf den schwarzen Bildschirm.
“Kabelbruch wahrscheinlich”, meinte Bulle gleichmütig und startete den Amiga neu. Ich hätte die Kiste ja lieber “die Amiga” genannt, war doch schließlich eine weibliche Form des Wortes, aber Bulle ermahnte mich eindringlich, “der” zu sagen, wie alle User der Welt es täten. Und ich solle, verdammt noch mal, mich an die internationalen Geflogenheiten halten. Als C.G.Lee mit heftigem Koppfnicken zustimmte, gab ich mich geschlagen. Okay, von mir aus.
Navina stand in der Wohnzimmertür und schüttelte den Kopf. Ihr missfiel das alles sehr. Sie hatte eigentlich mit C.G.Lee am frühen Abend ins Kino gehen wollen und betonte ständig, dass es nicht so spät werden dürfe, weil ihr Gefährte morgen früh raus müsste. C.G.Lee winkte ab und knurrte dieses in allen Ehen und Zweierbeziehungen wohlbekannte, leicht genervte “Ja, ja...”
Das Musikprogramm war schon große Klasse, so etwas hatte ich noch nie gehört oder gesehen. Und aktive Musik brachte mir schon immer mächtigen Spaß. Aber ganz aus dem Häuschen war ich, als Bulle ein Malprogramm startete. Ich durfte mir eine Farbe aussuchen -wer tut das nicht mal ganz gerne?- und damit auf der weißen Fläche herumkritzeln, indem ich die Maus bewegte und die linke der beiden Tasten drückte. Das war gar nicht so einfach, denn das hatte mit der Handhabung eines Schreibstiftes ja nun rein gar nichts zu tun. Aber es machte Spass, eine Karikatur von C.G.Lee und Bulle zu entwerfen. Als ich sein Hemd mir Rot füllen wollte, war plötzlich das ganze Bild rot. Da funktionierte wohl etwas noch nicht so richtig. Ich hatte es ja geahnt, die Technik taugte doch noch gar nichts. Aber Bulle schüttelte mitleidig den Kopf:
“Kleingläubiger Gartenzwerg!”
Er meinte doch wohl nicht mich? Er nahm die Maus selbst in die Hand, klick, und schon war meine Zeichnung auf dem weißen Grund wieder zu sehen.
“Da ist irgendwo eine Lücke in den Strichen”, erklärte er mir und zeigte mir die Lupenfunktion, mit der ich plötzlich jeden einzelnen Flecken riesengroß darstellen konnte. Bulle bat mich auf den Knien rutschend, diese “Flecken” nie, aber auch wirklich nie wieder so zu nennen, sondern das Wort Pixel zu benutzen.
Ich wollte mal nicht so sein. Pixel klang ja auch ganz nett. Diese Lupenfunktion, der Füllmodus, mit dem man sogar Farbverläufe in fest umrissene Flächen einfügen konnte, das hatte schon etwas für jemanden, der bisher nur Buntstifte und Tuschkästen kannte! Die Maschine, ich durfte sie ja nicht mehr Kiste nennen, erledigte das alles für einen in Sekundenschnelle. Toll.
Ich probierte herum, zwischendurch auch C.G.Lee, und schließlich stand Navina wieder in der Tür und moserte herum, dass es schon spät wäre, und ob wir nicht mal so langsam Schluss machen wollten.
Nein, wollten wir nicht. Denn erstens mussten mir die beiden noch zeigen, wie man einen Text in ein dafür vorgesehenes Programm eingab. Und zweitens war noch wichtiger, wie man den Text löschen, verschieben oder formatieren konnte. Es war erstaunlich, wie einfach und schnell das alles ging. Ich war sicher, ich würde nur die halbe Zeit in Zukunft brauchen. Vorausgesetzt, ich hätte so eine Maschine.
Navina erschien schon wieder im Türrahmen. Sie hatte inzwischen ein Nachthemd an und wollte wissen, wann denn nun endlich Schluss wäre.
“Aber du hast doch eben erst gefragt”, warf C.G.Lee ein. Sie schüttelte den Kopf:
“Das war vor anderthalb Stunden!”
Das konnte gar nicht sein. Unsinn. Navina nervte wirklich in dieser wichtigen Sitzung unter Fachleuten. Sie wollte auf jeden Fall jetzt ins Bett gehen. C.G.Lee bedeutete ihr, dass wir jetzt bald zum Ende kommen würden.
Es hatte sich eine hübsche Reihe leerer Bierflaschen angesammelt, die wir fein säuberlich neben der Tür aufgereiht hatten. Das Größte sollte überhaupt erst noch kommen. C.G.Lee hatte ein Spiel für uns drei gestartet, in dem ein Reich zu verwalten war. Es mussten Leute ernährt, Steuern festgesetzt und was weiß ich nicht noch alles erledigt werden. Und wenn man das recht brav gemacht hatte, dann wurde man befördert und stieg in der zunächst bürgerlichen Hierarchie auf. Jeder wollte zuerst zum Herzog befördert werden, aber das endgültige Ziel war natürlich der Job des Kaisers, wovon es logischerweise nur einen geben konnte.
Es war herrlich. Bulle tobte manchmal wenn er am Zug war:
“Verdammtes nichtsnutziges Volk! Fressen mir die Haare vom Kopf und vermehren sich nicht anständig!”
C.G.Lee beruhigte ihn:
“Du musst gut zu ihnen sein und ihnen mehr zu essen geben.”
Bulle entsetzt:
“Quatsch, dann holt man sich nur Penner und Parasiten ins Land...”
Und so ging es weiter. Wir hatten wahnsinnig viel Spaß, bis Navina wieder in der Tür stand. Sie sah irgendwie verpennt aus und war richtig wütend.
Meine Güte, wie konnte man sich nur so anstellen! Warum verstand die Frau denn nicht, dass diese Angelegenheit unter Männern lebenswichtig war. Computer würden höchst wahrscheinlich die Welt verändern. Damit musste man sich vertraut machen. Was bedeutete es da schon, wenn C.G.Lee bereits in zwei Stunden wieder aufstehen musste, um einen LKW zu steuern? Lapalie!
Sie saß im Zug. Mal wieder. Aber dieses Mal war es anders. Es würde keine Rückfahrt geben. Sie hatte ihre Wohnung aufgegeben, dieses Agentennest. Sie musste lächeln, wenn sie nur daran dachte, wie dieser Schreiberling es wahrscheinlich wirklich für ein solches gehalten hatte. Für einen längeren Zeitraum jedenfalls. Bis sie ihm klargemacht hatte, dass alles nur ein Spielchen gewesen war. Wahrscheinlich hatte er dieses Spielchen bis jetzt nicht einmal so ganz verstanden. Es war auch ein weibliches gewesen, da musste er nicht jeden Beweggrund nachempfinden können. Und schon gar nicht verstehen.
Yano war entsetzt gewesen. Gerade zu einem Zeitpunkt, wo er ihr den Sessel des Creativ Director förmlich unter den Hintern geschoben hatte, lehnte sie ab. Und nicht nur das. Sie verband es mit der Kündigung. Das hatte Yano nicht nur überrascht, sondern auch bis ins Mark getroffen. Er war in sich zusammengesunken und hatte eine ganze Weile gegrübelt. Sie hatte keine Ahnung, was ihm in diesem Moment durch den Kopf gegangen war. Natürlich hätte sie sich gebauchpinselt gefühlt, wenn er ihr eine kleine Partnerschaft angeboten hätte, vielleicht sogar zehn Prozent. Aber sie würde nie erfahren, was in diesem Moment seine Hirnwindungen durcheilte.
Klar, Sie hatte Yano viel zu verdanken, sehr viel sogar. Er hatte ihr vor etlichen Jahren geholfen, wie man es von niemandem erwarten darf. Wie ein väterlicher Freund hatte er ihr zur Seite gestanden, sie ausgebildet, hatte ihr sogar ein neues Leben verpasst. Wenn sie es genau betrachtete, so war sie ihm einiges schuldig, auch Geld. Aber er wollte davon nichts mehr wissen, nicht einmal darüber reden.
“Ich weiß, dass ich dir etwas schulde..., viel schulde, Yano. Ich werde es zurückbezahlen.”
Yano winkte ab:
“Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht sehen wir uns schneller wieder, als wir beide jetzt ahnen. Außerdem hast du schon viel abbezahlt. Den Rest erlasse ich dir. Du weißt doch, wie ich über die Vergangenheit denke.”
Es war jetzt auch nicht mehr bedeutend, denn sie war ja keineswegs unzufrieden mit ihrer Arbeit gewesen. Und mit Geld hatte es schon gar nichts zu tun. Sie wollte einmal raus aus allem, ihr Leben neu starten. Wie den Mac, wenn er in irgendeiner Warteschleife hängen geblieben war und sich in den berüchtigten File-Error flüchtete. Flüchtete sie sich auch in etwas? In einen neuen Job, eine neue Stadt, ein neues Leben? Vielleicht in ein neues Abenteuer. Es konnte auch alles zugleich sein. Henning? Abgehakt. Philipp? Erst recht abgehakt. Yano? War schade, sie hatte sehr gerne für ihn gearbeitet. Wer würde jetzt seine Sonderaufgaben übernehmen? Übernehmen können! Es war heikel. Aber das musste Yano selbst entscheiden. Er war alt genug und er war der Oberchef.
Das Auflösen der Wohnung war relativ einfach gewesen. Sie hatte einiges unter der Hand verkaufen können, inclusive dem 2CV, der ohnehin so langsam aus der Mode kam. Und für den Rest hatte sie einfach einen Nachlass-Auflöser angerufen. Ein abstruser Gedanke, den eigenen Nachlass auflösen zu lassen. Sie fühlte sich gar nicht wie gestorben. Eher wie neu geboren. Hing aber das nicht auch zwangsläufig zusammen?
Nun, und der Schreiberling, den sie Pe nannte? Er war auf der einen Seite ein komischer Kauz, auf der anderen wieder sehr amüsant, einfühlsam und sehr nett. Doch, in Wirklichkeit mochte sie ihn. Ein bisschen jedenfalls. Würde er sich mit der Elektrischen weiter herumplagen? Das sähe ihm ähnlich, sich mit einem Relikt aus alten Tagen abzuquälen. Ziemlich sicher würde sie ihn nie wieder sehen. Niemand wusste was der neue Tag bringen würde. Neue Bekanntschaften, neue Freunde, neuen Spaß, aber auch neuen Ärger. Das war nun einmal so.
Sie freute sich auf ihre neue Wohnung in München, die sie als erstes ganz frisch einrichten konnte. Das brachte wahrhaftigen Spaß und war für eine Frau wie sie für einen Neubeginn genau das Richtige. Den ganzen Staub vergangener Jahre hinter sich zu lassen, und von null auf hundert neu zu starten. Sie freute sich auch schon auf ihr neues Auto, einen BMW in blaumetallic, einen nagelneuen Firmenwagen.
Der Amiga war mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Die Möglichkeiten, die ich kennengelernt hatte faszinierten mich. Vor allen Dingen konnte ich mir die Arbeit damit doch wirklich erleichtern, von überaus vergnüglichen Spieleabenden mit C.G.Lee und Bulle mal ganz abgesehen.
In letzter Zeit hatte ich mitbekommen, dass sich neue Religionen entwickelt hatten. Ich konnte das zwar nicht richtig nachvollziehen, aber es war so, dass es Glaubensanhänger verschiedener Richtungen gab. Und die Polarisation zwischen ihnen wurde stärker, je länger ich das in Magazinen und im wirklichen Leben verfolgte. Da gab es viele, die beruflich mit grafischen Anwendungen zu tun hatten, Werbeagenturen, Grafiker, Druckereien. Sie glaubten alle an den Propheten Mac. Andere glaubten an den heiligen Atari. Ich fühlte mich zwar nicht gläubig, aber doch eher zum Amiga hingezogen. Es war eine neue Sekte aufgetaucht, deren Mitglieder sowohl den Atari als auch den Amiga mit “nur Spielekonsole” beschimpften. Dieses “nur” verstand ich nicht, wo mir die Maschine doch soviel zu bieten haben würde, wenn ich doch nur erst eine besäße. Diese neue Glaubensrichtung hieß PC. IBM kompatible PCs, um genau zu sein. Was sollte dieses hochgestochene “IBM-kompatibel” sein? Es war für mich einfach nicht wichtig.
Ich hatte mir auch einmal angesehen, wie Bulle mit MS-Dos arbeitete und konnte nicht nachempfinden, was das Tolle daran war, Texte einzutippen, um die Maschine zu steuern. Es war doch viel einfacher, wenn man mit diesem kleinen, grauen Plastikkästchen am Kabel auf der Tischplatte herumfuhr. Gleichzeitig bewegte sich auf dem Bildschirm der Cursor, so eine Art kleiner Zeiger, und deutete auf irgend welche Kästchen oder Symbole. Und wenn man im richtigen Moment die Maustaste ein oder zweimal drückte, dann passierte das, was irgendwo weit hinter dem Symbol in den unergründlichen Tiefen der Maschine verborgen war. Meistens jedenfalls.
Ich grübelte gerade kauend darüber nach, wo ich wohl einen Amiga in der Zwergenburg aufbauen konnte, als das Telefon klingelte. Bulle war dran.
“Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche möchtest du zuerst hören?” fragte er mich überraschend gut gelaunt.
Mein Gott, das alte Welche-Zuerst-Spielchen. Und das mit noch knurrendem Magen.
“Ich hab noch nicht zu Ende gegessen”, murrte ich, “also die gute zuerst.”
“Marco ist zurück!”
Ich hörte ihn strahlen, das war wirklich eine gute Nachricht. Ich wünschte ihnen Glück und gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich solch ein Theater nicht wiederholen würde.
“Wird schon klappen”, gab sich Bulle zuversichtlich, “er sieht ein, dass er überzogen hatte.”
Bulle war euphorisch und gar nicht zu bremsen. Er erzählte, was sie sich alles vorgenommen hatten und wie sie ihr Leben aufbauen würden. Es war ein halber Roman.
Wirklich schön für die beiden, dachte ich. Als Bulle Anstalten machte, sich zu verabschieden, hielt ich ihn fest:
“War da nicht noch etwas schlechtes?”
“Ach ja!” Er kühlte gleich um mehrere Stufen ab. “Es wird dir nicht gefallen...”
“Ich bin Kummer gewohnt!” ermunterte ich ihn.
“Sie ist weg. Sie hat das Land verlassen.”
“Wer ist weg?”
“Anne!”
Ich traute meinem linken Ohr nicht, wo ich normalerweise den Hörer warm halte. Also hielt ich ihn vorsichtshalber mal an das rechte.
“Anne ist weg?” ich war richtig schockiert, fing mich aber sofort. Klar, nicht mehr im Lande? Dann war sie wahrscheinlich auf Teneriffa oder Mallorca. In Urlaub also.
“Sie ist in Urlaub!”
Das war von mir eher eine Feststellung, als eine Frage. Aber Bulle widersprach:
“Nein, nein, glaub mir, sie ist weg. Nicht wirklich außer Landes, aber in München. Ich habe gehört, sie hat einen neuen Job dort.”
Meine Finger drückten das Knäckebrot zusammen, bis es mit einem hässlichen Geräusch zerbarst, und die Bruchstücke sich in der Zwergenburg verteilten. Das konnte ich nicht glauben. Nie würde sie diesen Schritt gemacht haben. Und wenn doch, dann auf keinen Fall ohne sich von ihrem Fanclub verabschiedet zu haben. Es konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte! Meine Pumpe stolperte, hatte einige Aussetzer. Ich fühlte, wie ein äußerst schlechtes Gefühl aus der Magengrube aufstieg. Das musste an meinem Hunger liegen. Papperlapapp. Natürlich lag es nicht an dem knurrenden Magen, dass ich mich elend fühlte, verstoßen, geradezu verraten. Ja, die lieblichen Lichtgestalt hatte mich verraten. Sie musste doch gespürt haben, wie viel sie mir bedeutete!
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich mit dem Telefonhörer auf dem Schoß regungslos dagesessen hatte. Mag sein, dass Bulle noch ein paarmal “Hallo” gerufen hatte, bevor er auflegte. Das war jetzt nicht wichtig. Irgendwann muss ich dann doch wieder etwas gegessen haben, denn ich kann mich nicht erinnern, mit totaler Unterernährung ins Hospital eingeliefert worden zu sein. Irgendwann musste ich auch geschlafen haben. Und irgendwann mussten mir auch wieder klarere Gedanken gekommen sein. Jedenfalls soweit, dass ich in der Lage war, die zerbeulte Teedose eigenhändig durch die Stadt zu steuern.
Das Türschild A.S. sprang mir ins Auge und nährte die Hoffnung, dass Bulle mich auf den Arm genommen hatte. Die Wohnungstür war angelehnt. Als ich sie weiter aufdrückte, gab es keinen Zweifel, dass einige Herrschaften in blauer Arbeitskleidung die Agentenwohnung im dritten Stock auseinander nahmen und in Einzelteile zerlegten. Schränke, Bett, Regale.
Im Treppenhaus begegnete mir die alte Schnepfe mit der unerträglich kreischenden Stimme:
“Schade, dass sie ausgezogen ist! War doch so eine nette! Und dann auch noch ganz nach München!”
Ja, schade. Das war auch meine Meinung. Ich nickte nur stumm und verschwand. Ich hatte hier nichts mehr verloren.
Ich war so wütend wie noch nie zuvor in meinem Leben. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf meine Liege und trauerte. Meine Wut flaute ab auf das Niveau einer Verärgerung, um nach einigen rekursiven Gedankenrunden wieder am Nullpunkt anzukommen und in eine neue, alte Wut zu münden. Als ich mich zwischendurch einmal erheben musste, -oder hätten Sie etwa angenommen, dass ich in dieser seelischen Verfassung einfach auf meine Liege gepinkelt hätte?- war das ein ziemliches Pech für die elektrische Schreibmaschine. Sie erinnerte mich an sie, die Sonnengöttin, die überlegene, souveräne, unglaublich schöne, kluge liebliche Lichtgestalt.
Die Maschine hatte Pech, weil sie mir auf dem Rückweg vom Klo ins Blickfeld geriet. Sie musste büßen, für all das, was mich kurz zuvor enttäuscht und gefrustet hatte. Ich nahm den Hammer aus dem Werkzeugkoffer und schlug auf sie ein. Die ersten paar Dellen waren ja noch harmlos, aber ich arbeitete mich ein. Es übte sich, und es tat wohl. Was auch immer Gehrkes nebenan oder Oma Müller ein Stockwerk tiefer gedacht haben mögen, es war mir egal. Die Elektrische musste jetzt nicht etwa ihre Macke ausbaden, sich hin und wieder zu verweigern. Nein, gewiss nicht. Nur für Erinnerungen musste sie büßen, die weh taten. Das Karbonband riss ich heraus wie Gedärm und warf es quer durch die Zwergenburg. Das hochmoderne Korrekturband, eine Art Klebefilm, landete in hohem Bogen auf der repapierten Stehlampe. Die achttausend Einzelteile der Maschine wollte ich wie die eingeäscherten Überreste eines dahin geschiedenen über den nächstgelegenen Ozean verteilen. Nur das Herz der Maschine, die runde Plastikscheibe, die dafür gesorgt hatten, dass überhaupt Buchstaben auf dem Papier sichtbar wurden, dieses Typenrad berührte mich in der Seele.
Ich sammelte es auf und schrieb mit einem Filzstift “Ette” in ihr Zentrum. Eines Tages würde ich einen kleinen Bilderrahmen bauen, gerade so groß, dass er das Herz der Elektrischen aufnehmen konnte, um es hinter Glas auf ewig zu verwahren..., mit dem Schriftzug nach vorne: “Ette”.
Ich zog mir die durchgeschwitzten Klamotten vom Leib und ging unter die Dusche. Keine Ahnung, wie lange ich darunter stand; Oma Müller hatte auf jeden Fall einen Rohrbruch befürchtet. Irgend jemand würde sich finden, der den Keller auspumpte. Ich jedenfalls stolperte zum Telefon:
“Hey, Bulle, ich brauche schnellstens einen Computer.”
Sie erinnerte sich noch sehr gut an ihren ersten Tag, damals in München. Alle hatten sie herzlich empfangen, ihren neuen Schreibtisch mit Girlanden und einer Unmenge von Blumen geschmückt. Aber noch mehr erinnerte sie sich an den zweiten, an dem ihr neuer Chef Ullrich, genannt Ulli, wie unbeabsichtigt seine Pranke auf ihre rechte Pobacke gelegt hatte. Der ausgeübte Druck hätte ausgereicht jede Pampelmuse zu zerquetschen, was für eine unbeabsichtigte Berührung recht erstaunlich war. Sie hätte ihm durchaus sofort eine kleben können, aber das war nun mal nicht ihr Stil. Sie hatte einfach den Stapel Entwürfe aus der Hand fallen lassen, leicht angeschnippelt wie beim Tennis, so dass sich die Blätter auf dem Boden gut verteilten, hatte ihm tief in die Augen geblickt und nur festgestellt:
“Das war´s dann wohl!”
Danach hatte sie sich umgedreht und war betont langsam in ihr Büro gegangen. Ulli hatte sich notgedrungen bücken müssen, um den ganzen Krempel zusammenzusuchen. Er hatte Blatt für Blatt eingesammelt und ihr den Stapel ins Büro hinterher getragen. Und dann hatte er sich für sein Verhalten entschuldigt. Und sie? Sie hatte ohne auch nur eine Miene zu verziehen die Hand hinter das rechte Ohr gehalten und übertrieben laut gerufen:
“Wie bitte? Bitte lauter...”
Nun , das war ihm ganz schön peinlich gewesen. Sie hatte nicht eine Sekunde abgewogen, ob des schädlich für Klima oder Karriere werden konnte. Das war völlig nebensächlich, denn erstens war sie im Recht, und zweitens hätte Yano sie jederzeit mit Kusshand zurückgenommen. Selbst der schlechteste Rechtsanwalt hätte nach diesem Vorfall keine Mühe gehabt, den zwei Jahresvertrag sofort zu beenden. Und bei einer Vergleichsverhandlung wäre vielleicht sogar eine kleine Entschädigung herausgesprungen. Aber das war nicht das, was sie wollte. Sie war nicht umsonst eine Kämpfernatur. Sie hatte jetzt immerhin einen Trumpf in der Hand.
Aber auch nach dem zweiten Tag ging es munter weiter so. Nicht mit Ulli zwar, von dem war fortan nichts mehr zu befürchten, aber die eindeutigen Zweideutigkeiten von Jens, dem Layout-Leiter, oder unverholene Bemerkungen von Bernhard dem Research-Leiter oder die schmierigen Anbaggerversuche von Gernot, dem CR-Leiter, waren Ekel erregend. Hier waren übrigens alle irgendwie Leiter. Sogar in der Besenkammer stand eine herum. Alles schien sich auf eines zu focussieren: Sex. Die Arbeit erschien dagegen ein untergeordnetes Thema zu sein. Ob alle Münchner unter Hormonstörungen litten? Vielleicht waren es Auswirkungen des berühmt berüchtigten Föns, der hin und wieder von den Alpen herüber wehte.
Ich weiß, Sie lechzen nach Beispielen. Schön, ich will mal nicht so sein. Aber es gibt nur eines! An einem herrlichen Tag erschien sie mit ihrer schönsten Sommerbluse in der Agentur. Im Großraumbüro rief ihr Jens anerkennend zu:
“Schöne Bluse!”
Aber Bernhard, der ihr entgegen kam, blieb stehen, starrte genüsslich auf ihre Oberweite und rief für alle gut hörbar:
“Ahh, herrlicher Inhalt!”
Ach, das war noch nichts, meinen Sie? Dabei wissen Sie doch noch gar nicht, dass er sich dabei die Lippen leckte und noch hinzufügte:
“Schade, das es nur zwei sind!”
Das war jetzt schon fast zwei Jahre her. Sie musste bei dem Gedanken daran lächeln. Natürlich hatte ihr das Klima damals nicht gefallen. Aber sie hatte die Herausforderung angenommen. Und sie war sicher gewesen, zu gewinnen. Am Tage nach diesem Vorfall fanden alle balzenden oder mit Überpotenz geschlagenen Paviane auf ihrem Schreibtisch ein Pornoheft mit einem Zettel vor. Der Text war bei allen gleich:
“Eine kleine Hilfe, damit Ihr Euch in Kürze wieder voll auf Eure Arbeit konzentrieren könnt. Die Toiletten sind am Eingang links. Aber nicht drängeln. Anne”
Das Gejohle war groß, aber das hatte sie auch nicht anders erwartet. Es begann trotzdem zu wirken. Vor allen Dingen gab ihr diese Geschichte fortan die Möglichkeit, bei einem verbalen Ausrutscher nur noch mit dem Daumen oder einem Kopfnicken in die Richtung der Toiletten zu deuten. Jeder wusste, was gemeint war, und die Aktionen wurden weniger.
Wenn sie so zurückdachte, gefiel ihr am besten der Tag, an dem sie in ihrem Kampf gegen Machos und Überpotenz den großen Durchbruch geschafft hatte. Einer der Herren hatte es tatsächlich gewagt, sie an einer verbotenen Stelle anzufassen, es war auf jeden Fall mehr als eine schlichte Berührung gewesen. Was der Herr, dessen Identität aus Gründen des Datenschutzes nicht preisgegeben wird, nicht wusste, war die Existenz eines schwarzen Aikido-Gürtels in ihrer Sporttasche. Es ging so schnell, dass er kaum mitbekommen haben konnte, wie ihm geschah. Er lag wimmernd mit einem ausgekugelten Arm am Boden, als ein Kollege sie fragte, was denn vorgefallen sei.
“Frag ihn!” sagte sie nur und ging schnurstracks in Ullis Büro.
Dem CEO der Agentur erklärte sie kurz die Situation und setzte ihm die Folgen von einigen denkbaren Aktionen dar. Er, der oberste Boss der Agentur, würde sofort beginnen müssen, hier aufzuräumen.
Sie hatte sich etwas über seinen fußballplatzgroßen Schreibtisch gebeugt und freundlich lächelnd gesagt:
“Hey, Ulli. Wie würde sich im Toilettentrakt, und zwar im Vorraum, eine wunderbar platzierte Gummipuppe von Beate Uhse machen? Eventuell mit einem passenden Text, und du weißt ja, von Natur aus bin ich Texterin. Und dann gnade uns Gott, dass ein wichtiger Kunde, der uns besucht, nicht gerade pinkeln muss...!”
Von diesem Tag an hatte sie endgültig Ruhe. Ulli hatte alle gefaltet. Die Kolleginnen waren dankbar für dieses Ergebnis, woraus sie schließen musste, dass es ihnen zuvor nie richtig gelungen war, die Paviane in ihre Schranken zu weisen. Eines stand bereits seit ihrem zweiten Tag in München fest: keiner der Kollegen würde je in ihrem Bett landen. Schon der erste Blick hatte damals genügt, um festzustellen, dass ohnehin niemand dabei war, der mit einem Henning hätte mithalten können, ja nicht einmal mit dem Schreiberling, den sie Pe nannte.
Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Nie würde man in einem Ameisenhaufen stochern, ohne dass eine Unzahl dieser kleinen Tierchen den Eindringling zu vertreiben suchten, angriffsbereit, die Säuredrüsen im Anschlag. Sie würden den Bau verteidigen. Und eine Wespe, die ich angriff, würde viele Kolleginnen zur Unterstützung herbei pfeifen. Zumindest hätte ich es ahnen müssen, damals, als ich wie ein Derwisch durch die Zwergenburg getobt war.
Als ich die elektrische Schreibmaschine mit dem Hammer wenig fachmännisch, aber dafür sehr gründlich zerlegte, hatte ich ganz offensichtlich das kollektive Gruppengefühl meiner Geräte unterschätzt. Wie sonst war zu erklären, dass sage und schreibe vier Glühbirnen fast gleichzeitig durchbrannten. Oder wie hätte es sonst angehen können, dass das Radio von einem Tag auf den anderen nur noch fremdländische Sender empfing, deren Nachrichten ich nicht einmal der Sprache nach sortieren, geschweige denn verstehen konnte. Ich vermutete jedenfalls stark, dass Molukkisch und Tasmanisch auch darunter waren. Oder wie würden Sie es erklären, dass in den Tagen unmittelbar nach meiner heftigen Ab-Re-Aktion ein Heizlüfter meine Wohnung in Brand zu stecken versuchte, die Plattenspielernadel abbrach und sowohl die Kaffeemaschine als auch der Durchlauferhitzer meiner Dusche den Geist aufgaben?
Selbst mein altmodisches Handrührgerät war verbogen, als ich ein rohes Ei quirlen wollte. Bei einem gekochten hätte ich es ja verstanden. Aber gekochte Eier quirlt man eher selten. Aber all dies war inzwischen Geschichte, verdammt lange her. Der Computer, den ich damals mit Bulles moralischer Unterstützung und Unmengen eigenen Geldes erstanden hatte, fügte sich widerspruchslos in die Gerätegemeinschaft ein. Das wunderte mich in sofern nicht, als er den grausamen Büßertod der Elektrischen ja schließlich nicht mitbekommen hatte. Und bevor er seinen Platz auf dem Schreibtisch einnehmen durfte, hatte ich alle verräterischen Spuren, Ölflecken und Einzelteile sorgsam entfernt. Selbst wenn die übrigen Geräte ihn aufhetzten und er akribisch danach suchte, er würde nichts finden. Ich würde auf Verleumdung durch die anderen Geräte beharren, und er würde nichts beweisen können.
Wie gesagt, er hatte sich gut eingefügt damals. Man könnte es auch anders ausdrücken, ich war mit ihm gut zurecht gekommen. Nur ist das Eine ein aktiver und das Andere ein passiver Standpunkt in der Sichtweise. In dem Jahr danach hatte ich es immer mal wieder probiert, etwas Leben in die Zwergenburg zu bringen. Ich war nicht allzu glückvoll dabei.
Die Mädels, die ich mitbrachte, hatten allesamt eine Macke. Die eine hatte Klaustrophobie, Sie wissen schon, Angst in engen Räumen, was in der Zwergenburg allein schon zu Problemen führen musste. Die andere hatte eine Fricophobie. Kaum war sie in der Wohnung, begann sie zu putzen. In der Küchenecke war das ja noch in Ordnung, die Unterseite des Stehlampenfußes fand ich schon etwas bedenklich, aber die Innenseite der Waschmaschinentrommel erschien mir dann doch krankhaft. Als ich bemerkte, wie sie sogar bei einem völlig entspannten Gespräch über die Anzucht von Maiglöckchen noch unbeherrschte Scheuerbewegungen mit den Unterarmen vollführte, warf ich sie kurzerhand hinaus.
Gundula konnte überhaupt nicht mit Waschmaschinen, und Cleo hatte eine Küchenallergie. Übrigens weiß ich bis heute nicht, warum sie Cleo genannt wurde. Sollte es die Abkürzung für Cleopatra gewesen sein, so würde das die Abneigung dagegen erklären, in der Küchenecke zu stehen und etwas nettes zu brutzeln. Das hatte eine Cleopatra schließlich noch nie nötig.
Freia war bildhübsch, aber sie war unheilbare Kleptomanin. Ich merkte das erst, als mir meine Wohnung eines Tages so groß und geräumig vorkam. Ja, dann war da noch Hedda. Hedda war schon eine Granate. Keine Ahnung, wie ich an die gekommen war. Nicht einmal Volltrunkenheit konnte das entschuldigen. Sie wog an die dreihundert Pfund. Das war aber nicht das Schlimmste. Sie trank aus dem Suppenteller, schlürfte dabei und sabberte, was das Zeug hielt. Wollen Sie mir jetzt vielleicht weiß machen, ich hatte Glück mit Frauen?
In der Zwischenzeit hatte Oma Grabowski das Zeitliche gesegnet. In die freie Wohnung zog wenig später eine junge, ledige Frau ein. Ich kann Ihnen sagen, so ein hübsches Gerät! Ich war hellauf begeistert, als sie eines Tages etwas schüchtern an meine Wohnungstür klopfte, weil sie die Klingel nicht gefunden hatte. Ich ließ sie eintreten und bedauerte es bereits drei Minuten später. Sie hieß Eva und plapperte wie ein Wasserfall lauter belangloses Zeug. Ich hatte mich die letzten Tage schon gewundert, wer im Haus sich wohl eine Schrotmühle angeschafft haben konnte. Aber das Schnattern, was ich da im Treppenhaus gehört hatte, war keine Mühle, sondern Eva gewesen, wie sie sich auf der Kellertreppe mit Frau Gehrke unterhalten hatte. Inzwischen bezweifelte ich aber, dass es eine Unterhaltung war. Es war eher ein Monolog der einen, der die andere mehr oder minder gut unterhielt. Und Frau Gehrke war eher die andere gewesen.
Aber am meisten wurmte mich, dass Erwin, der Computer, randalierte. Und zwar jedes Mal, wenn ich ein neues, mehr oder weniger hübsches Gesicht in die Zwergenburg mitgebracht hatte, und es erst am nächsten Morgen oder noch später wieder verschwunden war. Unter Garantie machte Erwin Sperenzchen in der Art, dass irgendeine Anwendung nicht zu starten ging, oder ich eine wichtige Datei nicht finden konnte, weil er sie gut versteckt hatte. Häufig lief er überhaupt nicht erst an, wenn ich den Einschaltknopf drückte. Er fuhr das System nicht hoch, obwohl ich hörte, wie es in ihm arbeitete, irgendwelche Tests, was weiß ich.
Wenn ich ihn dann eine Stunde später nochmals anwarf, schwupp, keine Probleme. Mal ehrlich, das konnte gar kein Zufall sein. Es dauerte zwei Monate, bis ich herausfand, wie ich ihn überlisten konnte. Es war sehr simpel und sprach nicht gerade für Erwins Intelligenz: Ich musste nur unmittelbar nach dem Einschalten mit der flachen Hand rechts gegen das Gehäuse schlagen, und schon lief die Festplatte an, und der Rechner wurde hochgefahren. Was die Intelligenz meines Rechners anging, so war er ein konditionsstarkes Arbeitstier, aber man musste ihm alles haarklein darlegen, was man von ihm wollte. Von Mitdenken keine Spur.
Dennoch konnte er richtig pfiffig werden, wenn es darum ging, mich zu ärgern. Mich, der ich doch sein Herr und Gebieter war. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass immerhin ich es war, der die Gewalt über den Einschaltknopf besaß. Ich stand unter dem Eindruck, dass ihm das nicht besonders imponierte, da er mir den Zugriff auf Dateien mit einer Meldung “No admittance - Keine Berechtigung” verweigerte. Also legte ich nach, indem ich ihm den Saft einfach mal für drei komplette Tage abdrehte und den Stecker ganz aus der Dose entfernte. Ich glaube, das hatte endlich einen tiefen Eindruck hinterlassen. Zumindest hatte ich danach drei Wochen lang nicht das geringste Problem mit ihm.
