Jeden Tag sehen wir sie in der Berichterstattung, in Fetzen gehüllte, ausgemergelte Gestalten, hungernd, frierend, kaum noch Mensch. Sie bitten mit leeren Augen hoffnungslos um etwas Brot oder eine Handvoll Reis, sie erregen unser Mitleid, zwifellos. Abgestumpft ob der Fülle und der Wiederholung der Bilder fragen wir uns, ob dies wirklich so sein muss? Aber manch einer ahnt auch, dass die Medien uns mit sich gut “verkaufenden” Extrembilder einschüchtern, aufrütteln wollen, ein latent schlechtes Gewissen an die Oberfläche des Bewusstseins aufschwemmen lassen wollen.
Manch einer stellt sich vor, dass es doch unmöglich sein kann, dass so und nicht anders der “Rest der Welt” vor sich hin stirbt. Und tatsächlich entdecken wir Leben außerhalb unserer Wohlstandsgrenzen. Es sind Menschen, die aus ihrer Situation das Notwendige machen, manchmal sogar das Beste. Aber was ist das Notwendige? Es ist das, was von dem Umfeld, von Terrorregimen, Korruption und rechtsfreiem Raum übrig gelassen wird, um Eigeninitiative zu entwickeln. Eigeninitiative? Das klingt nach Unternehmertum. Es kann aber auch nur schlicht Kampf um das Überleben bedeuten. Ein Bündel Brennholz, das auf dem Marktplatz gegen etwas Essbares getauscht wird.
Wir ahnen, dass das Leben dort in der Nachhol-Welt*() irgendwie funktionieren muss, wenn auch nach unseren Maßstäben nicht besonders gut. Wir sehen Bretterhütten, in denen Menschen hausen, einige haben genügend Material zum Ausbau herangeschafft. Wer das Geschick hat, das Wenige, was er besitzt, emporzutauschen, oder wer das Glück hat, Zugang zu irgendwelchen westlichen Waren zu haben, der ist schon fast Mittelschicht.
*(Semantische Anmerkung:
Um leidige Diskussionen über Vorbehalte oder Sinn über die Begriffe Dritte Welt oder Entwicklungsländer zu vermeiden benutzen wir hier “Nachhol-Welt”. Es verkürzt und vereinfacht hier die Darstellung, und wir meinen damit alle Staaten, die einen Nachhol-Bedarf haben in wirtschaftlicher Entwicklung. Dazu gehören die Staaten des ehemaligen Ostblocks ebenso wie Entwicklungsländer oder je nach Grenzziehung Schwellenländer.)
Instinktiv vermuten wir keinerlei Eigentum bei diesen 80 Prozent der Nachhol-Welt, die hier beschrieben wurden. Und dennoch nennen sie 9,3 Billionen US-Dollar ihr Eigen, oder zumindest ihren Besitz*(1). “9,3 Billionen Dollar sind ungefähr doppelt so viel wie die gesamte im Umlauf befindliche Geldmenge der Vereinigten Staaten, fast soviel wie der Gesamtwert aller Unternehmen, die an den wichtigsten Börsen notiert werden ...” *(2)
*((1) Anmerkung:
Für alle, denen die Schule den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum vorenthalten hat, sei der Besitz als temporäre Realität der Benutzung dargestellt, während das Eigentum das verbriefte Zugriffs- und Veräußerungsrecht beschreibt. Das Eigentum einer Person kann sich also durchaus im Besitz einer anderen Person befinden. Dies kann durch Verpachtung, vorübergehenden Überlassung zur Nutzung oder auch durch Okkupation durch den in Besitz nehmenden geschehen.
- - - - - - - - - - *((2) Zitat aus: Soto, Hernando de: “Freiheit für das Kapital - Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert”, Rowohlt, 2002)
9,3 Billionen ist “verdammt viel Holz” für die Ärmsten der Welt. Wie kommt Hernando de Soto, peruanischer Wirtschaftswissenschaftler und aktiver Gestalter im Dienste gegen die Armut, und sein Team zu dieser Zahl?
Vor gut zwanzig Jahren wurden diese Wissenschaftler von der Frage bewegt: Warum funktioniert der Kapitalismus in der westlichen, aber nicht in der Nachhol-Welt? Sie tauschten ihren Schreibtisch im Elfenbeinturm mit den Straßen und den Warteschlangen vor Behörden in fünf Ländern auf vier Kontinenten. Sie versuchten nach den dort gültigen Regeln offiziell Firmen zu Gründen und Gebäude zu errichten und mussten feststellen, wie sehr die Geflogenheiten in Kairo, Lima, Manila, Mexico-City und Port-au-Prince den sprichwörtlichen Deutschen Amtsschimmel zum lächerlichen Schaukelpferdchen degradierte.
