Alle zuvor beschriebenen Wirtschaftstheorien haben funktioniert und gleichzeitig versagt. Dies bedeutet, dass es in bestimmten Fällen Belege für das Funktionieren gab, die gleiche Theorie in anderen Fällen jedoch versagte. Idealtypische Vorstellungen wie die "invisible hand" nach Adam Smith oder globale Gleichgewichtstheorien harmonieren mit geschlossenen Systeme, was die Wirtschaft nun gewiß nicht ist. Das "Deficit Spending" nach Keynes hat in Großbritannien eine Zeitlang funktioniert und in den USA den Boden für den dort längsten Wirtschaftsaufschwung der Geschichte bereitet. Heute allerdings wird in den USA das nach den Umständen einzig richtige gemacht, die umfassende Konsolidierung. Die Staatsentschuldung schafft neue Freiräume, die auch in den anderen Industriestaaten dringend benötigt werden.
In den Jahren zwischen 1950 und 1975 hat in Schweden eine Mischung aus keynesianischen Vorstellungen und ein ungeschriebener "gesellschaftlicher Vertrag" zwischen Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften funktioniert*(). In der zweiten Hälfte der 70er Jahre jedoch begannen die Kosten des Wohlfahrtstaates die Innovation zu ersticken und den tragfähigen Boden zu überbeanspruchen. Die Beschäftigung im privatwirtschaftlichen Bereich stagnierte, während sie im öffentlichen Dienst explodierte, die Kapitalflucht ins Ausland hatte alarmierende Formen angenommen. Nach einer langen Phase des "Herumdokterns" gelang 1989/90 schließlich die große Wende mit drastischen Steuersenkungen, weil man erkannte, dass sich hohe öffentliche Ausgaben nicht durchhalten lassen, ohne dass dies substanzielle Auswirkungen auf das Wachstum, auf Innovation und das Verhalten der Wirtschaft hat.
- - - - - - - - - - *(Feldt, Kjell-Olof, in einem Aufsatz "Die Reform des Wohlfahrtstaates - Der Fall Schweden" in:
- - - - - - - - - - Pierer, Heinrich von (Hg.) / Oetinger, Bolko von (Hg.): "Wie kommt das Neue in die Welt?", Rowohlt 1999)
Die Japanische Krise der 80er und 90er Jahre endete damit, dass die Regierung über einige Jahre hinweg mit Zinsen nahe beim Nullpunkt operierte und mit "Deficit Spending" versuchte, die Konjunktur zu beleben. Bei nur halbherzigen Deregulierungen, vor allem im Finanzsektor, gelang dies nur ungenügend.
Der Neoliberalismus mit seinem unerschütterlichen Glauben an die Selbstregulierung ansonsten unregulierter Märkte funktioniert in den Teilen, in denen Flexibilität und Kapitalfluß in innovative Bereiche hinein erwartet wird. Allerdings verhindern weder die Preisgestaltung auf den Fischauktionen die Überfischung der Weltmeere, noch irgendwelche Marktkräfte die Naturvergeudung in subtropischen und Wüstenrandgebieten. Ebenso tut sich sowohl der Neoliberalismus wie auch der Monetarismus schwer mit der Finanzierung von Humandienst- und Sozialleistungen. Wir können diese Grenzen nicht leugnen.
Ein sehr erfolgreiches Jahrzehnt der vorwiegend staatlich beeinflußten japanischen Volkswirtschaft hat Fachautoren -zig Bücher mit Empfehlungen zur Adaption schreiben lassen. Wenige Jahre später waren viele dieser Rezepte Makulatur. Ebenso hat ein Jahrzehnt der amerikanischen Dauerhausse Flexibilisierung und Monetarismus zum Ideal erkoren, wenngleich wir nicht wissen, wie die Geschichtsschreibung in fünfzig Jahren darüber urteilen wird. Es ist kaum vorstellbar, dass Rezepte, die eine bestimmte Volkswirtschaft zu den besten Ergebnissen geführt haben, auch in einer anderen Volkswirtschaft erfolgreich sein werden. Dazu müßten Mentalität, kulturelle Voraussetzungen und alle Rahmenbedingungen identisch sein, was wohl nur in seltenen Fällen erwartet werden kann.
Daß die Rezepte der klassischen Theorien teilweise funktionieren und teilweise versagen, zeigte sich auch in der Asienkrise (Finanzkrise der Tigerstaaten 1997). Als wirklicher Erfolg ist zu verbuchen, dass eine Weltwirtschaftskrise aus Kenntnis der Zusammenhänge verhindert werden konnte. Das Versagen bezieht sich darauf, dass die von IWF und Weltbank verordneten Rezepte in den Tigerstaaten nicht wie gewünscht griffen. Nach der Asienkrise gestand Jean Michel Severino, der erst nach der Krise das Amt des für Südostasien zuständigen Vizepräsidenten der Weltbank übernommen hatte: "Wir haben auf die Besonderheiten der asiatischen Krise am Anfang keine Rücksicht genommen." Es sind solche Besonderheiten, die Generalkonzepte scheitern lassen. So führt Hermannus Pfeiffer aus, dass offene Kapitalmärkte, langfristige Investitionskredite, kurzfristiges Auslandskapital und radikale Liberalisierung in Teilen der Wirtschaft nicht mit unterentwickelter Demokratie harmonieren*(). Dies sind Argumente, die auch mit Blick auf die Globalisierung gelten.
