Rolf winkt ab: “Dafür würde ich nie soviel Geld ausgeben!” Sein Gegenüber lächelt und zuckt die Schultern. Egal worum es bei dem Partygespräch geht, klar ist, dass eine individuelle Wertschätzung über die Verwendung des Einkommens bestimmt. Was für den einen Luxus darstellt, ist es für den anderen noch lange nicht.
Noch deutlicher zeigt sich der Unterschied zwischen sozialen Klassen. Der Herzog von Richelieu soll seinem Sohn einmal einen Beutel Goldmünzen gegeben haben, damit er lerne, Geld auszugeben wie ein Grandseigneur. Als der junge Mann das gesamte Geld wieder zurückbrachte, soll der Herzog es aus dem Fenster in die Gasse geworfen haben, damit “wenigstens die Bettler etwas davon hätten”.
Sicher gibt es Durchschnittsverdiener, die sich ihren Lebenswunsch erfüllen und auf Kredit einen Sportwagen kaufen, der das achtfache ihres Jahresgehaltes kostet. Es handelt sich um die Verwirklichung eines Traums. Und es ist sicher die Ausnahme, die sich auf Haus, Auto und Yacht beschränkt. Bei einer Luxusuhr für ein komplettes Jahresgehalt sieht es schon anders aus. Für eine richtig reiche Person ist genau diese Uhr jedoch eine Lächerlichkeit, ein Spaß im vorübergehen.
Luxus wird definiert als “jeden Aufwand, der das Notwendige übersteigt”*(). Demgemäß kann Luxus nur abgegrenzt werden, wenn über das Notwendige Einigkeit herrscht. Luxus wird damit zu einem relativen Begriff.
*(Anmerkung:
definiert von Werner Sombart (1863-1941), der sich als Professor
in Breslau und Berlin mit der Geschichte des Luxus befaßte.
Studie “Luxus und Kapitalismus”,1913.
Sohn eines Rittergut- und Fabrikbesitzers.)
Luxus wird deshalb als schwammiger Begriff empfunden, weil die Definition des Notwendigen von seiner Einbettung in einer bestimmten Kultur oder ein bestimmtes Milieu abhängt. Es ist in der amerikanischen Lebensweise nicht identisch mit jenem in der indischen Gesellschaft. Und selbst der indische Kulturkreis spaltet sich auf in bis heute aktive Kastensysteme und verursacht unterschiedliche Rahmenbedingungen für Luxus.
Luxus zeigt sich in quantitativer Dimension in dem Verbrauch und Verschleiß von Ressourcen. Der qualitative Aspekt ist dagegen in der Bearbeitung und Verfeinerung zu sehen, was sowohl für Produkte wie auch Lebensart gelten kann. Der üppige und exzessive Verbrauch als unproduktiver Luxus unterscheidet sich daher auch stark von produktivem Luxus, der qualitativen Verfeinerung von Rohmaterial als Teil eines funktionierenden Wirtschaftskreislaufs. Die dem Luxus hier zugeschriebene Produktivität rührt her aus der marktbildenden Kraft.
Ob die Übersetzung des lateinischen Wortes Luxus mit “üppige Fruchtbarkeit” auf eben diese marktbildende Kraft abzielt, ist zweifelhaft. Es dürfte sich eher um eine Sinnverschiebung im Laufe der Zeit handeln. Unproduktiv contra produktiv bedeutet in diesem Zusammenhang, gierige Verschwendung einem gezielten und gut überlegtem Genuß gegenüber zu stellen. Letzterer bemißt sich an Qualität, Stil und Geschmack. In beiden Fällen wechselt Geld in die Taschen von Zulieferern und Erbringern von Leistungen.
Den unproduktiven Luxus beschreibt die Feudalherrschaft des 15. bis 17. Jahrhunderts am besten. Dem Adel mit seinem “... nicht auf Zugewinn gerichteten Lebensstil” folgte ein beträchtliches parasitäres Gefolge. Die exzessive Lebensweise ließ den Feudaladel verarmen und führte dort zu dessen Verschuldung, wo zu geringe wirtschaftliche Einkünfte dem Vermögensverschleiß entgegenwirken konnten. Dieser Prozeß führte zur Umverteilung von Kapital in bürgerliche Kreise, die als Zulieferer und Dienstleister für den Adel fungierten. Sombart sieht in der anschließenden “Versachlichung” (zunehmende Sachbezogenheit) des Konsums eine der wesentlichen Grundlagen für den Kapitalismus und seine Produktionsweise*().
- - - - - - - - - - *(Reitzle, Wolfgang: “Luxus schafft Wohlstand”, Rowohlt 2001)
Als eine der Ursachen für Luxus und deren Funktion erkannte der amerikanische Nationalökonom und Soziologe Thorstein Veblen (1857-1929) in seinem Werk “Theorie der feinen Leute” (1899) das Sozialprestige. Dessen wesentliche Merkmale sind demonstrative Verschwendung und eine Vermischung von Zeitgeschmack und Kostbarkeit. Letzteres wird gleichgesetzt mit einer indifferenten Empfindung in Form “teuer” gleich “schön” und “billig” gleich “häßlich”.
