Mit Volldampf ohne Bremse – Wachstum

Der Begriff Wachstum wird immer wieder in allen Schattierungen zwischen schwarz und weiß untersucht, für die einen ist es der Inbegriff allen Übels und aller Ungerechtigkeit dieser Welt, für die andere Extremposition ist es die absolute Voraussetzung für Prosperität und Wohlergehen bis hin zu einer Heiligsprechung.

Bei Wachstum denken wir zuerst an wirtschaftliches Wachstum. Wenn wir die Kausalkette zurückverfolgen, die letztlich zu Wachstum führt, so steht am Anfang das Wachstum der Menschheit selbst. Die Überbevölkerung des nicht mitwachsenden Erdballs erlegt uns Grenzen auf, die wir mit Kapital und Technologie versuchen hinauszuschieben, die wir aber dennoch nicht aufheben können. So wie der Neoliberalismus den freien Markt als alles, aber auch wirklich alles regulierende Instanz sieht, so wissen wir aber auch, dass weder rückläufige noch steigende Preise an den Fischauktionsmärkten das Überfischen der Weltmeere drosseln. Grenzüberziehungen wie diese werden durch technologischen Fortschritt nicht verhindert. Die Hoffnung kann hier eher auf Fortschritten in der Information beruhen.

Wachsende Branchen ziehen Bedarf und damit weiteres Wachstum nach sich. Eine neu gegründete Internetfirma wird nicht nur einen Computer sondern auch Schreibtische, Stühle und selbst so altmodische Dinge wie Stempel, Ordner und Kaffeemaschine benötigen. Auch Räumlichkeiten sind nötig und ohne Buchhalter(in) kommt der Laden vielleicht eines Tages auch nicht mehr aus. Wenn wir eine Kette aus der Telekommunikationsbranche bilden, so steht am Anfang z.B. eine mehr oder weniger teure UMTS-Lizenz. Was aber weitere Zulieferer ernährt ist beträchtlich: Sendestationen, Richtfunkstrecken und Handys ziehen den Bedarf an elektronischen Bauteilen nach sich. Abrechnungssoftware unterstützt eine Gruppe von Programmierern. Kundenbetreuung und Akquisition bedeuten Werbaufträge für Agenturen, Druckereien und Logistiker. Der Bedarf an Inhalten ernährt Lizenzgeber und eine Unzahl von Unternehmen der Medienbranche.

Wachstum wird häufig mit Entwicklung verwechselt oder aber zumindest in einen Topf geworfen. Klar ist, dass Wachstum ein Begriff der wachsenden Menge ist, während Entwicklung Qualität anstelle von Quantität sein kann. Wenn Wachstum als Bedrohung empfunden wird, so hat dies häufig mit seinem meist exponentiellen Charakter zu tun.

Ein häufig gebrauchtes Beispiel stellt das Wachstum einer Seerose auf einem Teich mit einer Expansionsrate von 100% dar. Täglich sprießt aus einem vorhandenen Blattstengel ein weiterer. In dem Modell ist der 25. Tag noch keineswegs dramatisch, die Seerose bedeckt dann ein Zweiunddreißigstel des Teiches. Auch am 28. Tag liegt die bedeckte Fläche "erst" bei einem Viertel. Die Dramatik nimmt dann aber am 29. Tag zu: die Hälfte der Wasserfläche ist bedeckt und am 30. Tag sind alle Uferränder erreicht.

So wie die Kosten zur Rohstoffausbeute exponentiell anwachsen, wenn der Schwellenwert einer Grenzkonzentration erreicht ist, so wächst der Kapitalaufwand für die Neugewinnung eines weiteren Kunden während des Wachstumsprozesses einer Firma, wenn ein gewisser Grenzwert erreicht ist. Dies liegt an der Endlichkeit des Potenzials. In der Zeit nach der Neugründung mag das Management des jungen Unternehmens unter dem Eindruck eines unbegrenzten Kundenpotenzials stehen. Je stärker das Unternehmen wächst, desto kleiner wird das Restpotenzial. Zumindest, solange es schneller wächst als die Weltbevölkerung.

