Wir in Europa betrachten die Amerikaner als das Aktionärsvolk schlechthin. Wir setzen dabei voraus, dass der durchschnittliche Amerikaner schon mit Aktien auf die Welt gekommen ist. Tatsächlich besaßen 1980 rund 4,6 Millionen US-Haushalte Anteile an Investmentfonds. Ende 1999 waren es 37 Millionen Haushalte mit 60 Millionen Aktionären. In den USA entfielen dabei auf jeden Einwohner 49.917 DM (Deutschland zum Vergleich: 9.339 DM)*(). Ein Wachstum, das zeigt, wie sich die Kapitalanlage in den letzten zwanzig Jahren auch in den USA verändert hat. Europa folgt den amerikanischen Spuren. Das vagabundierende Kapital wächst.
- - - - - - - - - - *(Nölting, Andreas: Die Neue Supermacht Börse", Rowohlt 2000)
Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, Basel) wuchs der tägliche Umsatz an den Devisenbörsen der Welt in den Jahren von 1992 bis 1998 um das sechsfache an. 1998 wurden 1,2 Billionen Dollar erreicht, 1999 die 1,5 Billionenmarke überschritten. Dieses Anwachsen überstieg den des Welthandels bei weitem. Er verläuft parallel zu der Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte. Es ist möglich, dass die Liberalisierung einen heftigen Anstoß gegeben hat, und sich nun die Zunahme des Devisenhandels auf einem moderaten Niveau einpendelt, denn in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde eine deutliche Verlangsamung sichtbar*().
- - - - - - - - - - *(Pfeiffer, Hermannus: "Die Zähmung des Geldes", Rowohlt 2000)
Nur 13% der täglich gehandelten Devisen decken reale Warenbewegungen. Manche Kritiker sehen in dem Ungleichgewicht des Anwachsens zwischen Devisen- und Welthandel eine Spekulationsblase. Mehrere Argumente sprechen dagegen. Die mögliche Einmaligkeit durch die Initialzündung wurde bereits genannt. Das zweite Argument ist der erhebliche (und gestiegene) Anteil von Devisen-Swapgeschäften, die wiederum auf realwirtschaftlicher Basis erfolgen. Benötigt eine japanische Bank kurzfristig US-Dollar für einen umfassenden Reisimport, so leiht sie diese über ihre amerikanische Tochter und hinterlegt im Gegenzug Yen. Nach z.B. einer Woche erfolgt in diesem Swapgeschäft gegen eine Gebühr der Rücktausch. Diese Swapgeschäfte fließen in die Devisenumsätze ein. Ihr Anstieg dürfte in kausalem Zusammenhang mit der Liberalisierung des Kapitalverkehrs stehen.
Das dritte Argument ist schwergewichtig. Ein durchschnittliches Exportgeschäft ist heutzutage von einer Handvoll monetärer Transaktionen begleitet. Neben der schlichten Bezahlung der Exportrechnung durch eine garantierende Auslandsbank treten Absicherungsinstrumente (z.B. zur Vermeidung des Währungsrisikos). Die hierfür notwendigen Derivate werden heutzutage von den meisten Im- und Exporteuren eingesetzt. Sie tragen statistisch wesentlich zu dem Volumen der Devisenbewegungen bei.
Wenden wir uns nun dem spekulativen Teil der Devisenhändler zu. Was passiert hier tagtäglich? Es wird Bargeld zwischen zwei Taschen getauscht. Yen wandern von der linken in die rechte und Dollar von der rechten in die linke Tasche. Morgen kann der Tausch genau anders herum stattfinden. Mit geringen Unterschieden (Arbitragen) werden schöne Gewinne gemacht. Ungeachtet dessen bleibt die Basis die Realwirtschaft, die diese Devisen benötigt. Es bleibt eine Verzahnung mit dem Außenhandel und mit der internationalen Finanzierung von Projekten, auch wenn eine große Reihe von Spekulanten Gewinne aus Währungs- und Zinsunterschieden zieht. Natürlich gibt es da noch weitere Taschen mit Euro, Pfund und vielen anderen, kleineren Währungen, zwischen denen ein reger Austausch stattfindet.
