Geld als Schuldverhältnis und handelbares Gut

So wie früher der Tausch gegen Gold von Staaten garantiert wurde, so wird heute ein Tausch in eine andere Leistung garantiert. Die Garantie liefert die gesamte funktionierende Volkswirtschaft. Der Staat ist Garant in der Form eines Vermittlers.

Wenn wir Geld als Schuldverhältnis erkannt haben, so wird modifiziert sich die Beschreibung als Leistungspfand zu Leistungsdifferenz. Es ist ein noch nicht ausgeglichener Teil im globalen Leistungsabgleich. Es bedeutet ferner, dass die wirkliche Menge des Geldes gleich der Menge aller offenen Forderungen innerhalb einer Volkswirtschaft ist. Es handelt sich dabei also um eine effektive Momentaufnahme, die praktisch nicht genau summierbar ist. Konjunktur geht demnach also einher mit erhöhtem Kreditvolumen, das einerseits durch Bankkredite (in Verlängerung der Refinanzierung durch die Zentralbanken) und andererseits durch vorüber gehende Kreditierung durch einen Lieferanten geschaffen wird. Eine ansteigende Konjunktur ist gleichsam wachsendes Geschäftsvolumen, gleichsam auch eine wachsende Kreditierung und damit eine zu diesem Zeitpunkt wachsende Geldmenge.

Kehren wir zurück zu unserem Höhlenbewohner. Der Handel schöner Stein gegen Fleisch hat stattgefunden. Damit kann später Freund “Jäger” Kleidung in genau definierter Menge von “Schneider” einfordern. “Jäger” findet nun durch Zufall einen weiteren schönen Stein und legt ihn einfach zu dem ersten. Damit fordert er später die doppelte Menge Felljacken ein, womit der arme Fellverarbeiter doppelt soviel arbeiten, doppelt soviel leisten muß. Umgekehrt ist sein Geld für ihn weniger Wert geworden, weil er länger für die Rückzahlung seiner Verbindlichkeit (die auf illegale Weise verdoppelt wurde) arbeiten muß. Sofern “Schneider” sich die Menge der von ihm vergebenen Steine gemerkt hat, wird er gegen die Einforderung rebellieren. Wir lernen hier die notwendige allgemeine Akzeptanz als Voraussetzung für gültige Zahlungsmittel. Wenn diese Akzeptanz wegfällt, bedeutet dies eine sofortige Rückkehr zum Tauschhandel Nahrung gegen Kleidung. In Kriegs- und sonstigen Krisenzeiten werden als Ersatzgeld häufig Alkohol und Zigaretten benutzt.

Der hinzu geschummelte Stein zeigt, was passiert, wenn Staatsführer unkontrolliert die Notenpresse anwerfen. In unserem Beispiel steht dem zusätzlichen Stein keine Leistung gegenüber. Inflation bedeutet, heute Geld auszugeben, dessen Gegenleistung erst in der Zukunft erarbeitet werden muß. Auf Inflation gehen wir noch gesondert ein.

Geld sehen wir güterwirtschaftlich auf der einen Seite und als Leistungspfand auf der anderen. Wenn wir verschiedene Aggregatformen von diesem Geld betrachten,
- - ein Vorrat von Leistungspfand
- - Überschuß und Mangel
- - Mangel "kauft" gegen Entgeld (=Zins) vom Überschuß
so hat sich damit Kapital zu einem handelbaren Gut entwickelt*().

*(Nach Prof. H. Peter Kisker, FU-Berlin, wird von Marx mit der Möglichkeit der Schatzbildung, d.h. dem “verkaufen ohne zu kaufen“ (W-G) der quantitätstheoretische Zusammenhang zwischen Wertzeichenmenge und Preisniveau zerrissen und so ein Einfluß der monetären Sphäre auf die reale Sphäre begründet. Geld wird zu Ware.)

Wenn wir Geld als Darstellung eines Schuldverhältnisses entdeckt haben, wie würde sich dessen sofortiges Ende durch Ab- und Ausgleich auswirken? Es handelt sich um ein rein theoretisches Gedankenspiel. Der erste nahe liegende Gedanke, ist die Rückbuchung von Krediten. Dabei werden Guthaben teilweise oder ganz aufgezehrt und für überbordende Beträge verpfändete Sicherheiten wechseln den Besitzer. Nicht gedeckte Reste von Krediten müßten als Verlust abgeschrieben werden. Der zweite nahe liegende Gedanke, sämtliche Guthaben zum Erwerb von Produkten, Dienstleistungen und Wertgegenständen zu benutzen, schlägt fehl, da das Entgelt wiederum als Guthaben bei dem jeweiligen Verkäufer landet. Übrig bleibt Bargeld und Guthaben. Dem gegenüber stehen ausgebuchte Verluste aus Kreditvergaben. Sämtliches Vermögen hat nun entweder einen neuen Besitzer gefunden oder verbleibt bei dem alten. Um diesen erdachten Zustand aufrecht zu erhalten, müßte fortan sämtliches Handelsgeschehen als Tauschgeschäft vollzogen werden, da nur hierbei jedes Schuldverhältnis sofort ausgeglichen würde.