- - - - - - - - - - *(Pfeiffer, Hermannus: "Die Zähmung des Geldes", Rowohlt 2000)
Theorien sind wissenschaftliche Beschreibungen der realen Welt, nach denen Voraussagen auf bestimmte Entwicklungen oder Zusammenhänge getroffen werden. Wenn solche Beschreibungen hier funktionieren und dort aber versagen, so bedeutet dies, dass bestimmte Parameter und vorherrschende lokale oder auch globale Bedingungen in der Theorie nicht berücksichtigt wurden. Generalrezepte scheinen nicht weiter zu helfen. Alles spricht für die Theorie einer Entwicklung in kleinen Schritten, in evolutionären Optimierungsprozessen.
In den vorangegangenen Wirtschftstheorien wurde stets ein natürliches, vorgegebenes Ziel (wirtschaftliches Gleichgewicht) vorausgesetzt. Oder aber ein Gleichgewicht wurde als Zielvorgabe von der Theorie bestimmt, sogenannte Gleichgewichtstheorien. Die Nobelpreisträger Kenneth Arrow und Gerald Debreu ("Werttheorie", 1959) gingen der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen sich auf dem Markt ein Gleichgewicht einstellen kann. Ohne diese komplizierte Materie genauer auszuführen, sind als Ergebnis jedenfalls explizite Umstände erforderlich, die in der Praxis wohl kaum vorkommen. Der Mathematiker und Psychologen László Mérö schränkt die Aussagen von Arrow-Debreu weiter ein: Der Satz von Arrow-Debrau besitzt nur dann seine allgemeine mathematische Gültigkeit, wenn es sich um ein geschlossenes System handelt, in dem weder Effekte von außen wirken noch umgekehrt, wenn Preise und Löhne völlig flexibel sind und wenn es keine Monopole gibt. Außerdem müssen weitere Bedingungen erfüllt sein, z.B. muß das sog. "Gesetz des abnehmenden Ertragszuwachses" gelten*().
- - - - - - - - - - *(Mérö, László: "Die Logik der Unvernunft", Rowohlt 2000)
Wir sehen also, dass eine ganze Reihe von Vorbedingungen erfüllt sein müssen, um ein gewisses Gleichgewicht im Markt zu erreichen. Und wir können davon ausgehen, dass dies im realen Marktgeschehen nicht der Normalzustand, sondern die Ausnahme ist. Es sprechen also auch diese Argumente eher für eine evolutionäre Entwicklung in der Wirtschaft.
Evolutionäre Schritte der Wirtschaft gehen mit entsprechenden Sprüngen der technologischen Entwicklung einher oder sind durch diese bedingt. Lange Zeit dachten wir, dass Computer die Welt verändern würden. Heute ahnen wir, dass dies noch nicht die ganze Wahrheit sein wird. Nicht nur der Computer, sondern auch die Datennetze revolutionieren sowohl Neuentwicklungen und die Wirtschaft, wie auch
die menschliche Lebensweise. Der Computer löst sich auf in Hybriden wie Palmtops, WAP-Handys, Multimediaterminals oder wie auch immer wir Folgemaschinen nennen werden. Server und Knotenrechner übernehmen die Organisation der Datenströme. Der Begriff "Computer" löst sich von seiner ursprünglichen Bedeutung. Ein stecknadelkopfgroßer "Rechner" wird zum Bestandteil von Systemen.
Vor diesem Hintergrund spielten sowohl die wirtschaftlichen Trends der 70er Jahre (Datenverarbeitung, Diversifizierung, Konglomeratbildung) wie der 80er Jahre ("Fusionitis", Kompensationsgeschäfte, Skaleneffekte, Hierarchieabflachung, Teamwork) als auch die Trends der 90er (Desinvestitionen, Platformstrategien, Outsourcing, Besinnung auf Kernkompetenz, Synergien). Ehemalige Befürchtungen, dass nur noch eine Handvoll extrem großer Multis die Wirtschaft beherrschen werden, haben sich nicht bewahrheitet. Warum nicht? Weil die wirtschaftlichen Notwendigkeiten etwas anderes erforderten, als ungelenke Makrotanker zu bilden, die kaum manövrierfähig sind. Natürlich sind die Großen auch weiter gewachsen, aber in anderer Form. Auch wenn das Kapitel Daimler-Chrysler noch nicht abgeschlossen ist, so dürften auch hier noch Überraschungen lauern und eine Rolle rückwärts kann nicht ausgeschlossen werden. Mit der voranschreitenden Globalisierung verändert sich die Weltwirtschaft.
Der Chefredakteur des amerikanischen Internetmagazins Wired Kevin Kelly benutzt den Begriff der Netzwirtschaft. Gerade in ihr zeigt sich ein weiterer Bruch gegenüber klassischen Ansichten. Ein Axiom ist ein nicht ableitbarer (daher nicht beweisbarer) Grundsatz, der jedoch als unzweifelhaft gilt und allgemein anerkannt wird. Trotz des seit ewigen Zeiten bekannten Begriffs der "kritischen Masse" wurde lange Zeit übersehen, dass zwei Axiome der klassischen Wirtschaftstheorien dadurch widerlegt wurden. Es galt das erste Axiom: Seltene Güter haben einen hohen Wert (sind teuer) und das zweite: Durch die Verbreitung von Gütern fällt deren Wert*().
