Vielen Menschen fehlt es heute an der Vorstellung, dass Wirtschaft nicht schon immer so war, wie sie sich heute darstellt: als nahezu undurchdringliches Geflecht von Transaktionen. Die sozialen Zusammenhänge zwischen den Schichten und Klassen stellten die Versorgungswege und Abhängigkeiten in der Antike in einen uns heute fremd anmutenden Kontext, den uns Euler/Freese knapp und präzise zusammenfassen*():
- - - - - - - - - - *(Euler, Mark (Uni-Oldenburg) / Freese, Jan (Uni-Göttingen),
1997, Diskussionsaufruf
Ref.: http://www.uni-oldenburg.de/~euler)
Die Antike
In dieser Phase war Wirtschaft nur eine Hauswirtschaft, in der die agrarische Produktionsweise die gesellschaftliche Grundlage bildete. Wir glauben zu wissen*(), dass der Oikos der Mittelpunkt des Lebens war. Er stellte eine Welt im Kleinen dar: Umwelt, Mitwelt und Erlebniswelt waren noch nicht zu unterscheiden. Er erschien als Wirtschafts- und Regierungsform, ebenso wie als kulturelle Gemeinschaft. Die antiken Städte waren eher Konsum- denn Produktionszentren. In ihnen herrschte eine klar gegliederte Organisation von Aristokratie und Unterschicht. Letztere stellten die produktive Ebene dar, die die luxuriöse Lebensweise der Oberschicht ermöglichte. Zwar blieb die Grundherrschaft wirtschaftlicher und somit politischer Machtgarant der Oberschicht, doch führte die Einführung von Tauschmärkten zu der immer größer werdenden Notwendigkeit des Gelderwerbs. Die Hierarchie der antiken Güterordnung unterstellte eine von Natur aus ungleiche Gesamtgesellschaft, die unter dem Primat der Politik den Zusammenhang der einzelnen Praxis- und Wissensbereiche regelte, aber ein kritisches Regulativ zur Befreiung aller Individuen aus ihren naturwüchsig vermittelten Herrschaftsbeziehungen nicht bereithielt.
*(Anmerkung Euler/Freese: Geschichte und historische Beschreibungen sind auch Theorien, für die das bisher Gesagte gelten muß. Besonders eindrücklich ist es, alte Geschichtsbücher zu lesen. Die historische Beschreibung desselben Ereignisses in verschiedenen Epochen ist überraschend verschieden, oft erkennt man Intentionen etwa patriotischer oder parteilicher Beschreibung, ein anderes Mal sind die Quellen für die Aussagen verschieden und führen zu unterschiedlichen Einschätzungen)
Die Einheit von Ökonomie und Politik erklärt auch, warum man nicht von einer antiken Wirtschaftstheorie sprechen kann. Zwar existierten die uns bekannten Objekte des Wirtschaftens von Geld über Zölle bis hin zu Krediten, und man machte sich auch Gedanken darüber, wie man den Reichtum vermehren kann oder welche Auswirkungen Geld auf die Menschen hat, doch hielt man Wirtschaft dabei immer nur für einen Teil des Organismus Gesellschaft*(). So etwas wie wissenschaftliche Einzeldisziplinen waren in diesem Weltbild nicht vorstellbar.
- - - - - - - - - - *(siehe hierzu auch Hobbensiefken, G. S.34ff.)
Das Mittelalter und der Frühmerkantilismus
Dem herrschenden Denken im Mittelalter galt die außerhalb des Menschen liegende Welt als Ausdruck göttlicher Schöpfung und dessen ständiger Anwesenheit. War der Glaube lange Zeit die einzig mögliche Zugangsform zu dieser Welt, so kam in der Scholastik der Verstand immer mehr als zweites Instrument der Weltentdeckung hinzu. Allerdings war für das scholastische wie das nicht-scholastische Denken der Zugang zur Welt ebenfalls prinzipiell einheitlich, d.h. es gab keine isolierten wissenschaftlichen Einzeldisziplinen und folglich auch keine geschlossene Volkswirtschaftslehre (VWL). Auf der Grundlage des stoischen Naturrechts des Thomas von Aquin fügten sich alle Menschen in eine gottgewollte Standeshierarchie ein. Jeder hatte darin von Geburt an seinen festen Stand. Die Gleichheit im Stand bedeutete jedoch keine Gleichheit der Stände untereinander. Die Wünsche und Hoffnungen der ärmeren Bevölkerung wurden ins Jenseits delegiert.
Mit dem erneuten Aufkommen des Handels wurden die Städte zum Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Es war wohl das Verlangen der Feudalherren nach den dort gehandelten Waren und dem Geld aus Steuern und Zinsen, das dazu führte, den Städten zunehmend mehr Freiheiten einzuräumen. Dort entstanden in der Folge neue Gewerbe, die wiederum den Handel in der Stadt und zwischen Land und Stadt bzw. zwischen den Städten ankurbelten. Infolge des Bevölkerungswachstums und der Ausweitung der Städte, wurden zur Versorgung neue Gebiete erschlossen und großen Rodungen zur Ausweitung der Agrarflächen durchgeführt. Dies führte zu ersten starken Umweltschäden, die neben dem Bevölkerungswachstum auch indirekt vom Handel hervorgerufen wurde. Andererseits führte dieser auch zur allmählichen Herausbildung eines Bürgertums in den Städten, welches die wirtschaftlichen Fäden in den Händen hielt. Zwar war die Wirtschaft immer noch von Landesherren und Stadträten zentral gelenkt, doch kamen auch diese ohne entsprechende finanzielle Mittel nicht aus*().
*(Anmerkung Euler/Freese: Die Städte finanzierten sich nebem direkten Abgaben jedes Stadthaushalts aus Abgaben auf Güter. Zölle schöpften die Handelsströme ab, auf Bier und Wein wurden verbrauchsbezogene Abgaben erhoben.)