Das traf sich gut, denn Marco und Bulle waren in Urlaub geflogen. Sie wollten irgendwo hin, wo es schön warm war. Ich hatte mir nicht verkneifen können, sie darauf hinzuweisen, dass sie das doch ohnehin immer zu Hause hätten. Marcos gedehntes “Haa - haa - haa” hatte deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass er darüber überhaupt nicht lachen konnte. In den nächsten zwei Wochen konnte ich also auf Bulles fachmännischen Rat nicht bauen. So war es nur gut, dass Erwin in dieser Zeit lammfromm war.
Dafür gab es Ärger mit Vakki. Sie werden sich zu Recht fragen , wer das wohl sein konnte. Aber Sie werden unmöglich darauf gekommen sein. Mein Staubsauger hieß Vakki, mit “W” wie Warmwasserwegwerfwanne. Fragen Sie mich nicht, warum ich ihn so nannte. Sie dachten wohl schon, ich hatte gar keinen, nur weil ich ihn bisher nicht erwähnte? Wie sollte denn, bitteschön, ein Junggesellenhaushalt ohne Staubsauger funktionieren? Stellen Sie sich doch einmal die Brötchenkrümel auf dem Tisch vor. Oder die verbrannten Reste im Backofen. Oder verschüttetes Waschpulver. Oder Holzasche im offenen Kamin. Gut, ich gebe ja zu, ich hatte gar keinen Kamin. Aber wenn ich einen gehabt hätte, so wäre Vakki dort zum Einsatz gekommen, ganz bestimmt.
Oder noch schlimmer, stellen Sie sich diese kleinen, runden Papierplättchen vor, die sich wie übelstes Konfetti in der ganzen Wohnung verteilten, nur weil ich mal kurz in den Locher geschaut hatte, um die Füllung seines Bauches zu kontrollieren. Und für Staub benutzte ich ihn übrigens auch, auf dem Gardinenbrett, auf den Borden in den diversen Abseiten und hinterm Klo. Meinem Schreibtisch durfte er nur selten zu nahe kommen, seit er mir einmal einen wichtigen Zeitungsausschnitt weggesogen hatte. Es war irgendeine Racheaktion, an deren Grund ich mich nicht mehr erinnere.
Als er sich damals beruhigt hatte und ich mich auch (ich hatte den Zeitungsausschnitt im Staubbeutel gefunden und gebügelt), nannte ich das Gerät Vakki. Es war eine versöhnliche Geste und der physikalisch unverwechselbare Begriff Vakuum dürfte Pate gestanden haben. Diese Erklärung gefällt Ihnen nicht? Ich hatte Ihnen ja gesagt: fragen Sie mich nicht.
Vakki war auf jeden Fall eher der ruhigere Typ gewesen. Nein, nicht was den Klang seines Motors anging. Das klang schließlich wie ein abstürzender Kampfjet. Und auch wenn er ein Blatt vor den Mund, oder besser gesagt vor die Düse nahm, dann heulte er auf wie ein Rudel Schweine vor der Notschlachtung. Mit “eher ruhigerer Typ” ist sein stoisches Verhalten gemeint, wenn ich ihn mal aus Versehen trat oder ihn hinter mir her gegen ein Tischbein prallen ließ. Ich habe hinten schließlich keine Augen. Er rastete nicht gleich aus, wie die anderen Geräte-Mimosen. Das lag vielleicht auch daran, dass ich mich stets umgehend bei ihm entschuldigt hatte. Kurz um, ich kam mit ihm gut zu recht, obwohl der Begriff “freundschaftliches Verhältnis” übertrieben wäre.
Allerdings darf ich seine pubertäre Phase nicht verschweigen. Es war zu einem Zeitpunkt, als ich einen Spezialmopp zum Aufwischen des Bodens aus reiner Verzweiflung bei einem Fliegenden Händler erstanden hatte. Er hatte mir Blasen an beide Ohren gequatscht und nach vier Stunden hatte ich meine Geldbörse geöffnet. Vakki rastete aus, als der Mopp im Haus war. Er ließ den Staubsaugerbeutel platzen und pustete das Locher-Konfetti in die Zwergenburg. Eine Eifersuchtsszene? Möglicherweise fürchtete er auch um seinen Arbeitsplatz. Aber ich machte ihm klar, dass ein Teppich, auch wenn er der abgeschabteste im ganzen Viertel war und nach Whisky roch, nur mit einem Staubsauger und nie mit einem Mopp gepflegt werden konnte. Den Teppichklopfer hatte ich vorsichtshalber nicht erwähnt.
Als ich an einem Samstag Vormittag eine Schublade meines Schreibtisches aufzog und mich mehrere Wollmäuse anstarrten, musste ich mir eingestehen, dass ich diesen Flecken abseits der Zivilisation lange nicht besucht hatte. Für die männlichen Leser, die in der Bodenkosmetik möglicherweise ungeübt sind, sei erwähnt, dass Wollmäuse keine Säugetiere sind, die mehrfach im Jahr geschoren werden. Es handelt sich vielmehr um die Zusammenrottung verschiedenster Fasern und Partikel zu sogenannten Bäuschen, die man in die Kategorien Nano, Micro, Standard, Makro und XXL einteilt. Diesen Hinweis nur für den Fall, dass Sie mal wieder nach einem geeigneten Thema für die sinnvolle Kommunikation mit ihrer langjährigen Ehegattin suchen.
Die Wollmäuse in der Schreibtischschublade waren jedenfalls in den Kategorien Standard bis Makro angesiedelt. Sie waren eine Schande für mich. Man stelle sich einmal vor, ein wichtiger Besucher würde rein zufällig einmal diese Schublade in einem unbewachten Augenblick öffnen! Ich wäre unten durch bei ihm! “Des Putzens unkundig” würde das Urteil lauten, und eine entsprechende Veröffentlichung im Kleinanzeigenteil der Zeitung wäre zu befürchten. Sehr peinlich!
Aber ich hatte ja Vakki in einer der vielen Abseiten. Als ich ihn auf die Jagd nach den Wollmäusen ansetzte, schien er zunächst seine Arbeit recht ordentlich zu machen. Aber als er plötzlich wütend aufheulte, musste ich entdecken, dass er sich in eine handflächengroße Plastikscheibe verbissen hatte, die das Saugrohr unmöglich zu fressen vermochte.
“Pfui!” herrschte ich ihn an. Er sollte das Teil loslassen! Er würde es doch nicht fressen können. Ich musste feststellen, dass die meisten Hunde besser auf Herrchen hörten als Vakki. Aber ich entriss ihm die Beute.
Als mein Blick auf die Plastikscheibe fiel, war ich den Tränen nahe. Es hatte sich eindeutig nicht um ein plumpes Versehen Vakkis gehandelt, sondern um einen echten Angriff. Er wollte mich offensichtlich an einer empfindlichen Stelle treffen. Denn dieses Stück Plastik war nicht irgend eines, es war das Herz der Elektrischen mit dem handschriftlichen Vermerk “Ette”.
Ich hatte längere Zeit nicht mehr an sie gedacht. Das lag daran, dass auch längere Zeit keine weiblichen Besucher mit Macke mehr in der Zwergenburg gewesen waren. Denn jeder einzelne dieser traurigen Fälle hatte mich unweigerlich an sie erinnert, die lieblichste aller Frauen, die unübertroffene Lichtgestalt. Keine würde je an sie heranreichen können, ob mit oder ohne Dachschaden. Mit dem Typenrad in der Hand fiel ich auf die Liege, sackte in mich zusammen, ließ die Schultern hängen und starrte auf den Schriftzug, der mir jetzt größer, viel größer erschien als je zuvor: “Ette”.
Anne starrte auf das Flugticket. Was war es schon als Einzelstück wert? Es strahlte allein durch seine einsame Existenz in einem gelben Couvert traurige Unvollständigkeit aus. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass sie keine so richtig enge Freundin mehr hatte, seit Yasmin in die Staaten geheiratet hatte. Mit ihr hätte sie früher ganze Pferdeherden stehlen können, obwohl sie eine solch kriminelle Handlung nie wirklich in Erwägung gezogen hatten. Alles hatte man mit Yasmin bereden können, selbst die intimsten Geheimnisse. So eine Freundin brauchte sie jetzt, nach all dem, was sie erlebt hatte.
Mit Yasmin wäre sie jetzt gerne zusammen in den Urlaub geflogen. Sie fragte sich, ob sie statt dessen Henning oder den Schreiberling mitnehmen würde, aber das war absurd. So manches Mal hatte sie an beide gedacht in diesen zwei Jahren. Zum Beispiel nach der Affäre mit Arno. Es war die übliche Geschichte gewesen, die sich in einem Satz zusammenfassen ließ: Das übliche Süßholzgeraspel, die übliche Hoffnung auf den Traumprinzen und die übliche Enttäuschung mit einem Verheirateten, der nach dem üblichen Seitensprung sich dann doch für seine Ehefrau entschied. Aber das war nichts zu dem, was sie etwa ein Jahr später erwarten sollte.
Er hieß Rufus und sah verdammt gut aus. Er war charmant und unverheiratet. Aber er war ein Klient. Rufus verwaltete einen Werbeetat von anderthalb Millionen für ein mittelständisches Unternehmen. Das war nicht besonders viel, aber es war trotzdem ein interessanter Kunde der Agentur. Sie war einige Male mit ihm Essen gewesen und begann ihn zu mögen. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er nichts mit dieser Branche zu tun gehabt hätte. Aber so war es nun einmal, und sie sah irgendwo nicht ein, dass ihr persönliches Lebensglück hinter diesem Umstand zurückstehen sollte.
Es hatte mehr als zwei Monate gedauert, bis durch einen unerklärlichen Umstand ihre komplette Garderobe an einem gewissen Abend abhanden gekommen war. Auch ihm war offensichtlich sehr heiß gewesen. Wie sonst hätte sich erklären lassen, dass sie sich beide nackt und bloß in einem seidenbezogenen Bett wiedergefunden hatten? Nahezu mystisch war auch, dass sich diese Situation wiederholte.
Er war ein sehr aufmerksamer Liebhaber gewesen. Sie hatte es genossen, wie er ihre Nackenpartie massiert und ihren Körper stimuliert hatte. Seine Erfahrung und ihre Hingabe konnte einiges Glück verheißen und absolut nichts drohte diese Harmonie zu stören. Der Abdruck seiner Zähne störte sie ein wenig, den er beim zweiten Mal in ihrer Schulter hinterlassen hatte, was bei der Extase, die sie zusammen durchlebt hatten, aber auch kein Wunder war. Dennoch, es tat weh und war Blut unterlaufen. Ein schulterfreies Kleid hatte sie in der nächsten Zeit nicht anziehen können.
Als sie sich erneut eher weniger zufällig in diesem mit himmelblauer Seide bezogenen Bett trafen, erklärte er ihr, dass noch weit tiefere, noch erfüllendere Befriedigung zu erreichen sei. Es gäbe genug Spiele, mit denen die Sinne geschärft, die Empfindung intensiviert werden könnte. Seine Augen blitzten dabei auf, und seine Haut glühte. Er sprach von dem Gefühl des Ausgeliefertseins, von dem Genuss der Hingabe, von Fesselspielen, zu denen sie keinen Zugang hatte.
Er hatte sie bis zu einem Grade erregt, den sie zuvor nie kennengelernt hatte. Sie hatte kaum mitbekommen, wie er ihre Handgelenke an das Kopfende des Bettes gebunden hatte. Er hatte sie mit der Zunge gereizt und sich selbst in Extase geredet, über die Funktion des Schmerzes, der die Sinne konzentriert. Er hatte erneut seine Zähne in ihre Schulter gegraben und mit den Fingernägeln Hautfetzen aus ihren makellosen Brüsten gerissen und ihr ins Ohr geraunt, es müsse Blut fließen. Ein tiefer Schock hatte sie ergriffen und Panik machte sich in ihrem Körper breit. Sie konnte nicht glauben, was da auf sie einstürzte.
Es tat weh, sich an diese Augenblicke zu erinnern. Aber sie durchlebte sie wieder und wieder. Sie sah sich, wie sie schrie und sich so gut es ging wehrte. Er lachte, ließ aber nicht ab von ihr. Sie hatte ungeheures Glück, dass sich des Band an ihrem linken Handgelenk gelockert hatte. Blitzschnell erreichte ihre linke Hand seine Weichteile, und ihre Finger verkrampften sich mit einer Gewalt, die ausgereicht hätte, eine Apfelsine zu zerdrücken. Während er animalisch aufschrie, konnte sie ihr Knie zwischen sich und dieses Tier bringen. Sie trat so kräftig zu, wie es nur ging. Das Tier wurde zurückgeschleuderte. Dies schenkte ihr drei, vier Sekunden, in denen sie auch die rechte Hand befreien konnte. Der Rest ging schnell. Die Champagnerflasche neben dem Bett traf seine Schulter und zertrümmerte sein Schlüsselbein.
Sie warf ihn zu Boden, drehte seinen linken Arm auf den Rücken und griff in seine gewellten, blonden Haare. Während sie ihre ganze Wut heraus schrie, schlug sie seinen Kopf immer wieder auf den Boden. Der dicke Teppich dürfte ihn damals vor dem Schlimmsten gerettet haben. Sie konnte nicht genau sagen, wann sie von ihm abgelassen und ihre Kleidung zusammengerafft hatte. Sie wusste auch nicht mehr, wie sie sein Reihenhaus im Münchner Randgebiet verlassen hatte. Später hatte man ihr erzählt, dass sie leichtbekleidet von einer Polizeistreife aufgegriffen und mit einem schweren Schock in die Klinik gebracht worden sei.
Die Polizeibeamten hatten am nächsten Tag ihre Aussage aufgenommen, die dann zu einer Anzeige wegen Nötigung, Vergewaltigung und Körperverletzung gegen Rufus führte. Ein Rechtsanwalt hatte sie darin bestärkt, dass es unerheblich sein müsse, ob es sich um einen Klienten der Agentur handelte oder nicht. Es gab keinen Zweifel am Straftatbestand und es gab auch keinen Grund, diese Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. Krönert, der Rechtsanwalt, hatte sie gewarnt, Rufus würde den Sachverhalt in seiner Aussage umkehren und sie zur Täterin machen wollen. Und genau so war es gekommen. Er hatte von einem ganz normalem Koitus in beiderseitigem Einverständnis gesprochen und seinerseits Klage wegen schwerer Körperverletzung eingereicht. Im Hospital hatte Krönert in weiser Voraussicht sowohl Fotos von ihren Verletzungen, als auch einen Befund anfertigen lassen; das Tier sollte keine Chance haben. Es würde noch einige Zeit bis zum Prozess dauern.
Von diesem Schock würde sie sich vielleicht nie wieder richtig erholen. Aber sie war stark. Und sie würde auch dagegen ankämpfen. Aber sie hatte Angst vor dem Prozess, in dem alles erneut aufgerollt werden würde. München hatte ihr kein Glück gebracht. Erst der zweifelhaft angenehme Einstieg in Ullis Agentur, dann die Affäre Arno, und schließlich der für sie unfassbare Fall Rufus. Ihr Zweijahresvertrag war unmittelbar vor dem Auslaufen. Sie würde ihn nicht verlängern.
Yano meldete sich. Er war hocherfreut, als er merkte, wer in der Leitung war.
“Anne, ich freue mich sehr, das du dich meldest. Ich hatte mehrfach überlegt, dich anzurufen.”
“Wie geht es dir, wie geht es der Agentur, Yano?”
“Gut, sehr gut...”
Er zögerte. So wie sie ihn kannte, hätte er ein anderes Wort benutzt, wenn es ihm wirklich gut gegangen wäre. Jede Wette, er hätte ein strahlendes “Blendend” gewählt.
“Wirklich?” fragte sie nach.
“Weißt du...” fuhr er fort, zögerte wieder eine Weile, “um ganz ehrlich zu sein. Einige Etats sind verloren. Ich sage es ungern, aber du bist schuld. Du fehlst hier.”
Sie war erleichtert. So oder ähnlich hatte sie es sich schon vor zwei Jahren mit ihrer Rückkehr vorgestellt, falls in München etwas schief gehen sollte. Und es war ja schief gegangen. Gründlich.
Der Rest des Gespräches war reine Formsache. Sie erzählte Yano von einigen sehr persönlichen Problemen in München, ohne das näher zu erläutern. Und Yano hatte sofort sein Angebot gemacht. Sie hatte noch Urlaubsansprüche in München, die sie auch sofort geltend gemacht hatte, nachdem sie aus der Klinik entlassen worden war. Es gab nur noch wenig zu regeln, wie etwa die Abgabe des Firmenwagens. Ihr größtes Problem war die frisch eingerichtete Wohnung, aber auch dafür würde sich eine Lösung finden. Schon bald konnte sie im Flugzeug sitzen, irgendwohin, wo es noch warm genug war, um die Seele von den ungeheuerlichen Regengüssen der letzten Zeit zu trocknen. Wo es ruhig genug war, um den Schock zu verarbeiten und zu bekämpfen. Nach diesen zwei Jahren war erneut eine Inventur in ihrem Inneren notwendig.
Ich schaute in den Spiegel. Es gab wenig Zweifel daran, dass die Falten sich vermehrt hatten. Ich war doch nicht wirklich älter geworden, oder? Ich hatte wahrscheinlich in der letzten Zeit nur zuwenig getrunken. Nein, keinen Alkohol, der hätte wahrscheinlich auch die Falten verschwinden lassen, aber wohl nur aufgrund nachlassender Wahrnehmung. Sobald ich wieder einen Pegel der Nüchternheit erreicht hätte, wären sie wieder da gewesen, diese Falten.
Ich sollte mehr Flüssigkeit zu mir nehmen, damit das Gewebe um die Augen herum und am Hals sich wieder etwas füllen könnte. Und in der nächsten Apotheke würde ich mir ein Peeling-Gel für Herren kaufen. Begann ich weibisch zu werden? Da sollte ich doch etwas aufpassen. Auf der anderen Seite, wenn man erst einmal die dreißiger Schwelle erreicht hatte, dann war man uralt. Zumindest hatte ich das noch vor Zehn Jahren geschworen. Inzwischen musste ich zugeben, dass die Welt jetzt etwas anders aussah. Ich fühlte mich doch nicht wirklich alt. Wie sollte es denn erst in weiteren zehn Jahren werden? Aber bereits jetzt konnte es nichts schaden, auf vereinzelte Haare zu achten, die aus den Ohrgängen oder gar aus der Nase zu sprießen begannen.
Wer als Mann auf diese Vorboten des Alterns nicht achtete, der würde jeden Kampf dagegen verlieren. Da war ich ganz sicher. Auch die Augenbrauen galt es genau zu beobachten. Wenn man nicht allzu ignorant war, konnte man schließlich bei jedem gemütlichen Cappuccino im Kaffeehaus die typischen Altersmerkmale der Herrengreise beobachten. Und die Augenbrauen gehörten zweifellos dazu. Wenn man früh genug begann, die längsten wild wuchernden Brauenhaare zu entfernen, konnte man allein damit die Uhr schon um zwei Jahre zurückdrehen. Man musste sie im Auge behalten. Wenn sie sich begannen zu krümmen, zu kräuseln und in alle Richtungen abzustehen, dann wurde es höchste Eisenbahn. Wie ein auf den Tisch gekippter Haufen von Mikadostäbchen sah das dann aus. Nein, das musste ich mir nicht antun. Ich wollte doch kein Herrengreis sein. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlau, Ihnen hier die Geheimnisse des Nichtalterns bei Männern zu offenbaren. Am Ende durchschauen sie noch mein wahres Alter, wenn sie mich einmal treffen, und alles ist für die Katz!
Aber bei all dem Bemühen war nicht zu leugnen, dass ich älter geworden war. Mit mir meine Geräte. Der Computer hatte noch immer diese Macke mit der Festplatte, die nur anlief, wenn sie Lust hatte oder ich auf Knien vor ihr lag. Ich hatte mich längst an den Schlag an die rechte Gehäuseseite gewöhnt. Es war ein fast tägliches Ritual. Ich war schon auf den Gedanken gekommen, dass Erwin das genoss. War er ein Masochist? Oder empfand er es als eine Art Ritterschlag und erfreute sich an dieser besonderen Beachtung?
Wie auch immer, das Leben lebte sich so leidlich mit ihm. Ich hatte mich in ein neues Abenteuer eingelassen, das für einen Herrengreis wie mich nicht ganz ungefährlich war. Wegen der Selbstachtung, die dabei leicht auf der Strecke bleiben konnte, wenn man es nicht schaffte. Ich begann mich mit Programmierung auf der einfachsten Stufe auseinander zu setzen. Nur so zum Spaß. Und weil ich wissen wollte, ob ein Herrengreis wie ich das noch packen würde.
Es war toll! Fragen Sie mich nicht, was ein Editor ist, ich lernte das Ding jedenfalls als ein nahezu blankes Fenster auf dem Monitor kennen, durch das man allerdings keine frische Luft ins Zimmer lassen konnte. Es eignete sich statt dessen zur Eingabe von Texten und ähnelte damit dem von mir seit längerem geschätzten Textverarbeitungsprogramm. Ich tippte ein paar Zeilen ein, und schon passierte irgend etwas spannendes. Meistens eine Anzeige:
“Syntax-Error”
Aber häufig genug lief auch das kleine Programm, das ich aus einem Buch zur Anleitung abgetippt hatte. Da wurden bunte Striche kreuz und quer auf den Monitor gemalt, oder es entstanden immer neue Rechtecke, was einen bei längerer Betrachtung ganz nervös machen konnte. Bei einem Programm schossen kleine Kreise aus der Mitte hervor und vergrößerten sich schnell, was den Effekt erzeugte, als flögen sie auf den Betrachter zu, während sich in der Mitte kleine neue Kreise bildeten. Man kam sich vor, als würde man mit einer affenartigen Geschwindigkeit durch einen Tunnel gejagt. Als ich eines Tages mit knurrendem Magen vor dem Monitor erwachte, musste ich wohl längere Zeit in einem Zustand der Trance vor dem Computer zugebracht haben. Ich startete diese hypnotischen Kreise vorsichtshalber nie wieder.
Je mehr man sich damit auseinander setzte, desto tollere Sachen konnte man damit anstellen. Ich fühlte mich wie ein Gott, welcher der Maschine mit einer geeigneten Syntax sagte, was sie zu tun hatte, und sie tat es. Ich ließ kleine Strichmännchen über den Bildschirm marschieren, die sich gegenseitig in Sprechblasen Gemeinheiten an den Kopf warfen. Ich erschuf eine Welt.
Zugegeben, sie war nicht besonders groß und auch sehr einfach gestrickt. Niemand, dem ich sie vorführte, konnte auch nur im Entferntesten nachempfinden, was ich an diesen kleinen Strichmännchen so toll fand, die da herumschimpften wie die Rohrspatzen. Aber ich hatte sie geschaffen. Aus dem Nichts. Es waren meine Kreaturen. Und meine kleine Welt.
Die Zeit in der Sonne hatte ihr gut getan. Zu Weihnachten würde sie zu Hause sein, bei ihren Eltern. Wo sonst war ihr zu Hause? Eigentlich hatte sie gar keines mehr. Ihrem Vater ging es nicht besonders gut, ihre Mutter hatte geklagt. Sie würde beiden etwas Politur verpassen, wie ein Schreiner, der eine Antiquität aufarbeitet. Ihre eigenen Probleme durften damit ruhig etwas nach hinten treten. Der Anfang war am Strand in der Sonne bereits gemacht. Sie hatte auf Fuerte Ventura nicht die geringste Lust verspürt, irgend ein nur halbwegs männliches Wesen an sich heran zu lassen. Aber sie hatte zwei nette junge Frauen kennengelernt, die eine geschieden, die andere getrennt lebend. Was war das nur für eine Welt, in der Männer und Frauen so gar nicht zusammen passten. Man musste sich wirklich wundern, dass die Menschheit noch nicht ausgestorben war.
Zu verschieden waren die Grundmuster, wenn man es einmal genauer unter die Lupe nahm. Frauen neigten viel eher zur Bildung eines Konsenz, da war sie ganz sicher. Sie bauten eher Brücken der Harmonie. Vielleicht war es ein genetisch bedingter Mutterkomplex, stets um Vermittlung bemüht. In einer durchschnittlich zusammengesetzten Gesellschaft jedenfalls.
Natürlich gab es auch ganz andere Situationen. Aber sie hielt es für Ausnahmen, wenn Weibchen um ein anwesendes Männchen wetteiferten, die unliebsame Konkurrentin durch Spitzen und Gemeinheiten vor dritten lächerlich zu machen suchten. Gerade jetzt, wo sie nicht mehr das Geringste mit Männern zu tun haben wollte, schienen die anderen Weibchen das zu spüren und verzichteten auf Wettbewerb.
Bei Männern war das grundlegend anders. Sobald zwei dieser missratenen Spezies aufeinander trafen, ging es sowohl verbal wie auch in der ganzen Körperhaltung darum, wer der beste, klügste, reichste, größte und... potenteste wäre. Nein, das äußerten die Männlein selten direkt. Darin war sie sich mit Helen und Marissa einig, die beiden netten harmonischen vom Strande Jandias. Bei Männern wurde das verpackt in das schnellere, stärkere Auto. Oder in die Abteilung, die man leitete, und in der man doch schließlich mehr Leuten zu sagen hatte, wo es lang ging. Wettbewerb, Imponiergehabe und Jagdverhalten, das war es doch, was seit zigtausend Jahren das Wesen des typischen Mannes bestimmte. Marissa hatte es auf den Punkt gebracht:
“Männer kämpfen und zerstören, wir Frauen halten aber die Welt zusammen.”
Helen hatte genickt und bekräftigt:
“Genau, wenn wir nicht immer wieder reparieren und für Ausgleich sorgen würden...”
“Vielleicht sollten wir damit mal aufhören”, hatte Anne eingeworfen. Und ihre Gedanken waren abgeschweift in eine Situation, in der sie sich richtig wohl gefühlt hatte. Als sie auf eine etwas plumpe Art umworben wurde und mit dem Opfer gespielt hatte. Wahrscheinlich war das ein klitzekleines bisschen gemein gewesen. Aber die Männerwelt hatte es schließlich verdient. Vielleicht hätte sie sich in jenem Fall etwas zurückhalten sollen? Wenn es eine Ausnahme gab in der schrecklichen, maskulinen Welt, dann könnte es jene gewesen sein. Auf welche Art und Weis konnte man das testen?
Jetzt saß sie in diesem engen Flugzeug und hatte vier Stunden Zeit sich Gedanken über den neuen Einstieg bei Yano zu machen. Aber auch darüber, wie sie eines der wenigen überhaupt noch Hoffnung versprechenden, imponierenden und jagenden Männchen überprüfen konnte. Sie machte sich keine Illusion darüber, dass es sich herausstellen würde, dass auch er am Ende zu der unkultivierten Horde der Paviane zählen würde. Aber noch hatte er eine Chance, wenn auch nur eine sehr geringe.
Ich wollte meinen Strichmännchen gerade eine etwas bessere Ausdrucksweise beibringen, als das Telefon klingelte.
“Was macht die Elektrische?” hörte ich. Das war unglaublich schön. Die lang vermisste Glockenstimme, das leichte, fast unmerkliche Vibrieren darin.
“Ette? Ich kann es nicht glauben! Ich dachte, du wärst in München verschollen. Aber du lebst!”
Ich hatte ganz intuitiv “Ette” gesagt, ohne nachzudenken. Merkwürdig. Meine Gedanken überschlugen sich, und ich hatte fast ihre Frage vergessen.
“Ja, Pe, ich war verschollen”, sie hatte das War betont, “Und die Elektrische? Lebt sie noch?”
Ich wusste zwar nicht warum, aber es war mir etwas peinlich zu antworten:
“Nein, tut mir leid. Ich habe sie schon vor längerer Zeit zertrümmert.”
Sie lachte etwas müde:
“Das geschieht ihr recht! Dann brauche ich jetzt wenigstens kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.”
Wieso schlechtes Gewissen? Weil ich mit ihrer Maschine mehr Probleme gehabt hatte, als sie selbst? Ich war nun einmal ein Geräte-Allergiker. Was konnte sie schon dafür.
“Du, Pe...”, fuhr sie fort. Ich kann Ihnen sagen, das klang vielleicht vertraut. Es lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken, den im Hochsommer keine Dusche besser hätte besorgen können. Aber es war jetzt kein Hochsommer, sondern gerade erst Februar.
Als ich nicht reagierte und auch sie eine kleine Pause gemacht hatte, wiederholte sie ihre Worte, aber etwas forscher und nicht ganz so geheimnisvoll:
“Du, Pe, wenn ich ein Problem hätte, würdest du mir helfen?”
“Na klar doch!” platzte ich heraus, “Wieviel Tausend?”
Sie lachte, aber ich hörte, dass es gequält klang:
“Nein, nein, lass mal stecken! Es ist viel..., wie soll ich sagen..., viel diffiziler.”
Sie musste wirklich ein ernstes Problem haben. Auch wenn sie ein bisschen gelacht hatte, es klangen Sorgen durch, sie war bedrückt.
“Wenn du möchtest, dass ich frühmorgens um vier im Clownskostüm auf dem Hauptbahnhof stehe, ich werde da sein!”
“Das ist sicher etwas übertrieben”, kicherte sie.
“Nun ja, als Weihnachtsmann oder Elch, ich würde es hinbekommen. Glaube mir.”
“Das ist nicht das, was ich brauche, Pe”, sagte sie ernst.
“Was brauchst du dann?”
“Einen Rat.”
“Okay, mach eine Auflauf, am besten mit Spinat und Hühnerfleich!”
Das sollte witzig sein, aber ich merkte sofort, dass es nicht so angekommen war. Sie sagte nichts. Absolute Stille. Klar, sie hatte ein ernstes Problem, wollte einen Rat von mir, was ja schließlich schon eine außergewöhnliche neue Chance für mich war. Und was machte ich? Ich vertändelte diese mit Witzchen.
Ich versuchte zu reparieren:
“Sorry, hör zu. Das war Quark. Ich meine, ich wollte weder von dir zum Essen eingeladen werden, noch war die Andeutung witzig, du wolltest mich um ein Rezept bitte. Entschuldige. Du hast ein Problem, und ich halte jetzt mein loses Mundwerk. Du sagst wo es lang geht. Okay? Verziehen?”
Sie atmete erleichtert ein. Sie hatte offensichtlich registriert, dass ich ernst geworden war und auch der Ernsthaftigkeit der Situation gerecht werden wollte. Zumindest über das Stadium eines Versuches sollte ich mit etwas Anstrengung hinaus kommen.
“Übermorgen Abend. Auf neutralem Boden. Um neunzehn Uhr in dem Agentencafé, du erinnerst dich?”
Und wie ich mich erinnerte!
“Übermorgen...” ich wollte entrüstet fragen, warum in aller Welt erst übermorgen. Warum nicht sofort und auf der Stelle, warum nicht gestern? Aber ich musste meine Ungeduld zügeln. Ich hatte nach so langer Zeit eine neue Chance, und die durfte ich nicht schon wieder versauen.
“Okay, abgemacht”, sagte ich nur und hörte sie auflegen.
Verdammt noch mal, war das schön. Mir hüpfte das Herz im Leibe. Ich hätte singen können, aber erstens stand ich nicht unter der Dusche, und zweitens, was hätten Gehrkes nebenan wohl sagen sollen? Ich taumelte zum Spiegel und kontrollierte die Falten. Ich würde das Peeling-Gel benutzen, ganz sicher. Ich konnte an gar nichts anderes denken, als dass ich der lieblichen Lichtgestalt einen Rat geben sollte. Ich, der kleine Schreiberling aus der unaufgeräumten Mansardenwohnung im vierten Stock. Sie war Texterin, wahrscheinlich hatte es nur damit zu tun.
Ich versuchte mich daran zu erinnern, was sie betont hatte. Sie war in München verschollen gewesen. Im ersten Moment hatte ich es so interpretieren wollen, als wäre sie bereits aus München zurück. Konnte das nicht auch heißen, dass sie immer noch in München war, aber eben nicht mehr “verschollen”? Das war die Erklärung für Übermorgen. Erst Übermorgen würde sie hier sein. Und der Treffpunkt in Bahnhofsnähe sprach doch dafür, dass sie mit der Bahn kommen würde. Ich würde sie überraschen und sie am Bahnhof in Empfang nehmen. Ein Fernzug aus München war vor neunzehn Uhr ohne Problem auszumachen.
Ich musste mich beruhigen und etwas ablenken. Die Strichmännchen waren das ideale Objekt dafür. Nur verweigerte sich mein Computer. Er wollte die Datei nicht öffnen. Er behauptete hartnäckig, mein Programm wäre nicht vorhanden.
“Erwin, du spinnst!” entfuhr es mir. Er sponn wirklich. Er behauptete außerdem, wir hätten Heiligabend. Die Systemzeit jedenfalls zeigte den 24. Dezember.
“Was soll der Mist, Erwin?”
Ich hatte die Nase gestrichen voll, als er auch noch abstürzte. Nein, er war nicht vom Tisch gefallen! Nur hatte er sich einfach nicht mehr gerührt, egal was ich unternahm. Kein Mausklick, keine Tastenkombination, kein Zauberspruch. Nichts half, außer der Notschlachtung: Stecker ziehen. Er hatte das Telefonat mit der lieblichsten aller Lichtgestalten mit angehört. Das war es. Er war eifersüchtig und boykottierte mich, wie er es lange nicht gemacht hatte. Na, warte, mein Freund!
Fast zwei Stunden lief ich am Bahnhof herum wie Falschgeld. Zwei direkte Züge aus München waren in der Zwischenzeit eingetroffen, zwei weitere wären mit Umstieg in Frankfurt möglich gewesen. Eigentlich konnte ich sie gar nicht verpassen, denn ein leuchtender Heiligenschein würde den ganzen Bahnhof erhellen, wenn sie aus dem Zug stieg. Sorgsam hatte ich alle aussteigenden Reisenden beobachtet. Auch die Möglichkeiten einer anderen Frisur oder extremer Verkleidung hatte ich in Betracht gezogen. Falls sie inzwischen angekommen war, so trug sie eine Tarnkappe, die wie im Märchen unsichtbar machte.
Es war schon neunzehn Uhr vorbei, und mich ergriff die Panik, weil ich jetzt bereits im Café hätte sein sollen. Ich stolperte los. Mit ein paar Blumen hatte ich sie am Bahnsteig überraschen wollen. Es sollte nichts weiter sein als ein Willkommensgruß in der alten Heimat, denn schließlich hatte sie mir vor Jahren schon einmal Blumen verboten. Vielleicht stand sie nicht auf Grünzeug, und es würde albern aussehen, wenn ich mit so einem Riechbesen angeschlichen käme. Im Vorbeirennen warf ich den kleinen, kompakten Strauß in einen Papierkorb. Aber ich war keine zwei Meter weit weg, da bedauerte ich die vergeudeten Ressourcen, eilte zurück und fischte ihn wieder heraus.