Diese Verzahnung existiert ebenso real wie zwischen Aktien und Optionsscheinen. Der Emittent einer Call-Option hält die entsprechende Aktie bereit, oder umgekehrt Gelddeckung im Falle einer Put-Option. Optionen werden von Privatanlegern häufig argwöhnisch als Instrument zur Aufblähung des Marktes betrachtet. Wenn man sich die Funktion anschaut, werden derivative Werkzeuge jedoch verständlicher. Einem Marketmaker, der Optionen emittiert und ständig an- und verkauft, kann die Kursentwicklung der entspechenden Aktie völlig egal sein, wenn er zu den täglichen Optionsbewegungen den entsprechenden Gegenhandel in der Aktie zeitnah tätigt. Da er sowohl Put- als auch Call-Optionen auf den Titel herausgibt, reduziert sich dabei der notwendige Handel auf die Differenz, denn er garantiert den Ankauf der Aktie bei der Ausübung von Puts und die Lieferung der Aktie bei Ausübung eines Calls. Dies hebt sich in überlappenden Teilen auf.
Wer es genauer wissen und die Flußrechnung verfolgen möchte, der verzweigt hier zu Optionen/Deckung.
Es ist unerheblich, ob die Gegengeschäfte tatsächlich an der Börse oder mit eigenen Geschäften "aus einer anderen Tasche" getätigt wird. Banken und Fondgesellschaften halten ja ohnehin erhebliche Dauerbestände an Aktien, mit denen in dieser permanenten Ruhephase natürlich Geld durch Ausgabe von Optionsscheinen verdient werden kann. Je mehr hin und her gehandelt wird, desto mehr verdient der Marketmaker damit, denn eine An- und Verkaufsdifferenz von 2 Eurocent ist üblich.
Hier soll lediglich die reale Basis für Derivate verdeutlicht werden. Es handelt sich somit solange nicht um ein Aufblähen des Volumens, wie das Ganze ohne Kreditfinanzierung vonstatten geht. Für den Ausgangspunkt der Betrachtung, nämlich den Devisenhandel und seine Derivate und Termingeschäfte, gilt das Gleiche. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn jemand seiner übernommenen Lieferverpflichtung (oder entsprechend der Zahlung) nicht nachkommen kann. Nicht das Volumen an sich ist das Problem, sondern die Hebelwirkungen, die sich addieren, wenn die Transaktionen auf Kreditbasis stattfinden.
Derivate und Termingeschäfte dienen klassisch der Absicherung gegen Risiken. Betrachtet man die Wirkungsweise von Schachtelderivaten, z.B. die Option auf einen Optionsschein, so wird deutlich, dass es sich bei der Nutzung von Derivaten um die Verteilung von Risiko auf viele Schultern handelt. Jede dieser Schultern trägt einen geringeren Anteil an dem vorhandenen Risiko und zahlt dafür eine Prämie in den Topf. Eine solche Risikoverteilung finden wir übrigens im Versicherungsbereich ebenso wie im Kreditgewerbe. Versicherungen streuen durch Rückversicherungen das Risiko, Banken Refinanzieren Großkredite. Termingeschäfte sind schon aus biblischen Zeiten überliefert. Von Walfängern des 16. Jahrhundert ist bekannt, dass sie aus chronischem Geldmangel ihre Beute bereits auf Termin verkauften, bevor sie in See stachen. Hier handelt es sich also konkret um ein Finanzierungsinstrument.