Auch der unter diesen Vorzeichen aufkommende Frühmerkantilismus entsprach noch keiner VWL. Die merkantilistischen Autoren betrachteten nur einzelne Wirtschaftszweige und Aufgaben der Wirtschaftspolitik. Die nach dem 30-jährigen Krieg in Europa bestehenden Nationalstaaten, waren im Zeichen der Söldnerheere und der sich immer mehr durchsetzenden Geldwirtschaft gezwungen, ihre Finanzwirtschaft auf gesunde Grundlagen zu stellen, um sich gegenüber einer meist feindlichen Umwelt behaupten zu können. Der Zustrom von Geld, sei es durch Außenhandel, sei es durch Erschließung und Ausbeutung heimischer Erze, Steuern oder Zölle, stand im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik. Zudem legte man Wert auf Bevölkerungspolitik, die zugleich Bauernwohlstands- und Rekrutierungspolitik war. Staatseinnahmen und Überschüsse der Handelsbilanz bedeuteten die Chance, Waffen zu kaufen, Söldner anzuheuern, Land zu erschließen und den Staat somit noch stärker und mächtiger zu machen. Aber eine VWL, die zutiefst mit dem Staat und seinen Notwendigkeiten verbunden war, konnte theoretisch nicht geschlossen sein, sondern mußte in jedem Land ihre eigene Prägung erhalten*().
*(Anmerkung Euler/Freese: In Frankreich entstand der Colbertismus, England entwickelte eine spezielle Form des Handels- und Agrarmerkantilismus und in Deutschland entstand der Kameralismus
*2) Neben der Durchsetzung von Territorialstaaten und der Entwicklung des städtischen Bürgertums, sei besonders auf den Rückzug der Kirche aus vielen Bereichen hingewiesen. Lange war sie neben Hüterin des Glaubens auch Hüterin der Schrift, Antrieb wichtiger technischer Entwicklungen und Landesherr über große Territorien. In aller Regel hat der Klerus seine Position nicht ohne Widerstand und Machtkämpfe aufgegeben. Auswüche wie Hexenprozesse und Inquisition sind heute als klare Zeichen des Endkampfes der Kirche in der frühen Neuzeit zu werten.)
Die gesellschaftlichen
*2) und wissenschaftlichen Entwicklungen beeinflußten sich im Laufe der Zeit gegenseitig, so dass es zu einem Wandel der 'Grundannahmen' kam*(). Über Renaissance, Humanismus und Reformation gelangte der Mensch in den Mittelpunkt der Welt. Mit diesem Paradigmenwechsel begann die Zeit der Wissenschaften und somit auch der eigenständigen VWL.
*(Anmerkung Euler/Freese: Das Wort "Grundannahme" wird in diesem Beitrag praktisch synonym zu dem Begriff "Paradigma verwendet. Letzteres ist also nicht im engeren Kuhnschen Sinne gemeint. Diesem entsprechend könnte man das von uns Gemeinte vielleicht auch Metaparadigma, also das für eine bestimmte Epoche grundlegende Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster einer Gesellschaft, nennen)
"Eine Wissenschaft vom Wirtschaftsleben konnte nicht vor der großen Wende des Abendlandes entstehen, die mit Aufklärung und Rationalismus, Individualismus und Nationalismus die Grundlage eines abstrakten, aus den Bindungen und Normen des Mittelalters heraustretenden Denkens über den Menschen und sein Verhalten schuf; nicht mehr die Deutung eines göttlichen Willens oder des kirchlichen Dogmas, sondern die Erforschung der Gesetze von Ursache und Wirkung in der Natur und im sozialen Zusammenleben war von nun an das Anliegen."*()
- - - - - - - - - - *(Schmölders, G., 1961 S.13)
In der Folge tritt ein Hauptproblem der Ökonomie zum vielleicht erstenmal ins Rampenlicht. Zum einen soll die Nationalökonomie ihrer ideologischen Herkunft nach herausfinden, wie sich der allgemeine Wohlstand maximieren läßt. Das sozial Gewollte soll wissenschaftlich fundiert werden. Zum anderen muß sie dabei aber die sozialen Beziehungen und Strukturen beobachten und verstehen. Je besser aber letzteres gelingt, um so mehr muß man einsehen, dass die normativen Ziele nicht mit der VWL erreicht werden können*().
- - - - - - - - - - *(siehe hierzu auch Myrdal, G. S.52)
Die Physiokraten
Mit dem Erwachen des Menschen aus seiner 'selbstverschuldeten Unmündigkeit' wurde der Mensch in zweifacher Weise zum Subjekt der Welt: einmal in bezug auf die Erkenntnis, zum anderen in bezug auf das Handeln. Für Gott mußte beispielsweise in Form des Deismus ein neuer Platz ausschließlich während der Schöpfung gefunden werden*().
- - - - - - - - - - *(siehe hierzu auch Reheis, F. S.137)
In Frankreich entwickelten die Physiokraten das erste logisch geschlossene System der VWL*(). Die Idee dazu entstammt dem Kopf des Mediziners und Naturwissenschaftlers Francois Quesnay. Er verglich den Güterkreislauf als erster mit dem menschlichen Blutkreislauf. Seine Vorstellung stand nicht auf dem Boden des Deismus, sondern des Naturrechts. Die 'ordre naturel' war für die Physiokraten eine göttliche, unabänderliche und für alle gleiche Ordnung. Sie war in den von Gott gegebenen menschlichen Trieben, Neigungen und Bedürfnissen erkennbar.
- - - - - - - - - - *(siehe hierzu auch Schmölders, G. 1961 S.23-30)
Dieser natürlichen stand die politische Ordnung (ordre positif) gegenüber. Sie sollte nur dann als gut gelten, wenn sie der natürlichen möglichst genau entsprach. Darauf aufbauend, beschreibt Quesnays wirtschaftspolitische Theorie das Ziel der menschlichen Selbsterhaltung und Mehrung seinen Wohlstands, als die gottgewollte Aufgabe des Menschen. Der Boden sei die Quelle allen Reichtums, weil nur die Natur produktiv sein könne. Nur sie erschaffe Güter, deren Gebrauchswert höher ist als ihre Produktionskosten. Die Bauern nennt er daher die 'classe productif'. Ihnen stellt er die Grundbesitzer als 'classe distributif' und die der Handwerker und Kaufleute als 'classe sterile' gegenüber. Quesnay wies den reichen Grundbesitzern, die oftmals ein verschwenderisches Leben auf Kosten ihrer Hintersassen führten, eine besondere Rolle, nämlich die der Weiterverteilung der von ihren Pächtern erzeugten Güter zu, um ihre Existenz ökonomisch rechtfertigen zu können.