Auf dem Weg zum Agentencafé suchte ich nach einer Entschuldigung, für den Fall, dass sie bereits anwesend sein sollte. Wahrscheinlicher aber erschien mir, dass sie den Zug verpasst hatte und erst um zweiundzwanzig Uhr zehn ankommen würde. Aber als ich neunzehn Uhr zwölf etwas hektisch in das Kaffeehaus stürzte, saß die liebliche Lichtgestalt bereits an einem etwas abseits gelegenen Tisch und hatte einen Cappuccino vor sich stehen.
Ich hatte sie wirklich schon extrem schön in Erinnerung, aber der Anblick übertraf alles. Sie war atemberaubend in dem auberginefarbenen Wollkleid. Ich warf meinen gefütterten Trenchcoat über einen Haken in der Garderobenecke. Sie blickte auf ihre Armbanduhr.
“Entschuldige”, hechelte ich, “aber ich konnte meinen Lockenstab nicht finden.”
Sie sah mich mit einem fragenden Lächeln an, um dann zu kontern:
“Und ich dachte schon, dein Auto wäre mal wieder eifersüchtig.”
“Die verbeulte Teedose? Die habe ich nicht mehr.”
“So?”
“Ja, ich fahre jetzt eine zerknautschte Käseschachtel”, sagte ich, während ich mich in den gepolsterten Stuhl mit Armlehnen fallen ließ und den kleinen Blumenstrauß auf den Tisch legte.
Das Grübchen auf ihrer linken Wange verstärkte sich.
“Ach, wirklich? Du hast dir ein neues Auto gekauft?”
“Sagen wir mal, mit einem Kasten Bier erworben. Außerdem ist es eine alte Karre.”
“Du hast eine Kiste Bier gegen eine alte Karre getauscht?” Das war eher eine Feststellung, als eine Frage.
“Nein, nicht getauscht. Ich habe eine Kiste Bier bekommen, damit ich auch die Käseschachtel nehme.”
Sie runzelte die Stirn:
“Das muss ja ein tolles Gefährt sein! Hoffentlich ist es nicht so eifersüchtig, wie das alte...”
Das sollte wahrscheinlich ironisch klingen. Für mich drückte es eher Realität aus:
“Du kennst das Sprichwort vom Regen und der Traufe?”
Sie nickte, und ich fuhr fort:
“Siehst du. Diese zerknautschte Käseschachtel kann mich ebenso wenig leiden, wie die Teedose. Wenn ich es eilig habe, dann springt sie nicht an. Der Scheibenwischer geht garantiert nicht, wenn es regnet. Dafür aber plötzlich ganz von selbst, wenn es absolut trocken ist. Und wenn ich während der Fahrt Musik hören will, dann muss ich entweder bitte, bitte sagen oder gegen das Radio treten. Aber das Schlimmste ist die Beifahrertür. Sie springt auf, wenn ich die Fahrertür zuschlage. Möchten Euer Lieblichkeit sonst noch Einzelheiten wissen?”
Sie hob abwehrend die Hände in die Höhe:
“Schon gut, schon gut! Ich dachte mir schon, dass du Probleme mit dem Auto hast.”
Ich schüttelte den Kopf:
“Probleme? Das ist gar kein Ausdruck! Es ist Krieg, nackter, brutaler Krieg!”
“Na ja, meinte sie leichthin, “Ist ja nicht tragisch, ich warte ja erst drei Stunden.”
“Dreizehn Minuten!” korrigierte ich sie.
Ihr Blick ruhte auf den Blumen, aber sie sagte nichts dazu. Ich fühlte mich bemüßigt, eine Erklärung abzugeben:
“Die Blumen sind für meine Mutter, aber wenn du sie gerne hättest...”
Sie machte eine abwehrende Handbewegung und zog den Kopf mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zurück.
Ich bestellte mir ebenfalls einen Cappuccino und ein Glas Wasser für die Blumen. Vielleicht war es besser, ich hielt jetzt einfach eine Weile den Mund. Sie rührte in ihrem Cappuccino und starrte in die Tasse. Ich wollte gerade innerlich mit autogenem Training beginnen, als sie aufblickte:
“Gut siehst du aus, Pe.”
“Danke, das liegt am Peeling-Gel für Herren. Aber das ist nichts gegen deine blendende Erscheinung!”
“Danke”, sagte sie knapp.
“Du hast sicher eine Menge Verkehrsunfälle verursacht” stellte ich fest und spürte, dass ich schon wieder überzog. Innerlich ermahnte ich mich, doch endlich die Klappe zu halten und sie reden zu lassen.
“Alter Schmeichler”, meinte Sie, um sofort einen Satz daraus zu formen, “warum kommst du eigentlich so spät?”
Sie hatte verstanden, wie es gemeint war. Na ja, sie war eben clever.
“Ich wollte dich überraschen, Ette.”
“Mit einer Verspätung? Super, das genau wünscht sich jede Frau. Echt klasse!”
“Sorry, nein...”
Ich erklärte ihr, was mich in den letzten zwei Stunden auf dem Bahnhof umgetrieben hatte, und wie enttäuschend die Passagiere aus München waren.
Sie nickte langsam:
“Du wolltest mich auf dem Bahnsteig überraschen. Mit denen da...”
Sie deutete auf die Blumen. Man konnte ihr einfach nichts vormachen.
Ich hob entschuldigend die Schultern.
“Ich bin gar nicht aus München gekommen” sagte sie fast spöttisch.
Das überraschte mich, aber sie würde es erklären.
“Ich wohne schon seit Weihnachten bei meinen Eltern. In der Nordheide.”
“Und was ist mit München?” wollte ich wissen.
“München ist tot. Für mich jedenfalls. Weißt du, es war eine üble Zeit für mich dort. Aber das geht niemanden etwas an, es ist sehr persönlich, weißt du.”
Es war bestimmt eine Männergeschichte, wie sich das anhörte. Am liebsten hätte ich ihr meine besonderen Fähigkeiten angepriesen, schweigen zu können wie ein Grab und Verständnis zu haben wie eine Horde Pfarrer. Aber ich hielt mich zurück, denn sie würde sofort meine Neugier durchschauen. Also dieses Thema war es schon mal nicht, zu dem sie meinen Rat wollte. Wahrscheinlich doch etwas berufliches. Auch gut.
“Hör mal, Pe...”
Das war wieder dieser Tonfall wie am Telefon, bei dem mir die Ohren zu glühen begannen und das Herz einen Zahn zulegte.
“Wenn ich ein Problem hätte...” sie ließ das eine Weile so im Raum stehen.
Ich stieß in die Lücke:
“Wie am Telefon gesagt: Du pfeifst und ich stehe Kopf!”
Es war eine Antwort auf eine gar nicht gestellte Frage. Sie ignorierte meinen Einwurf:
“Was sollte ich tun, wenn ich in irgend etwas verstrickt wäre.”
Hatte ich mich verhört? Wenn man in etwas verstrickt war, so ging es um illegale Sachen.
“Das müsstest du genauer erklären. Was heißt verstrickt?” Ich war gespannt, was da kommen sollte.
“Na ja, wir haben ja mal über etwas ähnliches gesprochen...”
Mich lauste der Affe! Herrschaftszeiten, doch nicht diese Agentenstory, die hatten wir doch meilenweit hinter uns! Genau diesen Begriff benutzte ich in meiner Frage, aber sie winkte ab:
“Nein, Quatsch! Ich arbeite weder für irgendeinen Geheimdienst, noch für die Mafia. Weißt du Pe, es gibt so viele Möglichkeiten, wie man in etwas hinein geraten kann...”
“In etwas hinein geraten? Wie in eine Falle etwa?” staunte ich.
“So in etwa.”
Ich dachte nach. Mir fielen nur kriminelle Machenschaften ein. Und genau das sagte ich ihr. Dann sollte sie sich lieber der Polizei stellen.
“Du bist auf dem falschen Dampfer, Pe. Aber nett, wenn du damit meinst, ich gehe in den Knast bis ich neunzig bin, und du würdest auf mich warten. Meintest du das?”
“Ich weiß nicht recht...” stotterte ich, während ich innerlich den Gedanken einfach nicht zu Ende denken konnte. “Ich glaube nicht, dass ich dich gerne im Gefängnis besuchen würde. Ist immer so zugig dort.”
“Zugig ist es am Bahnhof”, lächelte sie. So ein platter Scherz. Und dann von einer Texterin, die doch weiß Gott andere Probleme zu haben schien!
“Das ist zwar nicht ganz das, was ich meinte, aber okay, machen wir halt Witze darüber.”
Sie wurde wieder ernst:
“Danach ist mir eigentlich nicht, Pe. Aber erzähle mir, wieso du mich im Gefängnis sehen wolltest.”
“Wollte ich doch gar nicht, Ette. Ich suchte doch nur einen Weg, dich zu retten. Und wenn dieser Weg über das Gefängnis führen würde...”
“Also doch Gefängnis?”
“So meine ich es nicht.” Ich war in Erklärungsnöten. Wie sollte ich ihr denn begreiflich machen, dass ich sie weder im Gefängnis, noch auf der schiefen Bahn sehen wollte. Das war es! Ich sprach es aus.
“Was meinst du mit schiefer Bahn?” bohrte sie weiter.
Ich wurde sichtlich nervös:
“Nun hör mal, Ette. Du hattest gesagt, dass du dich in etwas verwickelt hättest. Nicht ich hatte das erfunden. Und jetzt verhörst du mich?”
“Nein, Pe, ich verhöre dich doch nicht. Ich wollte nur von dir wissen, wie du zu mir stehen würdest, wenn ich in der Klemme wäre.”
“Ich würde dir natürlich helfen. In jedem Fall sogar, hörst du? In jedem! Nur dazu müsste ich irgendwie erfahren, worum es geht!”
Sie schmunzelte und nippte an ihrem Cappuccino. Und dann kam es knüppeldick.
Sie war recht früh da gewesen. Aber es war angenehm, noch etwas Zeit zu haben. Sie bestellte sich einen Cappuccino und dachte über ihre verkorkste Situation nach. Jeden Tag fuhr sie mit der Bahn. Es wurde Zeit, dass der Firmenwagen endlich angemeldet wurde, den Yano ihr zugesagt hatte. Gerade für die Sonderaufgaben brauchte sie den dringend, und die waren zur Zeit bald wichtiger als ihre reguläre Tätigkeit.
Als der Zeiger auf die Sieben sprang, war sie enttäuscht, dass er unpünktlich war, der Schreiberling. Ab der fünften Minuten würde eine einfache Entschuldigung langen, ab der zehnten müsste er sich schon etwas verdammt gutes ausdenken. Sie bezweifelte ohnehin inzwischen, ob das, was sie da inszenierte, sinnvoll war. Sie hatte zwar Bedenken bekommen, was den Erfolg anging, aber wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte, dann führte sie es auch zu Ende. Ein Abbruch kam nicht in Frage. Das war sie ihrer angeknacksten Psyche schuldig. Es war ein Versuch, mehr nicht.
Zwölf Minuten nach sieben kam er durch die Tür geschossen und rannte fast eine Bedienung über den Haufen. So ähnlich hatte sie sich seinen Auftritt auch vorgestellt. Er hatte Blumen in der Hand und seinen Trenchcoat über dem Arm. Sie war gespannt, wie er das mit den Blumen erklären wollte. Er wird das Ganze doch nicht als Rendezvous missverstanden haben?
Er entschuldigte sich mit seinem Lockenstab, den er nicht gefunden habe. Das war wirklich originell! Und die Blumen wären für seine Mutter? Wer´s glaubt! Ja, so war er, ein bisschen verrückt, aber liebenswert. Fast schade, dass er zu der missratenen Spezies gehörte. Aber genau darum ging es ja, den genaueren Standort herauszufinden. Wenn er ihr nicht den Glauben an Ausnahmen zurückgeben konnte, dann gab es wohl keine Hoffnung. Wenn er sich ebenfalls als Pavian entpuppen sollte, was zu erwarten war, dann war es vorbei.
Nach ein paar belanglosen Sätzen hatte sie herausgefunden, dass er sie am Bahnsteig erwartet hatte. Er war der irrigen Meinung gewesen, dass sie aus München anreiste. Und wenn sie ehrlich war, dann war es ausgesprochen nett, ja fast rührend, ihn sich mit einem kleinen Blumenstrauß zur Begrüßung auf dem Bahnsteig vorzustellen. Er hatte sie wirklich überrascht, auch wenn es nicht direkt gelungen war. Sie spürte, wie ihre Augen etwas feucht wurden, sah in ihre Tasse und hatte sich schon wenige Augenblicke später wieder gefangen.
Sie kam jetzt langsam und vorsichtig zur Sache. Sie deutete ihm an, in irgendwelche mysteriösen Dinge verstrickt worden zu sein. Er sollte zeigen, wie er sich dabei Hilfe vorstellte, Position beziehen, Farbe bekennen. Da kam es ihr gerade Recht, dass er sich anscheinend nur irgendwelche kriminellen Machenschaften vorstellen konnte und von Polizei und Gefängnis sprach. Damit konnte sie ihn leicht in die Enge treiben. Er fühlte sich sichtlich unwohl dabei, als sie ihm quasi vorhielt, dass er sie wohl gern im Gefängnis sehen wolle. Natürlich wollte er das nicht, aber da würde er sich jetzt irgendwie heraus winden müssen.
Er machte gerade so etwas wie einen Treueschwur, indem er ihr zusagte, er würde ihr aus jeder, aber auch wirklich jeder Klemme helfen. Aus jeder? Jetzt würde es interessant werden.
“Pe”, sagte sie sanft und blickte ihm tief in die Augen, “du verrennst dich in kriminelle Machenschaften. Es gibt genug andere Möglichkeiten. Denk doch mal über die Moral unserer Gesellschaft nach. Es muss doch nicht alles kriminell sein, was als verpönt gilt.”
Er schien sichtlich irritiert, und sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie er Hände ringend auf dem dicken Teppich des Cafés um Auflösung des Rätsels winselte. Statt dessen begann er eine Frage:
“Du meinst nicht etwa...”, er schien um Überwindung zu ringen, “..., also ich meine..., keine Prostitution, Ette, oder?”
Sie zuckte gleichgültig die Achseln und nahm einen kleinen Schluck Cappucciono. Egal, ob er diese Geste neutral oder als “Doch” wertete, sie würde ihn auf jeden Fall verunsichern. Er war gezwungen fortzufahren:
“Das ist natürlich Unsinn, denn du hast einen sicher nicht allzu schlecht bezahlten Job in einer Agentur.”
Sie sah, wie in ihm die Erkenntnis wuchs, dass er diesen Sachverhalt nur vermutete. Schließlich war sie aus München zurück, was bedeutete, dass der Job dort erledigt war. Mit keinem Wort hatten sie das Thema Beruf oder gar eine neue Stellung gestreift.
“Jedenfalls hattest du einen...” murmelte er.
“Man kann nie genug Geld haben, Pe. Oder etwa nicht?” vertiefte sie seine Zweifel. Er tat ihr fast ein bisschen leid, aber da musste er jetzt durch.
“Lass uns doch mal etwas ganz theoretisch annehmen, Pe. Nehmen wir zum Beispiel an, ich wäre ein Callgirl...”
Das war ein rechter Schwinger, der ihn am Kinn traf. Er verlor sichtbar das Gleichgewicht. Sie setzte nach:
“Wie gesagt, rein theoretisch. Nehmen wir an, ich hätte genug davon und wollte heraus aus diesem Milieu.”
Er schüttelte heftig den Kopf:
“Ist doch alles Unsinn! Aber wenn das schon ein rein theoretisches Gedankenspiel sein soll, dann einfach aussteigen!”
“Das stellst du dir einfach vor, nicht wahr? Aber wenn ich bedroht würde von den Paten dieser Branche, was sollte ich tun?”
Er schien jetzt doch ernsthafter über das Thema nachzudenken. Aber er kam auch mit einem Lösungsvorschlag:
“Du versteckst dich.”
Sie nickte:
“Toll, Pe, ich verstecke mich, in einem Erdloch, und du bringst mir hin und wieder ein paar belegte Brote. Super.”
Er schüttelte den Kopf:
“Du versteckst dich in meiner Wohnung, verschwindest von der Bildfläche. Ich sorge für dich, bis sich der Sturm gelegt hat.”
“Wie lange würdest du das, wie lange würde ich das durchhalten? Zwei Wochen?”
Er schüttelte wieder den Kopf:
“Ein paar Monate, vielleicht?”
Dieses Mal war sie es, die den Kopf schüttelte:
“Langt nicht...”
“Dann zehn Jahre!” Diesmal nickte er und kaute auf der Unterlippe.
Sie saßen einige Minuten, in denen sie lächelte, und er nervös kaute. Er hatte Zeit, darüber nachzudenken, was hinter dieser Theorie stecken mochte. Als sie glaubte, ihm genug Zeit gegeben zu haben, begann sie, den Faden wieder aufzunehmen:
“Was ist, wenn ich mit Männern nicht allzuviel anfangen kann?”
Sie sah, wie auch dieser Haken gesessen hatte. Sie hasste die Brutalität des Boxsportes, aber hier traf der Vergleich ins Schwarze. Er würde jetzt über sie und eine lesbische Variante nachdenken müssen.
Wieder schüttelte er heftig den Kopf:
“Nein, nein. Ich weiß nicht, was du damit bezweckst, aber es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass du mit Bulle ganz gern angebändelt hättest, wenn er nicht so falsch gepolt wäre.”
Das stimmte. Der Gedanke war logisch.
“Ach, Henning...”, sagte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung, “er hat mir ganz gut gefallen, okay, aber was sagt das schon? Es gibt so viele Möglichkeiten, von Männern enttäuscht zu werden, Pe. Aber das wirst du nicht verstehen können.”
Nun provozierte sie ihn auch noch mit dem Verständnis.
“Also nicht lesbisch?” fragte er unvermittelt. Vielleicht hoffte er, aufatmen zu können.
“Und wenn es so wäre? Dann würdest du mich nicht mehr zehn Jahre lang verstecken, nicht wahr?”
Er war eindeutig in der Defensive, aber er hielt den Kopf wacker über Wasser:
“Lass mich eine Minute darüber nachdenken, damit du sicher sein kannst, dass ich meine, was ich sage.”
Das war ein starker Auftritt von ihm. Sie fühlte sich wie in einem Schachspiel, in dem der Gegner einen unerwartet starken Zug gefunden hatte.
Er starrte in seine Tasse und zerbröselte in Gedanken die zwei Kekse auf dem Tellerchen. Dann blickte er ihr in die Augen:
“Ich nehme an, dass du mir heute endgültig klar machen willst, dass ich nicht die geringste Chance bei dir habe. Gut. Ich gebe zu, dass es mich sehr trifft.”
Seine Stimme wurde rauh, und er musste sich räuspern, bevor er nach einigem Schlucken fortfahren konnte:
“Auf der anderen Seite hattest du nicht den geringsten Grund, mich überhaupt wieder anzurufen. Nur um mir mitzuteilen, dass ich mir meine Gefühle in die Haare schmieren kann, wirst du nicht dieses Treffen vereinbart haben. Also brauchst du wahrscheinlich wirklich irgendeine Hilfe, die ich jetzt noch nicht so richtig verstehe.”
Sie fand, er spielte jetzt wesentlich besser, als in der Eröffnung. Er begann tiefer zu denken, mehrere Züge im voraus.
Ihr Kopfnicken signalisierte, dass er Eindruck hinterlassen hatte. Sie würde ihm jetzt ein paar Brocken hinwerfen müssen.
“Du hast Recht, Pe. Ich habe nicht allzuviel erklärt. Das Problem liegt in den Details. Ich kann weder dir, noch anderen darüber genaueres sagen, weil es zu intim ist. Ich hoffe, du verstehst das.”
Er nickte, obwohl er natürlich nichts verstehen konnte.
“Es berührt mich zwar unangenehm, aber ich sage dir jetzt, dass ich fertig bin mit der Männerwelt, mit Euch Pavianen. Sorry, dass ich das so direkt ausdrücke, aber so ist es nun mal. Ich hab´ zuviel erlebt, weißt du?”
Ein Kopfnicken von ihm hätte ihn jetzt entlarvt. Aber er nickte nicht, er zuckte leicht die Schultern. Also war es an ihr, fortzufahren:
“Bringen wir es auf den Punkt, Pe. Wenn du nicht die geringste Aussicht auf irgendeine Gegenleistung hättest, würdest du mir helfen?”
Er grinste, vielleicht etwas verlegen, vielleicht aber auch, weil er wieder etwas Zeit zum Nachdenken benötigte.
“Wenn du so nett darum bittest, wer würde dir da etwas abschlagen können?”
Sie spürte einen Hauch von Wut. Das war nicht das, was sie erwartet oder gewünscht hatte. Seine Gegenfrage klang ironisch und überheblich.
“Das ist keine Antwort, sondern eine enttäuschende Gegenfrage, voller Ironie!”
Sie hatte sich keine Mühe gegeben, ihren Ärger zu verbergen. Warum auch?
Er musste gemerkt haben, dass er mal wieder einen saumäßigen Zug gemacht hatte. Er lenkte ein:
“Entschuldige. Du hast Recht. Das war eine ziemlich blöde Bemerkung. Gib mir eine zweite Chance für die Antwort, ja?”
Sie nickte. Natürlich wollte sie eine zweite, eine bessere Antwort.
Er spulte erneut das Denkritual ab. In die Tasse starren, Cappuccchino umrühren, sich räuspern, einen angemessenen Zeitraum vergehen lassen. Endlich äußerte er sich:
“Ich habe verstanden, dass ich keine Chance habe. Und ich respektiere es ab jetzt. Richtig ist, dass ich dich mag. Und in Anbetracht all dieser Aspekte, würde ich dir so etwas wie Freundschaft beweisen wollen. Und wie könnte ich das besser, als durch irgendeine gottverdammte Hilfsaktion. Also sag Bescheid, wenn ich deine Möbel zu Fuß von München bis in die Nordheide schleppen soll. Oder wen ich für dich umbringen soll...”
Sie war froh, dass er endlich wieder zur Hochform aufgelaufen war. So klang es schon besser. Sie raffte ihre sieben Sachen zusammen und erhob sich. Natürlich würde er dieses abrupte Ende des Gespräches nicht akzeptieren wollen. Als er ebenfalls aufspringen wollte, drückte sie ihn sanft in den Stuhl zurück. Dann trat sie neben ihn, beugte sich zu seinem Ohr und hauchte:
“Danke!”
Nach einer Gedenksekunde erteilte sie so eine Art Anweisung:
“Du bleibst jetzt hier brav sitzen. Ich rufe dich an, wenn ich die Dinge klarer sehe. Du übernimmst den Cappucchino?”
Er nickte stumm. Sie fischte ihren Mantel aus der Garderobe und war verschwunden.
Ganze Tage hatte ich mit Fieber im Bett zugebracht und gewartet. Worauf wartet man schon, wenn man krank im Bett liegt? Klar, auf telefonische Hilferufe von irgendwelchen Lichtgestalten. Keine Ahnung, was in der letzten Zeit gelaufen war. Ich wurde von der schönsten aller Welten in die denkbar schlechteste katapultiert und wieder zurück. Kneippsche Wechselbäder für die Seele,von denen ich nicht behaupten konnte, dass sie ebenso gesund waren, wie warme und kalte Wassergüsse. Für die Flexibilität und Dehnbarkeit der Blutgefäße war die Kneippsche Methode wahrscheinlich ein taugliches Training. Aber für die Seele? Vielleicht sollte auch sie flexibel und dehnbar bleiben.
Erwin hatte mich auch nicht gerade sonderlich unterstützt. Obwohl ich ihm laut und deutlich erklärt hatte, dass er die Sache mit der Lichtgestalt ruhig vergessen könne, schmollte er weiter vor sich hin. Er hatte anscheinend eine Datei gelöscht, die für den Startvorgang wichtig war. Nachdem ich mir drei dicke Handbücher gekauft und auswändig gelernt hatte, war ich immer noch nicht so richtig schlauer geworden. Die dafür vergeudeten Tage hatten wenigstens die Grundlage dafür geschaffen, dass ich Bulle in dieser Angelegenheit besser verstand, als ich ihn endlich telefonisch erreichte. Durch dieses wunderbare Zusammenspiel von Fachliteratur und Bulles Spezialwissen hatte ich nicht nur von der so überaus wichtigen Datei Kenntnis erhalten, sondern sogar die Lösungsmöglichkeit verstanden. Ich wusste endlich, was ich von wo nach wo kopieren musste. Der Zeitaufwand von drei Tagen war dafür zwar unverhältnismäßig hoch, aber was tat man nicht alles für ein bisschen Frieden im Haus!
Ja, was tat man nicht alles! Selbst für fremde Engel, für liebliche Lichtgestalten, die unerreichbar in fremden Galaxien lebten, denen man in dem schwachen Moment einer geistigen Verwirrung sogar uneingeschränkte Hilfe versprochen hatte. Ich Wahnsinniger hatte sozusagen einen Blankoscheck ausgestellt! Aber vielleicht wurde dieser ja nie eingelöst. Ich würde es merken.
Die ganze Geschichte war verwirrend. Wenn ich alle Punkte auf einen Zettel schrieb, so war er bald voll. Ich sollte besser eine Tapetenrolle nehmen. Die Lichtgestalt gab mir keine Chance, sie war fertig mit der Männerwelt und sie ließ offen, ob sie lesbisch veranlagt war. Aber das war aufgrund einiger Argumente sehr unwahrscheinlich. Vielleicht war sie Bi? Auch nicht sehr logisch. Ihre Enttäuschung über Männer war wohl eher das hüpfende Komma. Wie hatte sie die genannt? Paviane? Das war interessant und konnte mir vielleicht weiterhelfen. Denn es stand doch außer Frage, dass entweder sexuelle Exzesse oder ungehobeltes Benehmen gemeint waren. Welche dieser beiden Varianten auch infrage kam, ich würde gegen beide an arbeiten müssen. Syssiphus ließ grüßen.
Aber hatte ich da nicht einen wichtigen Punkt vergessen? Sie hatte ihn herunterspielen wollen und es mit der rein theoretischen Fragestellung versucht. Oft verpackten Menschen ihre wahren Probleme in theoretische Modelle, um sich nicht offenbaren zu müssen. Und manchmal schickten sie andere Probleme zur Ablenkung ins Feld. Diese Theorie von Prostitution war ziemlich unglaubwürdig. Aber die Art und Weise, wie die Lichtgestalt das Ganze verpackt hatte, machte stutzig. Die liebliche Lichtgestalt ein Callgirl? Ich hatte noch nie von einem Callgirl gehört, das gleichzeitig Texterin in einer Werbeagentur war. Das musste nichts bedeuten. Denn, ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt noch nicht allzuviel von irgend einem Callgirl gehört.
Aber was es auch war, sie wollte Ruhe vor uns Pavianen. Ich fühlte mich von diesem Ausdruck gewiss nicht angesprochen, aber verstand sehr gut, dass ich nach den von ihr erwähnten Enttäuschungen leicht in Sippenhaft geraten konnte. Ich würde damit zurecht kommen. Und mehr noch, ich entdeckte ganz hinten und sehr verschwommen eine Chance, daraus Kapital zu schlagen. Kapital? Punkte zu sammeln wäre ein besserer Ausdruck gewesen. Oder für eine gewisse Heilung zu sorgen, das konnte der Sache am nächsten kommen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr hielt ich die letzte Variante für die wahrscheinlichste. Vielleicht würde ich ja doch noch gewinnen, am Ende, wenn niemand darauf auch nur einen abgebrochenen Fingernagel verwetten würde.
Die Tage, die ich mit Schüttelfrost, Fieber und Hunger im Bett verbracht hatte, nutzte ich, um Erwin zu disziplinieren. Das heißt, dass der Stecker aus der Dose verbannt wurde. Erwin sollte Hunger leiden, wie ich schließlich auch. Elektronenabstinenz. Fastenzeit. Als ich mich wieder einigermaßen fit fühlte und eine Tapetenrolle mit Gedanken über die Lichtgestalt gefüllt hatte, erwartete ich von Erwin Reue und endlich wieder treue Dienste. Zunächst schien alles in Ordnung. Aber wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie plötzlich kein “e” mehr auf Ihren Bildschirm bekämen? Stlln Si sich doch bitt mal inn Txt ohn diss ““ vor! in unhaltbarr Zustand!
Natürlich denken Sie jetzt sofort: “Aha, eine Taste auf der Tastatur tut es nicht mehr. Kein Wunder, wenn einer soviel darauf herum hämmert, wie der Schreiberling!”
Aber falsch geraten! In dem Moment, da ich die Textverarbeitung verließ und den Editor zur Programmierung für kleine Strichmännchen startete, klappte auch das “e” wieder. Sie werden mir Recht darin geben, dass eine defekte Taste nun sicherlich in beiden Anwendungen nicht funktionieren würde, nicht wahr? Und auch Bulle erkannte bereits am Telefon und ohne Blindenstock, dass das Problem ganz woanders zu suchen war.
“Ein Virus!” hatte Bulle gesagt. Klar, ein Virus. Dass ich nicht von selbst darauf gekommen war. Schließlich hatte ich tagelang mit Fieber im Bett gelegen. Ich musste ihn angesteckt haben. Bulle war da zwar anderer Meinung, aber was soll´s, ich sah keinen Sinn darin, mit ihm über eine so offensichtliche Angelegenheit zu streiten.
Auf jeden Fall wusste Bulle sofort, welches Medikament ich gegen den Virus einsetzen konnte. Zu meinem Erstaunen war es ein Programm, das ich zwar nicht in der Apotheke, aber in einem Computermarkt käuflich erwerben konnte. Tatsächlich funktionierte nach der Anwendung (zwei Mal täglich nach dem Essen) das “e” wieder in allen Programmen. Dafür ging das “r” nicht mehr. Das lag aber tatsächlich an der entsprechenden Taste auf der Tastatur. Ein etwas kräftigerer Anschlag eher am rechten Rand der Taste, löste das Problem so einigermaßen. Das Arbeiten damit war keine reine Freude. Ich versuchte, Texte ohne “r” zu verfassen und fluchte, dass es nicht die “q”-Taste getroffen hatte, die ich ohnehin nur selten benutzte. Im übrigen wunderte mich nicht, dass sich Erwin für den Virenbefall in einer geeigneten Form rächen wollte. Ein Computer ist eben auch nur ein Mensch.
Ich kämpfte an einem Samstag gerade mit einem Text, der mir außergewöhnlich viele “r” zu enthalten schien, als das Telefon klingelte. Plötzlich war mir das “r” völlig egal und auch der spärliche Regen, der so schwach war, dass er den Pflanzen im Park gerade mal den Mund wässerig machte. Denn für mich ging einmal mehr die Sonne auf, als die volle, warme Glockenstimme durch meinen Gehörgang hallte. Sie war es wirklich, die Unnahbare, der ich einen Blankoscheck ausgestellt hatte.
“Pe? Hallo? Falls du da bist, nimm doch bitte ab!”
“Äh, entschuldige..., aber so dick bin ich doch nun auch wieder nicht”, sagte ich mit gespielter Entrüstung.
“Ach, sorry, ich dachte, ich hätte wieder den Anrufbeantworter an der Strippe.”
“Wieso wieder?”
“Ich hatte dir gestern draufgesprochen, aber du hast nicht zurück gerufen.”
“Hm, ich habe aber gar keinen Anrufbeantworter...”
“Oh, wem habe ich denn da auf´s Band gequatscht? Na, egal. Sag mal, weißt du, wo gerade eine kleine bezahlbare Wohnung frei ist?”
“Du suchst eine neue Wohnung?” fragte ich erstaunt.
“Ja, der Fahrtweg ist viel zu weit und bei meinen Eltern, das ist auch nur eine Notlösung. Wenn deine Wohnung nicht so winzig wäre, hätte ich dich ja vielleicht gefragt...”
Hoppla, was? Wie war das? Meine Gedanken überschlugen sich. Wollte sie mich etwa fragen... Nein, das konnte gar nicht sein. Aber das wäre ja eine ungeheuerliche Chance, wo Wohnungen noch immer so schwer zu bekommen waren!
“Wenn es dir helfen würde, könntest du natürlich bei mir drei oder vier Zimmer belegen”, hörte ich mich sagen. Was redete ich da jetzt wieder für einen Quark? Manchmal konnte ich an mir verzweifeln. Aber mein Hirn war irgendwie schon viel weiter.
Sie lachte:
“Bei dir, drei oder vier Zimmer! Na klar!”
“Nicht in der Zwergenburg natürlich. Aber in der neuen Wohnung. Die ist so groß, dass man ein Fahrrad braucht, um von der Speisekammer bis ins Büro zu kommen.” Was redete ich denn da?
“Du hast eine neue Wohnung?”
Ich schwitzte Blut und Wasser. Wie konnte man sich nur in eine solche Sackgasse manövrieren?
“Klaro, war doch alles viel zu eng.”
“Wenn deine alte Wohnung jetzt frei wird, dann könnte ich doch...”
Blitzschnell unterbrach ich sie:
“Ist schon lange vergeben. Keine Chance.”
“Schade”, sagte sie etwas traurig.
“Ja, schade” sagte ich etwas weniger traurig.
Als ich aufgelegt hatte, hastete ich die Treppe hinunter zu Oma Müller. Sie freute sich, dass ich sie mal wieder besuchte, aber ich hatte wirklich nicht viel Zeit. Ich wollte mir ihre Stadtteilzeitung ausborgen, wegen der Wohnungsannoncen, die standardmäßig am Samstag dort erschienen. Es gab ein paar Angebote, die nur allesamt einen Haken hatten. Entweder war die Miete so hoch, dass man die Wohnung in zwei Jahren als gekauft betrachten konnte, oder die Miete war immer noch so hoch, aber die Wohnfläche viel zu klein.
Ich rannte durch den kalten Regen. Irgendwo musste ein Kiosk eine noch viel dickere Tageszeitung mit noch viel dickerem Wohnungsteil haben. Als ich dieses Blatt endlich in meinem Trenchcoat relativ trocken nach Hause gebracht hatte, war ich über die Ausbeute enttäuscht. Irgend jemand musste die passenden Annoncen herausgeschnitten haben, oder das Angebot war wirklich so mager. Was aber stand da unten in der Ecke? Vier Zimmer, Küche, Balkon, Bad, GWC...? Was war bitteschön GWC? Das konnte doch nicht etwa...?
Doch, es konnte. Die honorige Damenstimme am Telefon bestätigte, dass es sich um ein Gäste-WC handelte. Aber keine Tiere, keine Kinder, keine Raucher, keine laute Musik, keine Feste, kein Fischgeruch aus der Küche und keine laufenden Automotoren auf der Etage! Dafür aber auch nur eine Kaution in Höhe eines Jahreseinkommens. Wie intolerant war diese Gesellschaft doch geworden! Niesen durfte man wahrscheinlich auch nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten, Duschen nur während die Vermieterin Urlaub machte und über die Toilettenbenutzung..., das wollte ich mir gar nicht erst ausmalen. Aber es war egal. Es waren immerhin vier Zimmer und ein Gäste-WC!