Das Team um de Soto hat aber nicht nur durch die Praxis empirisch gelernt, sondern gleichzeitig Besitztum den Umständen entsprechend bewertet, katalogisiert, in Tabellen gefasst. Bei aller Hochrechnung weist de Soto darauf hin, dass diese Schätzungen eher zu niedrig als zu hoch ausfallen. Und er prangert an, dass die richtigen Schlüsse daraus noch nicht gezogen wurden.
Hören wir zunächst de Soto kurz zu:
“Stellen Sie sich ein Land vor, in dem niemand feststellen kann, wem was gehört, in dem sich Adressen nur schwer überprüfen lassen, Menschen nicht dazu gebracht werden können, ihre Schulden zu bezahlen, Eigentum nicht in Aktien aufgeteilt werden kann, Beschreibungen von Vermögensgegenständen nicht standardisiert und daher nicht leicht zu vergleichen sind und die Regeln, die die Eigentumsverhältnisse festlegen, sich von Stadtviertel zu Stadtviertel oder sogar von Straße zu Straße verändern. Soeben haben Sie sich in das Leben eines Entwicklungslandes oder eines ehemaligen kommunistischen Staates hineinversetzt, genauer, in das Leben von 80 Prozent ihrer Bevölkerung ...”
Wenn eine Person in in einem korrupten System, welches ohnehin ohne Rechtssicherheit dahin vegetiert, ein Haus errichten möchte und die offiziellen Genehmigungsgänge sich über acht oder zehn Jahre erstrecken, die dazu notwendigen Bestechungsgelder die Kosten für das benötigte Material um das zigfache übersteigen, so wird sich niemand darüber wundern, wenn der Bau wild und ungenehmigt in einen zufällig freien Flecken der Landschaft gesetzt wird, in keinem Grundbuch, in keinem Plan vermerkt.
Straßenhändler betreiben ungenehmigt und unkontrolliert ihr Geschäft und haben damit einen wesentlichen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung. Sie sind aber weder imstande ihr real existierendes Geschäft zu expandieren, noch Kapital dazu durch Beleihung ihrer kärglichen Hütte aufbringen zu können. De Soto nennt es den unterkapitalisierten Bereich. Dieser Bereich ist keineswegs fiktiv, sondern er wirtschaftet und ernährt nach de Soto 80 Prozent der Menschen in diesen Regionen. Es ist Ökonomie in einem “extralegalen” Bereich, also außerhalb der Legalität, aber mit gesellschaftlich wichtiger Funktion, weshalb de Soto ihn nicht als “illegal” bezeichnet.
De Soto berichtet uns, dass 1993 die mexikanische Handelskammer die Zahl der Straßenverkaufsstände im Regierungsbezirk Mexico City auf 150.000 schätzte, wozu weitere 293.000 in 43 anderen mexikanischen Ballungsgebieten hinzu kamen. Allein die Straßenhändler Mexico Citys würden aufgereiht nebeneinander eine Strecke von 210 km Länge mit ihren Buden bedecken. 1994 unternahm das mexikanische Statistikamt den Versuch, im ganzen Land die Zahl der extralegalen Mikrounternehmen zu erfassen. Man kam auf insegesamt 2,65 Millionen nicht registrierter Läden, Büros und Fertigungsstätten. Alles reale Beispiele für das pulsierende Wirtschaftsleben im “unterkapitalisierten Sektor der Gesellschaft” (de Soto).
Das Ergebnis dieser von de Soto und seinen Wissenschaftlern im Verlauf von zwanzig Jahren Nobelpreis verdächtiger Forschung festgestellten Situation ist Anarchie. Es handelt sich um realen Besitz, der nicht einklagbar, nicht beleihbar, nicht pfändbar ist. Es ist toter Besitz, der nicht als aktives Kapital in einem funktionierenden Wirtschaftskreislauf für Mehrwert sorgen kann, in einem Kreislauf, der nach dem A-B-C-Modell Mehrwert, also Überschuss und frisches Kapital generiert. De Soto beschreibt die vordringliche Aufgabe der Regierungen aller Länder der Nachhol-Welt als “Kapitalisierung der Armen”.