Diese strikte Einteilung in Kategorien, geordnet nach produktiv und unproduktiv, sowie die axiomatische Stellung des Ackerbaus als Grundlage der Wirtschaft, muten uns heute antiquiert an. Zudem wird die Prämisse des Naturrechts, auf dem er aufbaut, nicht erklärt. Sie ist allerdings auch nicht widerlegbar. Schließlich kann man nicht beweisen, dass irgendetwas nicht Schicksal, nicht Plan Gottes ist*(). Die physiokratische Lehre setzte sich in den darauffolgenden Jahren nicht durch. Denn sie betrachtete die herrschende Ordnung als leidlich gute Annäherung an die natürliche. Nach Quesnays Tod verfiel die Theorie in dogmatische Erstarrung und mit der Revolution 1789 ging sie mit dem System, das sie für gut erachtete, unter.
*(Anmerkung Euler/Freese: Interessant ist, dass die Physiokraten praktisch dieselbe Auffassung vertraten, wie die Neoklassiker (siehe dort): Jedes menschliche Wesen ist von Natur aus so eingestellt, dass es größtmögliche Befriedigung gegen das geringstmögliche subjektive Opfer zu erlangen sucht. Läßt man den Interessen freien Lauf und behindert sie nicht z.B. durch staatliche Eingriffe, so wird sich die natürliche Ordnung verwirklichen. Maximale Wohlfahrt wäre die Folge. Das laissez-faire-Prinzip war damit statuiert: "Mag sein, dass der Gesetzesgedanke von den Physiokraten nur auf die natürliche Ordnung der Dinge bezogen wurde, die sie zum Gegenstand ihres Studiums machten. Er wurde damit gleichwohl in das ökonomische Denken zum ersten Mal eingeführt und sollte daraus nicht wieder verschwinden. Im Rahmen der natürlichen Ordnung fügten sich die verschiedenen Faktoren einem kausalgebundenen System ein. (...) der Grundgedanke, dass Preise, Kosten und Einkommen durch eine generelle Analyse des gesellschaftlichen Tauschprozesses erklärt werden können, ist unser Erbe von den Physiokraten." Myrdal, G., S.26)
Die heute weltweit erreichte Wirtschaftsform des Kapitalismus hat sich bei Abwägung der verschiedenen für- und widersprechenden Argumente als die effektivste erwiesen. Der Kapitalismus gründet sich nach heutigem Verständnis hauptsächlich auf neoklassischen und monetaristischen Elementen. Da diese jedoch teilweise in deutlichem Widerspruch zu den soziologischen Problemfeldern stehen und diese auch nicht ausreichend erklären können, dürften gesamtheitliche Betrachtungsweisen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der Weg (weg von reduktiven, mechanistischen und linear logischen Denkweise) in komplexere Modelle ist unübersehbar. Dies gilt nicht nur für die Ökonomie, sondern auch -wie wir später sehen werden- auch für andere Disziplinen.
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Wirtschaftstheorien von 1350 bis heute
Als Urahn jeder Geldtheorie gilt Nicolas Oresme. In einer um 1350 erschienenen Schrift "De Moneta" (vom Gelde) beklagte er die Münzverschlechterung, womit gute Ware und natürlicher Reichtum nicht mehr in das Königreich Frankreich gebracht würde. Oresme führt aus, dass die Kaufleute lieber an Orte mit guter und fester Münze gingen und dass auch der Binnenhandel leide, da Pachten, Renten und Zinsen nicht gut und gerecht festgesetzt werden könnten, Geld nicht sicher verliehen oder als Kredit vergeben werden könne *(). Hiermit stellt Oresme erstmals eine argumentative Verbindung zwischen Geldwert im Inland und Außenhandel fest.
- - - - - - - - - - *(Bickerich, Wolfram: "Die D-Mark", Rowohlt 1999)
Von einer wirklichen Wirtschaftstheorie war Oresme indes noch weit entfernt. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert dominierte der Merkantilismus. Obwohl nach dem lateinischen Wortstamm (mercari = Handel treiben) eigentlich das Gegenteil zu erwarten wäre, so sind im Merkantilismus Volkswirtschaften oder einzelne Herrscher bestrebt, Macht und Wohlstand des eigenen Landes durch Abschottung des Binnenmarktes gegenüber dem Ausland zu vermehren. So gesehen ist Merkantilismus kein "mittelalterliches" ökonomisches System, es gibt ihn auch heute noch vielfach in totalitäten Staaten. Aber er zeigt sich auch als Teilsystem z.B. bei der Marktabschottung im Bereich Agrarprodukte, bei Schutzzöllen und ähnlichen Mechanismen. Während der industriellen Revolution versuchten besonders England und Frankreich Grenzüberschreitungen ihrer Erfindungen durch Exportverbote für moderne Maschinen zu verhindern.
Der merkantilistische Ökonom James Steuart sah 1776 in der Einführung von "Maschinerie" Vorteile für die Entwicklung und gleichzeitige, aber vorübergehende Nachteile für die Beschäftigung. Er stellt das Überwiegen der Vorteile fest und nennt es eine staatliche Aufgabe, die Übergangsphasen für die Betroffenen abzumildern. Steuart warnt vor der Verhinderung von Innovationen, da damit der Wegfall von Arbeitsplätzen längerfristig trotzdem nicht vermieden, aber gleichzeitig die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Innovation unmöglich wird.
Die erste umfassende Wirtschaftstheorie wird dem schottischen Nationalökonomen und Moralphilosophen Adam Smith zugeschrieben, der am 5. Juni 1723 in Kirkcaldy geboren wurde. Nach seinem moralphilosophischen Hauptwerk "Theorie der Gefühle" (eine Theorie des sozialen Handelns) stellte er 1776 in seinem zweibändigen Werk "Untersuchung über die Natur und die Ursache des Nationalreichtums" ein sich selbst regulierendes System dar, das ganz ohne staatliche Eingriffe funktioniere.
Die von Smith entwickelte Wachstumstheorie erkennt neben einigen Irrtümern bereits als wichtige Voraussetzungen eine freiheitliche und deregulierte Entfaltung, den grundsätzlichen Wunsch der Menschen nach einer ständigen Verbesserung der Lebenssituation und Mobilität des Kapitals. Die Erhöhung des "Jahresprodukts" (pro Kopf der Gesamtbevölkerung) setzt nach Smith zwei Bedingungen voraus: Entweder muß die Zahl der Beschäftigten steigen, oder deren Produktivität muß sich erhöhen. Das Erstere koppelt Smith an das Kapital, denn er sieht den Lohn als "Kapitalvorschuß", also als Kosten die aus dem eingesetzten Kapital zunächst bezahlt werden müssen, bevor damit Überschüsse erwirtschaftet werden können.