Meine zerknautschte Käseschachtel brachte mich relativ schnell zu der angegebenen Adresse. Die Wohnung entpuppte sich als wahre Perle. In wenigen Sekunden hatte ich die Zimmer verteilt, auf die liebliche Lichtgestalt und mich. Das Badezimmer war geräumig und verfügte über alles, was ein reinliches Herz begehrte, auch über eine Toilette und sogar über fließendes Wasser. Der eigentliche Kick aber war das Gäste-WC. Es hatte ein kleines Waschbecken und lag zum Glück an der Wand zum größten Raum, den die Wohnung zu bieten hatte. Es würde ein Leichtes sein, die Wasseranschlüsse und das Abflussrohr zu verzweigen.
Mein Plan stand fest, ohne dass ich darüber länger nachdenken musste. Ich hatte schon komplette Duscheinheiten gesehen, die ideal für das Nachrüsten von Altbauwohnungen waren. Sie wurden damals auch vielfach in provisorisch ausgebauten, drittklassigen Hotels verwendet. Mit integrierter Schmutzwasserpumpe, mit einem Anschluss für das Frischwasser und mit einem Durchlauferhitzer. In das große Zimmer würde ich eine solche Duscheinheit stellen. Und eine kleine Küchenecke. Ich war es schließlich gewohnt mit abgeteilten Nischen zu leben. Zusätzlich hatte ich dann noch ein kleines Zimmer als Büro, das durch eine altmodische Doppeltür zu erreichen war. Alles in allem ein klarer Fortschritt, der von einer unbezahlbaren Aussicht gekrönt wurde: Die Aussicht auf permanente Nähe der Sonnengöttin, der gar lieblichen Lichtgestalt. Keine Mühe konnte dafür zu groß sein, kein Preis zu hoch.
Auch Ette würde begeistert sein über ihr kleines Reich, komfortable Küche, geräumiges Bad, Balkon und zwei mittelgroße Zimmer. Wenn sie wollte, konnte sie selbst den Flur zu ihrem Königreich zählen. Ich würde fliegen lernen, um von der Wohnungstür zu meiner kleinen Einliegerwohnung zu kommen!
Ein Problem aber blieb vorerst. Es bedurfte wahrscheinlich einiger Überzeugungsarbeit, um ihr klar zu machen, dass dieser Wohnkomplex eine pavianfreie Zone war. Ich würde es täglich neu durch betonte Zurückhaltung beweisen. Kein Lauschen an der Wand, keine Spionage am Schlüsselloch würde je Anlass zu Klagen geben. Ich fühlte mich mental gut vorbereitet für einen Kampf, den ich unbedingt gewinnen musste.
Nachdem ich mit der Vermieterin handelseinig geworden war nahm ich am Montag Morgen bei der Bank einen Kredit für die Kaution auf, der ausgereicht hätte, das gesamte Stadtviertel zu sanieren. Danach rief ich bei C.G.Lee an. Navina und C.G.Lee hatten seit kurzem ein gewaltiges Problem, das hier auszubreiten der Anstand verbietet. Mein koreanischer Freund war begeistert von der Aussicht, die Zwergenburg übernehmen zu können. Die Trennung der beiden war anscheinend schon beschlossene Sache.
Jetzt brauchte ich Ette nur noch ihr neues Königreich vorzustellen. Ein Anruf war dazu durchaus sinnvoll, nur benötigte man dazu eine passende Telefonnummer. Woher nehmen, und nicht stehlen? Die Auskunft. Sie wohnte provisorisch bei ihren Eltern, die möglicherweise auch Schneider hießen. Aber nur, wenn sie noch immer ihren Mädchennamen trug. Und wenn ihre Eltern noch immer in Originalbesetzung spielten. Mir wurde bewusst, dass es eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten gab, die Häufigkeit des Namens eingeschlossen.
Noch während ich über mein weiteres Vorgehen nachdachte, über all die Probleme, die so ein Umzug mit sich bringen würde, rief Bulle an. Er wollte wissen, ob ich mit dem Virus klar gekommen war. War ich. Aber ich hatte schließlich einen neuen, den Umzugs-Virus. Dagegen wusste Bulle nur ein Mittel, einen großen LKW und einen Sack voll Bekannter mit kräftiger Muskulatur. Außerdem wusste Bulle, in welcher Agentur die Lichtgestalt vor zwei Jahren gearbeitet hatte. Das war mir wichtiger, als alle Ratschläge über das fachgerechte Verpacken von Glas und Nippes. Wenn ich nur ein wenig Glück hatte, wusste man dort, wo sie jetzt zu finden war.
Der Service dieser Agentur war grandios. Man wusste offensichtlich nicht nur, wo die Sonnengöttin zu finden war, man konnte mich sogar direkt verbinden! Noch bevor die unvergleichliche Lichtgestalt in der Leitung war, legte ich wieder auf. Sie würde das neue Reich vielleicht noch heute Abend sehen wollen. War es nicht besser, noch einiges vorzubereiten, um ihr die Sache schmackhafter zu machen? Wenn Sie jetzt an diese kitschigen Rosen-Szenen in noch kitschigeren Liebesfilmen denken, vergessen Sie es. Das war gewiss nicht die Vorbereitung, die ich meinte. Die Lichtgestalt würde in ihrer seelischen Verfassung eher allergisch darauf reagieren. Nein, es ging darum, alle Wände in einen attraktiven Zustand zu bringen, weiß vorstreichen war mein erster Gedanke. Auf jeden Fall musste es neutral und sauber wirken. Die Lieblichkeit sollte möglichst wenig mit Renovierung zu tun haben. Und sie sollte auch nicht von meinen Umbauarbeiten belästigt werden. Also war doch klar, was ich zu tun hatte.
Ich hatte das Gefühl, dass alles über mich hereinstürzte wie eine Lawine. Dass eine Terminarbeit bis Ende der Woche fertig sein sollte, war nur eines der Probleme. Ich würde einfach Tag und Nacht arbeiten.
Ette erwischte mich telefonisch, gerade als ich mit farbverschmierten Händen gleichzeitig mit meiner Terminarbeit und dem “r” kämpfte.
“Ich hatte fast eine Wohnung...”, begann sie zu erzählen. Mein Herz setzte kurz aus. Wenn sie jetzt eine Wohnung finden würde, dann hätte ich ein überteuertes, überdimensioniertes Schloss am Hals und die Zwergenburg würde C.G.Lee auch nicht mehr abgeben wollen.
“...Vier Zimmer, Gäste-WC, groß, geräumig, teuer. Aber die Vermieterin hatte sie schon anderweitig zugesagt.”
Ich atmet auf.
“Wann war das mit der Vier-Zimmer-Wohnung?” wollte ich wissen.
“Letzten Montag, warum?”
“Ach, nur so...”, ich war mit den Gedanken schon ganz woanders. Das war ja offensichtlich ein knappes Rennen gewesen.
“Aber du hattest da etwas in Aussicht gestellt. Ist das noch aktuell, Pe?”
“Aktueller denn je!” gab ich erleichtert zurück.
“Es ist ein Schloss. Mit Zugbrücke und Aussichtsturm.”
Sie lachte ihr schönstes Glockenlachen. Wann würde sie die Räumlichkeiten ansehen wollen? Ich hatte Glück. Sie erzählte, dass sie am selben Abend noch nach Braunschweig musste. Und bis Samstag würde ich alles vorbereitet haben. Die Duscheinheit war bereits angeliefert worden und musste nur noch angeschlossen werden. Die Küchenecke war erheblich problematischer, aber auch das konnte bis Samstag erledigt sein.
Anne hatte eine anstrengende, aber erfolgreiche Woche hinter sich. Es wurde Zeit, dass das Wohnungsproblem gelöst würde. Aber dazu stand sie ja nun neben dem Schreiberling und beobachtete ihn, wie er etwas nervös mit dem Schlüsselbund herumspielte.
“Die Zugbrücke!” sagte er und deutete auf die Wohnungstür. “Sie funktioniert aber bereits mit Schlüssel.”
Sie schwieg und bereitete sich innerlich auf eine Bruchbude übelster Sorte vor. Nicht zuviel erwarten, lautete die Devise. Was auch immer in diesem vierstöckigen Block direkt am Park zu erwarten war, das größte Problem war das Wohnverhältnis in Untermiete. Er hatte zwar zwei vollständig unanbhängige Wohneinheiten versprochen, aber das musste man erst einmal in der Praxis sehen. Mit keinem Männchen dieser Welt wäre sie hinter eine gemeinsame Wohnungstür gezogen, auch wenn die Bereiche dahinter noch so getrennt waren. Bei jedem anderen hätte sie sich die Wohnung nicht einmal angesehen, aber bei diesem Schreiberling war das unerklärlicher Weise etwas anderes. Er erschien ihr ungefährlich, oder anders herum, sie fühlte sich ihm einfach haushoch überlegen.
Bisher hatte sie sich alle Türen offen gelassen, aber eine unbedachte Entscheidung in den nächsten Minuten konnte leicht zu einem unverzeihlichen Fehler werden. Auf der anderen Seite konnte man auch diesen später noch korrigieren. Wenn das heutzutage sogar bei einem irrtümlichen Jawort vor irgendeinem Standesbeamten reparabel war, dann sollte ein irrtümlicher Mietvertrag schon gar kein Hindernis darstellen, kein ernstes jedenfalls.
Als sie den langgestreckten Flur im vierten Stock betrat, roch es nach frischer Farbe.
“Willkommen im Schloss Ette!” sagte er und hielt ihr die Tür zu einem mittelgroßen Zimmer auf, ein heller, freundlicher Raum mit einem sehr gut erhaltenen Parkettboden. Sie hasste Parkett, aber einen Teppichboden konnte sie immer noch hinein legen. Die Küche war gemütlich, wohnlich, mit einer gut gepflegten Sitzecke, die der Vormieter anscheinend nicht mitgenommen hatte. Das Badezimmer war ein Farbspiel Ton in Ton zwischen Hellgrau und Aubergine. Woher auch immer die Accessoirs kamen, sie sahen brandneu aus und rochen auch so. Schwere Vorhänge und kleine Teppichinseln. Die Farbe: Aubergine. Was für ein Zufall, sie liebt diese Farbe. Als sie gegen eine der Teppichinseln stieß, bemerkte sie ein Preisschild, strich mit dem Fuß die Ecke aber schnell wieder glatt.
“Wie findest du es?” fragte der Schreiberling und gab seinem Tonfall den Anschein von Interessenlosigkeit. Schnell setzte er hinzu:
“Du kannst es ja in einer anderen Farbe fliesen lassen und alles hinauswerfen, was dich stört.”
“Es scheint mir aber sehr neu zu sein”, sagte sie vorsichtig und beobachtete ihn scharf. Er zuckte nur gelangweilt die Schultern und deutete auf die gegenüber liegende Tür.
“Der Thronsaal...”
Dann stieß er die Tür auf und ihr Blick verlor sich in einem hellen Raum, der leer war bis auf... Nun, wie sollte man es nennen, einen netten Gag? Eine Geschmacklosigkeit? Auf jeden Fall stand inmitten des Zimmers aus alten Obstkisten zusammengezimmert, mit roten und weißen Stofffetzen gefüttert und mit kitschig goldenen Kunststoffteilen garniert so etwas wie ein Thron. Links und rechts daneben Blumen. Allerdings keine echten, sondern aus bunten Papierfetzen und Wellpappe phantasievoll zusammengesetzt.
Der Schreiberling grinste verlegen und hob entschuldigend die Arme:
“Tut mir leid, hat der Vormieter hier stehen gelassen. Sollte wohl ein Scherz sein. Aber kein Problem, mit dem nächsten Müllwagen bist du den Krempel los.”
Sie wusste nicht so richtig, wie sie das werten sollte. Diese Aktion war schon ganz schön daneben. Ein Gag, natürlich. Immerhin hatte er sich da etwas einfallen lassen. Anne ging langsam durch das Zimmer, drehte sich einmal um ihre Achse und legte den Kopf schief. Gefiel ihr das hier im vierten Stock? Gefiel es ihr, die Wohnung zu teilen?
“Wo wohnst du, Pe?”
Er zog die Augenbrauen hoch und winkte sie in den Flur. Als sie neben ihm stand deutete er auf zwei Türen, an denen sie achtlos vorübergegangen waren.
“Hinter diesen Türen verbirgt sich das Reich der Finsternis. Es ist das absolute Chaos und hat mit dem Schloss Ette nichts zu schaffen. Siehst du hier diesen Teppich im Flur?”
Sie nickte:
“Trage ich etwa eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten?”
Der rotviolette Läufer war schließlich nicht zu übersehen.
“Siehst du, Ette, das ist die Einflugschneise von dort...”, er deutete auf die Wohnungstür, “bis zu diesen beiden Türen.”
Sie nickte. Er machte keinerlei Anstalten, ihr die Geheimnisse hinter diesen Türen zu zeigen. Statt dessen fragte er:
“Siehst du die Mauern dort?”
Er deutete neben die Ränder des Läufers. Vielleicht war sie ja doch erblindet? Jedenfalls konnte sie nichts entdecken.
Er beharrte auf seiner Sichtweise:
“Auf jeden Fall sind dort Mauern, die jeden Weg, jeden Blick, ja sogar jeden Luftzug von dem Schloss dort drüben fernhalten.” Damit zeigte er in die Richtung des Thronsaales.
“Jeden Luftzug?”
Er lächelte, wiegte den Kopf und murmelte:
“Na ja, zugegeben, etwas dick aufgetragen.”
Er ließ sie mit ihren Gedanken allein und verschwand hinter einer der Türen. Sie hatte Gelegenheit, sich allein im Schloss umzusehen. Sie hielt Zwiesprache mit sich selbst, wog das Für und Wider ab. Sollte sie es wagen? Konnte sie das Heft in der Hand behalten und bestimmen, wo es lang ging?
Als Pe nach einer Weile wieder auftauchte hatte er zwei Schreibblätter in der Hand.
“Na, wie findest du das hier?” fragte er, und Anne glaubte, einen Hauch Ungeduld heraus zu hören.
“Weißt du, irgendwie bin ich doch etwas enttäuscht.”
Ihm fiel die Kinnlade herunter. Wahrscheinlich fragte er sich jetzt, was er falsch gemacht hatte. Aber er hatte nichts falsch gemacht. Auch der Gag mit dem zusammen gezimmerten Thron war verzeihlich. Sie würde ihn mit einer einfachen Frage überraschen:
“Wo, bitte, ist der versprochene Aussichtsturm?”
Er stutzte einen Moment, dann zog er sie am Ärmel quer durch den Thronsaal und öffnete die Balkontür. Die kalte Luft ließ die Scheiben an der Tür beschlagen. Der Blick aus vielleicht dreizehn, vierzehn Metern Höhe über den Park mit den kahlen Bäumen verzauberte sie. Sie stand eine ganze Weile auf dem Balkon und blickte auf zwei Jogger im Park hinab. Wie bei denen bildete auch ihr Atem in der kalten Luft einen zarten, weißen Fetzen aus Wasserdampf, der von dem nächsten Windstoß zerrissen wurde.
Sie nickte langsam:
“Nicht schlecht, Pe. Nicht Schlecht!”
Der Schreiberling sagte nichts, sondern schloss leise die Tür, als sie in das Zimmer zurückgekehrt war. Er sah sie fragend an.
“Weißt du, Pe, so eine Art Wohngemeinschaft ist eine heikle Angelegenheit.”
Er schüttelte heftig den Kopf:
“Es ist keine Wohngemeinschaft. Es sind zwei abgeschlossene Wohnungen, die nur die gleiche Tür zum Treppenhaus benutzen.”
Sie schüttelte den Kopf, und er schien ihre Gedanken zu erraten. Er zog erneut etwas an ihrem Ärmel, bis sie im Flur vor einer der Türen zum “Reich des Chaos” standen. Die geöffnete Tür gab den Blick auf eine saubere, kleine Toilette frei. Sie deutete auf das kleine Waschbecken:
“Und da drin badest du? Toll!”
Er lächelte:
“Du befürchtest, das Badezimmer teilen zu müssen? Völlig unbegründet...”
Er öffnete die zweite der verbotenen Türen, wie er sie bezeichnet hatte, und zeigte ihr die Naßzelle und die Küchenecke daneben:
“Du siehst, Ette, eine abgeschlossene Wohnung.”
Es klang durchaus etwas stolz. Möglicherweise hatte er gearbeitet wie ein Tier, um ihr dieses Gemäuer schmackhaft zu machen.
Er hielt ihr die zwei Blätter Papier unter die Nase, als wolle er damit unterstreichen, was er ihr bereits klarzumachen versuchte.
Sie las:
“Nutzungsvertrag zwischen...”
Beim Lesen schüttelte sie mehrfach den Kopf. Er hatte an alles gedacht. Beide Parteien verpflichteten sich, das fremde Territorium strikt und ohne Ausnahmen zu meiden. Selbst an eine Regelung für die Treppenreinigung und den von beiden genutzten Flur hatte er gedacht. Ihr Mietanteil war ebenso aufgeführt wie der Zahlungstermin. Über einen Anteil zur Kaution würde sie noch einmal reden müssen, aber ansonsten gab es eigentlich nichts einzuwenden.
Ihr mehrfaches Kopfschütteln hatte ihn irritiert.
“Warum schüttelst du den Kopf?” wollte er wissen. “Sag einfach, was nicht in Ordnung ist.”
Wieder schüttelte sie den Kopf:
“Nein, das ist es nicht. Ich staune nur.”
Sie standen noch immer im Niemandsland zwischen den beiden Reichen, im Flur. Sie starrte nachdenklich auf die Papiere. Der Schreiberling blickte sie lange nachdenklich an, bis er schließlich sagte:
“Falls wir uns zur Abwechselung mal setzen wollen, möbliert ist bisher nur die Schlossküche und das böse Reich des Chaos.”
Sie hatte sich für die Schlossküche entschieden. Er holte zwei Gläser und Orangensaft aus dem Chaos-Reich und setzte sich zu ihr.
“Siehst du, da fehlt eine Regelung in deinem Vertrag”, meinte sie lächelnd und deutete mit dem Zeigefinger auf die Sitzbank. Er schien nicht zu verstehen, sondern blickte fragend mit zusammengezogenen Augenbrauen.
“Bei zwei getrennten Wohnungen würdest du dich jetzt wohl zu Unrecht in der..., wie nanntest du es noch mal? In der Schlossküche aufhalten”, erklärte sie.
“Meinst du eine Besuchsklausel? Kein Problem! Also, ich notiere: Besuch wird nur Samstags zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr auf der Sitzbank in der Schlossküche empfangen.”
Sie schlürfte lächelnd etwas Orangensaft.
“Ich brauche etwas Bedenkzeit.”
Er nickte und sah ihr in die Augen, als wolle er darin lesen, was ihr durch den Kopf ging. Er würde es doch nicht erraten. Sie war überrascht, mit welcher Akribie er sich Gedanken über alles gemacht hatte, offensichtlich auch über sie. So wie er diese Wohnung aufgeteilt und ein Regelwerk entworfen hatte, deutete es darauf hin, dass er es bitter ernst meinte.
Vielleicht unterschätzte sie ihn. Die Energie, die er in dieses Projekt gesteckt hatte, war beachtlich. Und er überraschte sie auch, als er nach dem längsten schweigsamen Blick, den sie je erlebt hatte, plötzlich leise sagte:
“Was du noch wissen solltest, Ette, diese Wohnung ist eine pavianfreie Zone!”
Viel Wasser war den Rhein hinunter geflossen, seit Ataris und Amigas mit Macs und PCs rivalisierten. Wenn man die Entwicklung im Nachhinein betrachtete, so war sie erstaunlich rasant abgelaufen. Niemand wusste so genau, warum die ersten Amigas mit der Typenbezeichnung 1000 ausgestattet waren, und das Nachfolgemodell nur noch 500 hieß. C.G.Lees Erklärung dafür war blöd, aber nicht zu widerlegen: Das Gehäuse der 500er Spielekonsole war nur noch halb so hoch wie das des 1000ers. Wir alle bezweifelten den Wahrheitsgehalt dieser Erklärung, aber niemand hatte eine bessere. Für die Bezeichnung der PCs hielt C.G.Lee eine ähnlich dämliche Logik bereit, aber ich erspare Ihnen den Unsinn, den sein verwirrtes Hirn bei wahrscheilich 42 Grad Fieber hervorgebracht hatte.
Die Entwicklung war in jener Zeit so rasant, dass man mit dem Austauschen der Computer gar nicht hinterher kam. Für die ausrangierten Geräte bekam man selten den Preis, den man sich vorstellte, und für Ersatzteile konnte man sie allemal gebrauchen. Mir waren die Maschinen außerdem nach all den Kämpfen so sehr ans Herz gewachsen, dass ich im Keller schon nach kurzer Zeit ein Computermuseum einrichten konnte. Und mir ging es nicht allein so. Auch C.G.Lee, Bulle und Tausend andere hatten ein Rechner-Mausoleum. In einem eigenen Raum stapelten sich dazu die Originalkartons, die man für den Fall einer Reklamation ja aufheben sollte.
Computer als arbeitsame, nimmermüde Ameisen erleichterten vielen Leuten das Leben. Meines einmal ausgenommen, weil ich in ständigem Krieg mit Erwin und seinen Nachfolgern lebte. Ich nannte sie übrigens alle Erwin, weil ich mich dann erstens nicht umgewöhnen musste, und zweitens auch keinen Unterschied in der Hinterlistigkeit der Modelle feststellen konnte. Am Anfang taten sie eine Weile so, als wären sie der beste Freund, um dann nach einer gewisse Schamfrist das wahre Gesicht zu zeigen. Gut, ich war eines Tages auf den Gedanken gekommen, dass die Namensgebung mit der Zickigkeit zu tun haben könnte. Aber auch als ich den neu erworbenen 286er PC zunächst Rudolpho nannte, verhielt er sich nicht kooperativer. Beim 386er versuchte ich es zunächst mit dem Mädchennamen “Lisa”. Als dies alles nicht fruchtete, griff ich wieder auf den kampferprobten Namen “Erwin” zurück. In Augenblicken der ungezügelten Wut, sozusagen mit Schaum vor dem Mund und Fingernägeln in der Tischplatte, konnte ich ihn damit anbellen: “Ewwiin, du Sau!”
Dem täglichen Kampf zum Trotz war die Arbeitserleichterung aber enorm. Darüber hinaus lieferten die Maschinen herrliche Spiele, die Bulle, Marco, C.G.Lee und ich viele Nächte hindurch genossen. Ich hatte den Eindruck, dass Erwin Spiele ebenfalls sehr mochte, denn seltsamer Weise hielt er sich an diesen Abenden mit Attacken zurück. Jedenfalls bis auf wenige Ausnahmen. Das waren dann grundsätzlich die Abende, an denen ich am gewinnen war und Erwin mit einem gekonnten Absturz meinen Triumph vereitelte.
Ich achtete lange Zeit darauf, dass Ette nicht zu Hause war, wenn ich einen Spiele-Abend bei mir ansetzte. Zum einen wollte ich sie nicht mit unserem Indianergeheul stören, aber noch weniger sollte sie durch Zufall Bulle in die Arme laufen. Das hätte nur alte Wunden bei ihr aufgerissen. Nie würde ich so etwas wie Eifersucht eingestanden haben. Worauf denn auch?
Schon damals, als die liebliche Lichtgestalt ihre Bedenkzeit genommen hatte, war mir klar geworden, dass für mich eine harte Zeit der Prüfung bevorstand, sobald sie genickt haben würde. Strikte Selbstdisziplin und ständige Selbstkontrolle waren Kernstücke meiner Strategie. Besonders Herrenbesuche im königlichen Reich würden die Selbstkontrolle bis aufs Äußerste strapazieren.
Die Bedenkzeit der Unvergleichlichen hatte übrigens solange gedauert, wie sie benötigte, um ihren Orangensaft zu schlürfen. Es war offensichtlich ein kurzes, heftiges Ringen gewesen, nachdem der legendäre Satz mit der “pavianfreien Zone” sie in eine tiefe Trance des Nachdenkens gestürzt hatte. Ihr Nicken und ihre ausgestreckte Hand hatten schließlich signalisiert, dass sie ihr Reich in Beschlag nehmen und sich krönen lassen wollte. Die Zeremonie war kurz: Zwei Unterschriften unter einem Text, der mit “Nutzungsvertrag” begann.
Die erste Zeit hatte ich mir besonders schwer vorgestellt. Um so erstaunter musste ich registrieren, dass plötzlich bereits mehr als ein Monat vergangen war, ohne dass sich ernstliche Reibungspunkte ergeben hatten. Tatsächlich waren wir uns kaum begegnet. Ehe Sie jetzt meine phänomenale Selbstdisziplin loben, sollte ich vielleicht die zwei Wochen Urlaub erwähnen, die ich in der Bucht von Alcudia verbrachte. Diese Reise gehörte zu meiner Strategie, sie entzerrte die Anfangsphase. Vor allem für die liebliche Lichtgestalt war es einfacher, sich ungezwungen und ohne meine Gegenwart an die neuen Wände zu gewöhnen.
Vor der ersten großen Herausforderung hatte ich mich gefürchtet. Es war der erste Besuch einer vorwiegend männlichen Person im königlichen Reich. Ich musste mich an jenem Dienstagabend verdammt zusammen reißen, um nicht auf jede Bewegung, jeden Laut oder gar die Dauer des Besuches zu achten. Es war übrigens ein Zeitraum von genau einer Stunde, zweiundzwanzig Minuten und vierzehn Sekunden. Gefühlte Dauer: Vier Monate.
Geben Sie zu, ich hatte mich prächtig gehalten. Autogenes Training, einfache Arbeiten und ein Streit mit Erwin hatten mich etwas abgelenkt. Mein Reich des Chaos bot überhaupt jede Menge Möglichkeiten zur Ablenkung. Ich glaube, es war selten so aufgeräumt wie in jener Zeit.
Ette hatte sich eine eigene Telefonleitung legen lassen. Eines Abends rief sie bei mir an. Sie wollte mich besuchen. Da es gerade einigermaßen aufgeräumt war, stimmte ich freudig zu, nicht ohne zu fragen:
“Wie lange brauchst du für den Weg?”
“Fünf Sekunden, wenn ich kein Taxi nehme.”
“Und mit Taxi?”
“Eine Stunde.”
An jenem Abend brachte sie eine Flasche Rotwein mit, womit wir unsere ersten 42 Tage unter einem gemeinsamen Dach begossen. Sie machte keinen Hehl aus den Vorbehalten, die sie gehabt hatte, aber sie betonte auch, dass es überraschend gut gelaufen war. Das wärmte mein Herz spürbar.
Sie erzählte ein wenig über die Zeit in München, wobei ich mich am meisten über die ausgekugelte Schulter eines Pavians und der Story mit der Gummipuppe amüsierte. Sie erwähnte, dass sie weitaus schlimmere Erfahrungen gesammelt hatte, wollte aber nicht detaillierter darüber sprechen. Ich war zwar höllisch neugierig, aber ich konnte mich zur Zurückhaltung zwingen. Eines Tages würde sie auch das erzählen.
“Was machst du mit deiner Wäsche?” wollte sie plötzlich wissen. Nun, was machte man schon mit seiner Wäsche? Ich fand die Frage recht merkwürdig.
“Ich lasse sie in einer Kommode warten, bis ich sie anziehe.”
“Und dann?”
“Nun, dann ziehe ich sie halt an und mache sie dreckig.”
“Und was machst du, wenn sie dreckig ist?”
Ich wurde nervös:
“Herrgott, Ette, hat deine Mama dir nicht beigebracht, dass man schmutzige Wäsche wäscht?”
Sie grinste, man konnte es wirklich nicht Lächeln nennen. Eine fast hämisch grinsende Königin unter den Lichtgestalten war etwas ganz und gar außergewöhnliches.
“Was ist?” fragte ich beunruhigt.
“Hast du eine Waschmaschine?” wollte sie wissen. Aber das war natürlich eine Scheinfrage, denn sie wusste es genau. Das Randalieren der Maschine war schließlich auch über das Niemandsland mit dem rotvioletten Läufer hinaus zu hören, wenn sie in Betrieb war.
Aha, mir begann es zu dämmern. Sie hatte offensichtlich keine. Und da wir ja so total getrennt hier lebten, die Durchlaucht in ihrem Königreich und ich im bösen Reich des Chaos, hatte sich der erste Punkt gezeigt, an dem sich eine Kooperation als ökonomisch sinnvoll erweisen konnte. Wahrscheinlich hatte sie in der Zwischenzeit ihre königlichen Gewirke in der Badewanne gewaschen. Gar nicht so übel, diese Wendung. Nun würde sie einige Probleme haben, mir das angesichts der uns trennenden Welten plausibel zu machen.
Also erzählte ich Ihrer Durchlaucht, dass ich meine Socken fressende Unterbaumaschine dem armen C.G.Lee überlassen hatte, weil sie doch so perfekt in die Zwergenburg passte. Aber dann kam die gute Nachricht. Das, was sie wohl manchmal durch die dicken Altbauwände rumoren hörte, war meine neue.
Meine neue Waschmaschine hatte eine kaum zu überblickende Vielfalt an Programmen. Ich fragte mich, wer in aller Welt diese wirklich benötigte. Allein das Schonprogramm erschien mir sinnvoll, weil ich der festen Überzeugung war, es würde sich auf meine Nerven beziehen. Dann gab es einen Punkt, der “Auflockern” hieß. Das erklärte wenigstens, warum die Maschine beim Schleudern so in der Stube herum hüpfte. Die Maschine stellte auch schnell unter Beweis, dass sie mich nicht leiden konnte. Immer, wenn ich Schleudern einstellte, spulte sie das Auflockerprogramm ab und hüpfte durch die Gegend. Ich hatte es zunächst mit Festbinden versucht, später sorgte eine untergelegte Gummimatte für Abhilfe.
Am dümmsten fand ich das Fleckenprogramm. Es war schlichtweg überflüssig. Ich wollte jedenfalls nicht, dass meine Wäsche weitere Flecken bekam. Die alten waren doch schon schlimm genug! Ich war ganz sicher, die neue Maschine hasste mich. Ich konnte die Temperatur einstellen, wie ich wollte, die Wäsche lief ein. Verzweifelt suchte ich nach einem Programmpunkt, mit dem man “Einlaufen” deaktivieren konnte.
“Vielleicht solltest du die Wäsche besser trennen”, warf Ette ein.
“Was heißt trennen?” wollte ich wissen.
“Na ja, hat deine Mama dir nicht beigebracht, dass man in Kochwäsche, sechzig und dreißig Grad einteilt und helle und dunkle Wäsche trennt?”
Genau das hatte ich befürchtet. Ich winkte ab:
“Das ist mir viel zu umständlich!”
“Dann musst du dich auch nicht wundern, wenn die Wäsche einläuft”, stellte sie mit einem spitzen Unterton fest.
Mich ärgerte diese Besserwisserei:
“So, du hältst also zu ihr. Gut, dass ich jetzt weiss, auf welcher Seite du stehst.”
Als sie aufbrach, bot ich ihr an, ein Taxi zu rufen, aber sie lehnte dankend ab.
“Du kannst mich ja mal anrufen” meinte ich an der Zimmertür.
“Wenn ich Zeit habe”, antwortete sie und das Grübchen in ihrer linken Wange ließ mich die ganze Nacht nicht schlafen.
Am nächsten Tag rief sie mich an, ob sie mal meine Waschmaschine benutzen dürfe. Erst wollte ich entgegnen, nur wenn ich während dieser Zeit auf ihrem Thron hocken dürfe, aber ich entschloss mich dann doch zu einem knappen:
“Wenn du unbedingt willst, dass deine Wäsche einläuft, bitte.”
Sie kam mit ihrem überfüllten Waschkorb und lächelte überlegen. Während wir auf den Schleudergang warteten, erzählte sie mir von ihrem Job bei Yano. Und von einer neuen Sonderaufgabe, die bevorstand.
“Was sind das für Sonderaufgaben?” wollte ich wissen.
Sie schwieg eine Weile.
“Nun sag schon, ich erzähl es nicht weiter!” bohrte ich ungeduldig. Sie sah mich ernst an:
“Ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte.”
Meine Güte, was sollte diese Geheimniskrämerei? Ich zuckte die Schultern. Das Rappeln der Waschmaschine auf der dicken Gummimatte rettete Ihre Hoheit vor weiteren bohrenden Fragen. Sie zerrte ihre Wäsche aus der Maschine und verschwand mit dem Hinweis, dass sie sich melden würde, sobald sie aus Frankfurt zurück wäre.
Von jenem Abend an musste ich mich jeden Tag erneut zusammen nehmen, um nicht zum Hörer zu greifen. Es war völlig klar, dass jede Initiative von ihr ausgehen musste. Mich nervte die Tatsache, dass ich ihre Probleme nur ahnte, aber keine Details kannte. Was mich zuversichtlich stimmte, war der Gedanke daran, dass der Vorrat an frischer königlicher Wäsche nicht unendlich groß sein konnte. Es würden sich weitere Gespräche ergeben, und irgendwann...
Es war nicht zu überhören gewesen, dass sie aus Frankfurt zurück war. Noch während ich darüber nachgrübelte, ob ich zum Hörer greifen sollte, rief Ihre Durchlaucht an. Sie wollte mir nur mit einem deutlich wahrnehmbaren Triumph berichten, dass ihre Wäsche nicht eingelaufen war.
“Die Maschine mag dich eben”, konterte ich, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. Sie ging nicht weiter darauf ein, sondern lud mich statt dessen ein.
“Eine Schlossbesichtigung?” wollte ich wissen.
“So ähnlich.”
Sie ließ sich alles offen. Das Dumme war nur, dass ich nicht gleich losrennen durfte. Der Besichtigungstermin war erst für den nächsten Abend festgelegt worden.
Als Anne die Tür geöffnet hatte, blickte sie in seine vor Schreck geweiteten Augen. Sah sie etwa so schrecklich aus? Dann müssten ihre Schminkversuche in die Hose gegangen sein. Oder lag es an den beiden brennenden Kerzen, die von dem festlich gedeckten Tisch durch das dunkle Zimmer strahlten? Die leise Musik war fast nicht wahrnehmbar und sollte das ganze Ambiente auch nur ein wenig abrunden. Sie hatte sich vorgenommen, für den Schreiberling den Vorhang etwas zu lüften. Nicht allzuviel, aber genug, damit er sie etwas besser verstehen konnte.
Er hatte den Raum etwas irritiert betreten, auf die brennenden Kerzen gedeutet und gemeint:
“Ich hatte den Stromausfall noch gar nicht mitbekommen!”