- - - - - - - - - - *(Kelly, Kevin: "Net Economy", Econ 1999)
In der Netzwirtschaft zeigte sich sehr deutlich, dass der Erfolg für Produkte (vor allem im Software-Bereich) von einem Mindestmaß an Verbreitung abhängt. So waren die meisten Spiele ökonomisch erfolgreicher, wenn sie durch reichliche Raubkopien oder offizielle, eingeschränkte Shareware-Versionen einen enormen Bekanntheitsgrad errreichten. Produkte, die mit hochwertigem Kopierschutz versehen waren, erlangten dagegen häufig keinen wesentlichen Bekanntheitsgrad und wurden entsprechend wenig im Original gekauft. Ein anderer wesentlicher Punkt ist Kompatibilität. Computernutzer lieben Kompatibilität. Software und Hardwaresysteme, die von möglichst vielen benutz werden, vereinfachen den Austausch von Daten und Kommunikation.
Dies ist die eigentliche Erfolgsursache der Microsoft-Produkte. Auch in der Anfangszeit der PCs wuchs deren Erfolg gegenüber Wettbewerbssystemen desto stärker, je mehr sie sich verbreiteten. Anfangserfolg zog weitere Käufer nach sich, Amigas und Ataris verschwanden vom Markt. Genau so verhielt es sich mit den Videosystemen, wo "Video 2000" verschwand und "Beta" verlor. Die Nutzer wollten Cassetten tauschen können. Für die Einführung einer Marke ist es ebenfalls notwendig, ein Mindestmaß an Verbreitung, die kritische Masse zu erreichen. Kostenlose Proben gehören ebenso zum Werkszeug wie das Schalten von Anzeigen. Aber der wichtigste Faktor hat mit "Netzwerk" zu tun, es ist positive Mund-zu-Mund-Propaganda im Abnehmerkreis.
Ein Beispiel, das den Wert von "Netzwerk" als System verdeutlicht: Bei seiner Erfindung hatte ein einzelnes Faxgerät auf der Welt keinen Nutzen, erst mit einem zweiten gab es eine Anschlußmöglichkeit. Wenn wir uns ein "Netzwerk" aus nur zwei Usern vorstellen, so gibt es lediglich eine Verschaltungsmöglichkeit. Bei drei Usern gibt es für jeden zwei Anschlußmöglichkeiten. Bei vier Nutzen gibt es einen ersten Sprung. Außer der Tatsache, dass je Nutzer drei bipolare Verschaltungen möglich sind (in der Summe aller Teilnehmer aber 6) kommt die Möglichkeit von 5 parallelen Konferenzschaltungen hinzu. Mit jedem zusätzlichen Teilnehmer am Netzwerk, erhöht sich das Nutzungspotenzial exponentiell. Der Wert des Netzes selbst (Nutzungswert) steigt entsprechend für jeden User. Netzwerksystematik ist ein evolutionärer Schritt in der Wirtschaft.
Der in der Zielmengentheorie prognostizierte Endzustand mit Systemzusammenbruch, wenn das Steigerungsspiel auf die Spitze getrieben wird, verträgt sich nicht mit evolutionären Vorstellungen. Diese schließen ein Endziel aus. Es wird von schrittweisen Veränderungen ausgegangen, in deren Folge sich Systemverbesserungen durch eine Selektion auf dem Markt ergeben. Weder die Wirtschaft als System noch der Markt als Funktion vertreten "Eigeninteressen", die sich in Selektion äußern könnten. Diese sind schließlich nur lebenden Individuen zuteil. Dies bedeutet, dass nicht der Markt selektiert, sondern die Wirtschaftssubjekte, die den Markt bilden. Sie entscheiden summarisch mit ihren Reaktionen auf die Veränderungen, ob eine Verbesserung vorliegt oder nicht. Und nicht zu übersehen ist auch, dass eine akzeptierte Verbesserung zugleich eine Verschlechterung in anderen Bereichen mit sich bringen kann.
Nach Darwin gründet die Wirkungsweise der Natur in seiner fortschreitenden Entwicklung allein auf dem Kampf, den völlig egoistische Individuen ums Überleben austragen. Evolution passiert also ohne übergeordnetes Ziel und mündet in einer zumindest vorübergehenden Stabilisierung der Art oder seinem Aussterben. Durch Mutation werden Veränderungen erreicht. Die Strategie des Ausprobierens überprüft, ob diese auch Verbesserungen der Überlebensstrategie darstellen. Ein Zitat des überzeugten Europäers Daniel Goeudevert beschreibt plastisch die Entwicklungsfunktionen Ausprobieren und Verwerfen oder Weiterführen*(): "Wir haben uns nicht rational emporgeplant und emporgedacht, wir haben uns vor allem emporgeirrt..."
- - - - - - - - - - *(Goeudevert, Daniel: "Mit Träumen beginnt die Realität", Rowohlt 2000)
In der Natur sorgt eine gewaltige Menge an Pollen und Samen für Nachkommenschaft. Es ist eine Überproduktion der Art als Voraussetzung der Selektion auszumachen. Auch wirtschaftlich haben wir bisher in allen Fällen von technologischen Quantensprüngen gegen Ende der Entstehungsphase mit Überproduktion zu kämpfen gehabt. Stets schloß sich eine Phase der Selektion an. Dies paßt in das Bild einer sich evolutionsmäßig entwickelnden Ökonomie.
Neid wurde von dem Soziologieprofessor Helmut Schoeck ("Der Neid und die Gesellschaft") als eines der letzten Tabu-Themen unserer Zeit bezeichnet. Günter Ogger zitiert Schoeck*(): "...Deutschland leistet sich eine Sozialethik, in der jeder, der irgendwie erfolgreich ist, ständig auf den Knien herumrutschen muß, um seine Mitmenschen dafür um Verzeihung zu bitten."