Als Voraussetzung für die Erhöhung der Produktivität sieht Smith die Arbeitsteilung, die einhergeht mit dem Einsatz von Maschinen und Werkzeugen. Den Maschineneinsatz sieht Smith bezeichnender Weise (und gemäß den Zeitumständen des 18. Jahrhunderts verständlich) noch nicht im substitutiven, sondern in einem komplementären Verhältnis zur Arbeit. Heute zeigt sich deutlich der ersetzende Charakter; wir sehen aber auch gleichzeitig neue Arbeitsbereiche, die durch Neuentwicklungen (z.B. den Computer oder Funktechnik) überhaupt erst möglich werden. Spezialisierung und "improvements" (technologische Verbesserungen) setzt Smith fälschlicher Weise mit Wachstum gleich.
In den Voraussetzungen für Wachstum sieht Smith korrekt eine ausreichende Marktgröße und ein expandierendes Gesamtsystem, während heute der Zuwachs der Gesamtbeschäftigten als Irrtum und ein als notwendig erachteter Kapitalzuwachs als umstritten gilt. Smith betont immer wieder die positiven Auswirkungen der Produktivitätssteigerung auf das "Bruttoprodukt". (Dies wurde später von David Ricardo damit infrage gestellt, wo der Vorteil des Bezuges auf das Bruttoprodukt gegenüber dem Nettoprodukt liegen soll).
Bei freier Konkurrenz muß nach Smith die Kapitalallokation nach dem Kriterium der Profit- und nicht nach der Beschäftigungsmaximierung erfolgen. Obwohl er die Profitmaximierung als Basis für die Beschäftigungsmaximierung sieht, spiegelt die angegebenen Rangfolge Landwirtschaft - Manufakturgewerbe - Außenhandel die Zeitumstände wieder.
Als Folge von Kapitalakkumulation spricht Smith von dem zur Verfügung stehenden "Kapitalstock", der aus erwirtschafteten Überschüssen heranwächst. Diese Überschüsse werden aus Ersparnissen aus erstens Entlohnung, zweitens Profiteinkünften und drittens Kapitaleinkünften erwirtschaftet. Smith räumt ein, dass aufgrund der Reallöhne kaum eine Ersparnis aus Entlohnung zustande kommen kann, was aus Sicht des 18. Jahrhunderts verständlich ist. Interessanter Weise sieht Smith Zinsen als Profitanteil für verliehenes Kapital, was ja voraussetzt, dass das Kapital zur Erzielung von Überschüssen eingesetzt wird.
Smith zieht bereits die mögliche Existenz von Wachstumsgrenzen durch Mangel an Ressourcen oder Arbeitskräften in Betracht. Er sieht als Folge des Konkurrenzmechanismus, dass bei einem Überangebot an Arbeitskräften das Reallohnniveau unter das Existenzminimum sinken kann. Das "Subsistenzlohnniveau" wird definiert als jenes Niveau, das gerade noch für den Erhalt des Arbeiters und seiner Familie und zur Reproduktion der Arbeitskraft (das Heranziehen von Kindern) ausreicht. Der "natürliche Lohn" hängt von den ökonomischen Verhältnissen ab. Nach Smith soll nicht die absolute Höhe des nationalen Wohlstandes sondern dessen kontinuierliche Zunahme zu steigenden Löhnen führen, so dass nicht die wohlhabendsten Länder den höchsten Arbeitslohn haben, sondern die am schnellsten wachsende und am schnellsten reich werdende Volkswirtschaft.
Smith erkennt die Vorteile von expandierenden Systemen, sieht aber auch die Möglichkeit eines stationären Endzustandes: "In einem Land, das das Höchstmaß an Wohlstand erreicht hat..., welches sich nicht weiter fortentwickeln kann, und welches sich auch nicht zurückentwickelt, werden die Arbeitslöhne und die Profite wahrscheinlich äußerst niedrig sein.
Lowe beschreibt 1968 *() ein von Smith festgestelltes "System des Gleichgewichtswachstums" als Folge von Rückkopplungen und Bedingungen: Die Größe des Marktes begrenzt die Arbeitsteilung, das Bevölkerungswachstum beschränkt das Wachstum der Beschäftigung und als Folge davon begrenzt die Expansionsrate die Kapitalakkumulation. Der Gedanke des gesellschaftlichen Wohlstandes durch Kaptalakkumulation hat in alle modernen Wachstumstheorien Eingang gefunden. Allerdings (und das ist bezeichnend) betrachten wir heute nicht das Bevölkerungswachstum sondern die Produktivitätssteigerung a priori. Gerade in der Betrachtungsweise Adam Smith´, was die Verknüpfung des Bevölkerungswachstums mit der Wohlstandsmehrung angeht, sehen wir die wohl größte Differenz zu heutigen Ansichten.
- - - - - - - - - - *(Kurz, Heinz D.(Hg): "Adam Smith", Metropolis 1990)
Ferner irrt Smith darin, dass technologischer Wandel nur durch Wachstumsdynamik erzeugt wird. Umgekehrt sehen wir heute, dass Kapitalüberschuß zu technologischer Fortentwicklung genutzt wird, welche wiederum Wachstum erzeugt. Ursächlich für den Fortschritt sieht Smith primär die Arbeitsteilung und nur sekundär den vermehrten Maschineneinsatz, und diesen hauptsächlich nur als Hilfsmittel zur Arbeitsteilung. Während später Marx die Maschinen als ursächlich zum Ersatz von Arbeitern ausmachte, sieht Smith diese noch komplementär und als Faktor zur Vermehrung von Arbeit.
Smith irrt allerdings auch in der Annahme, dass ein Anstieg der Beschäftigung mit einem Anstieg der Kapitalintensivität einhergeht. Nach Smith führt eine stärkere Kapitalakkumulation zu einer erhöhten Wachstumsrate der Bevölkerung und der Beschäftigung. Sein Gedanke hierbei ist ein "Lohnfond", der eine bestimmte Menge Kapital zur Zahlung von Löhnen zur Verfügung stellt. Sparsamkeit soll damit den Lohnfond vergrößern. Die Löhne sind damit fälschlicher Weise nicht den Kosten sondern dem Kapital zugeordnet.