Das war nicht gerade galant gewesen, passte aber durchaus in das Drehbuch, nach welchem er zunächst mit dem Jackenzipfel an der Türklinke hängen geblieben und dann über den Rand des Teppichs gestolpert war.
Nach einem kurzen Rundblick über die Möbelausstellung im Halbdunkel hatte er auf die umgebastelten Apfelsinenkisten in der Zimmerecke gezeigt, von denen sie sich bisher einfach nicht hatte trennen können:
“War noch kein Sperrmüll?”
“Keine Zeit dafür”, hatte sie gelogen. Noch nie hatte ihr jemand einen Thron gebaut, und die Chance auf eine Wiederholung tendierte gen Null. Sie hatte diese Geste damals genossen und würde dieses nicht gerade schöne, aber mit viel Seele zusammengezimmerte Etwas gewiss noch lange aufheben.
Als er beim Hinsetzen die Tischdecke eingeklemmt hatte, drohten für einen kurzen Moment die aufgebauten Gläser umzukippen. Es schien nicht sein bester Tag zu sein, aber er hatte mit einem schnellen Griff die Situation gerade noch retten können. Auch die fünf Gänge des Menüs hatte er ohne Verletzungen überstanden.
Jetzt saßen sie sich gegenüber und prosteten sich mit dem trockenen Rotwein zu.
“Auf den schönen Abend, Pe!”
“Auf Euer Schloss, Hoheit!”
Sie würde ihm jetzt von München erzählen, von einem gewissen Rufus, von einem Prozess, der noch stattfinden würde und von dem Problem, das sie seither mit Männern hatte. Während sie redete, hörte er ernst und andächtig zu, ohne sie zu unterbrechen. Sein Nicken signalisierte Verständnis, sein Kopfschütteln ungläubiges Staunen über die Ereignisse, von denen sie berichtete.
Als sie geendet hatte, blickte er sie ernst und fast traurig an:
“Ich hatte so etwas befürchtet, Ette. Was ich da höre schmerzt irgendwo hier drinnen...” Er schlug sich mit der Faust gegen die Brust und schüttelte erneut den Kopf, “aber ich fürchte, niemand kann da helfen, so sehr man auch möchte.”
Sie verfluchte die Tränen, die in ihr hochzusteigen begannen. Dieser verdammte Kerl hatte eine unglaubliche Art, Mitgefühl zu zeigen. Er war butterweich, rührend. Irgendwie erinnerte er sie an den abgeschabten dunkelbraunen Stoffbären, den sie als Kind in ihrem Bett gehütet hatte. Als er alt und verbraucht war, musste sein linker Arm mehrfach wieder angenäht werden. Er hatte eines Tages nur noch ein Glasauge, das andere war einfach verschwunden. Sein Bauch hatte kaum noch Fell, die Holzwolle schimmerte durch das Untergewebe. Aber sie wollte ihn nicht missen, diesen kleinen, braunen Überrest, der brummig und tolpatschig wirkte. Warum dachte sie jetzt gerade an ihn? Weil er der beste Kumpel war, den sie je hatte. Alles hatte sie ihm erzählt. Alles was das Kinderherz betrübte, aber auch all die schönen und spannenden Erlebnisse. Auf eine gewisse Art war der Schreiberling wie der alte abgewetzte Bär, nur besser erhalten. Die Patina würde mit der Zeit aber auch noch kommen.
Wenn sie an die letzten Monate dachte, so gab es gar keinen Zweifel daran, dass er sich ein Bein für sie ausgerissen hatte. Diese Wohnungsteilung war außergewöhnlich. Sie hatte sehr wohl verstanden, wie sehr er sich bemühte, die Distanz zu wahren. Er tat alles, um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen. Angefangen bei dem gründlichen Nutzungsvertrag bis zu den beiden Wochen Urlaub, die er in der Anfangszeit genommen hatte.
Sie rückte noch näher an den Tisch heran und griff nach seiner Hand. Dabei flüsterte sie:
“Du hast schon viel geholfen, Pe. Mehr als du ahnst.”
Sie konnte sich gar nicht erinnern, einen so kleinen Tisch gehabt zu haben. Er schien unaufhörlich zu schrumpfen.
“Schließ die Augen, Pe!” befahl sie schließlich, und er gehorchte. Sie brauchte nicht mehr viel Raum zu überwinden, um mit ihrem Mund seine Lippen zu erreichen. Es war einer der ganz großen Augenblicke in ihrem Leben.
Er wirkte irritiert. Und sie verstand sehr gut, warum. Sie hatte ja keinen Zweifel daran gelassen, dass sie derzeit nichts von den Pavianen wollte. Er hatte das nicht nur akzeptiert, sondern bewusste Zurückhaltung demonstriert. Und nun diese Aktion von ihr! So wahr ihr Gott helfe, sie hatte das nicht geplant. Es war einfach passiert. Und in diesem unvergleichlichen Moment fühlte sie sich so leicht und unbeschwert, dass sie nichts ausschließen würde für den Rest des Abends. Es konnte alles passieren, wirklich alles. Aber wie sollte sie das erklären?
Sie nahm seine Hand fester in den Griff, schaute ihm in die Augen und zwang sich zu einem Lachen:
“Das war ein Dankeschön, Pe.”
Er schluckte trocken und nickte:
“Ja klar, so bedanke ich mich auch immer. Bei meinem Tankwart, meinem Verleger, bei der Nachbarin...”
Sie lächelte, als sie darüber nachdachte, wie sehr sie in Wirklichkeit seinen Sarkasmus mochte, der immer zu einem Zweikampf herausforderte. Er schien nachzudenken. Worüber in aller Welt grübelte er denn jetzt nach? War das ein Moment, den man mit tiefschürfenden Gedanken vergeuden durfte?
Er blickte ernst und hatte die Augenbrauen zusammengezogen, als er plötzlich fragte:
“Ich würde gern etwas wissen, Ette.”
Sie nickte nur kurz und war gespannt, mit welcher Frage er versuchen würde, etwas über ihre Gefühle zu ihm heraus zu bekommen.
“Was sind das für Sonderaufgaben, die du für Yano erledigst?”
Sie war wie erstarrt. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Er hatte es tatsächlich im Bruchteil einer Sekunde fertig gebracht, diese himmlische Stimmung zu kippen, in der sie sich befunden hatte. Spürte er denn nicht, was an diesem Abend alles hätte passieren können?
Sie fühlte sich etwas betäubt. Er hatte alles verdorben. Sie zog abrupt ihre Hand zurück, lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken. Mit ein paar tiefen Atemzügen versuchte sie sich zu sammeln. Dieser Idiot! Sie schloss die Augen.
Eine Ewigkeit verging, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Sie würde etwas sagen müssen. Aber was? Sie ärgerte sich über ihn und über diese Frage. Denn sie würde von sich aus darüber reden, wenn sie es für richtig hielt. Aber gut, sollte er sein Fett haben. Sie richtete sich auf und blickte ihn fest an:
“Die Sonderaufgaben? Nun gut. Es ist eigentlich nichts allzu besonderes daran, außer, dass es nicht verboten...”, sie machte eine kleine Pause, um nachzudenken, “... aber vielleicht etwas unmoralisch ist.”
Sie schwieg, um ihn zu provozieren. Was sie jetzt wohl in seinem Kopf losgetreten hatte?
“Unmoralisch?” fragte er misstrauisch.
“Ja, unmoralisch.”
Er schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig die Schultern. Unverständnis.
Sie würde ihn nicht schonen:
“Weißt du, der Werbemarkt ist ein riesiger Teich. Und es gibt viele Raubfische und viel zu wenig Beute. Jeder will leben.”
Er nickte. Klar, das würde jeder verstanden haben, nur die Moral würde sie ihm erklären müssen:
“Nicht alle, aber die meisten Werbeetats werden von Männern verwaltet. Es sind Klienten, Kunden, denen man gern einen Gefallen tut. Man kann mit ihnen Essen gehen, wenn sie in der Stadt sind. Man kann ihnen kleine oder große Annehmlichkeiten zukommen lassen. Natürlich kann man ihnen auch einen Kugelschreiber schenken. Nur, ich fürchte, damit kommt man nicht weit...”
Pe war zusammengezuckt. Er wirkte plötzlich viel kleiner als sonst. Er schien zu schrumpfen. Bald würde er unter der Tischkante verschwunden sein! Na ja, es war ja auch harter Tobak, den sie ihm da verabreichte. Aber hatte sie ihn nicht vorgewarnt? Er wusste doch schließlich, dass sie Probleme hatte. Und sie hatten das Thema doch schon gestreift. Er hatte es nur nicht ernst genommen, nicht ernst nehmen wollen! Sie überlegte fieberhaft, wieviel mehr sie jetzt noch verraten sollte, oder ob es besser wäre, es dabei zu belassen. Für ihn musste es ein heftiger Schlag sein, für sie war es nichts weiter als Normalität und Gewohnheit. Er würde es verdauen müssen, und sie würde ihn dabei beobachten.
Mich hatte ein Dampfhammer getroffen. Und das gleich zweimal hintereinander. Es war eine weitere Folge der Serie: Die verschiedenen Formen der Kneippschen Wechselbäder. Zuerst war das unglaublichste aller Wunder passiert, und mir war klar, dass ich noch meinen Urenkeln davon erzählen würde. Der liebliche Engel hatte mich tatsächlich geküsst, und nicht etwa auf die Wange oder die Stirn. Als ich mit geschlossenen Augen ihre zarten Lippen spürte, wusste ich endlich, wovon die viel gerühmten Engelchöre sangen. Und der Geschmack auf meinen Lippen war der herrlichste, der mir je in Erinnerung bleiben würde.
Aber von dem zweiten Hammerschlag würden meine Urenkel nie etwas erfahren. Ich Wahnsinniger hatte die Situation für so entspannt gehalten, dass ich meiner Neugier ungezügelt nachgab. Ich hätte sonst etwas dafür gegeben, die Szene neu zu starten. Aber wir drehten hier schließlich keinen Film. Es war brutale Wirklichkeit, unumkehrbar.
Sie hatte früher ja bereits so etwas wie Prostitution angedeutet, aber das hatte ich für so unwahrscheinlich gehalten, wie einen Urlaub auf dem Jupiter. Nun sah es plötzlich so aus, als ob ein Teil ihres Berufes daraus bestand. Wer konnte sie zu so etwas zwingen? Yano? Aber wieso war sie dann nach ihren zwei Jahren München zu ihm zurück gekehrt? Das ließ nur eine erschreckende Wahrheit übrig: Es machte ihr Spaß. Aber wie passte das zu den Problemen mit den Pavianen?
Wir hatten den Abend für beendet erklärt, wobei ich das Gefühl nicht loswerden konnte, dass die prostituierte Lichtgestalt einen angesäuerten Eindruck machte. Ich war ratlos und mit hängendem Kopf in das böse Reich des Chaos getrottet. Es erschien mir trostloser und einsamer als je zuvor. Was hatte ich da denn bloß wieder verbockt? Ich fragte mich, wie lange die frische königliche Unterwäsche wohl noch reichen würde. Vielleicht hätte ich ihre Durchlaucht danach fragen sollen.
“Na, Euer Hoheit, noch ausreichend Höschen im Schrank?”
Ich bitte Sie, Herrschaften, das war schlicht unmöglich!
Früher oder später würde sie mit ihrem Wäschekorb bei mir auf der Matte stehen. Und dann? Wahrscheinlich könnte ich meinen schnodderigen Mund wieder nicht halten.
“Wie war die Arbeitswoche, Euer Hoheit? Wieder kräftig rumprostituiert?”
Nein, um Himmels Willen, ich wurde mit diesem Thema einfach nicht fertig. Was mir da alles durch den Kopf ging, spülten andere Leute durch das Klobecken.
Verdammt, ich mochte sie. Ich haderte mit meinem Schicksal. Da traf man einmal in seinem Leben die Traumfrau, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um sie in der Nähe zu haben und damit Zeit für die Eroberung der Festung zu gewinnen, man riskierte den größten Ärger mit der hässlichsten Vermieterin der Welt wegen unerlaubter Umbauten im Reich des Chaos, und dann? Dann entpuppte sich die Traumfrau als Werbungsnutte!
Mir war hundeelend. Die Bauchspeicheldrüse links unter dem Rippenbogen schien zu randalieren. Oder die Galle weiter oben, rechts unter dem Brustbein. Ob sie mir eine Handvoll Gerbstoffe in den Rotwein geschmissen hatte? Aus Rache? Aber wofür? Hatte ich sie mit irgend etwas gekränkt? Nur, wenn einer Grund zu einer Verärgerung hatte, dann nicht sie, sondern ich! Denn was hätte nicht alles Nettes aus dem Abend werden können, wenn ich nicht diese dusselige Frage gestellt hätte. Was auch immer sie gewurmt haben mochte, mein Ärger war berechtigter!
Am folgenden Tag weigerte sich mein Körper, aufzustehen. Ich kann das nicht recht erklären. Fieber hatte ich wohl nicht, aber mir war noch immer elend zu Mute. Ich ließ das Telefon klingeln und vergrub mich unter der Decke. Irgend etwas wichtiges wird in meinem Terminkalender gestanden haben. Ich sollte ihn einfach verbrennen.
Genau betrachtet hatte ich auch einfach keine Zeit aufzustehen. Schließlich musste ich fortwährend über die prostituierte Durchlaucht nachdenken und wie das alles zusammen hing. Es ergab keinen Sinn. Als ich mich zum sechsunddreißigsten Mal bei genau diesem Gedanken ertappte, war der Kreis, den meine Grübelei durchlief, nicht mehr zu übersehen. Aber es gab kein Entrinnen. Ein Reset konnte mich jetzt nur noch retten, entweder ein Blackout oder eine Ohnmacht oder der plötzliche Kindstod.
Ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber der plötzliche Kindstod sicher nicht. Jedenfalls fand ich mich ein Jahrhundert später vor meiner offenen Kühlschranktür wieder, am Boden kauernd, der drohenden Lungenentzündung ausgesetzt, gierig alles verschlingend, was das spärliche Kühlschranklicht erkennen ließ. Es interessierte mich auch nicht, ob ein oder mehrere Zettel vom Abreißkalender zu entfernen waren, denn es begann sich eine Kernfrage herauszuschälen. Sie lautete, warum sollte ich nicht mit einer lotterigen Lichtgestalt leben können und wie könnte ich sie in Zukunft davon abhalten? Ich merkte, dass große Aufgaben ins Haus standen. Die längst überfälligen Artikel für “Dackel & Pferd” waren dagegen ein Klacks!
Das war das Stichwort!
“Erwin”, knurrte ich ihn an, als ich den Powerknopf drückte, “wage es ja nicht! Sonst schmeiß ich dich aus dem Fenster!”
Ich glaube, er hatte mich verstanden. Möglicherweise hätte ich es tatsächlich getan, und zwar nicht in Richtung Park, wo er weich in den Büschen hätte landen können. Aber er war friedlich. Er spürte sicher, dass meine Laune auf einem Nullpunkt angekommen war. Ja, er fürchtete sich vor mir.
Als ich ihre Durchlaucht zufällig im Niemandsland traf, hielt sie mich am Ärmel fest:
“Hey, Pe, ist alles in Ordnung?”
Sie blickte mich mit ihren wunderschönen Augen so mild und warmherzig an, dass ich meinen Aktenkoffer fallen ließ, der dummerweise genau eine Ecke meines Zehennagels in das ohnehin leicht entzündete Nagelbett hämmerte. Ich schrie auf. Während ich vor Schmerz in die Knie ging, beugte sie sich nieder und legte mir den Arm um die Schulter. Es war ein schönes Gefühl, das den heftigen Stich im Zeh auch sofort minderte. Sie schien ernstlich besorgt um mich zu sein. Schön, sollte sie. Ich fand, dass mir das irgendwie zustand.
Sie begleitete mich humpelnder Weise ins böse Reich des Chaos. Nein, ihre Durchlaucht humpelte nicht, obwohl ich Leute kennen, die so etwas aus lauter Mitgefühl gemacht hätten. So etwas war mir selbst auch schon passiert. Bei der späteren Analyse dieser Peinlichkeit hatte ich festgestellt, dass die heheren Beweggründe in der optischen Darstellung des Mitgefühls gelegen hatten. Offensichtlich hatte ich dem Geschädigten damit signalisieren wollen: Schau mal, mir geht es doch auch nicht besser, ich leide mit dir! Dabei war das der denkbar dämlichste Quark. Und ich wusste das.
Litt sie jetzt etwa auch mit mir? Dazu war sie viel zu abgebrüht. Überhaupt fand ich sie in der letzten Zeit nicht mehr ganz so überlegen wie früher. Hatte sie nachgelassen, oder hatte ich aufgeholt?
“Du hattest dich geärgert, nicht wahr?” fragte ich sie.
Sie zuckte etwas unschlüssig die Schultern.
“Was habe ich falsch gemacht?” schürfte ich weiter.
“Nichts, Pe”, sagte sie schnell, zu schnell, “alles in Ordnung.”
Nichts war in Ordnung, jedenfalls nicht für mich.
“Du meinst, es ist alles in Ordnung? In Ordnung mit deinen kleinen Nebentätigkeiten für Yano?”
Sie schüttelte den Kopf:
“Es ist nicht für Yano, sondern für die Agentur. Wir leben schließlich alle davon. Und außerdem ist es gar nicht so schlimm, wie du es dir ausmalst.”
“Woher willst du wissen, wie ich es mir ausmale?”
“Ich kenne euch Männer eben.”
“Ach ja? Du kennst einige und glaubst alle zu kennen. Ist es das?”
Sie zuckte wieder die Schultern.
“Ich muss gleich los in die Agentur, Pe. Aber ich lasse mir was einfallen.”
Ich stutzte, während ich mir die Socke von dem schmerzenden Zeh zog, um festzustellen, ob das wahrscheinlich in Bächen strömende Blut überhaupt zum Stillstand gebracht werden konnte. Wenn man mir nur nicht den Zeh amputieren musste!
“Was, einfallen lassen?” knurrte ich unwirsch.
“Um dir klar zu machen, dass das alles gar nicht so wild ist.”
Ich nickte, während ich feststellen konnte, dass der Zeh noch eine Chance hatte. Obwohl es sich anfühlte, als ob er bereits abgefallen war, konnte ich nicht einen Tropfen Blut entdecken. Noch einmal glimpflich abgegangen.
Ihre Durchlaucht klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und verschwand.
Mehrere Tage hatte ich Zeit nachzudenken. Ich fühlte mich wieder stärker in der Offensive. Sie musste sich etwas einfallen lassen, hatte sie gesagt. Der Ball lag also näher bei ihr als bei mir. Das machte mich stärker und schwächte ihre Position. Recherche und Artikel für “Henne & Ei” lenkten mich etwas ab, bis ihre königliche Durchleuchtung mit dem gut gefüllten Wäschekorb die Grenze zum Chaosreich überquerte.
Er konnte sich aber auch anstellen! Wie ein kleines Kind, das aus einem kleinen Wehweh eine große Staatsaktion macht. Aber das gehörte zu ihm, wie all die anderen kleinen Macken, denen er sich selbst gar nicht bewusst war. Ja, er brauchte wirklich jemanden, der sich um ihn kümmerte. Ein vages Gefühl sagte ihr, dass ihr die Situation diesmal entglitten war. Sonst hatte sie doch immer alles fest in der Hand!
Anne hatte schon eine ganze Weile darüber nachgedacht, wie sie ihn wieder für sich interessieren konnte, hatte abgewogen, ob die in ihrem Kopf herum spukende Aktion nicht reichlich überzogen war. Auf der anderen Seite hatten sie gemeinsam derart ungewöhnliche Phantasie-Exzesse hinter sich gebracht, dass es auf einen weiteren auch nicht mehr ankam.
Sie griff zum Hörer:
“Hallo, Pe! Was dagegen, wenn ich waschen komme?”
Natürlich würde er nichts dagegen haben. Schließlich würde er sich freuen, sie um sich zu haben.
“Oh, das passt im Moment aber schlecht!”
Hatte sie sich verhört? Es passte im Moment schlecht? Das konnte ja nun wirklich nicht sein. Er hatte weder Damenbesuch, noch stand er unter der Dusche. Das hätte sie vom Niemandsland aus gehört.
Was sollte sie jetzt tun? Die Leitung war still, aber sie hörte seinen Atem.
“Würde es denn morgen passen?” fragte sie betont freundlich.
Er schien einen Moment nachzudenken, bevor er antwortete:
“Ich schau mal in meinen Terminkalender.., ja..., ja das könnte klappen.”
“Oh danke. Herzlichen Dank! Ich weiß das zu schätzen”, sagte sie und registrierte, wie Ärger in ihr hoch stieg. Was bildete er sich eigentlich ein?
Bis zum nächsten Tag hatte sich ihr Ärger gelegt. Als sie die Grenze zum Chaosreich passierte, grinste er sie an:
“Darf ich mal ihren Pass sehen?”
Anne hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Er zog die Augenbrauen hoch und knurrte anerkennend. Das Visum war erteilt. Es war ein Doppelvisum, für das Bringen der Wäsche und das spätere Abholen. Sie besprachen nur ein paar belanglose, eher geschäftsmäßige Dinge, zum Beispiel über die Treppenreinigung. Und sie befragte ihn zu einer bestimmten Formulierung, die ihr für einen Geschäftsbericht durch den Kopf gegangen war. Er sagte seine Meinung dazu, während sie die Wäsche aus der Trommel zerrte.
Plötzlich hielt sie inne, das war eine geplante Geste. Sie inszenierte gerade ihren neuen Coup, sah ihn schräg von unten an und fragte:
“Pe, bist du ein guter Bodyguard?”
Er verschluckte sich an dem Knäckebrot, an dem er gerade tapfer kaute.
“Ich? So sportlich wie ich bin?” brachte er zwischen Räuspern und Husten hervor.
Sie kramte die Wäsche zusammen.
“Hör zu, Pe. Hast du nächste Woche Samstag etwas vor?”
Er versuchte, mit leichten Faustschlägen auf den Brustkorb die Krümel in seinen Bronchien zu lockern und schüttelte dabei den Kopf.
Sie schnappte sich den Wäschekorb, lieferte noch einmal das Visum ab und sagte im Gehen:
“Also, der Samstag. Halte dich ab zwanzig Uhr bereit!”
Als Anne ihn an der Grenzstation zum Chaosreich abholte, schüttelte sie den Kopf und deutete auf Jeans und Pullover:
“So doch nicht, Pe! Zieh dunkle Klamotten an, am besten alles schwarz. Du hast doch eine schwarze Lederjacke. Und nimm deine dunkle Sonnenbrille mit!”
“Aber es ist doch bald dunkel!”
“Widersprich nicht der Tante, mach hin.”
Er folgte ihren Vorschlägen. Als sie in dem blaumetallic BMW saßen, den Yano hatte raustun müssen, war sie zufrieden. Es war ein herrlicher Maiabend, und sie war gespannt, wie es sich entwickeln würde. Dabei war alles reine Routine, zigfach durchexerziert.
Als sie im Rotlichtmilieu ankamen zeigten die Zeiger der Normaluhr auf dem Platz vor einer Reihe aus Spielhallen und Striplokalen auf die Neun.
“Setz die Sonnebrille auf und mach ein neutrales Gesicht!” forderte sie ihn auf. Was auch immer ein neutrales Gesicht bedeuten konnte, ein Lächeln war nicht angesagt. Allenfalls ein kaltes, überlegenes. Aber sie war nicht sicher, ob er das hinbekommen würde.
Sie betraten eine Kneipe, die von der Straße aus winzig aussah, die Front keine fünf Meter. Innen entpuppte sich der dunkle Schuppen als schmal, aber unendlich lang. Sie schob ihn durch die schwach besetzten Räumlichkeiten und bedeutete ihm, Tuchfühlung zu halten.
“Hier geht es erst um elf so richtig los”, zischte sie ihm zu, bevor sie eine abgeteilte Sitzecke erreicht hatten. Auf dem braunen Leder kauerte eine blondgelockte Schönheit, Zigarette lässig im Mundwinkel, Netzstrümpfe bis zum Hals. Der Beruf der Dame war unschwer zu erraten. Den äußerst breiten Ledergürtel würde sie auf Nachfrage bestimmt als Rock bezeichnen.
Anne schielte kurz zu dem Schreiberling hinüber. Seine Augen waren hinter dem Brillenglas nicht zu erkennen, aber sie war ganz sicher, zu wissen, wohin sie jetzt blickten. Hoffentlich würde die Blonde nicht die übereinander geschlagenen Beine wechseln. Das konnte unkontrollierte Gesten bei dem Schreiberling auslösen. Wenn dann die Sonnebrille oder das Kinn auf den Boden fiele, würde sie das nicht wundern. Aber es klappte besser als befürchtet.
“Das ist Rambow, mein Bodyguard” stellte sie ihn kurz vor, als sie sich der Blonden gegenüber in die Ecke quetschte. Mit einem kaum bemerkbaren Klopfzeichen hatte Anne dem Rambow bedeutet, dass er sich zum Gang hin neben sie setzen sollte.
Die Blonde nickte nur kurz und fixierte ihn eine Weile.
“Er hört nichts und sieht nichts, außer es bedroht mich irgend etwas”, erklärte Anne. Sie kannte die falsche Blondine bestens. Der Schreiberling würde merken, dass sie bereits einige Deals zusammen abgewickelt hatten.
“Natascha, hör zu. Es ist der selbe wie im Februar. Du erinnerst dich?”
Die blonde mit dem russisch klingenden Namen nickte.
Anne sprach weiter:
“Am besten, du bringst wieder Eva mit, ihr wart ein gutes Gespann.”
Die Blonde grinste müde und nickte, während sie die Zigarette über dem Aschenbecher abklopfte. Anne zog einen Briefumschlag unter der Tischplatte hervor, alles perfekt getimed.
“Es läuft wie im Februar. Ihr betretet das Lokal exakt um zwanzig Uhr dreißig, wenn wir mit dem Essen gerade bei der Nachspeise sind. Ich klinke mich dann aus und ihr regelt den Rest.”
Natascha griff nach dem Umschlag und ließ ihn unterhalb der Tischplatte verschwinden ohne hinein zu sehen. Misstrauen war überflüssig, bei Unregelmäßigkeiten würde es genug Ärger geben.
“Komm Rammy, wir müssen weiter!”
Sie bedeutete dem stummen Rambow aufzustehen und nickte Natascha noch einmal zu.
Auf dem Weg zum Auto beobachtete sie ihren Aushilfs-Sheriff, wie er nachdenklich die Brille wegsteckte. Er hatte kein Wort von sich gegeben, so wie es vereinbart war.
“Na, war doch gar nicht so schlimm, oder?” lächelte sie ihn an.
Ein flüchtiges Grinsen huschte über sein Gesicht, aber seine Miene verfinsterte sich sofort wieder. Erst als sie im Auto saßen fragte er:
“Und manchmal springst du selbst ein?”
Sie lächelte und schüttelte den Kopf:
“Was glaubst du? Denkst du, dass ich es tue?”
Er wiegte den Kopf von einer Seite auf die andere:
“Und wenn, dann geht es mich nichts an.”
Sie nickte und bekräftigte das:
“Genau!”
Sie fuhren nur wenige Straßenzüge, bis sie in einer Gasse anhielt.
“Gleich um die Ecke gibt es eine kleine, nette Cocktailbar. Hast du Lust auf einen Drink?”
Natürlich hatte er Lust. In der neongrünen Beleuchtung, die unter den Glastischen hervor strahlte, suchten sie sich einen Platz etwas abseits. Sie überlegte, ob ihre Aktion gefruchtet hatte.
“Ist unmoralisch, oder?” fragte sie ihn, als sie ihre “Panzerbrecher” bestellt hatten.
“Schwer zu sagen. Wenn du es selbst erledigts, dann würde ich das so sehen.”
“Und wenn ich es nicht selbst erledige? Dann nicht?”
Er dachte nach:
“Wirklich schwierig. Du meinst, es rangiert zwischen Bestechung und Service am Kunden? Ist es das?”
Sie nickte:
“So in etwa.”
Er nickte ebenfalls:
“Welche Krankenkasse bezahlt diese Aktion?”
“Na ja, man könnte sagen, es ist ein Fond für notleidende Klienten.”
“Für Klienten in sexuellem Notstand”, verbesserte er.
Sie lachte:
“So könnte man sagen.”
“Und wer füttert den Fond?”
Sie konnte sich eine kleine Pause gönnen, da die beiden “Panzerbrecher” auf einem Tablett angeschwebt kamen. Sie prosteten sich zu und tranken auf einen schönen Abend, auf ein langes Leben und die friedliche Koexistenz der beiden Reiche mit Blick auf den Park.
“Der Fond. Ja. Wenn man es bei Licht betrachtet, dann wird er mit Geldern aus Werbeetats gefüttert.”
“Dann bezahlen die Etatverwalter sich doch selbst ihre Eskapaden!” warf der Schreiberling ein.
“Nicht ganz. Sie sind schließlich Angestellte ihrer Firma. Sie verwalten ein Budget, aber das Geld gehört ihnen nicht.”
Er nickte:
“Natürlich. Indirekt zahlen also die Firmen für die sexuellen Notstände ihrer Werbefuzzys. Und das ist unmoralisch und bedenklich.”
Sie fischte etwas aus dem Glas, was wie eine winzige Gurke aussah, aber süßlich schmeckte.
“Im Grunde muss die Frage doch lauten: Ist das, was ich veranlasse, unmoralisch? Und ist damit auch mein Tun selbst unmoralisch?” überlegte sie laut. Sie hatte sich diese Frage schon oft gestellt, aber nie richtig beantwortet. Es war eher eine ausweichende Haltung, in der sie das eine Argument mit einem Gegenargument entkräftete. Übrig blieb eine Zeigerstellung je nach Stimmungslage geringfügig in der einen, oder auch in der anderen Richtung. Aber es gab nie ein eindeutiges Urteil, das Konsequenzen gefordert hätte. Sie machte einfach weiter wie bisher, immer wieder.
“Das ist dein Dilemma, oder?” fragte der Schreiberling.
Eines von mehreren, lag ihr auf der Zunge. Aber das würde ihn zu einem Nachbohren animieren, und das wollte sie an dieser Stelle nicht. Sie beschränkte sich auf ein einfaches Kopfnicken. Hatte sie nun eigentlich erreicht, was sie mit dieser Bodyguard-Nummer bezwecken wollte? Während sie noch darüber nachdachte, stellte er eine neue unangenehme Frage:
“Wenn du es selbst nicht mehr praktizierst...”
Mein Gott, wie sich das geschraubt anhörte! Sie verdrehte die Augen in Richtung der grünen Lokaldecke. Sie brachte es auf den Punkt:
“Du meinst, mit den Klienten schlafe.”
Er nickte und fuhr fort:
“Hast du es denn früher einmal getan?”
Sie holte tief Luft und setzte eine beleidigte Miene auf:
“Was glaubst denn du? Die Frage werde ich nicht beantworten.”
Sollte er doch denken, was er wollte. Er würde mit beiden Antworten zurecht kommen müssen. Wenn er sie wirklich mochte, dann durfte keine der beiden Varianten ein Problem für ihn sein. Also war es überflüssig, Stellung zu beziehen. Der Schreiberling hatte ihr Dilemma klar heraus gearbeitet, aber er hatte keine Meinung geäußert, geschweige denn einen Lösungsvorschlag dazu.
Schade, dieser Abend würde nicht mehr ganz so lustig ausgehen. Es war Verdauung angesagt. Sie musste lächeln, als sie dabei an den knapp vierjährigen Steppke bei ihren Eltern dachte. Es war der Sohn der Nachbarn, auf den sie gemeinsam aufgepasst hatten. Nach einem üppigen Pfannkuchen-Essen hatte sich der Kleine zurückgelehnt, auf seinen Bauch geklopft und mit altkluger Stimme vorgetragen:
“So, jetzt wird erst mal verdaut, sonst geht hier gar nichts!”
Und das war jetzt offensichtlich auch hier angesagt. Sie sollten den Abend jetzt beenden. Und wenn sich auf dem gemeinsamen Rückweg die Stimmung noch verändern sollte, dann stand ihnen ja immer noch die Schlossküche für ein paar heimische Drinks zur Verfügung.
Wie war das noch mit den Kneippschen Wechselbädern? Zugegeben, die Bodyguard-Nummer hatte mir gefallen. Es war spannend gewesen und hatte mir die Arbeitsweise der königlichen Diplomatie eindrucksvoll vor Augen geführt. Yano würde wahrscheinlich von Auftragsakquisition reden. Oder von stützenden Maßnahmen. Man konnte es drehen wie es gerade passte. Genau an diesem Punkt lag auch für mich das Problem, eine klare Einstellung zu finden.
Wenn ich glauben konnte, dass tatsächlich ein großes Auftragsvolumen von diesen Aktionen abhing, dann konnte ich beim besten Willen nicht einfach sagen: Schmeiß es hin, führe ein moralisch sauberes Leben. Das war zu einfach. Viel wichtiger war mir doch, dass sie nicht selbst mit den Klienten schlafen musste. So hatte ich es doch schließlich befürchtet. Wessen Geld wie verprasst wurde, durfte doch nicht mein Problem sein. Die Frage nach dem Früher stellte ich mir von Tag zu Tag weniger. Die Gewissheit, dass sie das noch nie nötig gehabt hätte, wäre schön gewesen. Mehr aber auch nicht. Das Gegenteil würde bei Licht betrachtet auch nicht viel ändern. Jedenfalls nicht für Gegenwart und Zukunft. Und das war doch das Wesentliche.
Ich konnte ihr also nichts raten, was ihr Dilemma betraf. Ich würde diese Frage einfach im Raum stehen lassen, vertagen, so wie sie es ja auch machte. Auf unsere gemeinsame Zukunft sollte ich mich konzentrieren. Zugegeben, die Vorstellung, dass sie sich für das Wohl der Agentur prostituierte, war mir an die Nieren gegangen und hatte mich abgekühlt. Aber jetzt sah die Situation ja wieder ganz anders aus.
Ich stürzte mich in meine Arbeit. Dazu gehörten einige Recherchen, die mich mit der zerknautschten Käseschachtel durch die Gegend trieb. Als es zu regnen begann, verwandelte der Scheibenwischer meine Frontscheibe in Milchglas. Das war wieder mal typisch. Die Waschanlage streikte, und ich konnte nichts sehen. Ich musste anhalten und mit einem Papiertaschentuch dem Scheibenwischer nacharbeiten. Ich unterstellte der Käseschachtel die absolute Schikane, und mir war auch deutlich warum sie das tat. Ich hatte sie beim Einparken ziemlich unsanft über die Bordsteinkanten gejagt. Aber deswegen musste sie nicht gleich so zimperlich sein! Ich war wüten und schlug mit der flachen Hand auf das, was man vor einem Jahrzehnt wohl Armaturenbrett genannt hatte. Jetzt sah es eher aus wie eine Müllkippe, abgeschabt, verbogen, vollgemüllt. Ich würde das Teil mal wieder pflegen müssen. Als ich an der Tanksäule stand, klemmte der Tankdeckel. Kein Zweifel, es war die Rache für den Schlag auf das zerfetzte Armaturenbrett.