Damit wird die Wandlung von extralegalem Besitz in integrierte, formale Eigentumssysteme verlangt, damit dem toten Besitz Leben als aktives Kapital eingehaucht werden kann. Repräsentiertes Eigentum bedeutet beurkundetes, verbrieftes Recht. Grundbucheintragungen, Pfandbriefe, Schuldscheine, je selbst Geldscheine gehören dazu. Dies alles sind außerdem Teile von Repräsentationssystemen, gleichauf mit der Errungenschaft von Schrift oder dem Gebrauch von arabischen Ziffern. Neu entwickelte Repräsentationssysteme haben die Menschheit stets ein gutes Stück weiter gebracht. Wir erleben heute virtuelles Geld als Guthaben und in der Form von Ziffern auf Konten. Die Repräsentation genügt (zusammen mit dem allgemein akzeptierten Vertrauen in das System), um den Wert nutzbar zu machen und die Transaktionskosten dabei gegenüber früheren Methoden sogar noch zu senken.
Genau um diese Transaktionskosten geht es auch, wenn repräsentiertes Eigentum den früher unverbrieften Besitz fortan fungibel macht. Fungibel bedeutet austauschbar und kennzeichnet das Faktum, dass Transaktionen wie Verkauf oder Beleihung auf diesem vereinfachten Weg auch mit Personen außerhalb des engen Kreises von Vertrauten möglich werden. Der bloße Besitz erhält in der Form des verbrieften Eigentums einen zugeschriebenen Wert und lässt so direkte Vergleiche mit andersartigen Vermögensgegenständen zu, selbst über große Entfernungen hinweg*().
*(De Soto dazu: “Eigentumsrepräsentationen ermöglichen uns, das wirtschaftliche Potenzial unserer Ressourcen so zu bestimmen, dass wir die Möglichkeiten dessen, was wir mit Ihnen tun können, erweitern.” -
Soto, Hernando de: “Freiheit für das Kapital - Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert”, Rowohlt, 2002)
Nach den Berechnungen des De-Soto-Teams leben auf den Philippinen 57 Prozent der Stadtbewohner und 67 Prozent der Landbewohner in extralegalen Wohneinheiten, die totes Kapital repräsentieren. Auf Haiti sind es 68 Prozent in der Stadt, gewaltige 97 Prozent auf dem Land, in Ägypten 92 Prozent (Stadt) und 83 Prozent (Land). Einen besonders hohen Wert stellen diese Gebäude nach westlichen Maßstäben nicht dar, allerdings ist es deren Summe, die ein hohes Potenzial bildet. So kostet eine Elendshütte in Port-au-Prince kaum 500 Dollar, eine Hütte an einem verdreckten Wasserlauf in Manila 2.700 Dollar und ein halbwegs stabiles Haus im Außenbezirk Kairos rund 5.000 Dollar. Ein Luxus-Bungalow auf den Hügeln über Lima mit Garage und Panorama-Blick wird mit 20.000 Dollar angesetzt. Von den Elendsquartieren und deren ausgebauten Varianten gibt es eine unzählige Menge. Ihr Gesamtwert stellt das Vermögen der Reichen Oberschichten in den Schatten.
Der Wert des extralegalen Immobilienbesitzes auf den Philippinen beträgt nach de Sotos Erhebungen 133 Milliarden Dollar, was den vierfachen Wert aller 216 einheimischen Firmen darstellt, die an der philippinischen Börse notiert sind, siebenmal so viel wie alle Einlagen in den Geschäftsbanken des Landes, neunmal so viel wie der Wert aller ausländischen Direktinvestitionen. Gerade der letzte Vergleich deutet das schlummernde Potenzial an und weist darauf hin, dass die aktivierung des latenten heimischen Kapitals sinnvoller ist, als das Betteln um ausländische Investitionen. Diese Vergleiche auf Ägypten bezogen bedeuten einen Wert von 240 Milliarden Dollar für extralegale Immobilien = dem 30fachen der Kairoer Börsenkapitalisierung = dem 45fachen der ausländischen Direktinvestitionen.
Welches Potenzial steckt also in diesen mindestens 9,3 Billionen Dollar? Hernando de Soto hat uns in einem aufrüttelnden Vermächtnis eine vollkommen neue Sichtweise eröffnet und damit einige schwerwiegende Fragen beantwortet. Es ist schleierhaft, warum das tote Kapital der Ärmsten bisher von der Wirtschaftswissenschaft weitgehend unbeachtet blieb. Wahrscheinlich deshalb, weil das Thema auf den ersten Blick eher die Soziologie berührt.
Die Frage, warum frei bewegliches Kapital nur in den Industriestaaten erfolgreich ist, in der Nachhol-Welt jedoch wirkungslos bleibt, beantwortet de Soto mit dem Mangel an Repräsentation von Eigentum dort. Dieser systematische Fehler verhindert, dass der Besitz breiter Massen zu Eigentum transformiert und damit zu arbeitendem Kapital werden kann.