Der Master of Science des MIT und ehemaliger Planungsstratege von Siemens Christoph-Friedrich von Braun beschreibt in einem Aufsatz *() einen der Gründe für Wachstum so: "...weil die Produktivität... mit der Zeit zunimmt, müssen frei werdende Kapazitäten durch Wachstum ausgelastet werden." Bevölkerungen können nur wachsen, wenn entweder mehr Mittel zu deren Versorgung zur Verfügung stehen, oder aber die vorhandenen Mittel gestreckt werden können. Unternehmen können nur wachsen, wenn die vorhandenen Märkte es hergeben oder aber neue Märkte erschlossen werden können. Wachstum wird unzweifelhaft an seine Grenzen stoßen, wenn Märkte langsamer wachsen oder komplett saturiert sind. In Märkten mit fortgeschrittener Penetration beginnt ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb unter den Anbietern. Die von uns zuvor beschriebene Rationalisierung löst die Probleme dieser Phase nicht, sondern gewährt nur zeitlichen Aufschub und zögert Strukturbereinigungen hinaus.

- - - - - - - - - - *(Pierer, Heinrich von (Hg.) / Oetinger, Bolko von (Hg.): "Wie kommt das Neue in die Welt?", Rowohlt 1999)

Als in den 70er und 80er Jahren derartige Grenzen spürbar wurden, begannen die Großkonzerne und im Gefolge viele Mittelständler zu diversifizieren. Artfremde Produktbereiche wurden hinzu gekauft oder entwickelt. Alte Branchen wurden mit neuen gemischt. Daimler Benz verfolgte gleiche Strategien unter seinem Chef Edzard Reuter und wurde später von den Medien "Gemischtwarenladen" geschimpft. Als Vordenker der Wirtschaft bemerkten, dass die Diversifizierung keineswegs die gewünschten Erfolge brachte, sondern im Gegenteil das ursprüngliche Kerngeschäft vernachlässigt wurde, begann in den 90er Jahren das Wort von der "Kernkompetenz" die Runde zu machen. Kapital, das zuvor in dem teilweise verzweifelten Bemühen um den (teuren) Einstieg in neue Geschäftsfelder vergeudet wurde, fehlte in der Sicherung und Entwicklung des Kerngeschäftes. Es begann ein Jahrzehnt des Ausgliederns, Outsourcens und der Neustrukturierung. Der Weg des Stahlkonzerns Preussag führte über den Zukauf von Touristikfirmen zum Verkauf der alten Kernkompetenz: Der Stahlsektor wurde ausgegliedert und verkauft, die neue Kernkompetenz Touristik wurde durch weitere Zukäufe entwickelt.

Aus erwirtschafteten Überschüssen neues Wachstum zu generieren ist keine Erfindung der Neuzeit. Beispiele gibt es wie Sand am Meer. Ein weniger beachtetes wollen wir uns bei dem multidisziplinären Wissenschaftler Howard Bloom entleihen. Bis zum 6. Jahrhundert v.Chr. war Indien eine reine Stammeskultur. Durch Verbesserungen des Pfluges jedoch ergab sich eine derart effektivere Landwirtschaft, dass reichliche Überschüsse erzielt wurden, die zur Geldwirtschaft und zur Dominanz von Geschäftsleuten führten. Eine neue Generation von Herrschern nutzte die Möglichkeit zur Besteuerung, und diese Einnahmen dann zur Finanzierung von Eroberungskriegen*().

- - - - - - - - - - *(Bloom, Howard: "Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz", DVA 1999)

Wachstum wurde in der Weltgeschichte immer wieder durch umwälzende neue Entdeckungen und Erfindungen möglich. Auch wenn es immer wieder Verfechter des absoluten Sättigungsgedanken gibt, so ist doch zu erwarten, dass es auch weiterhin stets Bedarf und Innovationen gibt. Einen Unterschied in den Innovationen zwischen früher und heute gibt es schon. Während früher Neuerungen eher zufällig gefunden oder entwickelt wurden, durchforsten heute Entwicklungsabteilungen und Forschungszentren systematisch das Potenzial denkbarer Neuerungen. Darin mag die Ursache liegen, dass viele Menschen heute unter dem Eindruck dieser Fülle an unendliches Wachstum glauben. Allerdings bedeuten innovative Entwicklungen nicht zwangsläufig, dass sie auch ökonomisch umgesetzt werden können. Andere Wissenschaftler bemühen sich, dies auf den Level "unendliche Entwicklung" umzurüsten, nachdem erkannt ist, dass Entwicklung und Fortschritt nicht mengenmäßiges Wachstum bedeuten muß.