Zurück auf dem Weg ins böse Reich des Chaos begegnete mir Ette im Niemandsland. Ich erzählte ihr von dem rauhbeinigen Verhalten der Käseschachtel und lauerte auf Zustimmung. Statt dessen meinte sie:
“Am besten, du ersetzt mal die Wischerblätter durch neue, füllst den Wasserbehälter auf und ölst die Scharniere vom Tankdeckel.”
So war sie eben, die Traumfrau. Offen, direkt und pragmatisch. Mir war mal wieder nach so einem richtig herzerfrischenden Spieleabend mit den Jungs am Computer. Ich nutzte die Gelegenheit und fühlte vor:
“Sag mal, Ette, wo ich doch mit Bulle befreundet bin...”
Ich hatte das Gefühl, dass sie genau wusste, was ich sagen wollte. Sie zog den Mund etwas schief und die Augenbrauen nach oben, aber sie sagte nichts.
“Also, ich meine, wenn er dir hier im Niemandsland begegnen sollte, hättest du ein Problem damit?”
Sie winkte ab:
“Sei nicht albern! Darüber bin ich seit Jahren hinweg. Da haben wir doch ganz andere Probleme, oder?”
Sie hatte von unseren Problemen gesprochen, nicht von ihren. Sie erwartete, dass ich ihr bei der Lösung half. Aber wie sollte die aussehen? Ich wusste es nicht. Also nickte ich nur. Als ich das einsame Reich des Chaos betrat, dachte ich daran, dass hoffentlich bald die königliche Wäsche wieder zu Ende gehen würde und ich träumte von der Ausgabe von Visa. Aber nie im Leben würde ich ihr das so gesagt haben.
In den Tagen danach besuchten wir uns hin und wieder nach vorheriger telefonischer Absprache. Wir witzelten heftig über den unmenschlichen Anmarschweg, woraufhin sie vorschlug, dass wir vielleicht etwas dichter zusammenziehen sollten. Es war zwar nur ein Scherz, aber mir gefiel dieser Gedanke, obwohl ich auf der anderen Seite gerade unsere getrennten Reiche nicht missen wollte. Ich war sicher, dass uns beiden diese Unabhängigkeit gut tat. Abgesehen davon konnte man ja auch wunderbare Visa erteilen, vielleicht sogar im Laufe der Zeit die Bedingungen verschärfen.
Eines Tag, als wir die kräftig angesetzten Wodka-Orange in der Sitzecke der Schlossküche hinunterspülten, kam sie mit dem überraschenden Klopfer:
“Ich würde gern einen alten Film sehen, der zum hundertste Mal im Fernsehen wiederholt wird.”
“Na und? Was hindert dich daran?”
“Nun, hast du einen Fernseher?”
Das wusste sie doch, den hatte ich nicht. Und sie auch nicht.
“Wollen wir uns nicht einen anschaffen?”
Ich schüttelte irritiert den Kopf. Das klang so, als wolle sie mal so nebenbei nachfragen, ob wir uns eigentlich Kinder anschaffen wollten. Ein abenteuerlicher, ja geradezu abstruser Gedanke. Sowohl das Eine, wie auch das Andere.
Sie ließ nicht locker:
“Wir könnten gemeinsam hin und wieder ein bisschen Fernsehen gucken.”
Also ehrlich, nie im Leben hätte ich ihr ein solches Spießertum zugetraut. Dazu hatte ich nun gewiss weder Zeit noch Lust. Ich war ja bereit, einiges für sie zu tun, aber das war doch etwas happig. Auf der anderen Seite..., wenn ich mir vorstellte, wie wir aneinander geschmiegt...
“Und wo würden wir den aufstellen? Im Niemandsland?” wollte ich doch gleich mal auf die Schwierigkeiten hinweisen.
“Das ist doch total ungemütlich, Pe. Vielleicht bei dir?”
Nein. Auf keinen Fall, ich schüttelte heftig den Kopf. Bei mir war es selten aufgeräumt. Nicht umsonst sprachen wir vom bösen Reich des Chaos. Aber ich hatte noch ein anderes Argument:
“Bei meinem angespannten Verhältnis zu den Geräten? Der Kasten wird immer gerade dann spinnen, wenn mal wirklich etwas interessantes läuft.”
Sie ergänzte meinen Satz:
“...was ja meistens sowieso nicht der Fall ist.”
“Richtig!” bestätigte ich.
“Trotzdem. Hin und wieder wäre es vielleicht ganz schön”, meinte sie mit einem Anflug von Trotzigkeit.
“Na schön, kauf dir einen, stell ihn dir in die Ecke und hol dir rot geränderte Augen”, antwortete ich.
Sie setzte ihr schönstes Grübchen-Lächeln auf:
“Allein möchte ich nicht gucken. Das ist irgendwie öde. Mit dir zusammen wäre das etwas anderes.”
Foltern Sie mich nicht, ich gestehe. Und zwar alles. Dass ich im Geiste ein verliebtes Paar vor der Glotzkiste sah, und dieses dämliche Gerät dabei gar nicht die Hauptrolle spielte. Dass mir dieser Vorwand gefiel, obwohl ich ihn für dumm hielt. Und dass es im Grunde doch ganz egal war, ob so eine Kiste bei ihr herum stand oder nicht. Allein der Klang ihrer Stimme hatte schon etwas unglaublich überzeugendes gehabt.
“Du willst nur, dass ich etwas mit bezahle, was ich gar nicht haben will?” forschte ich nach.
Sie nickte:
“Dann hätten wir etwas gemeinsames.”
Ich versuchte ein schlaues Gesicht zu machen, und nahm mir vor, das demnächst vor einem Spiegel zu üben. Ich konterte:
“Wir haben die Waschmaschine zusammen!”
Sie schüttelte den Kopf:
“Die gehört dir.”
“Aber wir waschen zusammen.”
“Tun wir nicht. Du wäschst und lässt deine Wäsche einlaufen, und ein andermal wasche ich, übrigens ohne dass sie einläuft.”
Da hatte sie Recht. Wir machten das eigentlich nicht gemeinsam. Dann preschte sie mit einem brillanten Zug vor:
“Wir machen eine Deal. Ich kaufe mir einen Fernseher. Dann tauschen wir.”
Ich war entsetzt.
“Was denn, du willst die Waschmaschine, und ich soll den Fernseher nehmen? Das ist doch der größte Quatsch, den ich je gehört habe!”
Sie schüttelte den Kopf:
“Wir tauschen die Hälfte. Du schenkst mir die Hälfte von der Waschmaschine und ich dir die Hälfte meines Fernsehers. Dann haben wir beides gemeinsam.”
“Du hast keinen Fernseher.”
“Aber wenn ich einen hätte, dann könnten wir das so machen, okay?”
Ich gab mich geschlagen. Etwas unsinnigeres hatte ich noch nie gehört. Aber wenn es sie glücklich machen sollte, von mir aus. Es würde ja doch alles beim alten bleiben. Mit dem kleinen Unterschied, dass bei ihr ein Fernseher Spinnweben ansetzen würde.
Anne dachte manchmal an ihre Idee mit dem Fernseher zurück. Pe hatte das nie richtig verstanden. Genauso wenig wie ihren Wunsch, ihn ihren Eltern vorstellen zu wollen, die schließlich auch immer klappriger wurden. Bevor sich der Gesundheitszustand ihres Vaters weiter verschlechterte, sollte er den Mann kennenlernen, mit dem sie möglicherweise den Rest ihres Lebens verbringen würde. Auch wenn der das noch gar nicht wusste. Er würde es schon lernen.
Als sie in Buchholz vor dem kleinen Reihenhaus ihrer Eltern ankamen, schüttelte Pe den Kopf. Der Vorgarten war gespickt mit Koniferen und den merkwürdigsten Gehölzen. Anne machte sich schon längst keine Gedanken mehr über die verrückten Formen, in die ihr Vater die Scheinzypressen, Omorica, Buchsbäume und Weißbuchen gebracht hatte. Aber für Pe, den Schreiberling, der sich mit Bonsai beschäftigte, war es so etwas wie ein kleiner Schock. Sie erinnerte sich an viele Gespräche über Zwergbäume, bei denen er immer wieder die beabsichtigte Natürlichkeit der Form herausgestellt hatte. Deswegen hielt er auch wesentlich mehr von chinesischen Bonsai, die ausschließlich durch Beschnitt ihre Form erhielten, und das unter strikter Berücksichtigung ihres natürlichen Wuchses. Die japanischen hingenen wurden zusätzlich durch kräftige Drähte in die gewünschte Form gezwungen. Und jetzt sah er sich mit Kugeln von unterschiedlichster Größe, mit Doppelkugeln, die wie grüne Schneemänner aussahen und mit den verrücktesten Pyramiden konfrontiert. Die Zuckerhutfichte erinnerte an die Spitze einer Harpune. Eine Blauzypresse war in die Form einer dänischen Kerzenampel gebracht: Eine Achse, links und rechts davon Kugeln wie Kerzenhalter.
“Du, Ette...”, sagte er, als er vor der Eingangspforte stehen blieb, “sei mir nicht böse, aber deine Eltern leiden anscheinend unter Schnippelphobie!”
Anne lachte und verbesserte:
“Du meinst, mein Vater! Ich weiß. Aber was will man machen? Wenn er einmal zur Schere greift, dann kriegt er sich nicht wieder ein. Und wenn man das kritisiert, dann verweist er auf barocke Parks wie in Versailles.”
Natürlich wusste sie genau, dass das Chaos im Garten ihres Vaters mit diesen feudalistischen Lustgärten, in denen Mathematik und bewusste Linienführung das Bild bestimmten, nicht das Geringste zu tun hatte. Der pure Zufall ließ hier die durcheinander gewürfelten Formen wie den Inhalt einer Spielzeugkiste aussehen, wo alles einfach hinein geworfen wurde.
Anne hielt Pe am Arm fest:
“Tu mir bitte einen Gefallen und sprich das einfach nicht an, ja?”
Pe nickte, um unmittelbar darauf die Stimme in Richtung des Hauses zu erheben:
“Äh, Herr Schneider, ihre Baumkugeln sind ja wirklich...”
Weiter kam er nicht, weil ihm Anne den Ellenbogen in die Rippen stieß und ihn anzischte:
“Untersteh´dich, du Monster!”
Vielleicht hätte sie ihn vorwarnen sollen, denn der Garten von der Terasse nach hinten hinaus war eine noch viel größere Spielzeugkiste. Neben allen denkbaren geometrischen Formen fand sich dort auch noch so etwas wie ein chinesischer Drache aus Buchsbaum, der genauso gut einen Dinosaurier oder eine zerknüllte Cola-Dose darstellen konnte. Und ein Elefant, der wie eine Lokomotive aussah. Als Pe die Terasse betrat, konnte er sich ein “wie harmonisch und natürlich” einfach nicht verkneifen. Aber er hatte es so leise gesagt, dass ihr alter Herr es nicht gehört hatte. Der alte Herr hatte ohnehin so seine liebe Not mit dem nachlassenden Gehör.
Als Pe ihm sagte:
“Einen schönen Garten haben sie hier, Herr Schneider!” antwortete er:
“Ja, ja, das Wetter wird sicher schön bleiben.”
Der Schreiberling unternahm weitere Versuche einer geistvollen Kommunikation:
“Wie lange wohnen Sie hier schon?”
Er deutete auf das Haus. Der alte Herr antwortet:
“Ach das sind so etwa hundert Quadratmeter.”
“Nun, ich meinte, wann haben sie das Haus gebaut?”
Der Schreiberling wurde immer lauter.
“Wer das gebaut hat?” fragte der alte Herr, “Das hat mein Bruder Herbert gebaut. Aber der ist zusammen mit seiner Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Na ja, und weil sie keine Kinder hatten, da haben wir das dann bekommen.”
Pe schüttelte den Kopf:
“Eine tragische Geschichte, das mit ihrem Bruder.”
Der alte Herr schüttelte daraufhin ebenfalls sein dünn behaartes Haupt:
“Ja, stimmt, es ist wirklich ein alter Kasten.”
Anne griff ein und raunte ihrem Vater zu:
“Vater, wo hast du denn dein Hörgerät? Das HÖR-GE-RÄT?”
Die letzten Worte hatte sie ihm fast ins Ohr gebrüllt. Der alte Herr winkte ab:
“Das nutzt sowieso nichts, liegt in der Schublade.”
Anne schüttelte den Kopf, nahm Pe zur Seite und erklärte ihm:
“Weißt du, er verweigert sich, was das Hörgerät angeht. Er behauptet, es funktioniere nicht richtig. Er ist ein Starrkopf!”
“Ach, bis auf die Schnippelphobie ist er doch in Ordnung”, meinte der Schreiberling, “und deine Eltern sind außerdem auch richtig stolz auf dich.”
“Sind sie das?”
Das war ihr ihr jedenfalls nie so deutlich bewusst geworden. Sie konnte sich jedenfalls nicht an herausragende Momente erinnern, in denen ihr Vater in Lobeshymnen über sie ausgebrochen wäre.
“Ja. Als ich deiner Mutter vorhin sagte, was sie doch für eine gut gelungene Tochter herangefüttert hätte, gab sie mir ausdrücklich Recht. Vor allem betonte sie immer wieder, wie fleißig du doch bist, dass du dein ganzes Studium selbst finanziert hast, und wie hart es gewesen sein muss, notfalls Nachtarbeit und so weiter.”
Anne wurde etwas mulmig zu mute. Das Gespräch lief in eine Richtung, die ihr wirklich nicht gefiel. Sie dachte an ihre Studienzeit zurück und sagte dann seufzend:
“Ja, stimmt schon irgendwie. Außer dieser Erblast...”, sie deutete auf das Haus, “hatten meine Eltern nie viel zuzusetzen. Mein Vater verdiente nie viel, aber es reichte zum satt werden.”
Sie wusste, dass es etwas pathetisch geklungen hatte, vielleicht eine Spur übertrieben. Aber das konnte jetzt nicht schaden.
Ihre Mutter hatte ihr zwischendurchals sie allein waren, eine ganz persönliche Frage der Dringlichkeitsstufe eins ins Ohr geflüstert:
“Anne, Schatz, seid ihr beide ein Paar?”
Sie hatte den Kopf geschüttelt:
“Nein, wir sind nur sehr gute Freunde.”
Vielleicht hatte sie etwas traurig dabei ausgesehen, ihre Mutter hatte jedenfalls geflüstert:
“Was nicht ist, kann doch werden, nicht wahr?”
Und Anne hatte sie lachend in den Arm genommen und gefragt:
“Ihr wünscht Euch wohl Enkelkinder, was?”
Als sie Pe später fragte, was ihn bei ihren Eltern am meisten beeindruckt hätte, sagte er ohne zu zögern:
“Ich habe gelernt, dass du fleißig bist!”
Aber dann war er natürlich sofort über den Garten hergezogen. Dieser tiefe Eindruck von treffsicherer Geschmacklosigkeit hatte Pe auch später immer wieder veranlasst, sich mit “Schnippelphobie” über die Vorliebe ihres Vaters lustig zu machen.
“Du hast ja auch die eine und andere kleine Macke!” pflegte Anne dann ihren Vater in Schutz zu nehmen, worauf Pe empört reagierte:
“Ich? Macke? Wenn irgendjemand auf der Welt frei von jeglicher Macke ist, dann bin ich das! Wenigstens bin ich nicht schwerhörig!”
“Noch nicht!” antwortete Anne gedehnt und legte alle Betonung auf das “noch”.
Sie schüttelte den Kopf und dachte dabei an die unsinnigen Kleinkriege, die Pe vorgab, mit seinen Geräten auszutragen. Jede kleinste Funktionsstörung brachte er in einen Zusammenhang mit diesem oder jenem Handgriff, den das Gerät übelgenommen haben sollte. Für sie war doch ganz offensichtlich, dass Technik nie ohne Störungen oder Verschleiß funktionieren konnte. Das war doch ganz logisch, und sie machte auch nie einen Hehl daraus.
Wenn sie allein an seine Marotten mit dem Wagen dachte! So eine komplizierte Maschine brauchte weniger moralischen Zuspruch als Pflege. Neue Scheibenwischer und ein paar Tropfen Öl zum Beispiel. Und dann seine fixe Idee mit der Waschmaschine, die angeblich Socken fraß und seine Wäsche einlaufen ließ! Verflixt, man musste sich nun mal die Mühe machen und die Wäsche nach Temperaturstufen trennen. Das war nun einmal so, ob es ihm gefiel oder nicht.
Die meisten dieser Ereignisse waren rein zufällig, da war sich Anne ganz sicher. Aber irgendwie merkwürdig war so mancher dieser Zufälle schon. So wie an jenem Wochenende bei ihren Eltern. Sie hatten dort übernachtet. Ja, schon gut, ich weiß doch, was Sie wissen wollen: Getrennt natürlich! Dann hatten sie sich am Sonntag die Fahrräder ihrer Eltern geschnappt und waren in Richtung Brunsberg ins Naturschutzgebiet gefahren. Die Drahtesel waren völlig identisch. Es waren jene Zwitter, bei denen man einfach nicht entscheiden konnte, ob man sie den Männlein oder den Weiblein zuordnen sollte. Es war also reiner Zufall, wer welches Gerät unter die Pobacken bekam. Tatsächlich aber war damals die Kette von dem Rad gerissen, das Pe fuhr. Und Pe, der Einfältige, hatte auch gleich eine Erklärung parat gehabt:
“Ich hätte dem Rad etwas mehr Zeit geben müssen, sich an mich zu gewöhnen. Ich hab einfach gleich zu kräftig in die Pedale getreten. Das mochte es nicht!”
Aber sie hatte das ganz anders gesehen:
“Von wegen, etwas mehr Zeit geben und gleich zu kräftig in die Pedale! Wir sind schließlich schon eine Dreiviertelstunde unterwegs!”
Vielleicht war das der springende Punkt, dass er die Geräte einfach überforderte? Aber bei der elektrischen Schreibmaschine konnte doch davon keine Rede sein. Und den Computer bediente er auch nicht anders, als jeder andere es getan hätte. Aber warum ausgerechnet dieses Fahrrad den Geist aufgegeben hatte, und nicht das ihre? Da blieben nur noch die Zufälle. Man konnte sie nicht weg diskutieren. Jeder Statistiker würde bestätigen, dass Zufallshäufungen überall vorkommen, und dass der Mensch von Natur aus bei jedem dieser Fälle zunächst nach Zusammenhängen sucht. Und Pe besonders. Aber vielleicht würde sie ihm das ja im Laufe der Zeit abgewöhnen können.
Ettes Wunsch nach dem gemeinsamen Fernseher, das war ganz schön lange her. Ein halbes Leben, so kam es mir vor. In der Zwischenzeit waren Ataris vom Markt verschwunden und Commodore hatte schon lange Konkurs angemeldet. Bei den PCs konnte man nicht einmal mehr 486er gebraucht verkaufen, weil alle Welt vom Pentium schwärmte. Sie können sich vorstellen, dass sich mein Computermuseum vergrößert hatte und eine neue Generation namens Erwin im Haus war.
Mit den voranschreitenden Programmierkünsten hatten sich die Reibereien mit Erwin zu einem regelrechten Krieg ausgewachsen. Das lief meistens so ab, dass Erwin irgend etwas verbockte, und ich nächtelang mit Aufräumarbeiten zu tun hatte. Da mussten Programme neu installiert werden, weil sie plötzlich nicht mehr richtig liefen. Oder es arbeiteten verschiedene Softwarekomponenten nicht vernünftig zusammen. Wenn ich eine neue Soundkarte installiert hatte, dann machte Erwin so richtig Randale. Erst klappte die Klangausgabe nicht, dann funktionierte der Sound, aber alles andere nicht mehr. Diese ewigen Reparaturarbeiten waren langwierig und ich erspare Ihnen die Details, die allein fünf Bücher füllen würden.
Als Ette damals, ratz-fatz, den Fernseher in ihr Schloss geholt hatte, konnte ich sie nur mit Mühe davon abhalten, eine Tauschurkunde über die jeweiligen Hälften von TV und Waschmaschine auszufertigen. Ich versicherte ihr mit meinem heiligen Indianer-Ehrenwort, dass ich die Angelegenheit auch ohne Schriftstück ernst nahm. Die Folge war, dass sie mich anrief, nur um zu fragen, welches Programm ich denn heute Abend sehen wollte. Anfangs war es mir zu jedem Zeitpunkt schnurzpiepegal, bis... Aber ich will nicht vorgreifen.
Vielleicht können Sie sich das nicht vorstellen, aber es gefiel mir immer sehr, wenn die königliche Hoheit mit ihrer Wäsche die Grenze zum Chaosreich passierte. Sie wissen schon, wegen der Visa. Und ich hatte das Gefühl, dass sich auch Ette so langsam daran gewöhnte. Denn als sie mich zu einem Fernsehabend einlud, verlangte sie plötzlich auch ein Visum. Und was für eines, es war eine völlig neue Generation von Aufenthaltserlaubnis! Ich kann Ihnen sagen, das war der Moment, ab dem es mir nicht mehr ganz egal war, was im Fernsehen lief! Sie denken jetzt womöglich, dass es mir tatsächlich um das Programm ging, wenn ich am Telefon sagte, dass ich dieses oder jenes gerne sehen würde? Völlig falsch! Damit täuschte ich nur mein Interesse vor. In Wirklichkeit ging es um das Visum für diesen Abend.
Wir arbeiteten beharrlich an der Weiterentwicklung, bis schließlich zu dem Reglement gehörte, dass ich erst in das böse Reich des Chaos zurückkehrte, nachdem wir ausgeschlafen und zusammen gefrühstückt hatten. In diese Zeit fiel auch der besondere Ritterschlag, den ich an einem Samstag erhalten hatte. Ich durfte nicht, nein, ich musste zum ersten Mal das königliche Bad mit dem Abrieb meiner Haut verseuchen, was mir von selbst nie im Leben in den Sinn gekommen wäre. Schließlich war es ein ernster Verstoß gegen den Nutzungsvertrag. Aber sie bestand darauf, dass ich dieses heilige Bad in Hellgrau bis Aubergin benutzen sollte, und zwar mit ihr zusammen. Es war ein genauso merkwürdig anmutender Wunsch wie seinerzeit der gemeinsame Besitz eines Fernsehers.
“Aber die Wanne ist doch viel zu klein!” hatte ich gemurrt.
“Nichts da”, war ihre Antwort gewesen, “dann müssen wir eben etwas enger zusammen rücken.”
Na gut, ich ließ mich breitschlagen. Und ich fand das Bad überraschender Weise sehr ermüdend. Wahrscheinlich war das Wasser etwas zu warm gewesen. Überaus unglücklich war das Ergebnis eines ausgerenkten Wirbels, mit dem ich mich wochenlang herum plagen musste. Aber auch dazu hatte die pragmatische Ette den passenden Vorschlag:
“Wir sollten einfach mehr trainieren. Dann passiert so etwas nicht!”
Na gut, damit konnte ich mich durchaus anfreunden.
Eines Tages entdeckte ich, dass ich mehr in Ettes Schloss als im bösen Reich des Chaos wohnte. Es waren die Textilien, die ich immer mehr dort deponierte, während ich im Chaosreich zu arbeiten hatte. Wir wohnten zusammen, behielten aber die Bezeichnung Schloss und Chaosreich bei. Ebenfalls ließ ich die Naßzelle und die Küchenecke im Chaosreich unangetastet, obwohl sie nicht mehr benutzt wurden. Schließlich konnte man ja nie wissen, ob eines Tages jeder wieder in sein eigenes Reich flüchten wollte und aufgrund diplomatischer Verwerfungen keine Visa mehr erteilt würden. Diese Möglichkeit machte unsere Beziehung so leicht. Jeden Tag, ja jede Minute würden wir uns ohne Probleme trennen können.
Den heftigen Rückschlag, der unsere Beziehung vorübergehend aus dem Takt zu bringen drohte, überwanden wir aber gemeinsam. Es war der Prozess gegen Rufus, in dem er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ette fiel für kurze Zeit zurück in ihre Problemwelt. Wir bekämpften diesen Zustand, indem wir die Visa auf viel Reden, viel Verständnis und Vergangenheitsbewältigung umstellten. Ich betete heimlich zum heiligen Theodor, dass dieser Zustand doch bitte nicht bis zu meinem neunzigsten Geburtstag anhalten möge. Sie verstehen schon, wegen des unangenehmen Hormonstaus. Damit ist schließlich nicht zu spaßen, wie mir mein Arzt auch damals versicherte, ganz im Vertauen natürlich. Ich befragte dazu übrigens auch noch C.G.Lee und erfuhr völlig überraschend, dass auch er Erfahrungen mit “Hormonstau” hatte. Bulle wollte ich lieber nicht mit dieser Frage konfrontieren, weiß der Himmel, was da am Ende bei Schwulen noch ans Tageslicht kommen würde!
Der angeflehte Heilige hatte ein Einsehen. An einem gemütlichen Freitagabend hatten wir bereits ein paar Mal das Unwort Rufus benutzt. Ich hatte Ette Recht darin gegeben, dass man solchen Leuten alles abschneiden sollte, was absteht, dass die Bestrafung viel zu gering ausgefallen, dass die Männer allesamt Paviane seien, dass das Leben wahrlich rüde mit ihr umgesprungen war, die Politiker nichts taugten, der Mond nachts nicht mehr so schön schiene wie früher und so weiter. Ich hatte das Gefühl, dass es ihr auch dieses Mal helfen würde, aus ihrem Formtief heraus zu kommen, wie so oft in der letzten Zeit. Und plötzlich rückte sie näher an mich heran und flüsterte:
“Weißt du eigentlich, dasss du dich hier völlig illegal aufhältst?”
Ich war erstaunt. Wie meinte sie das? Weil ich hier bei ihr saß, ohne dass dieser dämliche Fernseher lief? Wir hatten doch genug zu reden, Probleme zu wälzen.
Sie biss mir in das Ohr:
“Du bist illegal hier, weil du von mir noch kein Visum erhalten hast! Aber du hast auch noch gar keins beantragt!”
Ich hätte in die Luft springen können, denn nun war ich sicher, das Anflehen des heiligen Theodor hatte gewirkt! Und glauben Sie mir, ich zögerte nicht eine Sekunde, dem Wunsch ihrer Hoheit nachzukommen und ihr den Rücken zu massieren. Zunächst nur den Rücken, die Schultern und den Nacken.
Als ich eines Tages in den Spiegel blickte und neue Falten um die Augen herum entdeckte, fragte ich mich plötzlich und unerwartet, ob ich irgendwann einmal Kinder haben wollte. Aber vergessen Sie´s! In dieser Welt? Wer wollte in diese Welt Kinder setzen, in der es von Gewalt und Drogen nur so wimmelt, wo es an allen Ecken brennt, wo wir uns kollektiv vergiften und der Leistungsdruck die Suizidraten nach oben schnellen lässt? Und das Schlimmste: Wo Geräte und Maschinen, die Freunde und Helfer der Menschheit, ihren Besitzern nachstellen und Krieg gegen sie führen? Das konnte man doch wirklich nicht verantworten. Und ich war sicher, dass Ette das genau so sah, wenn ich sie je danach fragen würde.
Die Welt war wieder in Ordnung. Wir hatten viel Spaß mit Missverständnissen und ich konnte nie sicher sein, ob Ette es wirklich ernst meinte, oder ob sie sich eine Gag ausgedacht hatte. Als sie eines Tages ins Schloss zurückkehrte, verkündete sie:
“Stell dir vor, ich habe heute den Werbeetat des BND gewonnen!”
Sie freute sich riesig. Zumindest tat sie so. Ich freute mich nicht mit, denn hätten Sie ihr das geglaubt? Haben Sie je von einem Geheimdienst gehört, der Werbung in den Medien schalten will, um sich offen und volksnah zu geben?
“Du willst mich verarschen, Ette!” hatte ich sie angemault.
“Nein, nein, wieso? Die wollen einfach dichter ans Volk heran. Bisher haben sie nur wenig Werbung getrieben, zugegeben. Aber das soll sich jetzt ändern.”
Ich glaubte ihr kein Wort. Als sie auch noch am Frühstückstisch den gleichen Gag wiederholte, wurde es mir zu bunt, und wir bekamen uns fast in die Haare.
“Jetzt hör aber mal auf mit dem BND, Ette. Kein Geheimdienst der Welt schaltet Werbung!”
Sie lächelte mich mit dem schönsten Grübchen an, dass sie gerade auftreiben konnte:
“Wieso Geheimdienst? Der Bund der Naturschützer Deutschlands ist doch kein Geheimdienst?”
Noch immer ungelöst und auf den St.Nimmerleinstag verschoben war das Problem mit Yanos Sonderaufgaben. Auch wenn sie sich jetzt Artdirektorin nennen durfte, so löste das nicht den Konflikt, sondern vergrößerte ihn eher. Wenn man Probleme vor sich her schiebt, darf man sich nicht wundern, wenn sie sich ausweiten. Und so geschah es, in einer Form, als käme einem ein LKW mit affenartiger Geschwindigkeit in einer Einbahnstraße entgegen.
Es war an einem Freitagabend, als Anne völlig entnervt und spät wie fast immer nach Hause kam. Sie brach auf der Besucherbank in der Schlossküche förmlich zusammen und fühlte sich völlig von der Rolle. Anne ertappte sich dabei, wie sie immer wieder ein “Verdammt!” vor sich hin dachte. Und wieder und wieder. Eine dieser unsinnigen Schleifen, in denen man sich in unübersichtlichen Situationen verfangen konnte. Sie hielt es für eine Notreaktion des Gehirnes, in die es sich wegen Überforderung flüchtete. Was würde sie Pe sagen? Sollte sie es für sich behalten? Aber er würde ihr ohnehin ansehen, dass etwas nicht stimmte.
Er setzte sich zu ihr, während sie noch immer mit sich rang, ob sie von diesem verfluchten Tag überhaupt etwas berichten sollte. Schließlich war er es, der es nicht mehr auszuhalten schien.
“Was ist los?” wollte er wissen.
Anne starrte ihn an. Sollte sie es erzählen? Sie brauchte eine ganze Weile, aber dann sprudelte es aus ihr heraus:
“Ich hatte so etwas schon befürchtet. Stell dir vor, heute Nachmittag ruft mich Yano von unterwegs aus an. Er müsse unbedingt mit mir reden, und ich solle um Gottes Willen nicht das Haus verlassen, bis er zurück wäre. Dann kommt er und erzählt mir, dass van Steen, der Werbeleiter der Tarcoon-Gruppe, ihm telefonisch mitgeteilt habe, dass er ab sofort keine Vergünstigungen mehr annehmen würde.”
Sie stockte. Pe ließ ihr anscheinend Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Er nutzte die Pause und organisierte zwei Wodka-Orange mit wenig Fruchtsaft. Nach einer schweigsamen Weile ergriff er das Wort, und es klang, als wollte er ihr wieder auf die Schiene helfen:
“Wie hat der van Dings das begründet?”
Anne flüsterte:
“Gar nicht. Sofort aufgelegt hat er danach...”
Sie nippte an der kräftigen Mischung, und Pe leerte sein Glas mit einem Zug.
“Weißt du, was das bedeutet, Pe?”
Der Schreiberling schüttelte den Kopf, sagte dann aber schnell:
“Vielleicht, dass jemand anderes ihm jetzt Vergünstigungen zukommen lässt und er den Werbeetat an eine andere Agentur gibt?”
Sie schüttelte den Kopf:
“Unser Vertrag läuft noch zwei Jahre mit einer Option zur Verlängerung. Nein, das ist es ganz sicher nicht. Yano hat herumtelefoniert wie ein Weltmeister. Du kannst dir vorstellen, wie vorsichtig man sein muss, wenn man in einer so delikaten Angelegenheit etwas wissen will. Schließlich hat er sich erneut ins Auto geschwungen und ist nach Düsseldorf gefahren. Ich glaube, van Steen wohnt dort. Ich habe keine Ahnung, ob er ihn erreicht hat.”
Der Schreiberling füllte die Gläser nach. Anne grübelte über van Steens Reaktion nach. Es war klar, dass irgend etwas passiert sein musste, aber das Ausmaß der Katastrophe war noch nicht überschaubar.
“Was glaubst du, welche Gründe kann es noch geben?” fragte Pe.
Sie zuckte die Schultern und runzelte die sonst so glatte Stirn:
“Jemand setzt ihn wahrscheinlich unter Druck. Vielleicht war er unvorsichtig und jemand hat etwas mitbekommen...”
“Und dann?”
“Dann ist es Bestechung. Passive bei van Steen, aktive bei uns.”
“Wenn seine Firma das herausbekommt, dann schmeißen sie ihn raus und kündigen euch die laufenden Verträge.”
“Das ist es ja.”
“Meinst du, es könnte noch mehr daraus werden?”
“Du meinst einen Strafprozess gegen Yano und mich? Keine Ahnung.”
Die beiden letzten Worte waren gelogen. Genau das fürchtete sie. Und dieser Gedanke begann sich wie Blei auf ihre Schultern zu legen, sie komplett einzuhüllen. Pe rückte näher und umarmte sie. Dann sagte er leise:
“Wenn du dem van Dings einen Kühlschrank ins Haus schickst, dann ist es eine Bestechung. Wenn du mit einem Klienten schläfts, dann kann doch kein Mensch eine Bestechung nachweisen, weil eine persönliche Beziehung überall und zufällig entstehen kann, oder etwa nicht?”
Sie wiegte unschlüssig den Kopf:
“Dann bleibt noch immer übrig, dass die meisten Firmen eine solche private Verbindung ihrer Mitarbeiter zu einem Lieferanten nicht gerne sehen würden. Außerdem ist der Fall ja auch anders. Es handelt sich ja um den Kühlschrank. Nur zahlen wir ihm nicht ein Küchengerät, sondern eine Prostituierte.”
Sie nahm einen kräftigen Schluck und hustete. Verdammt stark, diese Mischung! Pe hatte wahrscheinlich nur Wodka nachgeschenkt.
“Warum habt ihr das bloß angefangen!” murmelte er, woraufhin sie ohne zu zögern flüsterte:
“Es hat ja ganz anders angefangen. Eher so, wie du gesagt hast. Da war es ja keine direkte Bestechung. Es hat sich eben so entwickelt.”
Kaum waren die Worte gesagt, da bedauerte sie es. Das hätte sie doch so nicht ausdrücken müssen! Überhaupt gab es keinen Grund, über den Beginn dieser Aktionen zu reden. Es hätte doch genau so gut ein Geheimnis für´s Leben bleiben können!