Es drängt sich die Frage auf, wer die Differenzen im Arbitrage-Geschäft bei Devisen bezahlen muß, denn die Gewinne der Spekulanten müssen ja irgendwoher kommen. Es sind natürlich die Verbraucher der Devisen, die direkt und indirekt die Arbitragen mit bezahlen. Für die Funktion der Märkte ist dies jedoch unerheblich.
Im Jahr 2000 wurde für die amerikanischen Haushalte der Anteil von Aktien an dem gesamten Geldvermögen auf 23% direkt und auf 71% unter Einschluß der indirekten Anlage über Alterssicherungsfonds geschätzt. Amerikanische Pensionsfonds sind Giganten unter den Fonds. Falls man den Zahlen Nöltings glauben kann, so hatte Ende 1999 Calpers allein in Deutschland akkumulierte Aktieninvestitionen in Höhe von rund 2,5 Billionen Dollar, TIAA-CREF, ebenfalls ein amerikanischer Pensionsfond, runde 3,3 Billionen Dollar*(). Zum Vergleich: Nach dem Bundesverband Deutscher Investmentgesellschaften wurden 1999 runde 865 Milliarden EURO über institutionelle und private Fonds aus deutschen Geldern neu angelegt.
- - - - - - - - - - *(Nölting, Andreas: Die Neue Supermacht Börse", Rowohlt 2000)
In den von Nölting genannten Zahlen könnte etwas falsch sein.
Nölting schreibt 2.516 Milliarden über Calpers und 3.315 Mrd. TIAA, was sich aber mit der Zahl von Dr. Bergmann beißt.
Nach Dr. Eckhard Bergmann (DWS) betragen die Vorsorgevermögen in den USA derzeit etwa 4,2 Billionen US-Dollar, die in IRAs
(Individual Retirement Accounts) und in sogenannten 401(k) Plänen (so genannt nach dem Steuergesetz, mit dem sie
gefördert werden) angelegt sind.
Auf der anderen Seite ergab eine Befragung durch Kommunikationsagentur Golin/Harris Ludgate bei 100 europäischen
institutionellen Investoren, dass diese zusammen rund 68%=6,7 Billionen EURO des gesamten eropäischen Vermögens verwalten,
so dass sich das eropäische Vermögen auf mehr als 9,8 Billionen EURO stellt.
Anfang der 90er Jahre hielt amerikanisches Vermögen nach Nölting erst wenige Prozente an deutschen Großkonzernen, was im Laufe des Jahrzehnts in manchen Fällen deutlich bis über die meldepflichtige Grenze (5 Prozent des Grundkapitals) aufgestockt wurde. Was in den USA längst möglich war, könnte auch in Deutschland eintreten. Die als rüde bekannten amerikanischen Fondmanager zogen früher das Kapital ab, wenn der US-Vorstand nicht spurte. Heute bleibt das Geld investiert, aber die Vorstände müssen gehen. Dies zeigt, welch große Macht mit der Konzentration von Kapital verbunden ist. Macht, die in allen Rechtsstaaten der Welt ausgeübt werden kann.
Mit Berufung auf Thomson Financial Securities Data wurde am 9.10.2000 veröffentlicht, dass die Anleger weltweit in den ersten neun Monaten des Jahres 2000 rund drei Billionen Dollar in Aktien, Anleihen und Konsortialkredite investiert hätten. Dies war gegenüber dem gleichen Zeitraum 1999 ein Plus um 49 Prozent. Die größte Steigerung entfiel dabei auf den Aktienmarkt mit einem Plus von 150 Mrd. Dollar (entsprechend 65 Prozent).