Sich verändernde Empfindungen zwischen Sozialprestige und der Funktionalität der Güter stellt auch der amerikanische Soziologe David Riesman (“The Lonely Crowd”,1950) fest. Das Erleben von permanenter Knappheit führt ganz selbstverständlich zu einem anderen Konsumverhalten gegenüber einem Überflußbewußtsein.
Die Frage, ob Zeitgeist und Geschmack von dem erlebten Milieu geprägt wird, oder umgekehrt, entscheidet der französische Soziologie Pierre Bourdieu (“Die feinen Unterschiede - Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft”, 1979) zugunsten des sich den Notwendigkeiten beugenden Geschmacks. Er argumentiert, dass ein zu Vermögen gekommener Handwerksmeister die erlernten Konsumgepflogenheiten beibehält. Sein Lebensstil wird sich trotz Vermögen deutlich von dem des alten Geldadels unterscheiden. Der Mensch ist danach ein von seinem Milieu geprägtes und uniformiertes Individuum.
Auch ein exzentrischer und maßlos übertriebener Habitus von einer als “Neureich” beschriebenen Klasse widerspricht dem Argument nicht. Gerade die Maßlosigkeit wird sowohl von unteren wie auch darüber angesiedelten Klassen als abstoßend empfunden. Den angemessenen Grad des Konsums zu verfehlen gilt als stillos.
Bourdieu sieht einen gewissen Klassanhabitus, der sowohl erlernt wie auch durch das begrenzte Einkommen erzwungen wird. Ein schwach verdienender Angestellter wird sich bei dem Anblick einer exklusiven Uhr im Schaufenster in keiner Weise in das Konsumerleben einer wirklich reichen Person hineindenken können. Sofern er Neidgefühle entwickelt werden sich diese nicht auf die Uhr, sondern auf den Geldwert des geforderten Preises beziehen. Er wird eher darüber nachdenken, welche lebensnotwendigen Dinge er für die 20.000 EUR kaufen könnte. Seine billige Casio-Uhr zeigt die gleiche Zeit an. Die Funktionalität steht im Vordergrund.
Der produktive Luxus schafft Anreize für Bevölkerungsschichten der nächsten untergeordneten Stufe. Dem von Spitzenverdienern und Stars gesetzten Trend folgen zunächst Kreise, deren Einkommen an der Schwelle der nächsten Stufe liegt. Aber Imitation und Trendfolge greifen auch sehr schnell auf entferntere Einkommenskreise über. Es entsteht ein eigener ausdifferenzierter Markt, der selbstverständlich höchsten Einfluß auf Wirtschaft und Wachstum hat.
Massenproduktion orientiert sich an Produktionsmöglichkeiten und Kostenfaktoren. Dagegen wird die Erzeugung von Luxus, gleich welcher Art, durch die Ausrichtung an Individualinteressen bestimmt. Die Zielgruppe des Luxus macht Qualitätsbewußtsein und Stilsicherheit auch in kleinsten Details unabdingbar. Schließlich weiß auch der Luxuskunde, dass er Aufpreise bezahlt. Aber dafür besteht er eben auch auf kompromißloser Perfektion.
Während Massenproduktion aus Kostengründen tendenziell auf Abschaffung der humaniden Arbeit abzielt, erfordert Luxus dagegen deutlich mehr Handarbeit auch in der Beibringung von Vorprodukten und Rohstoffen. Damit ist Spezialisierung auf Hochwertigkeit geboten, die einkommensstarke Arbeitsplätze ohne zwanghafte Kostenbegrenzung schafft. Natürlich wird auch ein Hersteller von Luxusgütern seine Zulieferer danach auswählen, wer die benötigte Qualität am günstigsten liefert, aber die Basis seiner Existenz bleibt die Qualität ohne Abstrich. Er wird sich nicht mit dem zweitbesten Leder zufrieden geben, um einige Cent zu sparen.
Wenn wir Raumfahrt einmal als einen Luxus der Industrienationen voraussetzen wollen, so zeigt sich auch hier, dass die enormen Kosten für Satelliten und Raketen nicht nur durch hohe Gehälter für die Techniker, sondern auch durch hochspezialisierte Vorprodukte und spezielle, in kleinstem Maßstab produzierte Werkstoffe zustande kommen. Ähnlich verhält es sich mit den hohen Kosten für Forschung, die teilweise durch den Bau von maschinellen Prototypen oder aufwendigen Hilfsmitteln für die Wirk- und Werkstofferzeugung oder Separierung
verursacht werden. Erst später sorgt die Verfahrenstechnik mit kostengünstigen Lösungen für die Grundlagen einer Serienproduktion.
Auf diese Weise wird Einkommen in einem bestimmten hochwertigen Marktsegment nicht nur generiert, sondern auch je nach Spezialisierung verteilt. Die Verteilung reicht aber auch weiter hinab. Auch der Fensterputzer hat noch etwas von der Existenz eines Gucci-Ladens, nur wird ihm der Pächter nicht mehr für seine Leistung zahlen, als der Bäcker nebenan.