Für das Bargeld als Teil des von uns betrachteten Geldes stellt der Staat die Garantenfunktion stellvertretend für die produktive Volkswirtschaft. In gewisser Weise müßte also der Staat das Bargeld im Zuge unserer erdachten Bereinigung zurücknehmen. Er würde dies ersetzen müssen durch Zusage von Leistung aus der Produktivität der Volkswirtschaft, was nichts weiter als eine Form von Guthaben ist. An dieser Stelle ist Bargeld verschwunden indem sich das Volumen Guthaben entsprechend vergrößert hat. Mit der Einführung der Geldkarte als alleiniges Zahlungsmittel oder der vollständigen Umstellung auf eine andere bargeldlose Zahlweise hätten wir die selbe Situation erreicht.

Wenn im Zuge des Tauschhandels kein offenes Schuldverhältnis verbleibt, so könnte dies zu der Annahme verleiten, dass im Tauschhandel keine wirtschaftlichen Überschüsse möglich sind. Unsere Höhlenbewohner “Jäger” und “Schneider” belehren uns eines Besseren. “Jäger” kann sich Felljacken auf Vorrat zulegen und statt Nahrungsmittel auch eine Steinaxt oder das High-Tech-Werkzeug “Pfeil und Bogen” anbieten. “Schneider” kann Felljacken auf Vorrat produzieren und Rohfelle aus seiner Nachbarschaft dazu kaufen. Vor allen Dingen kann sich in all diesen Tätigkeiten das Tauschverhältnis (der Preis) verändern. Wenn “Schneider” des Hungers darbt, hebt “Jäger” möglicherweise seine Preise an. Die Produktivität der Marktteilnehmer kann selbstverständlich zu Überschüssen führen.

Natürlich gibt es Bereiche, in denen kein verkörperlichtes Ergebnis erhalten bleibt. Herrn “Jäger” läßt sich Parasiten vom Rücken absammeln oder eine Rückenmassage zukommen, für die er einen gefangenen Fisch herausrückt. Massagen und Körperpflege kann er sich solange leisten, bis seine freien Vorräte an Nahrungsmitteln zur Neige gehen. Danach könnte er seine tollen Werkzeuge (Besitztum, Vermögen) als Gegenwert zu gekaufter Dienstleistung verpfänden. Er kauft also Dienstleistung ein und verringert damit seinen Besitztum. Das Gegenstück des Überschusses ist Überschuldung. “Jäger” ist überschuldet und “Schneider” kassiert dessen Höhle ein, weil sie über eine viel besser funktionierende Feuerstelle verfügt als seine alte. Bei “Schneider” führt die Überschuldung von “Jäger” zur einer Ansammlung von Überschuß. Egal, ob “Jäger” sich nun verschuldet oder erst für neue Nahrung sorgt, bevor er Körperpflege einkauft, so haben wir jedenfalls dabei entdeckt, dass die Produktivität sich zum einen in verkörperlichtem Leistungsüberschuß niederschlagen kann, oder aber mit entsprechender Gegenleistung verbraucht wird.

Der Leistungsüberschuß in Form von Vermögen, ist der Bewertung durch Marktbedingungen ausgesetzt und schwankt daher. Die Bewertung der Leistung selbst unterliegt aber ebenfalls gewissen Marktbedingungen. Die Bewertung von Stundenlohn als Anteil an einem fest definiertem Produkt (Leistung) ergibt Kaufkraft. Ein Stundenlohn von 8 EURO kann damit eine Kaufkraft von z.B. 2,7 Schwarzbrote bedeuten. Allerdings zu einem bestimmten Zeitpunkt, zu dem nämlich der Stundenlohn rund 8 EURO und der Preis für ein Schwarzbrot 2,96 EURO beträgt. Kaufkraft wird also als temporärer Bewertungsmaßstab für den Preis einer bestimmtem Quantität Leistung benutzt.

Die Bewertungsfrage tauchte bereits bei der Betrachtung der Entstehung von Geld auf. In unserem Beispiel der Leistung austauschenden Höhlenbewohner mußten beide Parteien sich über die Bewertung von Leistung und Gegenleistung einig werden. Für eine Felljacke reichte die Bezahlung mit drei Brombeeren sicher nicht aus, es mußten wahrscheinlich fünf Körbe voll sein und ein halber Zentner geangelter Fische noch dazu. Damit offenbart sich die Bewertung bereits als Basis für einen Leistungsaustausch und ein sich anbahnendes Schuldverhältnis. Die freiwillige Einigung der Marktteilnehmer bildet damit auch die Basis für Geld. In einem erzwungenen Beispiel würde der Stärkere dem Schwächeren vorschreiben, wie das Verhältnis auszusehen hätte. In der Konsequenz könnte er auf die Gegenleistung dann gleich ganz verzichten und sich einfach nehmen, was sein Herz begehrt. Dabei könnte man nicht mehr von Leistungstausch reden und bei schlichtem Diebstahl oder Raub wäre auch das Wesen des Geldes unwichtig.