Vielleicht hatte er ja gar nicht richtig hingehört. Manchmal überhört man doch kleine Wendungen! Er schien sprachlos und irritiert. Sie hatte ihm nie die Frage beantworten wollen, ob sie früher diese besonderen Serviceleistungen am Kunden selbst vollbracht hätte, und jetzt verplapperte sie sich, wie es ihr doch sonst nie passiert war.
Aber er hatte nichts überhört. Sie spürte, wie sein Arm sie entließ, und wie sich der Abstand wieder vergrößerte. Und er bohrte nach. Unnachgiebig. Er war hartnäckig, obwohl das doch Vergangenheit war, mit der er leben musste, wenn er mit ihr zusammenbleiben wollte. Aber vielleicht konnte er in diesem Punkt einfach nicht über seinen Schatten springen? Vielleicht war wirklich ihre inzwischen so unglaublich harmonische Beziehung in Gefahr. Er hatte ihr sehr geholfen, und wenn sie jetzt an ein Scheitern dachte, dann war dies das Letzte, was sie in ihrer schwierigen Situation gebrauchen konnte!
Sie versuchte die Sache herunter zu spielen. Als er ihr den Sachverhalt auf den Kopf zusagte, wollte sie es nicht zugeben. Es war eigentlich das erste Mal, dass sie ernsthaft stritten. Zuvor hatte es nur Streitgespräche im Scherz gegeben, die als Wettkampf Spaß machten. Sie wusste, dass Leugnen zwecklos war.
Pe hatte sich erhoben und war im Niemandsland verschwunden, um für Wodka-Nachschub zu sorgen. Sie hatten schon eine ganze Menge durch Hinunterschlucken vernichtet. Er hatte die Türen offen gelassen, und sie hörte, dass sich das Telefon im Chaosreich einen Wolf klingelte. Anne war dankbar, denn er würde abheben, und das Gespräch konnte für sie beide eine Auszeit bedeuten. Vielleicht würde sich der Disput damit sogar erledigen? Aber das war eher unwahrscheinlich, ein Wunschdenken.
Er war eine ganze Weile drüben im bösen Reich des Chaos. Als er schließlich zurückkehrte, rammte er den Türpfosten und entschuldigte sich förmlich bei ihm. Er war sicher nicht mehr ganz nüchtern, und sie selbst wagte gar nicht aufzustehen. Er berichtete:
“Stell dir vor..., es war Bulle. Er will sich von Marco trennen.”
Pes Stimme war nuschelig geworden, doch der Inhalt seiner Worte war überraschend. Wahrscheinlich war es anders herum, und der mimosenhafte Marcus wollte sich mal wieder trennen?
“Wer trennt sich, Henning oder Marco?”
Sie merkte, dass sie ihre Zunge nicht mehr vollständig in der Gewalt hatte.
“Ich war auch..., überrascht.” Er machte eine Pause, in der er sich wieder auf die Bank zwängte.
“Aber dieses Mal geht es wirklich von Bulle aus.”
Pe hatte die Flasche endlich geöffnet und schenkte nach.
“Er hat einen Schweden kennengelernt!”
Sie schüttelte etwas schwerfällig den Kopf:
“Alter Schwede!”
“Sag ich doch! Aber über sein Alter... hat er nichts gesagt.”
Pe verfiel vorübergehend in ein Kichern, wie es nur Betrunkene zustande bringen, wenn sie glauben, einen Mega-Brüllwitz gelandet zu haben. Sie prosteten sich zu und tranken, bevor Pe weiter berichtete:
“Er will so schnell wie möglich nach Schweden ziehen...”
Sie schüttelte wieder den Kopf, so gut es eben ging. Ihr Kopf begann sich taub anzufühlen.
Sie mussten weiter getrunken und auch den Raum gewechselt haben. Aber Anne konnte sich später nicht mehr genau an Einzelheiten erinnern, weder an den Inhalt ihrer weiteren Gespräche, sofern man das Gelalle mit schwerer Zunge noch so bezeichnen konnte, noch an die Menge des Alkohols, mit dessen Vernichtung sie einige labile Jugendliche vor der Trunksucht bewahrt hatten.
Als Ette an jenem bedeutungsvollen Freitagabend spät in ihr Schloss zurückgekehrt war, hatte ich bereits im Niemandsland erkannt, dass da etwas nicht stimmte. Sie war das reinste Nervenbündel und ich hatte mich mit Orangensaft und Wodka bewaffnet zu ihr in die Schlossküche gesetzt. Als sie erzählte, klang es so, als ob Yanos besondere Aktionen aufgeflogen sein könnten. Aber genaueres konnte man noch nicht sagen.
Ich hatte einen erfolgreichen Tag hinter mir. Ausnahmsweise hatte mal alles geklappt. Selbst Erwin hatte einen guten Tag erwischt. Ich hatte einen Vorrat an Orangensaft und Wodka angelegt in der Hoffnung, dass sich irgend ein Grund zum feiern finden lassen würde. Aber wenn es nicht um feiern ging, dann eben um das Schönsaufen einer drohenden Katastrophe. Und danach klang alles, was Ette berichtete.
Der Alkohol musste schon eine gewisse Wirkung entfaltet haben, denn es dauerte einen kompletten Film in Zeitlupe, bis mich ein paar schwerwiegende Worte von ihr im Herzen erreichten. Als ich dann aber den Sinn erfasst hatte, traf mich diese Erkenntnis wie ein Blitz. Es ging darum, wie Yanos Sonderaufgaben begonnen hatten. Mich sollte die Vergangenheit ja eigentlich nichts angehen, das Thema hatten wir schon. Aber für mich klang es nach Prostitution, oder war da ein Unterschied? Ich versuchte mich zusammen zu reißen, aber es gelang mir nicht. Ich quetschte zwischen den Zähnen hervor:
“Du hast mit denen geschlafen!”
Sie wurde wütend:
“Ach Quatsch, vergiss es! Hörst du? Vergiss es!”
Ich sollte es vergessen und schüttelte doch nur den Kopf.
“Als wenn ich jetzt keine anderen Probleme hätte!” fauchte sie.
Als ich aufblickte, bemerkte ich Tränen in ihren Augen. Kotzasche, natürlich hatte sie Recht, sie hatte jetzt andere Probleme. Wir tranken weitere Mischungen, wobei der Anteil an Orangensaft immer geringer wurde. Zum Schluss muss es der nackte Wodka gewesen sein. Zwischendurch rief Bulle an. Es ging mal wieder um Trennung, was allein schon ein Grund für noch mehr Wodka war. Ich konnte mich später nicht mehr richtig daran erinnern.
Ich weiß nur noch, dass ich mich in fast kompletter Kleidung auf dem Teppich wiederfand, als uns das Telefon am nächsten Vormittag aufweckte. Ette lag zusammen gerollt in einem Sessel, wobei ihr linkes Bein über die rechte Armlehne baumelte. Als der Anrufbeantworter ansprang, begann Yano seine Bitte um Rückruf zu formulieren. Ette taumelte zum Telefon, nahm ab und meldete sich mit einer monstermäßig rauhen Stimme. Sie hörte eine Weile zu, dann war das Gespräch beendet.
Ich hörte mich mit einer Stimme fragen, die unmöglich die meine sein konnte:
“Und? Weiß er mehr?”
Sie nickte, und ein Reibeisen sprach zu mir:
“Van Steen hat von Bestechungsskandal und schwieriger Situation geredet, aber keine Details genannt. Nur vage Andeutungen.”
“Dann müssen wir abwarten”, meinte die Stimme, die ich mir nie im Leben zugetraut hätte. Sie nickte.
Mir ging durch den Kopf, was Bulle mir da am späten Abend klarmachen wollte. Ich versuchte mich zu erinnern. Es war zwar nur eine Katastrophe zweiter Ordnung, aber Bulle wollte auswandern. Das bedeutete, mir würde der einzige Fachmann für Computerprobleme fehlen, den ich kannte. Wie sollte ich da den ewigen Kampf mit Erwin bestehen können, wo mein wichtigster Verbündeter, meine Geheimwaffe, mich im Stich ließ? Das konnte meine Position nur schwächen und Erwins stärken. Ich sah mich schon mit qualmendem Hirn, wie ich versuchte, mich mit Fachmagazinen und teuer bezahlten Ratschlägen durchzuwursteln.
Die Katastrophe erster Ordnung war natürlich schlimmer. Am Wochenende würde sich kaum etwas Neues ergeben, und so blieb nur das Abwarten und Grübeln. Aber auch am Montag gab es keine frischen Details. Und auch nicht am Dienstag oder sonst einem Tag der Woche. Wir gewöhnten uns schon fast daran, dass einfach nichts passierte. Aber der Schein trog, wie die Oberfläche eines Teiches bei Windstille, unter der sich in Wirklichkeit Jäger und Beute belauern.
Yanos Stimme klang angespannt:
“Kannst du bitte kurz mal herüber kommen?”
“Bin gleich da.”
Anne legte nachdenklich den Telefonhörer auf. Während sie Kurs auf Yanos Büro nahm, riskierte sie noch schnell einen Blick in den Spiegel. Sie sah nicht gerade berauschend aus, was angesichts der schlaflosen Nächte und der anhaltenden Ungewissheit nicht überraschen konnte.
Sie hatte die Herrn kommen sehen, die nun wahrscheinlich das grüne Leder in Yanos Besucherecke eindrückten. Elfie war so etwas wie Yanos Sekretärin, wie man es früher ausgedrückt hatte. Heute sagte man Assistentin dazu, was nicht darüber hinweg täuschen konnte, dass diese Position für allerlei Lakaiendienste zuständig war.
“Herren von Tarcoon!” raunte Elfie ihr zu, als sie an ihrem Schreibtisch vorbei eilte. Das hatte Anne befürchtet. Würde Yano nun alles auf sie schieben wollen, um da sauber heraus zu kommen?
Als sie das allerheiligste Büro betrat kam Yano ihr entgegen, und die beiden Herren in der Ecke erhoben sich von dem grünen Leder.
“Meine Herren, das ist Frau Schneider. Das ist Herr Boile, Finanzdirektor von TC-Capital, einer Toschtergesellschaft von Tarcoon, das sind die Herren Fleetmans und Bruist, Anwälte der Tarcoon-Gruppe.”
Yano hatte das sehr verbindlich gesagt und deutete mit ruhigen Handbewegungen an, wer zu welchem Namen gehörte.
“Die Herren wollten gern die Dame kennenlernen, die mit Herrn van Steen einige...”, Yano machte eine winzige Pause, “Sonderkonditionen ausgehandelt hat.”
“Sonderkonditionen?” stellte sich Anne erstaunt. Zuerst musste sie unbedingt herausbekommen, was bisher gesprochen wurde und was diese Herren wussten oder zu wissen glaubten. Warum hatte Yano sie nicht vorbereitet?
Yano half ihr:
“Frau Schneider, wir hatte noch keine Gelegenheit über diesen Fall zu sprechen, so es denn überhaupt ein Fall ist. Ich bitte Sie, einfach die Fragen der Herren zu beantworten, so wie es den Tatsachen entspricht.”
Entweder wollte Yano sie voll ins Messer laufen lassen, oder er versprach sich Entlastung davon, dass er Offenheit demonstrierte.
“Darf ich erst einmal wissen, worum es überhaupt geht?” fragte Anne forsch, bevor unangenehme Fragen über sie ausgeschüttet werden konnten.
Der Rechtsanwalt in dem Nadelstreifen, den Yano mit Fleetmans vorgestellt hatte, übernahm die Antwort:
“Nun, es geht um die geschäftlichen Geflogenheiten, die Ihre Agentur mit Herrn van Steen pflegte, wie bereits von Herrn McNish angedeutet.” Sein Kopf ruckte kurz zu Yano hinüber.
“Wieso pflegte? Ist Herr van Steen nicht mehr für Ihr Unternehmen tätig?” versuchte Anne das Mosaik zu füllen.
“Nun, Herr van Steen wurde beurlaubt, nachdem uns zu Ohren gekommen ist, dass er von verschiedenen Seiten Vergünstigungen angenommen hat. Persönliche Vergünstigungen, um genauer zu sein.”
“Und Sie nehmen an, dass unsere Agentur ihm diese”, Anne machte eine wohlbedachte Pause, “Vergünstigung zugetragen hat?”
Sie wählte bewusst den Singular, was das Herunterspielen auf einen Einzelfall bedeutete. Niemand ging jedoch auf diesen filigranen Unterschied ein.
Der Anwalt namens Bruist mischte sich mit einer Spur herberen Tones ein:
“Wir hätten lieber von Ihnen gewusst, was Sie Herrn van Steen haben zukommen lassen.”
Anne bemerkte den strafenden Blick des Nadelstreifens in Richtung auf den dunkelgrauen Anzug, Fleetmans schien der Chef zu sein. Anne blickte kurz zu Yano hinüber, der ihr mit einem kurzen Nicken signalisierte, dass sie völlig freie Hand in der Beantwortung der Fragen hätte.
Sie räusperte sich:
“Nun, ich kann absolut ausschließen, dass Herrn van Steen je Geld von unserer Agentur erhalten hat. Ich kann ebenso ausschließen, dass wir ihm ein Haus gebaut, oder ihm Aktien gekauft haben.”
Die drei Herren mit den holländisch klingenden Namen sahen sich an, bevor Fleetmans wieder das Wort ergriff:
“Gibt es nicht auch andere Leistungen, die Herr van Steen erhalten haben könnte?”
“Möglicherweise handelt es sich um eine Auslegungssache? Sie sollten mir ein Beispiel nennen”, forderte Anne die Holländer selbstsicher heraus.
Wieder sahen sich die drei Gäste schweigend an. Diesmal ergriff Direktor Boile das Wort:
“Man spricht von einem Sportwagen für Frau van Steen.”
Anne schüttelte heftig den Kopf. Auf eine solche Information hatte sie gehofft, denn ein Sportwagen, das war völlig absurd.
“Wenn seine Frau einen Sportwagen fährt, so stammt dieser gewiss nicht von uns. Einer unserer Wettbewerber vielleicht? Eine Druckerei?”
Anne wusste, dass ein Sportwagen als Gegenleistung für vergebene Druckobjekte ein viel zu großer Happen war. Aber sie fühlte, dass dies eine gut gelegt Spur sein konnte. Der Direktor schüttelte den Kopf bevor er fortfuhr:
“Gab es Prostituierte für Herrn van Steen?”
Aha, jetzt waren sie also soweit. Anne lächelte entwaffnend. Das tat sie immer, wenn sie Zeit gewinnen wollte.
“Hören Sie”, formulierte sie betont langsam, “die hat er mit Sicherheit gehabt. Ich selbst habe ihm hier in unserer Stadt als Führerin gedient, um das Ihnen vielleicht zweideutig erscheinende Wort Hostess zu vermeiden. Herr van Steen jedenfalls hatte Hostess wohl seinerzeit missverstanden. Als er bei mir nicht landen konnte, fragte er mich ganz direkt nach örtlichen Vergnügungsmöglichkeiten. Sehen Sie, in Hamburg lief das erfolgreiche Musical Cats. Würde es Sie, meine Herren, sehr überraschen, wenn ich dafür Karten besorgt hätte? Ich nehme an, nicht. Nach der Vorstellung hatte ich das Problem, dass ich bei der Verabschiedung schlecht an den Preis der Karten erinnern konnte. Ich überließ es also sozusagen der Erziehung des genannten Herrn, ob er den Betrag begleichen wollte..., oder eben nicht.”
Direktor Boile machte eine ungeduldige Handbewegung:
“Und bei den Prostituierten war das ebenso, ja?”
Anne spürte, wie sie instinktiv Kopf und Unterlippe nach vorne schob. Sie spürte, wie sich die Nachkenmuskulatur spannte, und sah sich für Bruchteile einer Sekunde als Wildkatze, die sich auf einen Angriff vorbereitete. Aber auch diese Gestik war nichts weiter, als kostbare Zeit zu gewinnen. Sollte sie leugnen? Dann hatte sie um so schlechtere Karten, wenn die Herren mehr als nur Vermutungen in der Hand hätten. Die gezielte Nachfrage legte dies nahe. Also entschied sie sich zu einem Schulterzucken und setzte wieder ihr entwaffnendes Lächeln auf:
“Genau, Herr Direktor Boile. Ganz genau so war es.”
Noch bevor sie sich entspannt zurücklegen konnte, polterte Boile los:
“Aber nicht mit unserem Geld, hören Sie? Nicht mit unserem Geld!”
Anne setzte sich wieder vor und blickte dem Direktor so fest sie konnte in die Augen:
“Sie verwechseln da etwas, Herr Direktor. Es handelt sich nicht um Ihr Geld oder das Geld Ihres Unternehmens! Es sind die Dollars von Herrn McNish, mit denen eine angenehme Geschäftsverbindung vertieft und unterstützt wurde, was ich übrigens immer als sehr großzügig, und mit Verlaub gesagt, auch manchmal als übertrieben empfunden habe.”
Gerne hätte sie jetzt Yanos Gesicht gesehen, aber es gehörte zu ihrem Drehbuch, den Blick fest auf die linke Pupille des Direktors zu heften. Er wich ihrem Blick aus, wandte sich Yano zu und polterte weiter:
“Ich werde jede Position Ihrer Rechnungen der letzten zehn Jahre überprüfen lassen, jede!”
Anne blickte zu Yano. Er grinste breit und nickte ihr zu. Offensichtlich war er mehr als einverstanden mit ihrer Taktik. Dann wandte er sich an Boile:
“Tun Sie das bitte. Sie werden nichts finden, weil es nichts in der Richtung gibt! Frau Schneider hat Recht, meine Privatschatulle muss für soetwas herhalten. Ich bin wahrscheinlich wirklich zu großzügig.”
Er lächelte und nickte. Boile nahm sich zurück und bedeutete Fleetmans, fortzufahren. Er benötigte wahrscheinlich Zeit, sich zu beruhigen.
“Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass die Tarcoon-Gruppe keinerlei Interesse an einem Skandal hat”, sagte Fleetmans langsam. “Ganz im Gegenteil, wir wollen keine Öffentlichkeit und schon gar keine Gerichtsbarkeit bemühen. So, wie sich uns die Lage jetzt darstellt, haben wir weder vor, den Vertrag mit Ihrer Agentur anzufechten, noch Sie von zukünftigen Pitchings auszuschließen.”
Boile mischte sich ein, wobei er Yano scharf ansah:
“Nur können Sie von uns dabei nicht erwarten, dass Ihre Chancen bei den Etat-Ausschreibungen übertrieben rosig aussehen werden.”
Yano nickte, es war nicht schwer zu verstehen. Fleetmans fuhr fort:
“Was uns wirklich Kopfzerbrechen macht, und deshalb sind wir hier, in der Branche wird gemunkelt, dass es eine anonyme Anzeige bei der hiesigen Staatsanwaltschaft gegen Ihre Agentur geben soll.”
Anne wurde von einem Sandlaster getroffen. Sie blickte zu Yano, der langsam alle Farbe aus dem Gesicht verlor. Er fasste sich aber schnell:
“Ich sehe zwar keinerlei Grund für eine Anschuldigung. Und ich bin sicher, dass sich alles schnell als Irrtum, wahrscheinlich sogar als Verleumdung herausstellen wird. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Unternehmen von mir aus allem herausgehalten wird!”
Der Direktor nickte zustimmend:
“Gut. Dann hoffe ich nur, dass Sie Recht haben, und dass Sie uns überhaupt heraushalten können!”
Als Yano die holländischen Herren zur Tür brachte, bedeutete er Anne, Platz auf dem grünen Leder zu behalten. Aber sie war zu aufgekratzt, als dass sie still sitzen bleiben konnte, und wanderte im Raum umher. Der Oberchef war schnell zurück und schien erleichtert. Er ergriff ihre Hand und vollführte eine Tanzgeste. Sie war sichtlich irritiert.
“Anne, du warst großartig!”
Sie schüttelte dn Kopf:
“Hast du gar keine Angst, dass es wirklich eine Anklage gibt?”
Er zog verächtlich den Mund schräg:
“Aber woher denn? Deine Idee mit der Privatschatulle war genial. Es ist die Lösung.”
“Yano, ich habe ja nie genauer danach gefragt, aber wo kommt das Geld wirklich her. Ich meine, wo wird es abgezweigt?”
Yano lächelte
“Okay, ich erklär´s dir, wenn du es wirklich wissen willst. Aber es könnte dich belasten. Also überlege es dir gut!”
Sie nickte. Sie konnte schweigen wie ein Napfkuchen und wollte es jetzt endlich mal wissen.
Yano tippte ihr mit dem Zeigefinger kurz auf die Nasenspitze:
“Wir arbeiten mit etlichen Marktforschungsinstituten zusammen. Nun gibt es Rechnungen für solche Erhebungen. Was du eigentlich nicht wissen solltetst, und was auch niemand sonst herausbekommen kann, sind Rückvergütungen zu diesen Rechnungen, die in Form von Schecks direkt bei mir und damit in meinem Spezialfond landen.”
Klar, so einfach war das. Wie auch immer diese Institute das verbuchten, als Reklamationen oder Provisionen, es konnte ihr egal sein.
Sie standen noch immer mitten in Yanos Büro. Ihr wurde bewusst, dass er noch immer ihre Hand umklammert hielt. Als sich sein massiger, kahler Schädel mit der viel zu großen Nase senkte, wich sie instinktiv etwas zurück. Aber er umarmte sie, hielt sie fest.
“Du weißt, Anne, ich habe nie ein Interesse daran gehabt, zu heiraten. Ich wollte nie eine Kuh kaufen, nur weil ich hin und wieder Lust auf ein Glas Milch habe. Aber bei dir wäre es etwas anderes gewesen. Ich bin zehn Jahre zu alt für dich, okay, aber könntest du es dir nicht doch inzwischen vorstellen?”
Die Situation war ihr unangenehm, sie versuchte sich nach hinten zu beugen, aber er hielt sie fest umarmt. Er war gewiss nicht ihr Typ, und das wusste er.
Sie wollte nicht allzu unhöflich sein, ihm Peinlichkeiten ersparen. Also lachte sie ihm ins Gesicht:
“Yano, ich bitte dich, lass das jetzt! Das haben wir doch schon mindestens zehn Jahre hinter uns!”
Dann fiel ihr Blick in Richtung der offen stehenden Tür. Sie erstarrte, und es entglitt ihr ein Wort, das sie äußerst selten benutzte:
“Scheiße!”
Die Agentur war mir inzwischen nicht mehr ganz fremd. Ich hatte Ette schon häufiger mal hier abgeholt. Elfie saß an ihrem Platz wie immer und ich grüßte sie freundlich. Sie bedeutete mir mit dem ausgestreckten Arm, dass ich Ette bei Yano finden würde. Heute war trockenes Wetter, ideal, um mit Ette im Park zu joggen. Meistens hechelte sie dort allein herum, aber heute wollte ich sie damit überraschen, meinen inneren Schweinehund überwunden zu haben. Ich pfiff auf die deutlich vernehmbaren Klagen meine Bandscheibe. Ettes Jogginganzug hatte ich in der Käseschachtel deponiert, jetzte fehlte nur noch ihre Lieblichkeit selbst.
Sie würde sich freuen und es als Geste meines Interesses werten. Der ganze Tag war angenehm und unbelastet gewesen, frei von jedem Makel. Aber wie schnell konnte soetwas vorbei sein! Ein Blitz traf mich, als ich vor dem Büro des hässlichsten aller Oberchefs stand. Die Tür stand halb offen. In der Mitte des Raumes hielten sich meine angebetete Lichtgestalt und der grobschlächtige Werbefuzzy in den Armen, sie lachten zusammen und mein lieblicher Engel sagte gerade:
“Yano, ich bitte dich, lass das jetzt! Das haben wir doch schon mindestens zehn Jahre hinter uns!”
Ich weiß nicht, wie ich es fertig gebracht hatte, Haltung zu bewahren. Auf jeden Fall hatte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und im Vorbeieilen Elfie zugerufen:
“Oh, ich habe etwas wichtiges vergessen!”
Ich musste so schnell wie möglich raus aus dieser Lasterhöhle. War das denn bei allen Werbeagenturen so, das jeder mit jedem...? Konnte ich diesen Schock verdauen? Meine Pumpe raste, und in spürte das Pochen in den Schläfen. Ich hatte das Gefühl, mein Blut würde zu kochen beginnen, überschäumen wie die großen Töpfe, in denen meine Mam früher Marmelade einkochte. Dieses Gefühl erinnerte mich an die Vergänglichkeit dieser armseligen Kreatur Mensch, die sich mit all ihren Wünschen, ihrem Streben nach besser und mehr, manchmal aber auch nur nach etwas Zuneigung, Verständnis und Liebe abplagt, ohne dem endgültigen, unausweichlichen Schicksal entrinnen zu können. Wenn mein Körper jetzt kollabierte, ich einen Hirnschlag erleiden sollte, so war es doch eigentlich egal. Was hatte ich denn schon zu verlieren? Nach all dem Bemühen und dem vergossenen Herzblut für unsere beiden Reiche..., und jetzt diese Enttäuschung! Keine Ahnung, wie lange ich durch die Stadt geirrt war, kopflos, panisch.
Meine Gedanken kreisten unablässig um die aufgeschnappten Worte, unterlegt von den Bildern des Grauens: einer Umarmung zwischen King-Kong und der lieblichensten aller Wesen. Das konnte sie mir doch nicht antun! Was hatte sie genau gesagt?
Yano, ich bitte dich, lass das jetzt! Was sollte das “jetzt”? Es konnte doch nur bedeuten, dass Umarmungen hier zur Normalität gehörten, aber eine solche jetzt im Moment gerade nicht passend erschien.
Und dann war da noch etwas: Das haben wir doch schon mindestens zehn Jahre hinter uns! Kein Zweifel, sie hatten mal etwas zusammen gehabt, und das lag lange zurück. Und jetzt wollte dieser Pavian wieder etwas von ihr. So musste es sein. Er hatte sie möglicherweise gegen ihren Willen umarmt. Zumindest musste ich das in Betracht ziehen. Ich würde ihn umbringen. Ganz gewiss, ich würde das auf einfache, barbarische Art klären, auch wenn ich ihm unterlegen war. Ich fand eine Telefonzelle und wählte eine Nummer, die ich selten ohne Durchwahl benutzte. Ich hatte Glück, Elfie nahm die Zentralleitung der Agentur ab.
“Hallo, Elfie! Ich musste ja so schnell weg. Ich will Yano ein kleiens Präsent aus Dankbarkeit zukommen lassen und hatte vergessen, dich nach seiner Adresse zu fragen.”
Elfie lachte:
“Wenn es Blumen sind, so solltest du sie lieber mir zukommen lassen! Wenn es allerdings ein Oldtimer-Modell ist, dann ist das besser bei Yano aufgehoben.”
Ich erwiderte das Lachen und bestätigte ihre gute Idee. Stimmt. Yano sammelte Modelle von Oldtimern. Nur dafür wollte ich die Adresse bestimmt nicht. Ich kritzelte sie auf eine Ecke des Telefonbuches, sah aber davon ab, die Ecke herauszureißen. Wenn ich alles vergaß, diese Adresse nicht. Ich würde hinfahren und ihn einfach umbringen. Aber noch war es nicht soweit, noch würde dieser grobschlächtige Pavian in der Agentur zu tun haben.
Die Stadt kam mir fremd vor, in der ich da herum vagabundierte. Aber meine Gedanken waren ohnehin geknebelt und gefesselt. Mechanisch schleppte sich mein Körper die Straßen entlang, mal in dieses Café, mal in jene Kneipe, allesamt unbekannte Wirtschaften. Ich kam selten in diese Gegend und fand mich schließlich in einem winzigen, dreckigen Park mit einem Spielplatz wieder, den ich zuvor noch nie gesehen hatte. Die Parkbank war hart, aber das Leben war schließlich noch viel härter.
Sollte ich zuerst mit Ette über diese Geschichte reden? Nein, ich durfte nicht zu lange warten. Bei einer Affekthandlung würde man mich milder bestrafen, als bei kaltblütigem Mord. Also musste ich rasen vor Eifersucht, wenn ich bei Yano auftauchte. Und am besten würde sein, wenn ich angetrunken war. Noch nie hatte ich einen Menschen getötet, und die Chancen standen ob meiner Dünnhäutigkeit wahrlich nicht sehr hoch, dass es je soweit kommen würde. Wahrscheinlich würde ich im letzten Moment zurückzucken. Aber ich wünschte mir sehnlichst, es fertig bringen zu können. Und ich steigerte mich in meine Wut. Von Minute zu Minute schwoll das Hämmern in meinen Schläfen an. Yano, nimm dich in Acht! Wer wollte da noch für irgendetwas garantieren?
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wann Yano die Agentur verlassen würde. Und es war ja auch keineswegs sicher, dass er direkt nach Hause fuhr. Aber bis es zu dämmern begann, war mein Zorn soweit angewachsen, dass er mich zu der bewussten Adresse trieb. Ein modernes, blitzsauberes Gebäude empfing mich, das förmlich nach Geld roch. Mit weißem Marmor hatte man hier nicht gespart, selbst der Fahrstuhl hatte sein Teil abbekommen. Die Adresse entpuppte sich genauer als Penthouse mit kleinem Dachgarten und mit einem atemberaubend schönen Blick auf die in der Dämmerung frisch entzündeten Lichter der Stadt. Der Anblick nahm mir den Atem, und ich merkte, wie er meinen Zorn besänftigte. Das durfte ich nicht zulassen. Ohne weiter nachzudenken drückte ich auf den Klingelknopf.
Yano musste hinter der Tür gelauert haben, so schnell hatte ich nicht dem Öffnen gerechnet. Er stand vor mir in einem kupferfarbenen Bademantel, und ehe ich auch nur ein Wort gestammelt hatte, nickte er mir erstaunt zu:
“Ach, Sie sind doch der Freund”, eine kurze Denkpause unterbrach seinen Satz, “oder wie nennt man das heute..., also der Freund von Anne, richtig?”
Ich konnte kein passendes Wort finden und beschränkte mich auf ein Kopfnicken.
Yano trat beiseite und gab mit einer einladenden Geste den Weg in das ultraweiße mit Leder, Lack und Glas eingerichtete Wohnzimmer frei:
“Ich habe zwar nicht damit gerechnet, aber ich bin froh, dass Sie gekommen sind.”
Während ich den Raum betrat, schielte ich nach einem Kerzenständer oder einem ähnlich schweren Gegenstand, der sich geeignet hätte, den Schädel dieses Goliaths einzudrücken.
Yano fuhr ahnungslos in einem verbindlichen Ton fort:
“Ich glaube, ich schulde Ihnen nach heute Nachmittag einige Erklärungen. Ich denke, Sie sind hergekommen, um mir etwas Wichtiges abzuschneiden?”
Er lachte bei diesen Worten, obwohl ich ihm darin eher Recht geben musste. Jedenfalls fand ich das nicht so belustigend wie er.
“Setzen Sie sich doch bitte. Einen Cognac?”
Ich schüttelte vehement den Kopf. Wenn ich etwas nicht leiden konnte, dann war es Weinbrand oder Cognac. Und schon gar nicht, während ich mich auf mein Opfer konzentrieren und meine mangelnde Erfahrung in solchen Dingen durch Fantasie ersetzen musste.
“Dann wenigstens einen frisch gepressten O-Saft? Mit Wodka?”
Das irritierte mich. Woher wusste er, bitteschön, dass dieses Gemisch vorzugsweise in der Schlossküche vernichtet wurde? Aber er überraschte mich weiter:
“Sie nennt Sie Pe, nicht wahr?”
Ich hatte noch immer kein passendes Mordwerkzeug gesichtet und stammelte:
“Oh, peinlich! Hat sie Ihnen das erzählt?”
Yano ging nicht weiter darauf ein, sondern nötigte mich in den weißen Sessel. Als er mir ein hohes Longdrinkglas mit dem milchig gelben Inhalt vor die Nase hielt, stellte er fest:
“Sie sind bestimmt sauer auf mich, Pe. Verzeihen Sie, wenn ich Sie so anrede. Ich nehme an, dass Sie mich Yano nennen werden?”
Ich ergriff das Glas und nickte. Wozu sollte ich eigentlich etwas sagen, wenn er mir treffsicher alle Worte raubte?
Ich stutzte. Hatte ich ein fremdartiges Geräusch wahrgenommen, so etwas wie ein Gluckern? Yano fing meine Aufmerksamkeit wieder ein:
“Erlauben Sie, dass ich Ihnen eine wichtige Frage stelle?”
Er machte offensichtlich eine Pause, um mir Gelegenheit zu einem Einwand oder zumindest zu weiterem Nachdenken zu geben. Aber ich sah keinen Grund, irgend etwas zu antworten. Er würde sowieso in einigen Minuten tot sein. Und außerdem musste ich erst einmal die Frage kennen.
“Lieben Sie sie?”
Oh, das war wirklich sehr direkt. Noch direkter jedenfalls, als Ette mir je eine solche Frage gestellt hatte. Und auch etwas direkter, als ich sie mir selbst gelegentlich stellte. Ich klopfte unschlüssig gegen das Glas. Was sollte ich antworten? Sagte ich ja, dann konnte er es leicht anzweifeln, sagte ich nein, dann glaubte er, freie Bahn zu haben. Sagte ich aber vielleicht, so würde er mich verachten.
“Anne ist eine tolle Frau”, sagte ich langsam, “sie ist natürlich, gescheit, selbstsicher. Sie hat Format. Und sie ist die einzige Frau, bei der ich je sicher war, den Rest meines Lebens gemeinsam mit ihr verbringen zu wollen.”
Yano nippte an seinem Glas, nickte dann, und ergänzte seufzend:
“Und sie hat unglaublichen Charme. Ich weiß. Da geht es mir übrigens ganz wie Ihnen, mein junger Freund. Ich wollte nie heiraten. Wenn, dann wäre nur sie in Frage gekommen. Aber ich kann Sie beruhigen, sie achtet mich als Chef, mag mich persönlich aber nicht besonders.”
Er sagte das so ruhig und milde, dass kein Zweifel an seiner Aufrichtigkeit aufkommen konnte. Sein Lächen empfand ich allerdings eher als Grinsen, was aber an der Grobschlächtigkeit seines Gesichtes liegen konnte.
“Sehen Sie, mein junger Freund, ich bin einen anderen Lebensstil gewohnt. Hören Sie das?” Yano deutete mit dem erhobenen Zeigefinger auf die andere Seite des Raumes. Da war wieder das Geräusch, das ich schon einmal wahrgenommen hatte. Es war ein Plättschern und schien aus einem Badezimmer zu kommen.
“Das ist Semantha. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Fast als wolle er seinen Lebensstil unterstreichen, stellte er sein Glas ab und marschierte bis zum Badezimmer:
“Schätzchen? Du kannst dir Zeit lassen, ich habe noch Besuch. Du bleibst außerdem die ganze Nacht hier.”
Dann kehrte er zurück.