Warum aber ist die Repräsentation von Eigentum so wichtig? Dies wird deutlicher, wenn wir uns ansehen, mit welchen Worten Samuel Bowles, Professor der Volkswirtschaft an der Universität of Massachusetts Amherst seine Vorträge über Vertrauen beginnt:
“Das Problem wiederholte sich Jahr für Jahr. Keiner der Bauern in dem kleinen indischen Dorf Palampur wollte als Erster säen, aus Angst, die Vögel könnten über seine Körner als Erstes herfallen. Weil jeder auf den anderen wartete, wurden die Felder regelmäßig zu spät bestellt, die Ernte fiel weit geringer aus als möglich. Den Bauern gelang es nicht, die Aussaat gemeinsam in Angriff zu nehmen. Sie misstrauten einander zu sehr.”*()
*(Quelle: Wirtschaftswoche 1-2/2003, Silke Wettach)
Schon 1972 schrieb Nobelpreisträger Kenneth Arrow, dass wirtschaftliche Rückständigkeit zu einem großen Teil mit einem Mangel an gegenseitigem Vertrauen erklärt werden kann, dessen Vorteile in der Reduzierung von Transaktionskosten liegen. Aus diesem Grunde werden viele Geschäfte erst gar nicht realisiert, oder sie entfalten nur eine geringere ökonomische Wirkung. Wer relativ sicher sein kann, nicht von anderen Marktteilnehmern betrogen zu werden, kann sich Recherchen über Bonität und Redlichkeit seiner Handelspartner sparen. Diese Transaktionskosten werden von den Marktteilnehmern nicht direkt als Kosten wahrgenommen, sondern als Unsicherheit und Angst vor Übervorteilung erlebt.
Wer Kredite nur aus dm engsten Familien- oder Bekanntenkreis in Anspruch nehmen kann, ist in seinem wirtschaftlichen Tätigkeitsfeld stark eingeschränkt. Der Leistungsaustausch innerhalb einer Volkswirtschaft leidet darunter in einem beträchtlichen Maße.
Eine wirtschaftliche Existenz im Untergrund ist entgegen der allgemeinen Annahme nicht kostenlos. Abgesehen von den viel zu hohen (illegalen) Kreditkosten sind es erhebliche Transaktionskosten für Schutzmechanismen, das permanente Versteckspiel vor den Behörden, Bestechungsgelder und Korruption. In der Konsequenz dürfen die Kosten für legale Unternehmensführung diese extralegalen Kosten nicht übersteigen, da ansonsten wenig Hoffnung auf eine durchgreifende Verbesserung der anarchischen Situation besteht. Gerade die Staatseinnahmen und die Erlöse von Energie- und Wasserlieferanten hängen aber von der Legalisierung dieser Bereiche ab. Und mit ihnen der Ausbau von Infrastruktur und sozialen Einrichtungen.
So sehr Karl Marx in seinen Analysen des Kapitals richtig lag und auch dessen Ambivalenz in Eigentumswert einerseits und Beleihungssubstanz andererseits erkannte, so fatal ist die weltweite Konklusion daraus, dass die Reichen auf Kosten der Armen immer reichr werden und die Armen immer ärmer. Die Dramatik liegt in der Verkennung des Potenzials auch von “kleinem Besitztum”, was allerdings zu verbrieftem Eigentum transformiert werden muss*().
*(De Soto: “Marx würde heute wahrscheinlich schockiert zur Kenntnis nehmen, dass in den Entwicklungsländern ein Großteil der Massen nicht aus unterdrückten Proletariern besteht, die sich innerhalb des Rechtssystems befinden, sondern aus Kleinunternehmern, die sich außerhalb des Rechts bewegen und über beträchtliche Vermögenswerte verfügen.”)
Die Repräsentation von Eigentum, eingebunden in ein rechtsstaatliches Umfeld, gewährt dieses Vertrauen als universelles Transformationsmittel in der Gesellschaft. Der Effekt auf eine komplette Volkswirtschaft wurde erstmals von de Soto in dieser klaren Form ausgedrückt und vorgerechnet und erscheint uns fortan als logische Basis für Wachstum und Prosperität.