- - - - - - - - - - *(Ogger, Günter: "Absahnen und Abhauen", Droemer 1998)
Neid und Egoismus wurden einer gesellschaftlichen ächtung unterzogen, ohne positiven Funktionen Rechnung zu tragen. Negativneider trachten eher danach, den Erfolg anderer zu zerstören, um eine Nivellierung zu erreichen. Dies ist allerdings auf anderem Wege besser, nämlich konstruktiv zu schaffen. Denn der Positivneider scheut keine Anstrengung, um selbst voranzukommen und mit seinem reicheren Vorbild gleichzuziehen. Er wird durch Neid zu Leistung motiviert. Es ist die mächtige Kraft des Egoismus, die nicht nur Gleichstand mit dem Besseren anstrebt, sondern sogar sein Überholen. Ein Egoismus, den wir auch in der Natur wesentlich häufiger beobachten können als kollektives oder gar soziales Verhalten.
Dies klingt fälschlicher Weise so, als würde Egoismus sozialen Fortschritten im Wege stehen. Nach Erkenntnissen der Spieltheorie ist jedoch wahrscheinlicher, dass gerade die Fülle von egoistischen Entscheidungen, die jedoch alle auf individuell unterschiedlicher Basis getroffen werden, zu einer für die Gesellschaft insgesamt gemischten Strategie führen. Egoismus scheint wesentliche konstruktive Impulse zu geben.
Darwin selbst erkannte bereits, dass sich die evolutionäre Funktion der Selektion nicht ausschließlich auf das vereinzelte Exemplar eines Individuums bezieht. Der Beleg sind Populationen, in denen sich Völker durch Selbstopferung von Einzelnen schützen oder solche, deren Fortbestand allein durch Eiablage einer Königin gesichert ist. So sendet ein Stichlingsschwarm Kundschafter aus, um den Schwarm vor Raubfischen zu schützen. Im Falle einer tatsächlichen Gefahrensituation wird damit der Tod der Kundschafter in Kauf genommen, um dadurch die Gruppe zu retten. Ameisen- und Insektenvölker belegen ebenfalls diese sogenannte Strategie der Gruppenselektion. Das Überleben der Menschheit wird sicherlich auch davon abhängen, was sie kollektiv zum Überstehen der Gruppenselektion leisten wird.
In der Evolutionswissenschaft gibt es konkurrierende Gruppen. William Hamilton wurde mit 1964 veröffentlichten Gleichungen zum Guru der Individualselektion erkoren. Der Schotte V.C. Wynne-Edwards belegte 1962 dagegen unter dem Stichwort "erlernte Hilflosigkeit" (von erfolglosen Individuen) die Gültigkeit der Gruppenselektion. In diese Theorie passen Belege für Privilegien und Vorteile, welche die Besten (und Führernaturen) einer Gemeinschaft genießen. Diese Erfolgreichen werden noch stärker und noch erfolgreicher, während die Erfolglosen in Depressionen und Lethargie verfallen, bis sich sogar ihr Immunsystem verschlechtert und die Lebenserwartung sinkt. Dies wird als Ausleseprozeß in der Gruppenselektion interpretiert.
Beide Gruppen arbeiten mit einer Theorie der Genselektion, in der schlicht die Arterhaltung der Gene manifestiert wird, egal in welchen Trägermedien sie fortgepflanzt werden. Eine dritte Gruppe um Biochemiker Howard Bloom benutzt die Theorie adaptiver komplexer Systeme. Beschrieben ist hierbei die parallel verlaufende Arbeitsweise Neuronaler Netze, um beide Selektionsweisen gleichzeitig wirken zu lassen*(). Schlußfolgerungen von David Sloane Wilson stellen dar, dass mit dieser Arbeitsweise Gruppen Probleme besser lösen, als die einzelnen darin lebenden Individuen.
- - - - - - - - - - *(Bloom, Howard: "Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz", DVA 1999)
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Gen-, Individual- und Gruppenselektion keine konkurrierenden Systeme darstellen, sondern als gleichwertige Teile einer gemischten Strategie der Evolution selbst gesehen werden können. Es darf an die gemischten Strategien erinnert werden, die nach der Spieltheorie von John von Neumann zu optimalen Ergebnissen in der Entscheidungsfindung wie auch in der Entwicklung führen.
Ein Vergleich der Wirtschaft mit einem neuronalen Netzwerks drängt sich auch aus anderem Blickwinkel auf. Die biologische Funktionsweise des menschlichen Körpers mit seiner unendlichen Vielzahl von Botenstoffen stellt ein System der Selbststeuerung, der Stabilisierung und vor allem der Eigendynamik dar. Es arbeitet auf der Basis von Oszillation. Ein bestimmter Botenstoff wirkt auf einzelne Zellgruppen (Entscheidungszentren) inkrementierend (erhöhend), auf andere gleichzeitig dekrementierend (ermäßigend). Die Zellen werden aus einem globalen Fluß von Botenstoffen beeinflußt und geben ihrerseits Botenstoffe in den globalen Fluß ab, die wiederum auf andere Entscheidungszentren unterschiedlich wirken.