Ein immer wieder bestätigtes Klischee zeigt eine Neideinstellung, nach welcher Luxus immer das ist, was der Nachbar hat und man sich selbst nicht leisten kann. Luxus ist verdächtig. Er provoziert Mutmaßungen, nach denen es “nicht mit rechten Dingen zugehen kann”. Und er erzeugt das Gefühl von Ungleichheit.
Freiheit und Gleichheit wird gemäß den Menschenrechten immer wieder zitiert. Diese Gleichheit bezogen auf Chancen und Möglichkeiten hat viel mit Gleichbehandlung zu tun und wenig mit Einkommen und Besitz. Das menschliche Individuum hat in allen sozialen Ebenen gleichermaßen das Bedürfnis, sich abzugrenzen oder sich auszuzeichnen. Selbst in ärmsten Kreisen ist dieses Bestreben sichtbar, etwas zu “besitzen”, was ein anderer nicht hat. Oder es ist die bloße Macht, notfalls das Faustrecht des Stärkeren. Es wirkt in die Gruppe hinein, selbst wenn nach außen eine Solidarität gegenüber anderen Gruppen existiert.
Das Abgrenzen dient der Selbstbestätigung und im engeren Sinne damit der Auszeichnung. Es buhlt darum, beachtet zu werden. Und es ist Selbstbelohnung und Beweis “mich gibt es”.
Neid kann in produktiv und unproduktiv unterteilt werden. Unproduktiv ist das
Ungerechtigkeitsempfinden. Produktiv dagegen ist der Anreiz, die Motivation, es auch zu schaffen. Das Argument der Gleichheit wird häufig bemüht, um den Neidgedanken zu legitimieren.
Eine interessante Frage ist doch, was bringt der Verzicht auf Luxus für die Armen dieser Welt? Wenn die Frage auf Konsumverzicht abzielt, so lautet die Antwort: weitere Nachteile. Es ist die Kette von rückläufigem (Luxus-) Konsum, rezessiven Zulieferungen, stagnierenden Investitionen, kurzum depressiver Konjunktur. Das “Luxus” wurde in Klammern gesetzt, um erneut auf die fließenden Grenzen hinzuweisen.
Kapital ist zweifelsfrei in so hohem Maße vorhanden, dass ein Verzicht auf Luxus nicht einmal notwendig ist. Die Frage richtet sich somit eher an ein soziales Gewissen, an Freizügigkeit und Verantwortlichkeit. Dazu gehören sinnvolle Investitionen in die dritte Welt, die gezielte Hilfe zur Selbsthilfe.
Das Bild wird abgerundet durch die Feststellung, dass selbst die Erzeugung von “Luxus” in der dritten Welt sinnvoll ist. Nur sind damit eben nicht goldene Wasserhähne gemeint, sondern Werkzeuge, gute hygienische Zustände, ausreichende Nahrung und Energie. Und es sind Güter an der Grenze zur nächst höheren sozialen Schicht, die Anreiz für Eigenleistung und Eigenverantwortung bieten. Es ist “relativer” Luxus.
“Kann es ein Zuviel an Kapital geben?” ist eine viel diskutierte Frage. Sie wurde in dem vorangegangenen Abschnitt aufgrund der enormen Menschheitsaufgaben bereits mit “nein” beantwortet. Die Funktion von Luxus weist uns auf einen weiteren Aspekt hin.
Je mehr Menschen sich auf der Leiter des Luxus nach oben bewegen können, desto mehr wird hochwertig produziert (was den Trend zum Discounting und seiner anhängigen Billigproduktion etwas abschwächt). Und wo es nicht um Produkte geht, sind entsprechend hochwertige Dienstleistungen gemeint.
Gleichzeitig passiert aber etwas ganz wichtiges. Wir wissen, dass Luxuskonsum erst dann einsetzt und einsetzen kann, wenn Grundbedürfnisse und Sicherheitsvorkehrungen (Sparen) hinreichend abgedeckt sind. Die Anhebung des Vermögens einer breiten Mittelschicht ist daher wünschenswert, worunter eine Verbesserung der Bedingungen für unterste Schichten nicht leiden darf. Mit allgemein zunehmender Prosperität wird die Konsumschicht (Konsumbasis) in dem Maße verbreitert, wie die Möglichkeiten jenseits der Grundversorgung wachsen. Dies ist bei den Superreichen nicht mehr gegeben. Bei einem Milliardär dürfte es schon längst keine Steigerungsmöglichkeit zum Luxuskonsum mehr geben. Er leistet sich ohnehin alles, was sein Herz begehrt.
Mit anderen Worten, der Schlüssel liegt im Grenzbereich mittlerer Schichten. Je breiter dort Vermögen gestreut wird, desto mehr wird Konsum über die Grundversorgung hinaus stimuliert. Dies ist konjunkturell gewollt. Der Verbrauch von Kapital steigt als Alternative zur Investition.