Wenn erkannt ist, dass der wirtschaftliche Erfolg des Westens auf den Säulen von formalen Eigentumssystemen beruht, dann ist der erste Schritt getan. Die grundlegende Funktion von Besitz bezieht sich dann nicht länger nur auf Benutzung, so wie eine Hütte zum Wohnen benutzt wird, sondern eine zweite Funktion als Kapitalträger entsteht. Damit stellen wir die Ambivalenz von Eigentum als Basis für die Ökonomie fest. Fungibles Eigentum gehört damit in die Wiege der Wirtschaft hinein, als Grundlage und als Teil eines entstehenden Wirtschaftskreislaufes.
Zitieren wir noch einmal de Soto:
“Nehmen wir Bill Gates, den erfolgreichsten [...] Unternehmer der Welt. Inwieweit verdankt er diesen Erfolg, von seinem persönlichen Talent abgesehen, seinem kulturellen Hintergrund [...]? Und wieviel verdankt er dem Eigentumssystem der Vereinigten Staaten?
Wie viele Softwareinnovationen hätte er ohne Patentschutz entwickeln können? Wie viele Geschäfte und langfristige Projekte hätte er abwickeln können ohne gerichtlich durchsetzbare Verträge? Wie viele Risiken hätte er eingehen können ohne Haftungsbeschränkungen und Versicherungspolicen? Wieviel Kapital hätte er akkumulieren können ohne Eigentumsregister zur Erfassung und Aufbewahrung dieses Kapitals? Wie viele Ressourcen hätte er zusammenlegen können ohne fungible Eigentumsrepräsentationen? Wie viele andere Menschen hätte er zu Millionären machen können ohne die Möglichkeit, Aktienbezugsrechte zu vergeben? Aus welchen Größenvorteilen hätte er Nutzen ziehen können, wenn er sich auf weit verteilte Heimindustrien hätte stützen müssen, ohne die Möglichkeit, sie zusammenzulegen? Wie könnte er die Rechte an seinem Imperium ohne gesetzlich geregelte Erbfolge seinen Kindern und Kollegen übereignen?”
Und beschließen wir mit de Sotos Feststellung:
“Richtig betrachtet sind die Armen nicht das Problem, sondern die Lösung!”
Das Sugarscape-Modell:
(Wirtschaftswoche, NR.21 vom 15.5.1997, S.34, “Wenige Reiche und viele Arme”)
Zur Frage des Gleichgewichts haben Robert Axtell und Joshua M.Epstein ein aufschlußreiches Experiment durchgeführt.
Ihr Sugarscape-Modell ist eine vom Computer simulierte Umwelt, in der computersimulierte Bewohner leben. Das Besondere an den Bewohnern ist, dass alle voneinander verschieden sind, eine Errungenschaft, die bis dato (1997) einzigartig war unter den Computersimulationen. Abschied vom homo oeconomicus, nannte Epstein es in einem Interview, und Axtell ergänzte, dass spätere Rechner nicht mehr nur eine Million verschiedener Sugarscape-Bewohner verkraften sollen, sondern bis zu zehn Millionen, und das sind dann schon kleine Staaten. Schon der italienische Ökonom Vilfredo Pareto *() hat geglaubt, dass an einer ungleichen Einkommensverteilung (...) wenig zu machen sei. Axtells und Epsteins computersimulierte Sugarscape-Gesellschaft, um diese oft diskutiert und erweiterte These zu untersuchen, sah so aus: Wenige Arme, viele Wohlhabende, wenige Reiche.
Und die Pointe: (...) je intensiver der gesellschaftliche Handel wird, desto stärker verschiebt sich der Wohlstand hin zu wenigen Reichen und läßt viele Arme zurück.
*(Anmerkung:
Paretozustand: (...) Zustand der Wirtschaft, bei dem es nicht mehr möglich ist, die Situation eines Teilnehmers zu verbessern, ohne dass ein anderer Teilnehmer schlechter gestellt wird. Wenn es dagegen durch Umverteilung von Gütern möglich ist, die Situation aller zu verbessern, dann ist ein ParetoOptimum nicht erreicht. In einem marktwirtschaftlich organisierten System verhindern Externalitäten i.d.R. die Erreichung eines ParetoOptimums bzw. einer effizienten Allokation. Externalitäten sind Einflüsse, die durch die Aktivität einer Wirtschaftseinheit (Konsument, Produzent) direkt auf andere Wirtschaftseinheiten ausgeübt werden. aus: “Wirtschaftswoche/21/15.5.1997” S.34)
- - - - - - - - - - *(Lätzer, Stefan: Evolutorische Ansätze
zur Erklärung der Technikentwicklung
-im Seminar bei Prof. Dr. Bechtle, Humbold Universität Berlin-
www.egel-tegel.de/wissenschaft/technik/technik-evol.htm)