Die Kosten bringen uns auf die Arbeitswertlehre nach Adam Smith, wonach der Wert einer Ware sich nach der in ihr vergegenständlichten gesellschaftlich notwendigen Arbeit bestimmt. Auch der Wert eines Hilfsmittel, das zur Erzeugung eines Produktes notwendig ist, fließt demnach anteilig in den Wert des hergestellten Gutes ein. Mit der Begründung der Arbeitswerttheorie ging Adam Smith als "Vater" der klassischen Nationalökonomie in die Geschichte ein.
Das wohl am häufigsten benutzte Smith-Zitat dürfte die "invisible hand", die (angeblich optimal lenkende) unsichtbare Hand des Marktes sein. Dieses Zitat wurde immer wieder in der neoklassischen Ökonomie wie auch im Neoliberalismus benutzt. Und stets in einer Weise, wie es den Theoriezielen nutzt.
- - - - - - - - - - *(Smith, Adam: "Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Nationalreichtums", 1776)
- - - - - - - - - - *(Kurz, Heinz D.(Hg): "Adam Smith", Metropolis 1990)
Der französische Nationalökonom Jean Baptiste Say wurde am 5. Januar 1767 in Paris geboren. Er unterstützte und verbreitete als Professor ab 1819 in Paris die Theorien des Adam Smith. Say unterscheidet als erster zwischen den Funktionen von Unternehmer und Kapitalhalter (Kapitalist). Er wurde bekannt mit der von ihm entwickelten und heute kritisierten Nachfragetheorie (das Saysche Theorem), wonach jede Produktion sich selbst ihre Nachfrage schaffe, da als Nachfrager nur auftreten kann, wer selbst Werte geschaffen hat, so dass Angebot und Nachfrage in einer Volkswirtschaft, abgesehen von vorübergehenden Gleichgewichtsstörungen, stets gleich groß sein müßten.
War es im Smithschen System noch ausgeschlossen, dass eine überschüssige Ersparnis konjunkturelle Störungen verursachen konnte, so leitete später Keynes daraus Arbeitslosigkeit ab. Im Sayschen Theorem soll wachsende Produktivität eine wachsende Beschäftigung sowie wachsende Einkommen nach sich ziehen und sich so eine eigene Nachfrage schaffen. Dieser Gedanke hat offensichtlich Keynes stark beeinflußt.
David Ricardo, geb. 1772 in London, setzte sich sehr intensiv mit den Smith´schen Theorien auseinander, wobei in seinen Arbeiten nicht mehr die Ursachen der Reichtumsbildung im Vordergrund standen, sondern die Probleme der Einkommensverteilung ("On the principles of political economy and taxation", 1817). Ab 1819 gehörte Ricardo als radikaler Reformer dem britischen Unterhaus an.
Die Grundlage seiner Verteilungstheorie war für Ricardo die Smithsche Arbeitswertlehre, aus der er jedoch die wertbestimmenden Variablen "Boden" und "Kapital" ausklammert. Wie Smith unterscheidet Ricardo seltene und beliebig reproduzierbare Güter. Während der Wert der ersteren sich ausschließlich nach der Nachfrage richtet, haben die letzteren einen "natürlichen Preis", der allein von der zu seiner Erstellung benötigten Arbeitsmenge abhängt. Dem "natürlichen Preis" stellt Ricardo einen Marktpreis gegenüber, der sich aus Angebot und Nachfrage bei "freier Konkurrenz" bildet. Dieser schwankt je nach Marktlage um den natürlichen Preis. Ideen und Rechte könnten danach nur einen Marktpreis haben. Ebenso wäre Zins ein Marktpreis für Geld.
Ricardos Äquivalenztheorem besagt, dass ein Defizit im Staatshaushalt nach einer Steuersenkung zwangsläufig durch Steuererhöhungen in der Zukunft ausgeglichen werden müssen. Dies setzt allerdings einen statischen Staatshaushalt voraus und bezweifelt sowohl effektive Einsparmöglichkeiten wie auch Möglichkeiten zur Umverteilung von Aufgaben, z.B. durch Privatisierung. Es zeigt auch, dass höhere Steuereinnahmen durch Wachstum ohne Steuererhöhung von Ricardo nicht vorgesehen war.
Während Smith die Entstehung des Außenhandels durch die absoluten Unterschiede bei den Produktionskosten erklärt, weist Ricardo nach, dass der Außenhandel auch dann vorteilhaft für ein Land ist, wenn es alle Güter billiger als das Ausland produzieren kann. Es ist danach sinnvoll, die relativ billigsten Güter zu exportieren und die relativ teuersten zu importieren. Dies geschieht nach dem Prinzip der komparativen Kosten.
Für Smith werden die Produktions- und Beschäftigungsmöglichkeiten durch das Kapital begrenzt, woraus Ricardo schließt, dass es "...also nicht sein kann, dass in einem Land eine Summe Kapital akkumuliert worden ist, die nicht produktiv angelegt werden kann." Ricardo erkennt die Gewinnmaximierung für das kapitalhaltende Individuum als oberste Maxime und losgelöst von sozialen Aspekten.
Die von David Ricardo und auch später von David Hume formulierte Theorie vom Goldautomatismus beschäftigte sich mit transnationalen Wärungsströmen, die sich später als nicht haltbar herausstellten. In Ermangelung von goldgedeckten Währungen sind Theorien in diesem Themenbereich heute irrelevant und mögen lediglich als Hinweis auf weitere Arbeiten von Ricardo und Hume dienen.
- - - - - - - - - - *(Ricardo, David: "On the principles of political economy and taxation", 1817)
Eine Subsummierung der Arbeitswertlehre und Bewertungsfrage von Produkten und sonstigen Transaktionsobjekten in der klassischen Nationalökonomie geben uns Euler/Freese*():
“Die Physiokraten entwickelten ihr System auf der Annahme, dass der Boden die Quelle allen Reichtums ist. Die Klassiker gingen von der Arbeit aus, was mit der auf Locke und Hobbes zurückgehenden, naturrechtlich motivierten Eigentumsdefinition zusammenhing. Da man als Rechtsgrund für Eigentum die einfache occupatio (die Aneignung) noch nicht in Besitz befindlicher Dinge als moralisch nicht befriedigend ansah, vertrat man die Ansicht, dass es anders als beim Gemeineigentum ein natürliches Recht auf Eigentum an der eigenen Arbeit und ihrer Früchte gibt. Die Natur ist nur passives Objekt. Die menschliche Arbeit ist das aktive, wertschaffende Moment. Man war der Meinung, dass man zum Messen des Wertes eines Gutes etwas ewig unveränderliches als Maßstab braucht.