Die Betrachtung der Wirtschaft ergibt ein verblüffend ähnliches Bild: Die Entscheidungszentren sind in diesem Fall Firmen und Institutionen, die vergleichbar mit bestimmten Zellen recht starke Botenstoffe aussenden. Zellen mit schwächeren Botenstoffen, die allerdings gebündelt in der Masse ebenfalls stark wirken, sind die einzelnen Verbraucher und Individuen. Der globale Fluß von Botenstoffen (Informationsfluß) ist zu vergleichen mit dem Markt selbst. Die Oszillation macht sich sowohl in globalen Konjunkturzyklen, als auch in Branchen- und Konsumzyklen bemerkbar.
Die Vernetzung verschiedener Systeme ergibt als Gesamtheit ein analog arbeitendes Selbststeuersystem. Die Individaulsysteme können hierbei durchaus binär wirken, d.h. im voraus bestimmte Schaltzustände annehmen. Die einfachste Entscheidung ist hierbei dual ja oder nein. Eine analoge Wirkungsweise ist gekennzeichnet durch unendlich viele Schaltstufen (wie Grautöne zwischen schwarz und weiß). Wenn nun die Komplexität des Selbststeuersystems zu groß wird (wobei der Grenznutzen nicht spezifizierbar ist), mündet es in einem chaotischen System. Dies wiederum bedeutet, dass ohne Zusammenbruch des Systems eine Phasenbestimmung (d.h. die zyklische Wiederholung der Vorgänge) nicht mehr möglich ist. Als Vergleich kann aus dem Bereich der Mathematik unendliche, nicht periodische Dezimalzahlen wie das Ergebnis der Quadratwurzel aus 2 oder Pi. Es läßt sich kein Zyklus in den Nachkommastellen finden. Als Gegenbeispiel können mathematische Zufallsgeneratoren in der Programmierung von Computern dienen. Diese ergeben früher oder später Wiederholungen. Je besser ein solcher Zufallsgenerator ist, desto länger ist das Intervall bis zur ersten Wiederholung.
Populationsentwicklungen unterliegen den drei idealisierten Lotka-Volterra-Regeln*(). Deren erste besagt, dass in einer Räuber-Beute-Beziehung das Maxima der Räuber zyklisch und phasenverschoben dem Maxima der Beute folgt. Die zweite Regel sagt aus, dass sich die Beute stets schneller erholt, wenn Räuber und Beute in gleichem Maße dezimiert werden. Die dritte Regel gibt an, dass der Mittelwert stets konstant bleibt, solange sich die Bedingungen von außen nicht verändern. Bei dem Versuch, diese Regeln auf die Wirtschaft zu übertragen stellt man als erstes fest, dass weder Firmen untereinander noch Unternehmen und Verbraucher in eine Räuber-Beute-Beziehung passen. Anders sieht es aus, wenn die Räuberfunktion mit dem Unternehmen gleichgesetzt wird, die Beute lediglich in dem Erreichen von Mehrwert (Gewinnmargen) gesehen wird. Solange in neuen Branchen hohe Gewinne möglich sind (oder zumindest erwartet werden), wird Kapital zur Neugründung in diesen Bereichen angezogen. Wenn nicht mehr genug Beute gemacht werden kann, so setzen Reaktionen zur Rationalisierung und Verschlankung in den betroffenen Unternehmen ein. Im Endstadium beginnt das Absterben, bis nur noch eine probate Anzahl von Räubern übrig bleibt.
- - - - - - - - - - *(Vito Volterra [1931] und Alfred Lotka [1956])
Wenn von Selbststeuerung und Stabilisierung die Rede war, so klingt dies nach der Logik von Gleichgewichstsystemen. Abgesehen davon, dass viele Bereiche der Wirtschaft inklusive der Märkte diese Steuersysteme abbilden, gibt es von dem biologischen zu dem wirtschaftlichen Steuersystem einen erheblichen Unterschied. Während im biologischen System Zellen und Zellgruppen zum Gemeinwohl eliminiert werden können, steht diesem eine soziale Zielsetzung des menschlichen Lebens, Menschenrechte und andere ethisch Grundsätze entgegen. Andernfalls wäre das komplette Eliminieren störender Zellen zu Gunsten des Gemeinwesens moralisch denkbar, was kollektiven Mord (oder Selbsmord) ermöglichen würde.
Im entscheidenden Gegensatz zur biologischen Evolution findet sich in der evolutionstheoretischen Wirtschaftswissenschaft sowohl Absicht als auch Rationalität der Subjekte. Dies bedeutet, dass eine evolutionäre Entwicklung innerhalb der Wirtschaftssysteme nicht von außen, sondern durch die Absichten und Bedürfnisse von menschlichen Individuen gesteuert wird. So ist die Globalisierung zwar durch menschliches Handeln, aber nicht mit individuell begründeter Absicht entstanden. Man könnte sie daher als unbeabsichtigtes Endergebnis der Kumulation von beabsichtigten Einzelschritten bezeichnen. Sie ist mit Sicherheit ein Evolutionsschritt sowohl in ökonomischer wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht.
Der Finanzprofessor Alfred Rappaport ("Creating Shareholder Value", 1986, in Deutschland unter dem Titel "Shareholder Value - Wertsteigerung als Maßstab für Unternehmensführung") gilt als Ziehvater des Shareholder Value Gedankens. Er selbst erklärt Shareholder Value als "global anerkannten Standard zur Messung des Geschäftserfolges". Es werden in der Tat neue Maßstäbe gesetzt, die einen neuen Namen bekommen haben: Wertmanagement. Der Gedanke trägt zu einer höheren Transparenz bei und forciert den Einblick in das Zahlenwerk der Unternehmen in einer Weise, wie es dies davor nie gab. Eine offene Informationspolitik der Unternehmen wird unter der Bezeichnung "Investor Relations" immer selbstverständlicher.