Es ist keineswegs sicher, dass diese Summen tatsächlich immer optimale Senken finden, in denen sie sich sammeln. Es kann durchaus zu Überschwemmungen in einer Ebene kommen. Hermannus Pfeiffer beschreibt dies mit "Überinvestition", wie sie z.B. vor der Asienkrise vorgekommen ist*() und von vielen Fachleuten sogar als ursächlich betrachtet wird. Ohne Frage sind auch die haushohen Überbewertungen in den neuen Branchen eine Folge von Kapitalschwemme. Wirtschaftsjournalist Andreas Nölting stellte die Frage: "Wie kann es sein, dass die Börsenkurse seit 1980 inflationsbereinigt um 1032 Prozent gestiegen sind, während die reale Wirtschaftsleistung nur um 80 Prozent zulegte?" *()
- - - - - - - - - - *(Nölting, Andreas: Die Neue Supermacht Börse", Rowohlt 2000)
Nur haben die Aktienkurse mit der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung weniger zu tun als mit der Bewertung einer Handvoll (allerdings wichtiger) Unternehmen, und das ist beileibe nicht das selbe. Selbstverständlich ist die Frage erlaubt, ob die Bewertungen eines Unternehmens nicht an seine Wirtschaftsleistung gekoppelt werden muß. Die Bewertungsfrage aber ist “nur” ein auslösender Faktor für die 70 Prozent der Psychologie, welche die Kurse bewegt. Die Märkte bewerten bekannter Maßen auf ihre Weise.
Jean Ziegler, Professor für Soziologie an der Universität Genf und der Sorbonne in Paris stellt fest: “Früher drückte das Geld den Wert der Dinge aus. Es war das Zahlungsmittel für Waren, Dienstleistungen und andere von Menschen produzierten Güter. Heute ist das nicht mehr so. In dem Dschungel, in dem wir leben, zirkulieren astronomische Summen, die buchstäblich in nichts mehr eine Entsprechung finden.”*()
- - - - - - - - - - *(Ziegler, Jean, “Wächter in der Nacht” in:
Hickel, Rudolf / Strickstrock, Frank (Hg.),
“Brauchen wir eine andere Wirtschaft?”, Rowohlt 2001)
In nichts mehr eine Entsprechung finden? Das ist die Frage. Denn sicher ist, dass das Kapital aus Überschüssen von erbrachten Leistungen resultiert. Sicher ist auch, dass in Aktien gebundenes Geld mit Kursübertreibungen buchmäßig vermehrt wird. Wir landen erneut bei einer Bewertungsfrage. Denn in dem Moment, wo das Preisniveau der Anteilscheine von einer Mehrheit als gerechtfertigt empfunden wird, haben wir eine Entsprechung in realen Firmenwerten.
Der eine oder andere wird einwerfen, dass aber spekulatives Geld durch Aktienverkäufe nahe der Höchstkurse entnommen wurde. Nun, diesem Gewinnzuwachs des Verkäufers stehen bei anschließendem Kursverfall Verluste des Käufers gegenüber. Da es zu jedem Verkäufer auch einen Käufer gibt, verschiebt sich nur das Besitztum von Geld und Aktien von einer Hand in die andere. Die Größe des gesamten Pools wird dadurch nicht beeinflußt (Siehe auch Abschnitt "Liquiditätspool").
Nur zielt das Zitat Zieglers nicht auf die Aktienwerte, sondern auf in Devisengeschäften vagabundierendes Geld. Und hier stellt sich die gleiche Bewertungsfrage wie bei den Aktien. Nur geht es um die Bewertung der Währungen. Die Währungen wiederum sind mit der dahinter stehenden Volkswirtschaft verknüpft. Dieses vagabundierende Kapital ist jedenfalls nicht unmittelbar der Druckmaschine entsprungen. Es ist eine Summe der (aus der ökonomischen Wertschöpfung) separierten Einzelbeträge.
Hierbei ist nichts darüber gesagt, ob große Teile dieses Kapitals in der Form von zusätzlichem Einkommen zuvor hätte an Arbeitnehmer ausgeschüttet werden sollen. Diesen Fall einmal vorausgesetzt, würden wir im Ergebnis eine kaum veränderte Situation vorfinden, wenn die Arbeitnehmer genau dieses Geld ebenfalls separiert (gespart) und in die Finanzmärkte geleitet hätten. Anders sieht es aus, wenn das Geld für konsumtive Zwecke eingesetzt worden wäre. Übrig bleibt der Fakt, dass es sich um Kapital aus separierten Überschüssen handelt.