Die menschliche Arbeit sollte dieser Maßstab sein. Dies ist eine sehr problematische, axiomatische Annahme, denn nun mußte man eine Homogenität aller vorkommenden Arbeit annehmen bzw. die verschiedenen Arbeiten ineinander umrechnen. Und spätestens beim Kapitalzins, der ja nicht direkt durch die Arbeit eines Individuums entsteht, muß man überlegen, wie dieser Wert zustande kommt und wem er dann gehört.”
- - - - - - - *(Euler, Mark (Uni-Oldenburg) / Freese, Jan (Uni-Göttingen),
1997, Diskussionspapier, Kapitel 4: “Betrachtungsgegenstand Ökonomie?”
Ref.: http://www.uni-oldenburg.de/~euler)
Es liegt auf der Hand, dass der am 5. Mai 1818 in Trier geborene Philosoph Karl Marx in seinen Analysen gerade die sozialen Aspekte nach den Theorien Smith´ und Ricardos untersucht. Marx entwickelt auf der Basis von Smith eine eigene Arbeitswertlehre, in der Arbeit sowohl als Wertmaßstab wie auch Wertschöpfungsfaktor verstanden wird. Sie bestimmt den "objektiven Wert" einer Ware, indem die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in ihren Wert eingeflossen ist. Dazu wird ein Gebrauchswert der Ware unterschieden.
Als Antipode von Karl Marx gilt John Stuart Mill, geb. 20. Mai 1806 in London. Mit “System der deduktiven und induktiven Logik” (1843) und seinem Fortsetzungswerk “Principles” (ab 1848) entwirft Mill eine allgemeine Methodologie der Wissenschaft mit dem Ziel, die ältere Logik dermaaßen auszubauen, dass sie auch auf Politik und Soziologie anwendbar ist und zu treffsicheren Voraussagen führen kann. Darauf zielt die induktive Logik ab, eine Lehre von den richtigen Verallgemeinerungen aus partikularen Analysen. Mit dem Utilitarismus (bereits begründet von seinem Vater, James Mill) wird die Meßbarkeit des moralischen Wertes einer Handlung anhand seiner Folgen angestrebt.
Was den Arbeitsmarkt und die Entlohnung angeht kam bereits Ricardo zu dem fatalen Sozialdetermismus, der in der zwangsläufigen Verelendung der Arbeiterschaft mündet. Mill reduziert diesen Ansatz auf die von der Technik abhängige Produktion *(). Er kommt zu dem Schluß, dass der Markt nur für die Produktion die beste aller Welten darstellt, während der Sozialgesetzgeber auf die Verteilung der Produktionsergebnisse (Einkommen) Einfluß nehmen soll.
- - - - - - - - - - *(Hankel, Wilhelm, “Erbschaft aus der Sklaverei” in:
Hickel, Rudolf / Strickstrock, Frank (Hg.),
“Brauchen wir eine andere Wirtschaft?”, Rowohlt 2001)
John Maynard Keynes, geboren am 5. Juni 1883 in Cambridge, beschäftigte sich intensiv mit Geldtheorie ("Vom Gelde", 1930, und "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", 1936). Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise stellte Keynes die Grundlagen der bisherigen Wirtschaftstheorien in Frage. In den nachfolgenden weltweiten Diskussionen wurde der Keynesianismus als eigene Richtung der Nationalökonomie aufgewertet.
Die wesentlichen Kennzeichen sind das Anknüpfen an die klassische Nationalökonomie nach Smith, Ricardo, Say und Mill im Hinblick auf Zugrundelegung von Gesamtgrößen des wirtschaftlichen Kreislaufs. Im Gegensatz zu Say geht Keynes jedoch nicht von der Beseitigung ökonomischer Störungen durch "Selbstheilungskräfte" des ökonomischen Systems aus, sondern begreift eine "Vollbeschäftigung" lediglich als einen Sonderfall der verschiedenen möglichen Gleichgewichtszustände. Die neue und revolutionäre Sichtweise war ein erkannter Zusammenhang zwischen dem monetären und dem güterwirtschaftlichen Bereich, nachdem vorherige Auffassungen eine Neutralität des Geldes gegenüber der Güterwirtschaft voraussetzte.
Ebenso revolutionär war zu diesem Zeitpunkt die Einführung von psychologischen Aspekten wie "Vorsichtsmotiv", "Spekulationsmotiv" oder "Erwartungen". Damit wurden zum ersten Mal an die Zukunft geknüpfte psychologische Faktoren Teil der gegenwärtigen Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte. Darüber hinaus werden im Keynesianismus Abhängigkeiten festgestellt: Konsumausgaben vom Einkommen, Investitionen vom Zinssatz, Geldnachfrage vom Einkommen und vom Zinssatz. Teile dieser Theorie wurden in späteren Geldtheorien aufgenommen, wenngleich erheblich unterschiedliche Interpretationen der Zusammenhänge zwischen Geldmenge, Zinssatz, Investitionen, Einkommen und Beschäftigung dabei vorgenommen wurden. Keynes Ziel liegt zweifelsfrei in der Verstetigung von Wachstum und Vollbeschäftigung.
Keynes benennt allerdings auch eine “Liquiditätsfalle” im Zuge derer er eine kritische Grenze des Zinssatzes vermutet, unter der jede weitere Ausdehnung der Geldmenge wirkungslos bliebe. Aus heutiger Sicht spricht einiges dafür. Dazu gehört die Situation in Japan mit wirkungslosen Zinssätzen bei nahezu Null Prozent. Ob die kritische Grenze bei der Inflationsrate liegt, weil die reduzierte Kaufkraft die Ausdehnung der Geldmenge kompensiert, ist umstritten. Zum einen kann man nicht grundsätzlich von Inflation ausgehen, zum anderen stellt die Bemessungsgrundlage der Inflationsrate über einen Warenkorb immer nur einen Ausschnitt dar, der wohl auf Verbraucher, nicht aber auf die Industrie und das Gewerbe abzielt.