Der Wirtschaftsjournalist Andreas Nölting untersucht in einer Analyse die Macht der Manager großer Fonds. Obwohl diese Ausübung von Macht auf der einen Seite als bedrohlich empfunden wird, stellt Nölting die positive Seite der nun erzwungenen offenen Unternehmenskommunikation heraus*(). Er nennt dies "ein Glasnost in der Informationspolitik von Unternehmen."
- - - - - - - - - - *(Nölting, Andreas: "Die Neue Supermacht Börse", Rowohlt 2000)
Die Kritik am Shareholder Value bezieht sich hauptsächlich auf Rationalisierung, die häufig Arbeitsplätze kostet. Rappaport kontert dies mit der Feststellung, dass in diesen Fällen bereits im Vorfeld etwas schief gelaufen sei. Es sind dann also Managementfehler der Vergangenheit, die Brachialmethoden nach sich ziehen. Nölting zitiert hierzu Rappaport: "Nicht Shareholder Value kostet Arbeitsplätze, sondern unfähige Manager."
Shareholder Value ist angesichts der demokratisierten Kontrolle der großen Aktiengesellschaften durch Fondmanager (diese wiederum im Interesse ihrer geldgebenden Kleinanleger) und durch die erzwungene Öffnung ganz ohne Frage ein Meilenstein in der Evolution der Ökonomie. Nach Nölting ist es in der arbeitsteiligen Welt der Job der Kapitalisten, für den bestmöglichen Einsatz ihres Kapitals zu sorgen, während es der Job der Politik ist, sich um Ausgleich und Rahmenbedingungen zu kümmern. Dies beinhaltet gleichzeitig, dass Politik nicht einseitig wirtschaftsopportun, aber auch nicht wirtschftsfeindlich sein darf. Und es beinhaltet die Logik, dass jeder Arbeitnehmer möglichst auch Aktionär sein sollte, um an der Entwicklung teilzuhaben. Selbst vergleichsweise kleine Anteile werden damit im Laufe der Zeit kräftig heranwachsen.
Sich verändernde Denkweisen können ein Zeichen für das evolutionäre Voranschreiten sein. So bewirkten die herausragenden Fachleute für künstliche Intelligenz (KI) Kenneth M. Ford und Patrick J. Hayes eine veränderte Denkweise in ihrem Fachbereich, nachdem ihnen der eigentliche Punkt des Durchbruchs in der Fliegerei klar geworden war und sie diesen Ansatz auf die KI übertrugen*(). Der menschliche Ansatz für Neuentwicklungen ist meistens das zielgerichtete Nachempfinden der Natur. So versuchte der Menschen zunächst, es den Vögeln gleich zu tun und sich mit flügelschlagenden und gleitenden Hilfsmitteln in die Luft zu erheben. Der große Durchbruch gelang allerdings erst mit der Abkehr von den Vorbildern in der Natur. Der Erfolg der Gebrüder Wright wird heute ihrem Vermögen zugeschrieben, die komplexe Fähigkeit "Flugvermögen" in die Komponenten Auftrieb, Vortrieb und Stabilität aufzugliedern. Die weiter gehenden Erkenntnisse über die Aerodynamik wurden erst später gesammelt. Heutige Flugzeuge haben nichts mehr mit dem Naturvorbild Vogel gemein, liefern aber in optimaler Weise die beabsichtigte Funktionalität.
- - - - - - - - - - **(Ford, Kenneth M. / Hayes, Patrick J. in Spektrum der Wissenschaft Spezial: "Intelligenz", 3/1999, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH)
Die ursprüngliche Vorstellung von einer künstlichen Intelligenz war, die naturgegebene Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachzubilden. So wie die Gebrüder Wright das Flugvermögen in Teilbereiche zerlegten, wird heute der globale Begriff "Intelligenz" aufgegliedert in die Bereiche Gedächtnis, Such- und Assoziationsstrategien, sowie elementare Lernvorgänge. Unter diesem Aspekt nutzen wir bereits heute viele maschinelle Höchstleistungen der künstlichen Intelligenz, von den Möglichkeiten gigantischer Speicherkapazitäten bis zur Selbststeuerung von Satelliten. Ein Verbund von Sensorik und Rechnerleistung ermöglicht "intelligente" Lösungen für spezifische Aufgaben. Und das in einem Maße, wie es ohne Computer nicht denkbar wäre.
Ford/Hayes sehen in dem Computer das gleiche Hilfsmittel, wie es der Windkanal für die Erforschung der Aerodynamik war und ist. Künstliche Intelligenz entwickelt sich somit auf einem anderen Weg, als ursprünglich erwartet. So wie ein Flugzeug nicht auf einem Baum landen kann, aber dennoch bestens den beabsichtigten Zweck erfüllt, wird die künstliche Intelligenz seine Aufgaben leisten, ohne dass ein Ersatz des menschlichen Gehirns stattfinden muß. Es geht also eher um die Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten, als um seinen Nachbau. Diese veränderte Denkweise ist ein evolutionärer Schritt.