Wenn wir vagabundierendes Kapital betrachten, so handelt es sich um den Teil der Geldmenge, der als aktiv beschrieben wird. Im Gegensatz dazu wird unter der inaktiven Geldmenge die vielfältige Kassenhaltung einer Volkswirtschaft verstanden. Es ist die Summe der Barbestände in Portemonnaies und auf Konten, die vorgehalten werden, um das normale Leben zu bestreiten. Ellenbogenfreiheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch, reaktionsfähig für Gelegenheiten zu sein. Im allgemeinen wird die Größenordnung dieser Bestände unterschätzt. In Hausse-Perioden wechselt ein Teil dieses Geldes in die Finanzmärkte und wird damit Teil des vagabundierenden Kapitals.
Pfeiffer führt aus, dass realwirtschaftliche Investition die sinnvollste Anlage wäre, es jedoch in den Industriestaaten an entsprechendem Bedarf mangele*(). Er versucht zu belegen, dass selbst das bei Börsengängen eingesammelte Geld nicht immer in die richtigen Kanäle gelangt: "Allerdings wurde das gewonnene Kapital insgesamt zu selten in realwirtschaftliche Investitionen gesteckt. Oft, zu oft wurde es nur zum Aufkauf der Konkurrenz, zum Zukauf von Wachstum in nahe liegenden Branchen, zu Fusionen oder gar zur schlichten Finanzanlage genutzt - zumindest volkswirtschaftlich eine Scheinlösung für das Problem des Geldüberflusses."
- - - - - - - - - - *(Pfeiffer, Hermannus: "Die Zähmung des Geldes", Rowohlt 2000)
In der Passage "nur zum Aufkauf..." ist das "nur" zur hinterfragen. Warum sollte nicht freies Kapital genau dazu benutzt werden? Und auch der Zukauf von Wachstum ist für das Unternehmen selbst sicher nicht ganz falsch. Worum es aber in erster Linie geht, ist natürlich die Tatsache, dass die Empfänger des Kaufpreises genau dieses Geld wahrscheinlich wieder dort hineinstecken, wo es herkommt: in die Finanzmärkte. Wer erstmalig das Börsenparkett betritt, sammelt Geld aus der vorhandenen Liquidität ein. Wenn dieses Geld wie ein Staffelholz an die Inhaber eines verkaufenden Unternehmens weitergereicht wird und von da aus wieder in den Finanzmarkt zurückkehrt, so ist ein Kreislauf ebenso vollendet, wie bei der Bezahlung mit Aktien statt mit Bargeld. Pfeiffer hat darin recht, dass in einem solchen Fall das Geld nicht aus der Masse des vagabundierenden Kapitals entnommen ist, und bei der direkten Finanzanlage ja ohnehin nicht.
Der springende Punkt ist allerdings die frische Liquidität. Wenn über 800 Milliarden aus deutschen Geldern jährlich dem Kapitalmarkt zufließen, so zeigt dies doch eines, nämlich dass dieses Geld sich auf verfügbare Aktienstücke verteilen muß. Genau diese Tatsache hat zur Folge, dass sich die Bewertung in den Kursen global eben nicht an der individuellen Wirtschaftsleistung der Unternehmen orientiert bzw. orientieren muß. Dies betrifft die von Pfeiffer erwähnte Scheinlösung, wenn man die freie Liquidität als Problem sehen will.