Nach den Lehren Schumpeters werden heute gezielte Produktentwicklungen, deren zeitliche Abfolge und Staffelung, deren Intensität von Verbesserungen gegenüber Vorgängerprodukten geplant und betrieben. Heute ist der Produktzyklus ein fester Begriff. Während man sich früher weniger Gedanken um den Zeitrahmen machte und eher unter dem Eindruck eines sich ewig verkaufenden Aspirins zurücklehnte, stellen wir heute die dramatisch kürzer werdenden Produktzyklen fest. Dies ist sehr wohl dramatisch zu nennen, denn es ist leicht ein Bezug herzustellen zu dem für die Entwicklung und Markteinführung notwendigen Kapital. Nicht nur die pharmazeutische Industrie leidet unter dem "Kapitalverschleiß" in kürzeren Produktzyklen, auch in den meisten anderen Branchen ist ähnliches zu beobachten.

Meadows/Randers nennen dies "Kapitalabnutzung" *(). Aus dem mit der Nutzung des Industriekapitals (Realkapital) erreichten Mehrwert wird ein Teil als Investitionskapital dem Industriekapital hinzugefügt. Die Investitionsrate pro Jahr erhöht diesen Wert. Gleichzeitig wirkt aber die sinkende Nutzungsdauer des Kapitals dem entgegen. Eine erhöhte Kapitalabnutzung mindert somit den Kapitalstock.

- - - - - - - - - - *(Maedows, Donella und Dennis / Randers, Jorgen: "Die neuen Grenzen des Wachstums", Rowohlt 1993)

Der Wettbewerb ist es, der uns nach Möglichkeiten suchen läßt, etwas besser, billiger oder schneller anzubieten oder zu erledigen. Gerade durch die Überproduktionen der heutigen Zeit gewinnt der Aspekt "billiger" immer mehr Bedeutung. Und Zeit ist Geld, also schneller ist auch billiger. Schneller ist aber aus der Schnellebigkeit unserer Zeit heraus wichtig, um einen Vorsprung heraus zu arbeiten oder zu halten. Von Braun nennt die beeindruckenden Zahlen von 1 Million DM pro Stunde, die Siemens für Forschung und Entwicklung ausgibt, während die Länder der OECD pro Tag über 1 Milliarde US$ darin investieren *().

- - - - - - - - - - *(Pierer, Heinrich von (Hg.) / Oetinger, Bolko von (Hg.): "Wie kommt das Neue in die Welt?", Rowohlt 1999)

Nicht diese Ausgaben sind problematisch, sondern die exponentielle Beschleunigung des Entwicklungstempos. Da alle Wettbewerber sich in diesen Reigen einreihen, wird der Konsument von Neuprodukt zu Neuprodukt gejagt. Allerdings gibt es Grenzen, in denen der Konsument zu entsprechenden Geldausgaben bereit und fähig ist. Ein noch schnellerer Computer ist für seine Anwendungen möglicherweise überflüssig, ein noch runderes Auto kann warten, bis das alte wirklich verbraucht ist.

Was im Verlagswesen die Auflage genannt wird, heißt in der Güterproduktion Losgröße. Mit der Verkürzung der Produktlebenszyklen geht die Losgröße zurück. Die Grenze der Beschleunigung beschreibt von Braun mit der "Losgröße 1". Diese beschreibt als theoretisches Modell die Produktion eines einzigen Stückes auf der Grundlage vorangegangener Entwicklungsinvestition. Dies ist das natürliche Ende der Beschleunigungsmöglichkeiten. Es zeigt sich, dass eine Beschleunigung nicht endlos vorangetrieben werden kann.

Die mit Wachstum verbundenen Vorteile sind viel zu wichtig, als dass die Menschheit darauf verzichten könnte. Auch wenn diese Vorteile hier kürzer abgehandelt erscheinen als die kritischen Anmerkungen, so bilden sie doch die Grundlage für Wohlergehen. Die Frage des Wachstums lautet daher nicht ob, sondern wie.