Eine sich verändernde Zielsetzung ergibt sich aus neuen Erkenntnissen und Erfahrungen. Dies ist ein elementarer Bestandteil der evolutionären Entwicklung. In einigen Bereichen setzt sich das System von Microzellen durch. Mit der Erkenntnis, dass große Komplexe sich häufig zu schwer manövrierbaren Schiffen entwickeln, entstand der Trend zur Bildung von schlagkräftigen Untereinheiten, Teambildung und Outsourcing. Diese Veränderung zeigt sich auch in technischen Bereichen. So begann die Computer-ära in den Betrieben mit Großrechnern. Erst im Verlauf von 30 Jahren wurde vermehrt auf schlagkräftige Microzellen umgestellt, die miteinander vernetzt wurden. Es handelt sich um die Netzwerke aus PCs, die immer mehr die früher verwendeten Terminals in Großanlagen verdrängten. Ebenso zeigt sich mit der Brennstoffzellen-Technologie eine Hinwendung zu einer autarken Stromversorgung. In unterversorgten Teilen der Welt wird sich eher die Microzellen-Kultur durchsetzen, als der Aufbau teurer Großnetze begonnen. Ein Vorteil liegt hier klar auf der Hand: Die Finanzierung kann in regional überschaubaren, kleinsten Einheiten vorgenommen werden, während Großnetze eine Betreiberorganisation mit der Bündelung von Kapital erfordert.
Die evolutionstheoretische Wirtschaftswissenschaft geht nach Maureen McKelvey von akkumulativen kleinen Veränderungen aus, die zu einer allgemeinen Tendenz führen, die sich bereits in der Vergangenheit abgezeichnet haben, und sich in der Gegenwart und möglicherweise auch in der Zukunft fortsetzen*(). Als Basis dient also stets der Bezug zur Vergangenheit. Man geht ferner davon aus, dass sich die Fortentwicklung in stetigem Fluß befindet, und weder ein stationärer Endzustand noch ein Gleichgewicht angestrebt wird. Die Akkumulation kleiner Schritte kann durchaus radikale Veränderungen zur Folge haben.
- - - - - - - - - - *(McKelvey, Maureen: "Evolutionary Innovations: The Business of Biotechnology", Oxford University Press 1996) (Nelson, Richard: “Recent Evolutionary Theorizing about Economic Change” in “Journal of Economic Literature”,33, 1995) (North, Douglass: “Institutions, Institutional Change, and Economic Performance”, CambridgeUniversity Press 1990) (Rosenberg, Nathan: “Inside the Black Box: Technology and Economics”, Cambridge University Press 1982) (Savotti, Paolo / Metcalf, Stand (Hg.): “Evolutionary Theories of Economic and Technological Change: Present Status and Future Prospects”, Harwood Academy 1991)
Es müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein. So ist die Wirtschaft als ein sich frei entwickelndes, und nicht als ein von oben geplantes und strukturiertes System zu sehen. Das Wirtschaftssystem erneuert sich durch Innovation ständig.
Innovationen sind das Ergebnis klarer Suchstrategien, häufig resultieren sie jedoch aus zufallsbedingten Ergebnissen, deren Bedeutung bei dem Entstehen möglicherweise noch nicht erkannt wurde, manchmal erst im Kontext mit weiteren Entwicklungen deutlich wird.
Ein Mindestmaß an Stabilität und Kontinuität ist erforderlich, was bedeutet, dass bestimmte Elemente des Systems weitergegeben bzw. vererbt werden. Es muß ein Ausleseprozeß zwischen einer Vielzahl von Produkten, aber auch Unternehmen stattfinden. Auslese bedeutet dabei Anpassung an Umweltbedingungen, nicht notwendigerweise mit optimalem Ergebnis.
McKelvey führt aus, dass die neoklassische Wirtschaftswissenschaft wirtschaftliche Fehlentwicklungen auf die Unvollkommenheit des Marktes zurückführt, was bedeutet, dass als Meßpunkt ein Ideal existiert, an dem Vollkommenheit gemessen werden kann. Dagegen werden evolutionstheoretisch zunächst Veränderungen ausprobiert, und im Zuge des Selektionsprozesses teilweise auch wieder verworfen. Anders ausgedrückt: Einem idealtypischen statischen Bild wird ein in Bewegung befindlicher Suchprozess gegenüber gestellt.
Bei dem Prozeß der Anpassung geht es nicht um Perfektion. Auch nach Darwinschen Erkenntnissen geht es bei der Selektion in der Natur nicht um das Überleben des Individuums, sondern einer möglichst hohen Zahl von Nachkommen. Auch geht es nicht um das Überleben des "besseren" generell, sondern um Überleben in einer bestimmten Umgebung. Die dort siegreiche Art muß sich keineswegs in einer anderen Umgebung ebenfalls als stärkere oder bessere Variante erweisen.
Ein auf die Wirtschaft übertragenes Beispiel der Angepaßtheit an eine bestimmte Umwelt benennt McKelvey mit der Kernkraft. Die gegenläufigen Argumente Effektivität, unendliche Gefährlichkeit endgelagerter radioaktiver Stoffe und schließlich die Aspekte der CO2-Freiheit gegenüber Verbrennungssystemen führen nicht alleine zur einer Pro- oder Contra-Entscheidung, sondern ebenso spielen Machtfragen, institutionelle Interessen und die Fähigkeit jeder Interessengruppen, das Denken und Handeln der anderen zu beeinflussen, eine Rolle. Die "Umwelt" für eine wirtschaftliche Handlung kann wie im Falle der Kernkraft eine Frage der Alternativen sein. Drücken wir es anders aus: Die Erfindung des Transistors würde in dem Umfeld dreitausend Jahre zuvor keinen Sinn ergeben haben. "Deficit spending" ergibt keinen Sinn bei einer ohnehin schon überschuldeten Staatskasse.