Man kann dieses Problem aber auch anders aufbauen. Die zur Verfügung stehenden Aktien repräsentieren eben nicht die gesamte Wirtschaft, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Alles konzentriert sich damit auf eine Handvoll Aktien, während die restliche Realwirtschaft von dem Überfluß an Kapital nicht viel zu spüren bekommt. Von über 4.000 deutschen Aktiengesellschaften werden die 30 DAX-Werte bevorzugt, die 70 M-DAX-Werte sowie die NEMAX-50-Titel noch akzeptiert, während der Rest allenfalls als “gut gelitten” gilt. Die Konzentration auf Blue-Chips verschärft das Problem, dass Kapital nicht unbedingt dorthin gelangt, wo es gebraucht wird.
Dies gilt nicht grundsätzlich. In guten Börsenzeiten zieht die hohe Bewertung Neuemissionen an die Finanzmärkte. Ein leichter Weg zur Schöpfung von Eigenkapital animiert eine Reihe von Unternehmen, freie Liquidität aus dem Markt in die eigenen Kassen umzuleiten. Aber das reicht bei weitem nicht. Gerade junge Unternehmen und Start-Ups bedürfen in jeder Phase des Konjunkturzyklus dringend Kapital. Das Feld für Venture-Capital ist in Wirklichkeit viel größer, als es heute gesehen wird. Aber auch das reicht noch immer nicht aus.
Wenn man berücksichtigt, dass Renten- und Pensionsrückstellungen über Kapitaldeckung sinnvoll ist, so liegt nahe, dass möglichst große Teile der Wirtschaft mit ihrem Wert als Garant zur Verfügung stehen sollten. Von den 2,9 Millionen umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen sind über 99% kleine und mittlere Betriebe mit bis zu 500 Angestellten. So gut wie alle benötigen neben ihrem Eigenkapital auch Fremdfinanzierung. Pfeiffer hat Recht, am besten wäre überschüssiges Kapital in der Realwirtschaft aufgehoben. Die Zielsetzung kann also nur lauten, wie kann man den Kapitalüberschuß auf der einen Seite mit dem Bedarf auf der anderen vereinbaren?
Gigantische Summen suchen bestmögliche Anlage. So wie Wasser sich naturgemäß in Senken sammelt, in Risse und Vertiefungen sickert, so bewegen sich diese Geldmengen. Vom Herbst 1989 bis Ende 1992 fiel der Nikkei-225-Index um 60% von 40.000 auf nahezu 14.000 Punkte. In der anschließenden Seitwärtsphase pendelte der Index zwischen 14.000 und 22.000 Punkten. Durch die Japanische Krise floß erhebliches Kapital Anfang der 90er Jahre an den US-Aktienmarkt, was zusammen mit dem Geld der sog. "Baby-Boomer-Generation" zu enormen Anstiegen bis 1997 führte. Aber auch in die aufstrebenden Märkte Südkorea, Thailand, Malaysia und Indonesien flossen riesige Summen.
Nach der Asienkrise 1997 kehrte das Kapital so schnell zurück, wie es in der Krise abgeflossen war. Sei es Notwendigkeit der Kapitalanlage oder Gier, Anleger wollen zumindest nicht versäumen, bei den Anstiegen dabei zu sein. Ob Kapitalströme nach China im Zuge des WTO-Beitritts einsetzen werden, ist ungewiß. Denn Kapital fürchtet Rechtsunsicherheit. Kapitalströme können sich, wie im Fall Rußland, sehr schnell umkehren. Aber wohin sollen die freien Gelder fließen? Offensichtlich gibt es eine Diskrepanz zwischen dem Kapitalbedarf für die Aufgaben der Menschheit, und den tatsächlichen Kapitalströmen. Was uns hinsichtlich des Einsatzes von Überschüssen von vorangegangenen Epochen unterscheidet, ist die Demokratisierung. Sie verhindert weitgehend den erzwungenen Kapitaleinsatz für bestimmte Projekte, die gewiß nicht immer menschheitsdienlich oder sinnvoll waren. Die Demokratie setzt der Besteuerung der Bevölkerung Grenzen.