Der Keynesianismus geht von der Heilwirkung gegenüber ökonomischen Störungen durch ein "deficit spending" aus. Demnach wird eine Ankurbelung der Wirtschaft durch höhere Staatsausgaben (öffentliche Nachfrage), vor allem aber durch die Bereitstellung von zusätzlicher Kaufkraft vorgeschlagen. Da für die erhöhte öffentliche Nachfrage auch eine unbedingte Neuverschuldung des Staates gefordert wird, muß heute auch aufgrund empirischer Erfahrungen von einer Fehlfunktion des "deficit spending" ausgegangen werden, wenn als Rahmenbedingung bereits eine hohe Staatsverschuldung vorliegt.
Was Keynes unterschätzte ...
Obwohl Keynes die Psychologie der Verbraucher bereits in seine Betrachtungen einbezog, verkannte er den Einfluss der Entwicklung in einer reifenden Gesellschaft. Das Konsumverhalten in einer Volkswirtschaft, in denen die Einkommen nahezu vollständig für die Grundversorgung aufgewendet wird, unterscheidet sich stark von einer Gesellschaft, in denen größere Bevölkerungsteile deutlich mehr für Vorsorge und Luxus aufwenden können. In Krisenzeiten können die Ausgaben im letzteren Fall wesentlich stärker zurückgefahren werden, auch wenn der Staat mit “deficit spending” eine Stimulation von Konsums und Investition anstrebt. Investition folgt der Konsumneigung ohnehin, so dass der Verbrauch der Schlüssel zum Funktionieren oder Versagen des “deficit spending” ist. Um Antworten bemüht sich heute ein Zweig der Wirtschaftswissenschaft, der “behavioral psychologics” genannt wird.
Der östereichische Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter, geb. am 8. Februar 1883 in Triesch, sagte in einer soziologisch historischen Zeitdiagnose 1942 (“Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie”) das Ende des Kapitalismus voraus. Schumpeter verstand unter der Erschöpfung des Kapitalismus, dass dessen ökonomische Potenziale eines Tages realisiert sind und sich das gesamte Wirtschaftssystem zunehmend statisch ausprägt. Er sah in seinen soziologischen Überlegungen eine Überlegenheit der sozialistischen Wirtschaft gegenüber der kapitalistischen darin, dass
...das störende Auf und Ab der Wirtschaftszyklen ausgeschaltet wäre...
...Firmen in einer Atmosphäre größerer Sicherheit operieren könnten...
...es geringere Arbeitslosigkeit und keinerlei Depression gäbe...
Nach unserem heutigen Verständnis hat die Geschichte einen anderen, ja gegenteiligen Verlauf genommen. Dennoch sicherte sich Schumpeter große Verdienste mit umfangreichen ökonomischen Analysen. Einen Schwerpunkt bildeten hierbei die Untersuchung von Enststehungsprozessen neuer Technologien. Auf den Lehren der Grenznutzenschule aufbauend erarbeitete er eine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in der dynamische Unternehmer durch gezielte Innovationen einen Konjunkturaufschwung herbeiführen. Hierbei beruht die Dynamik der Märkte zu einem wesentlichen Teil auf der Entschlossenheit der Unternehmer, durch geeignete Strategien Vorteile den Mitbewerbern gegenüber zu erlangen und im Wettbewerb zu gewinnen.
Der am häufigsten zitierte Begriff Schumpeters dürfte die “kreative Zerstörung” sein. Schumpeter betont als Schlüsselfigur die Person des Unternehmers und als Hauptaufgabe des Unternehmens die Umsetzung von Innovationen. Nach Schumpeter führt die umfangreiche Durchsetzung von innovativen Maßnahmen in der Wirtschaft zu “kreativer Zerstörung” und schafft damit Raum für neue Firmen und Industrien, während die alten aufgegeben werden. Mit diesem Gedanken schaffte Schumpeter einen Ansatz für die spätere evolutionstheoretische Wirtschaftswissenschaft.
Schumpeter veränderte mehrfach seine Sichtweisen. Teilweise handelte es sich nach heutigem Verständnis um zweifelhafte Aussagen, wie z.B. in seiner Darstellung positiver Aspekte monopolistischer Praktiken. Danach sollten angeblich
...nur große Gesellschaften sich gewaltige Investitionen leisten können...
...die Großindustrie fähigere Leute einstellen...
...eine Monopolstellung kein "Ruhekissen" sein, da ja andere Kapitalisten billiger produzieren könnten...
Schumpeter entwickelte auf Grund dieser Annahmen die sogenannte "Schumpetersche Hypothese", nach der Innovationen in monopolistischen Branchen häufiger auf als im freien Wettbewerb auftreten. Diese Aussagen können wir heute ebenso unter “Irrtum” ablegen, wie die These, dass große Unternehmen innovativer seien als kleine.
Schumpeter befaßte sich auch intensiv mit Konjunkturzyklen. In seinem Buch "Business Cycles" machte Schumpeter den Versuch, die Möglichkeiten einer auf die empirische Wirklichkeit bezogene ökonomische Wissenschaft zu erkunden. Dabei geht Schumpeter von vier Stadien der Konjunkturzyklen aus:
Prosperität (aus dem Gleichgewicht heraus)
Rezession (zurück zum Ausgangsniveau)
Depression (vom Ausgangsniveau in eine tiefe Talsohle)
Erholung
Schumpeter stellte fest, dass es unrealistisch sei, von nur einem Typ der Konjunkturzyklen auszugehen. Deshalb schlug er drei Zyklen vor, die sich gleichzeitig fortbewegen sollten:
Kitchin - Zyklus (= einleitender Zyklus; Dauer von 40 Monaten)
Juglar - Zyklus (= eigentlicher Konjunkturzyklus; Dauer zwischen 9 und 10 Jahren; Schumpeter war der Ansicht, dass dieser Zyklus eine viel größere "Properität" aufweisen hätte müssen)
Kondratieff - Zyklus (Dauer zwischen 40 und 50 Jahren; dessen Existenz ist bis heute umstritten)
Die Lehren Schumpeters sind inzwischen in geplante Produktzyklen, zeitlich gestaffelte Verbesserungsgrade und andere strategische Überlegungen zum Wettbewerb eingeflossen. Die Bedeutung und die Auswirkungen der Schumpeterschen Analysen zeigen sich in ihrer Fortentwicklung heute nicht zuletzt auch in den immer stärker steigenden Kosten für Forschung und Entwicklung. So gibt der Siemens-Konzern pro Stunde (!) ca. 1 Million DM dafür aus. Christoph-Friedrich von Braun, ehemaliger Entwicklungschef von Siemens, benennt die Zahl von täglich über 1 Milliarde Dollar, die für F&E von den 25 OECD-Staaten ausgegeben werden *(). Schumpeter gilt als hervorragender Analyst des systematisch ökonomischen Denkens.