Die Angepaßtheit schlägt sich auch in veränderten Marketingstrategien nieder. Joseph A. Schumpeter hat uns beigebracht, den Produktzyklus zu entdecken, zu entwickeln und in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen. Alle Marketingstrategie richteten sich fortan darauf aus, optimale Umsätze aus den verschiedenen Phasen des Produktzyklus zu generieren. Die Nutzung des Internet gewährt uns neue Möglichkeiten der Kundenanalyse in einem Maße, wie es das früher nie gegeben hat. Als Konsequenz dieser Daten wurde die Fokussierung auf den Produktzyklus durch eine als neu gepriesene Strategie "121" (sprich: One to one) abgelöst, die sich bei näherer Betrachtung als gar nicht so neu erweist. Mit diesem als Customer-Management bezeichneten Verfahren wird versucht, dem Kunden bei seinem Einkauf möglichst viele Dinge gleichzeitig zu verkaufen. Ein maximiertes Wissen über den Kunden, was Interessen, Kaufverhalten, Finanzstärke und Bonität angeht, ermöglicht das Einschießen spezifischer Angebote und auf den Kunden speziell zugeschnittene Werbung, während er sich im Internet tummelt.
Ganz so neu ist diese Strategie deswegen nicht, weil der gute alte Tante-Emma-Laden genau die gleiche Absicht verfolgte. Seinerzeit waren es die intensiven Gespräche mit den Kunden, die das Wissen über deren Vorlieben und Bedürfnisse bescherte. Die Vernetzung bietet heute filigranere Profile und bessere Möglichkeiten, darauf einzugehen.
Für evolutionäre Theorien spricht auch, dass eine Entwicklung in kleineren Schritten den revolutionären Umwälzungen überlegen ist. So wird heute die Zerschlagung von bestehenden Strukturen (z.B. im Verkehrswesen und im Gesundheitsbereich) in Rußland als Fehler auf dem Weg hin zur Marktwirtschaft gewertet. Der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya R. Sen (Nobelpreisträger 1998) weist darauf hin, das der in China beschrittene Weg der behutsamen Öffnung zeigt, wie man den freien Marktkräften Stück für Stück mehr Spielraum geben kann. Er stellt auch die Priorität von Bildungspolitik heraus. Um dies zu verdeutlichen stellt er China und Indien in einer Analyse gegenüber. Während China über eine ausreichende Massenbildung ein idealer Produzentenstaat ist, steht in Indien eine breite Schicht Analphabeten einer wesentlich kleineren hochgebildeten Elite gegenüber. Nach Sen fehlt Indien deshalb das industriell-produktive Rückgrat.
Zirkuläre Kausalitäten, also Kreisläufe sind eindeutig natürliche Systeme. Es liegt unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten auf der Hand, auch die Ökonomie in gleicher Systematik zu erfassen. Ebenso wie biologische Kreisläufe keine geschlossenen Zirkel sondern Spiralen auf einer Zeitachse sind, wird sich wirtschaftliche Entwicklung ähnlich verhalten.
Das Volkseinkommen betreffende Verteilungsfragen sind eine Sache der Volkswirtschaft und der Soziologie. Wenn wir voraussetzen, dass die Ökonomie selbst keinem Ziel im Sinne eines Endzustandes folgt, sondern kurzfristigen Verteilungsfragen, so stoßen wir bei der Untersuchung nicht nur auf Waren-, Informations- und Leistungsströme, sondern auch auf Geldströme und damit Einkommen, die gleichzeitig bekanntlich Kaufkraft darstellen. Wenn wir anerkennen, dass Entwicklungsmöglichkeiten mit Zielvorrat zu tun haben, so bemerken wir, dass es auch um die Verteilung der Ziele im Sinne von Problemlösungen geht, die ansonsten dem Staat überlassen sind.
So gesehen ermöglicht der evolutionstheoretische Ansatz die Einbeziehung größerer Wirkungskreise in die Entscheidungsebene. Jedes neue Problem bedeutet neues Aufgabenpotential und vergrößert damit den Zielvorrat. Es werden damit auch neue Schritte vorgegeben, die erstens unternommen und die zweitens mit den ökonomischen Bedingungen in Einklang gebracht werden müssen. Dies bedeutet letztlich auch die Entwicklung von Finanzierungsmöglichkeiten für gemeinschaftliche Aufgaben. Freie Demokratien haben sich durch die durch sie verwirklichten gemischten Strategien als dafür beste Plattform bewiesen, auch wenn vielen Menschen der Weg über "zu viele Köche am Breitopf" zu langsam ist.
(DOWNLOAD im evol.theor.Bereich)
Wi. Evolution - kompetitiv und kooperativ
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Gemischte Strategien als Element der evoWiWi
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Evolution und Zeitfaktor
Evolution und Größe -Das Probl.d.großen Töpfe-
Benchmarking - ein evolutorischer Schritt
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Evol.d.Wirtschaft - Biologisch determiniert?- Eine Kritik
Shareholder Value
Wagniskapital
Evolution statt Revolution (auch: Andere Denkweisen, z.B. Goldratt)
Wagniskapital, Veränderte Sichtweisen + Zielsetzungen
Netzeffekte, Virtuelle Monopole, Beziehungstechnik
Wirtschaftsevolution Übersicht 70er, 80er, 90er Jahre
"Evolutionär" oder "evolutorisch"?