Da sich über Sinnhaftigkeit bestimmter Projekte trefflich streiten läßt, führt eine demokratisierte Entscheidungsfindung wahrscheinlich zu besseren Ergebnissen. Heutigen Aufgaben der Menschheit ein kommerzielles Gewand zu geben, ist von vielen als richtiger Weg erkannt. Wir finden solche Bestrebungen in Teilen der Energiepolitik wieder. Nur in dem Maße, wie große Aufgaben der Menschheit ökonomisiert werden können, ist der Fluß von Kapital dorthin lenkbar.
Wenn wir uns vorzustellen versuchen, was mit Überschüssen in der Zukunft passieren wird, so ist der Rückgriff auf vergangene Entwicklungen wie z.B. in Japan vielleicht ein Ansatzpunkt. Mit dem unstillbaren Hunger nach Wachstum schuf Japan über Jahrzehnte Weltkonzerne mit ungeheurer Marktbedeutung. Gemessen an der Marktkapitalisierung war Toyota Ende Juli 2000 der weltgrößte Automobilkonzern der Welt. Sein Volumen erreichte die Größe von Daimler-Chrysler, General Motors und Ford zusammen. Yamaha erlangte Weltbedeutung bei Musikinstrumenten, Canon auf verschiedenen Technologiegebieten und Sony in der Unterhaltungsbranche. Mit dem staatlich verordneten und gesteuerten Heranwachsen von Größe bauten sich jedoch Probleme auf, die erst spät als solche erkannt wurden. Überkapazitäten, Überbeschäftigung und Inflexibilität waren das Ergebnis von Wachstum zu Lasten der Ertragskraft. Eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 3,3% erwies sich als Problem, als der Wettbewerb um internationales Kapital im Zuge der Globalisierung schärfer wurde.
Japan als zweitgrößte Gläubigernation der Welt hatte Ende 1989 einen Anteil von knapp 40% an der Weltbörsenkapitalisierung, die USA etwa 30%. Für das Jahr 2000 schätzt Dr. Bernd Rosinski (Maintrust Kaptalgesellschaft mbH,Frankfurt) den Anteil der USA auf etwa 50%, und den Japans auf nur noch 13% als Folge dieser Probleme. Nach 40 Jahren Wirtschaftsentwicklung in Japan läßt sich eine gigantische, ungezügelte Wachstumsphase mit dem anschließenden Umkippen feststellen. Das Schlüsselwort ist "ungezügelt". Japans Eifer, die Vorbildnationen auf möglichst vielen Gebieten in kürzester Zeit einzuholen, war erfolgreich. Durch findige Technologien wurde aus dem Einholen auf manchen Feldern ein Überholen. Zu dieser Zeit gab es keinen Gedanken daran, was folgen könnte, wenn das Wachstumstempo nicht durchgehalten werden kann. Wenn im Gegenteil die Grenzen für Kredite immer weiter verschoben werden. Und wenn sich auf diese Weise gewaltige Überbewertungen von Immobilien bis zu Firmenwerten aufbauen. In der Euphorie fehlte es an einer wichtigen Erkenntnis, der heute in den Industriestaaten weitgehend Rechnung getragen wird: Die Steuerung eines wohldosierten Wachstums.