- - - - - - - - - - *(Pierer, Heinrich von (Hg.) / Oetinger, Bolko von (Hg.): "Wie kommt das Neue in die Welt?", Rowohlt 1999)
Zu Beginn seines Schaffens stand das Individuum im Zentrum der Gedanken. Entsprechend erkannte Schumpeter die Person des Unternehmers als Quelle und Motor jeglicher Innovation. Gegen Ende seines Lebens modifizierte er (wenig beachtet) diese Vorstellung, indem aus der Unternehmer-Person eine unternehmerische Funktion wurde, die sowohl von Personen als auch von Institutionen, ja sogar vom Staat selbst ausgefüllt werden kann.
Unter der klassischen Nationalökonomie werden die Lehren seiner Architekten von Smith, über Say und Ricardo bis Bastiat verstanden, die für eine Position des wirtschaftlichen Liberalismus eintreten. Danach soll der Staat sich auf übergreifende Funktionen wie Schaffung des Ordnungsrahmens und Garantie der Rechtssicherheit beschränkt bleiben. Gleichzeitig wird eine Selbstregulierung der Märkte durch das Hinstreben auf ein "natürliches Gleichgewicht" prognostiziert.
Der beschriebene Keynesianismus widerspricht diesen Theorien. In der Folge wurden von vielen Wirtschaftswissenschaftlern Bemühungen um eine Synthese zwischen der klassischen Nationalökonomie und dem Keynesianismus angestellt. Diese werden in der Gruppe als neoklassische Ökonomie bezeichnet.
Alfred Marshall (“Principles of Economics”, 1890) bot eine Brücke zwischen Klassik und Grenznutzen an, indem er die klassischen Kostenbegriffe subjektiv und psychologisch erklärte. Die Nachfrage nach Gütern wird durch ihren Nutzen bestimmt, während das Angebot durch Kosten in Form von Arbeitsleid und “Genußaufschub” festgelegt wird (Betonung der Psychologie der klassischen Arbeitswertlehre). Marshall untersuchte auch, unter welchen Bedingungen ein preisliches Gleichgewicht auf Teilmärkten entstehen kann, wozu er die “repräsentative Firma” und die “Partial-Analyse” benutzte.
In der ökonomischen Theorie des Neoliberalismus fand eine nur teilweise Rückkehr zur klassischen Nationalökonomie statt. Dieser ist eher als eine radikalere Auffassung vor allen Dingen unter der Forderung nach international frei beweglichem Kapital, aber auch nach der uneingeschränkten Selbstüberlassung (der sich selbst regulierenden) Märkte zu sehen. Das Prinzip der Gewinnmaximierung ist im Neoliberalismus eine Grundfeste. Die Gewinnmaximierungs-Annahme ist eigentlich eine Maxime des Handelns im Sinne Kants, indem man nach ihr handeln kann, oder eben nicht. Sie stellt aber keineswegs eine natürliche Gesetzmäßigkeit dar. Jemanden zu finden, der seinen Nutzen nicht maximieren will, ist nur deshalb unmöglich, weil auch das angebliche Verweigern (z.B. in Form karitativer Handlungen) ohne weiteres selbst wieder als Maximierung interpretiert werden kann. Denn als Maximierung kann für das Individuum sowohl die Selbstbestätigung, wie auch Lustgewinn u.ä. ohne Einbeziehung vermögenswirksamer Effekte gewertet werden.
Als eine Weiterentwicklung ist der Ordoliberalismus durch die sog. Freiburger Schule zu verstehen, wonach wirtschaftliche Interventionen des Staates als akzeptabel gelten, sofern sie marktkonform erfolgen, wenn eine soziale Sicherung als Ergänzung zum freien Markt notwendig wird. Der Gedanke der sozialen Marktwirtschaft entspringt dem Ordoliberalismus und kann als Versuch der Linderung oder gar Vermeidung von unerwünschten Nebeneffekten des Neoliberalismus verstanden werden.
Der Begriff der sozialen Marktwirtschaft wurde mehrfach wiederbelebt. Je nach Interessenvertretung ergeben sich jedoch unterschiedliche Akzente, was den Sozialteil angeht. In der ersten Variante wird ein am Verbraucherinteresse ausgerichteter Wettbewerb gemeint, ferner eine Betonung des Menschen als Produzenten und drittens die Betonung der sozialpolitischen Leistungen als Abmilderung von Konsequenzen des Marktes. Der Begründer des Begriffs Alfred Müller-Armack als Mitarbeiter Ludwig Erhards und der ehemalige Wirtschaftsminister und kuzzeitige Bundeskanzler selbst haben immer wieder das notwendige Miteinander dieser Komponenten betont. Dabei wurde auch stets darauf hingewiesen, dass die Mittel, die der Staat transformiert, letztendlich durch die wirtschaftliche Leistung des Marktes erbracht werden muß, so dass der Markt nicht durch Reglements beeinträchtigt werden darf. Damit ist eine Rangfolge von Marktwirtschaft und sozialer Komponente festgelegt.
Mit dem Monetarismus der sog. Chicagoer Schule werden die bedeutenden Geldmarkt- und Geldmengentheorien in einem weltweit liberalen Finanzsystem von Milton Friedman und auch Finanztheorien des Merton Miller bezeichnet. Beide Wissenschaftler treten für deregulierte Märkte und absolut frei bewegliche Geldströme ein. Friedman erhielt den Nobelpreis 1976 für seine Beiträge zur Konsumanalyse, Geldgeschichte, Geldtheorie und auch für die Darstellung der Komplexität von Stabilisierungspolitik.
Miller erhielt den Nobelpreis 1990 für seine Verdienste um Finanzierungstheorien. Diese Theorien trugen vor allen Dingen dazu bei, dass Unternehmen ihre Finanzierungspraxis grundlegend änderten und sich dabei zunehmend an der Maximierung des Shareholder Value orientierten.
Eines der herausragenden Merkmale des Monetarismus ist die von Friedman vorgeschlagene Konjunktursteuerung über die Geldmenge statt über die Zinspolitik.