“Das ist es, was ich mir leiste. Es ist nicht billig, aber was gönnt man sich? Für irgend etwas muss man dieses verdammte Geld doch verdienen, oder?”
Großer Gott, da war eine Nutte im Haus, während ich noch immer auf der Suche nach dem geeigneten Mordwerkzeug war. Meine Gadanken machtn sich auf den Weg und spielten mir einen Film vor, wie ich den Goliath gerade erledigt hatte, und dann plötzlich diese frisch gebadete Nutte in der Tür stand. Mit groß aufgerissenen Augen, die Faust vor lauter Entsetzen gegen den Mund gepresst. Ich würde sie ebenfalls umbringen müssen! Wie sollte das alles gehen?
Ich versuchte mich zu konzentrieren. Was hatte Yano da doch gleich gesagt? Ach, es ging um seinen Lebensstil, den er mir vorführte. Okay, ich hatte die Lektion ja verstanden, aber es beantwortete mit keiner Silbe sein Verhältnis zu Ette. Und es erklärte erst Recht nicht die peinliche Situation am späten Nachmittag.
Ich räusperte mich:
“Sagen Sie, Yano, wenn Sie sagen, dass Anne mit Ihnen persönlich nichts im Sinn hat, dann verstehe ich beim besten Willen nicht...”
Ich geriet ins Taumeln. Ich mochte es nicht aussprechen. Und von peinlicher Situation sollte ich auch nicht reden, das war verletzend, demütigend. Aber wenn ich ihn schon hatte umbringen wollen, so kam es doch darauf auch nicht an, oder? Während meine Gedanken dahin schwammen, ergänzte der Goliath meinen Satz:
“Sie meinen heute Nachmittag? Oh, das tut mir sehr leid. Es hatte mit einer euphorischen Situation zu tun. Anne war heute genial. Sie hat problematische Sachverhalte auf eine erfolgversprechende Schiene gebracht. Das könnte der Agentur sehr helfen. Nun, ich entschuldige mich in aller Form dafür. Ich wollte ihr irgendwie noch einmal sagen, dass sie die einzige Frau wäre, die ich je heiraten würde. Das war alles. Glauben Sie mir.”
Er wollte es herunterspielen, ablenken. Ich spürte, wie meine Wut wieder anschwoll, die sich in der Zwischenzeit auf wundersame Weise gelegt hatte. Mein heilige Zorn war berechtigt, denn schließlich hatte ich gehört: Das haben wir doch schon mindestens zehn Jahre hinter uns! Sie hatten etwas miteinander gehabt, früher. Wie konnte das sein, wenn sie Yano nicht wirklich persönlich mochte? Meine Augen suchten erneuten den Raum nach einem Kerzenleuchter ab. Ein Brieföffner wäre auch gut geeignet. Es war schließlich ein erfolgreiches, in der Fachliteratur immer wieder zitiertes Instrument. Aber zuvor sollte ich, wenn ich nun schon die Chance dazu hatte, doch noch diese alten Geschichten erfahren.
Ich nahm allen Mut zusammen und platzte mit meiner Frage heraus:
“Es klang eindeutig so, als wenn Sie mit ihr früher einmal etwas gehabt hätten!”
Yano schaute mich milde an:
“Mein junger Freund, wenn Sie sie lieben, wirklich innig und tief, dann gestatten Sie mir einen Ratschlag.”
Mein Zorn wuchs. Er wollte mich belehren? Dieser Pavian, der zu wirklichen Beziehungen nicht fähig war und sich offensichtlich sein Leben lang Frauen gekauft hatte? Ich hatte noch immer keinen spitzen Gegenstand entdeckt.
Yano fuhr ganz ruhig fort:
“Ich sehe, wie sehr Sie beunruhigt sind. Wenn Sie sie also wirklich lieben, mein lieber junger Freund, dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich mit der Vergangenheit abzufinden. Mein Rat ist, versuchen Sie erst gar nicht, die Augen davor zu verschließen. Nehmen Sie die Vergangenheit an und bewältigen Sie sie. Nehmen Sie es als väterlichen Rat.”
“Als väterlichen Rat!” schnaubte ich verächtlich.
“Ja”, sagte Yano gelassen, “so, wie ich ihn schon viele Male der Anne gegeben habe. In den letzten Jaren weniger, zugegeben, aber früher dagegen oft. Wissen Sie, ich habe sie gemacht!”
Was sollte das denn bedeuten? Wie konnte sich der alternde Pavian erdreisten, sie als von ihm gemacht zu beschreiben?
“Was soll das heißen?” fragte ich unwirsch und ungeduldig, aber Yano blieb die Ruhe selbst:
“Wenn ich das so ausdrücke, klingt es merkwürdig, ich weiß. Aber dennoch stimmt es. Nur, wenn ich Ihnen vorschlug, die Vergangenheit anzunehmen, dann muss ich wissen, ob Sie dazu auch bereit sind?”
Natürlich war ich dazu bereit. Mehrfach hatte ich Ette danach gefragt, direkt und indirekt. Sie war immer ausgewichen. Jetzt konnte ich offensichtlich mehr erfahren. Was immer es war, wie schmerzhaft es ausfallen würde, ich wollte es wissen. Ich trank einen großen Schluck und stellte das Glas hart auf der Glasplatte links neben mir ab:
“Ja, ich bin bereit, ich möchte es wissen.”
“Sie müssen mir vorher versprechen, mein junger Freund, dass Sie sich fest vornehmen, zu vergessen und zu verzeihen, wenn sie es erst einmal verarbeitet haben. Denn das hat sie verdient. Ob Sie es können, ist ungewiss, aber Sie sollten es zumindest versuchen. Wahrlich, sie hat es verdient.”
Die letzten Worte hatte er sehr betont ausgesprochen. Mir saß irgendwie ein Kloß im Hals. Worum er mich bat war, es zu versuchen. Er rechnete mit der Möglichkeit, dass es mir nicht gelingen würde. Oh, Himmel, es musste schwer wiegen!
Ich nickte und hörte meine rauhe Stimme:
“Versprochen!”
Auch Yano nickte.
“Es wird sicher hart für Sie, aber was hilft es schon... Erschrecken Sie nicht, mein junger Freund, aber ich habe sie mir vor vielen Jahren einmal geleistet!”
Mein Herz pochte wie wild, ich war außer mir, ich schrie und meine Stimme überschlug sich:
“Geleistet! Wie können Sie es wagen...”
Er besänftigte mich, drückte mich mit einer eher symbolischen Handbewegung in den weißen Sessel:
“Beruhigen Sie sich! Um Himmels willen, beruhigen Sie sich!”
Der Pavian hatte vielleicht Nerven. Er kaufte sich meine Traumfrau, und ich sollte mich beruhigen. Wieso hatte sie sich kaufen lassen? Wieso nur?
Yano begann jetzt sehr schnell zu sprechen, um mir keine Gelegenheit für einen weiteren Ausraster zu geben.
“Hören Sie mir weiter zu, Pe, bitte. Ich habe meine Agentur in der Anfangszeit sehr erfolgreich mit solchen Mitteln aufgebaut. Anne hatte mir einmal dabei geholfen. Ich hatte mich richtig in sie verknallt, aber es half nichts. Sie mochte mich persönlich nicht besonders, wie schon gesagt. Sie war kein Straßenmädchen, um Himmels Willen, nein!”
“Was dann?” bellte ich dazwischen.
“Nein, nein, dazu war sie viel zu intelligent. Sie war in jener Zeit sehr, sehr teuer.”
“Was soll das denn heißen, sie war sehr, sehr teuer?” ich traute meinen Ohren nicht.
“Nun, sie war natürlich damals schon sehr intelligent, mitten in ihrem Studium. Sie ging den Weg des geringsten Widerstandes. Ich bin sicher, es war die reine Logik, dass sie ihr Studium bequem mit nur ganz wenigen Aufträgen finanzieren konnte. Sie hat es nicht gern getan, aber es war - logisch.”
“Es war logisch!” äffte ich den Goliath nach. Ich wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen, aber er hatte mich vorher ja gewarnt, dass es hart werden würde.
“Pe, bleiben Sie ruhig. Ich meine es gut mit Ihnen. Verarbeiten sie es, bitte.”
Ich versuchte meine Atmung zu drosseln und mich zu mäßigen:
“Gut. Sie hat es tatsächlich für Geld getan, wenn auch nicht mit Spaß.”
“Ja, ganz sicher nicht mit Spaß. Sie war, wie gesagt, sehr teuer. Ihre Klientel: Politiker, Filmstars auf Zwischenstation in Deutschland, nur bekannteste Manager. Eben Leute, die für wirkliche geistreiche Intelligenz in einem schönen Körper bereit sind, horrende Summen zu bezahlen. Ich hatte sie mir in den Kopf gesetzt. Ich wollte sie retten aus diesem Milieu und ich versuchte es auf die denkbar blödeste Art. Ich bot das dreifache für eine Nacht, weil ich das Wunder erhoffte, sie könnte mich mögen.”
Das war unsagbar hart für mich, ein Schlag in die Magengrube, aber was konnte ich da machen? Es war ja alles schon passiert, vor langer, langer Zeit! Ich fühlte mich so elend, wie ich es Ihnen nicht beschreiben kann. In mir verkrampfte sich alles, und mein Körper drohte mit biologischem Streik. Ich fiel zurück in den Sessel.
Yano ließ mir Zeit, bis er sich vor mich hinkniete, seinen Arm ausstreckte und die Hand auf meine Schulter legte:
“Na, jetzt einen Cognac oder etwas anderes Hartes?”
“Wodka pur”, flüsterte ich und konnte nur den Kopf schütteln.
Wir begannen beide Wodka pur zu trinken, zwei Finger breit im Glas.
Yano setzte seine erbarmungslose Kur fort:
“Glauben Sie mir, Pe, wenn Sie sie wirklich lieben, dann ist es das Beste, dass sie das alles wissen. Später werden sie mir einmal dankbar sein.”
Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ihm dankbar sein?
“Ich ahne, dass sie es jetzt nicht so sehen, dass Sie enttäuscht sind, es in Ihnen frisst und nagt. Sehen Sie, es war damals für mich ebenfalls hart, zu erkennen, dass ich einfach nicht ihr Typ bin. Aber dennoch hatte ich mir in den Kopf gesetzt, sie zu retten, ihr alle weiteren peinlichen, menschenunwürdigen Prostituierungen zu ersparen. So empfand ich es jedenfalls damals. Und heute ist sie mir dankbar dafür, glauben sie mir. Aber auch diese Dankbarkeit hat sie nie bewogen, sich mit mir einzulassen. Ich musste das hinnehmen und jeden Gedanken daran verbannen, dass sie mir das doch irgendwie schuldig war. Können Sie das verstehen, Pe?”
Ich schluckte und nickte, obwohl ich es nicht wirklich verstand. Er fuhr fort:
“Ich erkannte sehr früh, dass sie sehr begabt für Texte war. Sie hatte schon damals das gewisse Feeling. Niemand musste es ihr erklären. Mit wenigen Tests konnte ich herausfinden, wie sie Texte beurteilte, ob sie sie als passabel, schlecht oder unakzeptabel empfand. Es sprach für sie, dass sie selten einen Text für so gut befand, als dass er nicht weiter verbessert werden konnte. Das war ein untrügliches Zeichen für Begabung. Um es kurz zu machen, ich schlug ihr vor, für meine Agentur zu arbeiten, ohne zeitliches Korsett. Am Tage, nachts, wie immer sie es mit ihrem Studium vereinbaren konnte. Ich baute sie auf und gab ihr die Möglichkeit sich anders als zuvor zu finanzieren. Und sie versprach es und hielt es ein.”
Nach einigem Nachdenken fragte ich:
“Aber sagten Sie nicht, dass sie für die Agentur entsprechende Dienstleistungen erbracht hatte?”
“Ja. Aber das war vordem gewesen. So hatte ich sie schließlich kennengelernt. Als ich sie zur Texterin ausbildete, war Schluss damit. Ich bat sie allerdings, für mich gewisse Arrangements zu treffen. Sie spürte immer genau, was die Herren wirklich begehrten. Und sie arrangierte es dann perfekt. Aber sie sollte sich nie wieder selbst anbieten müssen. Das war es, was ich wollte.”
Wir schlürften unseren Wodka und es trat nachdenkliche Stille ein. Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken, was er mir da eigentlich gerade beibrachte. Er erklärte mir gerade, was uneigennützige Liebe war! Was Geben ohne nehmen bedeutete, Liebe und Verzicht. Yano erhob sich schließlich und ging zum Badezimmer hinüber:
“Schätzchen, entschuldige. Ich habe es mir anders überlegt. Die Sache hier ist einfach zu wichtig. Mach dich doch bitte fertig und komm morgen wieder!”
Er kam lächelnd zurück und entschuldigte sich:
“Ich nenne sie alle Schätzchen. Das vereinfacht die Situation. Aber ich weiß, dass es nichts Echtes ist. Das würden Sie doch wohl so oder so ähnlich ausdrücken, oder?”
Ich zuckte unschlüssig die Schultern:
“Sagen wir mal so: Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.”
Yano wiegte den mächtigen Kopf hin und her:
“Dabei ist es irgendwie noch anders. Ich weiß es zwar, und doch ist es ein Ersatz für eine feste Beziehung, die ich ja durchaus auch manchmal habe. Früher oder später entdecke ich dann: Das ist es auch nicht. Also mache ich von vornherein Zeitverträge, Beziehungen auf Zeit eben.”
Mehr als eine vage Ahnung verspürte ich nicht bei dem, was mir der Goliath da erklären wollte. Er musste sich bei mir schließlich nicht für seinen Lebenswandel rechtfertigen. Vielleicht hatte er einfach nie die Richtige gefunden? Oh, doch, aber die wollte nichts von ihm wissen. Seine Worte aber klangen nach Entschuldigung und Rechtfertigung.
Unser Schwiegen dauerte sehr lange. Semantha hatte genug Zeit gehabt, sich in ihre beachtliche, teure Schale zu schmeißen. Sie war ein überaus hübsches Gerät. Alle Achtung, einen guten Geschmack hatte der Goliath, das war sicher. Sie verabschiedete sich mit einem Kuss von ihm, was auf eine schon länger existierende Geschäftsbeziehung hindeutete.
“Ein wirklich hübscher Käfer”, nickte ich anerkennend zwischen zwei Schlucken Wodka. Yano stimmte zu:
“Wie wahr, wie wahr.”
Wir prosteten uns zu. Ich merkte, dass der Alkohol schon ganz schön gewütet hatte in Geist und Körper.
“Wirst du sie heiraten?” fragte Yano unvermittelt. Als ich irritiert guckte, setzte er nach:
“Entschuldige, ich duze dich jetzt einfach, Pe. Nenn mich einfach Yano. Oder fällt dir das schwer, weil du mir noch immer edle Teile abschneiden willst?”
Er erschien mir nicht mehr ganz so übel. Er war irgendwie aufrichtig, ehrlich. Und er kannte einiges vom Leben. Inzwischen glaubte ich ihm fast, dass er mir helfen wollte. Aber dazu hatte er doch eigentlich keinen Grund, oder? Ich versuchte das in Worte zu kleiden, aber meine Zunge wollte nicht mehr so richtig.
“Das hat natürlich damit zu tun, dass Anne mir am Herzen liegt”, erklärte Yano.
“Sie mag dich eben sehr..., Pe. Meinen Glückwunsch dazu..., ich beneide dich!”
Yano hatte jetzt auch ein paar Aussetzer, aber das war egal.
Als ich einen lichten Moment zwischen all dem Wodka hatte, fiel mir eine noch ungeklärte Frage ein:
“Konnte sie denn damals... so einfach... damit aufhören?”
Das Du kam mir nicht so richtig über die Lippen, sein ehemaliges Mordopfer zu dutzen fand ich nicht einfach, obwohl der Alkohol das doch eigentlich begünstigen musste.
Yano hob die Hände und verschüttete dabei etwas klare Flüssigkeit aus dem Glas:
“Oh..., ein schwieriges Thema!... Ein sozusagen... großes Thema.”
Eigentlich reichte diese Antwort aus, um auch in angetrunkenem Zustand zu verstehen, dass es eine Auslösung gegeben hatte. Und der Betrag war angesichts der Preisklasse sicher gigantisch gewesen. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange wir für die Ausformung unserer weiteren Worte benötigten. Ich erinnere mich aber noch dumpf, dass mir Yano unter dem Einfluss von Alkohol immer stärker als väterlicher Freund vorgekommen war. Auch ist mir im Gedächtnis geblieben, dass er Anne massiv in Schutz genommen und mir erklärt hatte, ich müsse das unbedingt verstehen. Ihre Eltern waren nicht besonders begütert gewesen, und sie wollte nun mal ihr Studium aus eigener Kraft finanzieren. Er bekniete mich, das als den primären Punkt anzusehen. Das andere: technische Ausrutscher, nichts weiter. Ich musste feststellen, dass “technische Ausrutscher” mich nicht recht besänftigen konnten.
Am nächsten Morgen stellte ich mit meinem unglaublichen Brummschädel fest, dass mich Yano in ein Büro mit Gästebett verfrachtet hatte. Na toll, ich hatte bei meinem Mordopfer im Gästebett geschlafen und fühlte mich am nächsten Morgen mit ihm freundschaftlich verbunden! Wenn das nicht für eine Geschichte über einen Berufskiller taugte!
Sie hatte sich vorgenommen, Pe irgendwann einmal danach zu fragen. Aber noch fühlte sie sich jung; sie war schließlich noch lange nicht vierzig. Anne hatte zwar eine Ahnung wie er reagieren würde, aber sicher konnte sie nicht sein. Vor allem war der Zeitpunkt und die Stimmung maßgebend. Da durfte sie nichts falsch machen. Nun ja, falsch machen bedeutete, dass ein anderes Ergebnis heraus kommen würde, als sie beabsichtigte. Aber das traf die Sache eigentlich nicht, denn sie hatte keine konkrete Absicht. Sie hatte ihren Beruf und den liebte sie mit Leib und Seele. Fast so stark wie den Schreiberling, den sie schon ewig nicht mehr so genannt hatte. Man musste doch nicht unbedingt Kinder in die Welt setzen. Schon gar nicht, wenn man nicht verheiratet war. Und heiraten wollte sie nicht, da war sie sich sicher. Fast sicher. Nun..., einigermaßen sicher, wenn man von ein paar winzigen, schwachen Momenten absah. Dann gab es da noch ganz, ganz, ganz seltene Momente, in denen sie alles andere als sicher war...
Sie würde Pe im passenden Moment trotzdem fragen, ob er sich vorstellen könne, Vater zu sein. Falls ja, dann wurde es so langsam Zeit. Die biologische Uhr tickte und ließ sich nicht aufhalten.
Sie lebten nun schon recht lange zusammen, auch wenn sie noch immer die beiden Reiche auseinander hielten. Ihre Sachen, von Kleidung bis zur CD-Sammlung, hatten mehrfach den Standort gewechselt. Wenn man jetzt etwas suchte, dann musste man das sowohl im Schloss Ette als auch im Chaosreich tun, wo Pe noch immer seine Schallplattensammlung aufbewahrte. Und manchmal, wenn er allein im bösen Reich des Chaos arbeitete, holte er eine ganz bestimmte Schallplatte hervor und spielte sie ab. Es war etwas uraltes, Percy Sledge. Sie hörte es natürlich immer, obwohl er es leise drehte. Sie konnte nicht sagen, was er dabei dachte oder fühlte, aber es musste ihn an etwas erinnern.
Er hatte diese Musik auch damals viel gehört, als sie auf ihre Hinrichtung gewartet hatte. So jedenfalls fühlte sie sich in den Wochen, nachdem diese Geschichte mit Yano passiert war, dieser dumme, überflüssige Ausrutscher, den Pe mitbekommen hatte. Er war danach verschwunden, spurlos, wie vom Erdboden verschluckt. Sie hatte lange wach gelegen, gewartet, ob sie seinen Schlüssel hören würde. Aber er war einfach nicht an der Zugbrücke erschienen. Das böse Reich des Chaos war still und verwaist geblieben.
Als sie am nächsten Morgen mit einem grauenvollen Spiegelbild in der Agentur saß und sich auf nichts konzentrieren konnte, war Yano recht spät erschienen. Er hatte seinen Aktenkoffer in sein Büro geschmissen und war dann direkt zu ihr gekommen, hatte sich zu ihr gesetzt.
Als sie und Yano sich eine Weile angeschwiegen hatte, sagte sie schließlich knapp:
“Er ist weg!”
Yano hatte verständnisvoll genickt und einfach gesagt:
“Lass ihm Zeit, er kommt wieder.”
Dann hatten sie noch einen kräftigen Kaffee zusammen geschlürft, ohne dass auch nur ein weiteres Wort gefallen wäre. Es wartete einige Arbeit auf sie beide.
Pe erschien erst einen Tag später wieder in der gemeinsamen Festung. Er stellte schweigend einen riesigen Blumenstrauß vor ihre Tür und verzog sich in das Chaosreich. Percy Sledge war leise zu hören, und sie traute sich nicht, ihn zu stören. Er hatte sich vergraben.
Yano hatte am nächsten Tag nachgefragt:
“Na, ist er wieder da?”
Und er hatte gelächelt dabei, merkwürdig gelächelt.
“Er hat sich vergraben und hört Musik”, hatte sie geantwortet, “Nicht ein Wort konnten wir wechseln. Ich habe bei ihm geklopft, wollte mit ihm reden, mich für die Blumen bedanken. Er hat nicht geantwortet.”
Yano hatte genickt:
“Er braucht Zeit für sich, viel Zeit. Sei nicht ungeduldig!”
Das klang damals, als wüsste er mehr, als er zu sagen bereit war. Sie ärgerte sich darüber, hatte nachgefragt. Aber seine Antwort “Das regelt sich alles!” hatte sie nur noch mehr auf die Palme gebracht.
“Das regelt sich alles!” dachte sie damals bitter, als sie auf ihre Schreibtischplatte starrte. Sie glaubte, es besser zu wissen. Pe war enttäuscht, obwohl ja gar nichts passiert war. Sie musste unbedingt mit ihm reden, ihn überzeugen, es half alles nichts.
Sie müssen sich das einmal langsam auf der Cortex zergehen lassen: Erst nehme ich mir vor, diesen Widerling um die Ecke zu bringen, dann entpuppt er sich als gar nicht mal so übel, und schließlich kümmert er sich um mich als väterlicher Freund! Tatsächlich waren wir Freunde geworden. Als wir damals am Frühstückstisch saßen, spürte er, welche Probleme ich mit der Rückkehr in die Festung hatte. Er verstand überhaupt alles: Mich, Ette, das Leben. Er sagte es mir auf den Kopf zu und bot mir an, solange ich wollte in seiner Wohnung zu bleiben, während er jedoch in die Agentur müsse. Ich nahm sein Angebot an, musste ihm aber versprechen, mich aktiv um die Verarbeitung der alten Geschichten zu bemühen. Er redete mir gut zu, mich zu überwinden und machte mir klar, dass es an mir wäre, auf Anne zuzugehen. Er schilderte mir auch eindringlich die Situation, in der Ette sich jetzt befand:
“Versetz dich in ihre Lage! Sie weiß überhaupt nicht, was los ist. Sie weiß nicht, was du inzwischen über ihr uraltes Leben weißt. Geh sorgsam damit um, zerbrich kein Porzellan! Nimm dich zurück, vergiss und verzeih!”
Er hatte ja Recht. Nur klang das alles einfacher, als es war. Als erstes nahm ich einen Kleinkredit für den herrlichsten Blumenstrauß auf, den die Welt je gesehen hatte. Als ich damit im Niemandsland ankam, verließ mich aber der Mut, und ich stellte ihn Ette einfach vor die Tür. Ich weiß, das war feige. Aber ich war einfach noch nicht so weit. Dann vergrub ich mich in mein Reich. Ein sanfter, sehr alter Song erinnerte mich daran, was Liebe zu bedeuten hat.
Ich wechselte zwischen sanfter Musik und Hardrock hin und her. Was mich so richtig zornig machte, war ein Angriff des Plattenspielers, den ich so nicht erwartet hatte: Als ich den Tonarm auf die Rille meiner geliebten UFO-LP senkte, knickte die Nadel ein! Das Schlimme daran war, diese Aktion hinterließ einen häßlichen Kratzer auf dem schwarzen PVC, mitten in meinem Lieblingsstück “Doctor, Doctor”. Diese LP war eine echte Antiquität, und dieser dämliche Plattenspieler vernichtete diese wertvolle Rarität! Ich war dermaßen wütend, dass ich auf der Stelle zum Schloss hinüber stapfte und heftig an die Tür klopfte.
“Dieser Scheiß-Plattenspieler! Diese Schrottmaschine hat meine UFO-Scheibe vernichtet!” überschüttete ich Ette, als sie die Tür öffnete.
“Entschuldige, wenn ich hier so herein platze, aber ich bin soetwas von sauer!”
Sie lächelte das schönste, wärmste Lächeln der letzten Jahre. Das Grübchen auf der linken Wange besänftigte mich etwas, als sie mich in den Arm nahm. Ja, und dann musste ich so einiges erzählen von dem, was in den letzten beiden Tagen passiert war. Sie war außer sich, als sie mitbekam, dass Yano mir Asyl gewährt, ihr davon aber kein Sterbenswörtchen verraten hatte. Sie beruhigte sich aber schnell wieder, weil sie erkannte, welche Arbeit Yano an mir geleistet hatte. Er war eben ein väterlicher Freund, auch wenn das schmalzig und abgedroschen klang.
Yano war auch absolut fair gewesen, was diese leidige Angelegenheit anging, diese angebliche Anzeige. Er hatte tatsächlich eine “Einladung” zu einer Anhörung bei der Staatsanwaltschaft bekommen. Auf eine solche Feier wollte er dann auch ungern verzichten und ließ an dem Spaß auch einen Anwalt teilhaben. Wie auch immer dieser begnadete Rechtsanwalt agiert hatte, es kam jedenfalls nicht zu einem Verfahren.
“Alles Verleumdung!” hatte Yano betont und dabei gelächelt, soweit sein grobes Gesicht das zuließ.
“Alles Verleumdung!” hatte Ette mir ebenfalls zugeraunt und mit dem linken Auge gezwinkert, als es darum ging, die Vergangenheit endgültig ruhen zu lassen.
“Alles Verleumdung!” hatte auch ich des öfteren benutzt, vor allem, wenn es um das Gekabbel über die Gemeinheiten der Geräte oder des Autos ging. Ette wollte einfach nicht zugeben, dass sie mich hassten und mich seit Jahren zu vernichten suchten. Nur meinem überdurchschnittlichen Intellekt war es doch zu verdanken, dass ich die Angriffe parieren konnte und all die Jahre relativ schadlos überstanden hatte. Übrigens wurde es ein geflügeltes Wort sowohl in Ettes Schloss, wie auch in der Agentur, dieses:
“Alles Verleumdung!”
Vor vier Wochen hatte Yano sie in sein Büro gebeten. Sie war bestens gelaunt in den Besuchersessel vor seinem Schreibtisch gefallen. Sie hätte ihren linken Knöchel darauf verwettet, dass endlich der Moment gekommen war, in dem Yano sie mit ein paar Prozent beteiligen würde. Aber Yano hatte anderes im Sinn.
“Wie geht es mit dir und Pe?” wollte Yano wissen. Das war ehrliches Interesse, sie spürte das.
“Ich glaube, wir haben es geschafft!” antwortete sie, es war das, was sie wirklich fühlte. Aber es war auch der Moment, wo sie sich endlich etwas Luft machen konnte:
“Weißt du, Väterchen Yano, ich bin dir wirklich dankbar inzwischen, dass du dich um Pe gekümmert hast. Abr ich muss mal loswerden, wie sauer ich auf dich war, als ich erfuhr, wie du meine intimsten Geheimnisse vor ihm ausgebreitet hast. Du hast mich schmählich verraten!”
Yano lachte laut und wiehernd:
“Ach, Kindchen, was heißt denn verraten? Wenn es jetzt in Ordnung ist, dann gibt mir das doch im nachhinein Recht, oder etwa nicht?”
Sie nickte.
“Ich hatte das gut abgewogen, aber mein untrüglicher Instinkt sagte mir, dass es keinen anderen Weg gab.”
Anne erhob Einwände:
“Aber ich hätte es ihm gern selbst gebeichtet!”
Yano kniff das linke Auge zusammen:
“So? Hättest du? Du hast es nicht getan und hättest es auch immer weiter hinausgeschoben. Pe erzählte mir zwischen all dem Wodka, dass er dich mehrfach gefragt habe, du aber ausgewichen seist. Stimmt das?”
Sie schluckte und flüsterte fast tonlos:
“Stimmt.”
“Siehst du. Es gab keinen anderen Weg, und ich bin mehr als zufrieden, dass es mit euch klappt. Aber mal ganz etwas anderes. Nimm es nicht tragisch, nicht persönlich und bleib ruhig: Ich habe die Agentur verkauft.”
Anne musste husten, Speichel hatte sich in den Bronchien gefangen. Sie konnte es nicht glauben! Was hatte er da gesagt? Verkauft?
Yano hatte die Hände gefaltet, die Unterarme auf den Schreibtisch gestützt. Er sah ihr ganz ruhig in die Augen.
Sie war den Tränen nahe. Gerade jetzt, wo alles gut zu werden schien, sollte sie etwas verlieren, was ihr viel bedeutete, die Agentur.
Yano wartete, bis sie ihre Bronchien von der Pein befreit hatte. Dann setzte er ihr alles ganz ruhig auseinander:
“Das wird kein Problem für dich sein, Kindchen. Ich habe es mir gut überlegt.”
Er erzählte ihr von der internationalen, amerikanisch geführten Gruppe, die einen Haufen Geld auf den Tisch legte. Er machte ihr auch klar, dass er seine Geschäftspraktiken bins ins Detail offenbart hatte, vorsichtshalber.
“Die Amerikaner werden das nicht so fortführen. Sie werden solche Aktionen verbieten. Du wirst also keine Sonderaufgaben mehr zu betreuen haben. Und sie übernehmen dich mit allen Rechten und Pflichten. Mach dir also keine Sorgen!”
Eigentlich wandelte sich die schlechte in eine gute Nachricht. Anne fühlte sich mit einem Schlag befreit, zumal ihr einziges Problem wahrscheinlich der Name des Amerikaners sein würde, der nach Deutschland kam: Shannonghbassey. Als Yano diesen Namen erwähnt hatte, konnte sie sich nicht verkneifen, zu sagen:
“So heißt man doch nun wirklich nicht, so als Mensch meine ich, oder?”
Und Yano hatte ihr lachend zugestimmt. Mit diesen Neuigkeiten war nun auch ein Gordischer Knoten zerschlagen, und es gab genug Raum für private Entscheidungen.
Meine Herren, Ette hatte mal wieder gewütet. Das heißt, dass sie ihren ganz besonderen Aufräumtick auslebte. Der Anlass war wie immer, dass sie etwas ganz bestimmtes gesucht hatte. Mal war es ein ganz normales Gummiband, um eine Haarsträhne abzuteilen, mal ihr Taschenkalender mit den Geburtstagen. Dabei entdeckte sie dann eine Schublade, in die einige Teile nicht hinein gehörten. Aber dort, wo diese Teile eigentlich sein sollten, lag etwas anderes. Das musste schleunigst an seinen Platz gebracht werden. Dabei konnte sie gleich noch ein paar Zeitschriften aussortieren. Und so ging es weiter.
Wenn es ganz schlimm kam, dann bekam sie Fotos von unserem letzten Urlaub in die Finger, die sie eine halbe Stunde lang in Trance verfallen ließen. Das aber war nur die Ruhe vor dem Orkan, denn danach legte sie mit neuer Kraft erst so richtig los. Das beste war, man ging ihr bei diesen ausufernden Aufräumaktionen aus dem Weg. Die waren ja auch nicht besonders schlimm, solange sie mein Büro in Ruhe ließ. Ich akzeptierte, dass sie dieses Extrem-Aufräuming hin und wieder brauchte. Ich nehme an, es entspannte sie auf eine andere Art als ihr Aikido oder die Berieselung mit Musik.
Vor ein paar Monaten hatte sie mal wieder so einen Anfall. Ich ließ sie gewähren und verzog mich mit einer herrlichen CD in das königliche Bad. Als ich nach knapp dreihundert Stunden gut gelaunt in meinem auberginefarbenen Bademantel das Bad verließ, stand sie an der Tür zum Niemandsland, lässig gegen den Rahmen gelehnt, die Hände hinter dem Rücken. Sie hatte mal wieder das schönste Grübchen hervorgezaubert, aber eine hochgezogene Augenbraue verhieß nichts gutes.
“Was ist?” wollte ich wissen.
Sie schüttelte den Kopf. Ich ließ mich in den Sessel fallen und beobachtete, wie sie den Mund verzog und den Kopf schief legte:
“Es ist schön, wenn man merkt, dass der Partner einem in den letzten Jahren doch ganz gut zugehört hat.”
Ich wusste nicht, worauf sie hinaus wollte:
“So? Habe ich das? Oder meinst du dich selbst?”
Wieder schüttelte sie den Kopf. Dann machte sie ein überaus schlaues Gesicht. Das hübscheste, das ich je an ihr bemerkt hatte. Und schließlich sagte sie sehr langsam:
“Pe..., bevor wir das hier veröffentlichen..., sollten wir heiraten, meinst du nicht auch?”
Mir schwante böses. Sie gab die Arme frei, hielt mein geheimes Manuskript in der Hand und begann mir laut vorzulesen:
“Es gibt Leute, die glauben, dass Maschinen und Geräte so etwas wie eine Seele besitzen. Dass sie einen eigenen Willen innerhalb ihres Dunstkreises durchsetzen und Gewalt gegen ihre Benutzer ausüben. Ich glaube das nicht. Ich weiß es!
Und ich habe Beweise dafür. Nehmen Sie meinen Toaster zum Beispiel...”
P.S.:
P.S.:
Falls Ihnen Bulle mal in Schweden begegnen sollte, richten Sie ihm bitte die herzlichsten Grüße aus. Und sagen Sie ihm, dass Erwin VIII. sich absolut friedlich und kooperativ verhält, seit Ette mich geheiratet hat (und ich gestehe, dass es so und nicht anders herum war). Auch die Waschmaschine, Vakki und der alte Toaster sind deutlich loyaler geworden. Selbst mein altes Fahrrad quietscht nicht mehr, was aber auch daran liegen kann, dass Ette es letzte Woche geölt hat. Und die zerknautschte Käseschachtel? Die ist schon lange in der Schrottpresse. Sie hat sich Ruhe nach einem langen Kampf verdient. Wir fahren jetzt BMW, blaumetallic, und der liebt seine Besitzerin, was ich gut verstehen kann. Nur wenn ich ihn mal fahre, dann verwandeln seine Scheibenwischer bei Nieselregen unter Garantie die Frontscheibe in Milchglas, und natürlich klemmt bei mir auch der Tankdeckel.
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