Multinationale Konzerne nutzen den Weg des Corporate Venture Capitals (CVC) aus zwei Gründen. Zum Einen suchen sie nach dem Zugang zu neuen Technologien junger Firmen, indem sie sich mit VC-Kapital beteiligen. Zum anderen suchen sie nach sinnvollen Einsatzmöglichkeiten für überschüssiges Kapital. Dies zeigt deutlich, was der Begriff vagabundierendes Kapital ausdrückt. Die Suche von Überschüssen nach lukrativer Anlage. Es sind keineswegs nur Großkonzerne, die diesen Weg entdeckt haben. So gründete Hans-Dieter Lindemeyer, Chef der Lintec Computer AG, frühzeitig eine eigene VCC, Die Mitteldeutsche Venture Capital AG, Leipzig. Der Axel Springer Verlag gründete im Herbst 2000 die AS Venture GmbH, Potsdam, um sich damit neue und innovative Geschäftsfelder zu erschließen. Sechs bis zehn Beteiligungen waren pro Jahr in Internet-Start-Ups vorgesehen. Als Ziel wurden redaktionelle Vernetzung und Synergieeffekte genannt, wie sie nur ein Verlag in Zusammenarbeit mit IT-Firmen hervorzubringen vermag. Auch Jenoptik gründete ebenso wie viele andere Firmen eine erfolgreiche Tochtergesellschaft für Beteiligungen mit Wagniskapital.
Dies ist also ein Trend, der sich abzeichnet. Unternehmen erwirtschaften reichliche Überschüsse, die auf klassischem Weg über ausgeschüttete Dividenden den Weg über Wiederanlage zurück an die Kapitalmärkte finden. Es ist dabei unerheblich, ob es sich um Aktiengesellschaften handelt, oder die Gesellschafter einer Robert Bosch GmbH Ausschüttungen am Kapitalmarkt anlegen. Nun wird also ein abgekürzter Weg genommen.
Dies ist aber kaum mehr als eine Variante, denn die Summe aus überschüssigen realwirtschaftlichen Erträgen ist gewaltig. Was geschieht damit?
- Das Geld kann direkt in die vorhandenen Aktien fließen. Die begrenzte Stückzahl wird zu ansteigenden Bewertungen führen bis irrational hohe Werte erreicht sind.
- Es können neu Firmen damit gegründet werden, sofern es neue Aufgaben gibt, die mit Investitionen bewältigt werden können.
- Neue Firmen bedeuten auch neue Aktiengesellschaften.
- Dies kann die Überbewertungen entlasten.
- Es kann in Anleihen fließen, um damit Unternehmen und Staaten zu finanzieren. Letztgenannte haben nun allerdings aufgrund von Überschuldung ernste Probleme, ihren Schuldendienst zu leisten. Im Endeffekt muß über Steuern und Abgaben die Zinsleistung von den Bürgern aber auch aus der Besteuerung von Unternehmen erbracht werden. Eine Drosselung der Staatsquoten hat ein geringeres Aufkommen an Staatsanleihen zur Folge, was die Anlagemöglichkeit in Rentenpapieren verringert.
- Es kann zur Finanzierung von Menschheitsprojekten genutzt werden, von Investitionen in Infrastrukturen bis hin zu ökologischen Projekten. Auf freiwilliger Basis kann dies nur erfolgen, wenn diese Aufgaben ökonomisiert werden. Erzwungene Maßnahmen gleichen einer speziellen Besteuerung. Die Akzeptanz dafür wird nur bis zu einem gewissen Grenzwert gehen.
- Es kann in den Devisenhandel fließen, wobei der Effekt linke-Tasche / rechte-Tasche nicht zu übersehen ist. Daher wird in den Diskussionen der Ruf nach der sog. Tobin-Steuer lauter.
- Die letzte denkbare, aber damit auch schlechteste und unsinnigste Möglichkeit ist das Vernichten von Vermögen in Kriegen oder Disastern wie Finanz- und Wirtschaftskrisen. Die Finanzierung von Kriegen bedeutet wiederum Besteuerung, während Finanz- und Wirtschaftskrisen eine Art von kollektivem Selbstmord der Kapitalhalter bedeutet.
Wenn man die globalen Probleme der Menschheit bedenkt, so gibt es viel, was finanziert werden müßte. Der Schlüssel zur Ökonomisierung dieser Probleme liegt allerdings in der Entwicklung von Kaufkraft in unterentwickelten Gebieten. Hier schließt unser Beitrag "Die
Wiege der Wirtschaft" an.