Die meisten Menschen denken bei dem Begriff der Globalisierung an weltweit operierende Konzerne, an die "Coca-Colas" dieser Welt. Oder sie denken an interkontinental fusionierende Konzerne, die "Daimler-Chryslers" dieser Welt. Es liegt auf der Hand, dass diese Sichtweise nicht einmal ansatzweise die Komplexität dieses Themas beschreibt. Um das Wesen der Globalisierung zu erfassen bedarf es mehr, als nur die wirtschaftlich relevanten Faktoren zu sehen.
Globalisierungsgegner gehen davon aus, dass einer Gruppe von Personen, verschiedenen Institutionen oder den Industriestaaten als Ganzes die Schuld an einem Prozeß gegeben werden kann, den wir Globalisierung nennen. Die Summe vieler individueller Einzelentscheidungen hat den Prozeß in Gang gesetzt. Weder eine Einzelperson oder eine Gruppe, noch ganze Völker können als "Verursacher" ausgemacht werden. Selbst die bloße Einflußnahme auf deren Entwicklung erscheint schwierig. Globalisierung ist ein evolutionärer Prozeß, dessen Beginn durch den kalten Krieg verschleppt und hinausgezögert worden war. Diese Feststellung ist keine Wertung und sagt damit nichts über gut oder schlecht der Entwicklung aus.
Thomas L. Friedman als hochkarätiger außenpolitischer Korrespondent und Wirtschaftsfachmann beschreibt perfekt das Ineinandergreifen verschiedener Dimensionen in der Betrachtungsweise. Friedman prägte den Begriff der "sechsdimensionalen Informationsarbitrage". Arbitrage, das finanzwirtschaftliche Wort für Wertdifferenz, ist als Beschreibung von unterschiedlicher, manchmal gegensätzlicher Sichtweise zu ein und dem selben Thema interessant *(). Diese Informationsarbitrage schärft den Blick für das Große und Ganze, für das Globale. So ist die Sichtweise eines Umweltschützers sicher eine andere gegenüber der eines Finanzexperten. Und die eines Technologie-Spezialisten ist eine andere gegenüber einem strategisch denkenden Militärexperten. Aber genau in der Verwirklichung der gemischten Strategie, die wir aus der Spieltheorie kennen, liegt das Geheimnis und die Kraft der vielen, teilweise stark konträren Meinungen.
- - - - - - - - - - *(Friedman, Thomas L.: "Globalisierung verstehen", Ullstein1999)
Die erwähnten Dimensionen werden als Politik, Kultur, Sicherheit, Finanzmärkte, Technologie und Ökologie beschrieben. Die dritte Dimension Sicherheit meint die Notwendigkeiten und Folgen von Rüstungskontrolle, Konkurrenz zwischen den Supermächten und Bündnispolitik der Gegner im Kalten Krieg. Als vierte Dimension treten die Finanzmärkte mit ihrer ganzen globalen Kraft hinzu. Als fünfte Sichtweise: die Technologie. Als sechste (und Friedman läßt offen, dass es durchaus weitere Dimensionen der Sichtweise geben könnte) die Ökologie.
Von keiner dieser Dimensionen kann man behaupten, dass sie allein die Grundlage für Globalisierung bildet. Sie ist weder ohne die gewaltigen technologischen Fortschritte noch ohne die freie Fluktuation auf den Finanzmärkten denkbar, ebenso wenig ohne die anderen drei. Alle diese Dimensionen greifen ineinander, beeinflussen sich gegenseitig, ein neuronales Netzwerk der weltweiten Evolution. Die Globalisierung, ein sich rekursiv entwickelndes System.
"Lexus und Olivenbaum" sind Friedmans Synonyme für Fortschritt/Prosperität und Konservatismus. Der ewige Zwiespalt zwischen dem "Lexus" als japanisches Luxusauto und dem Wunsch der Menschen, in ihrer Kultur verwurzelt zu bleiben, gleichsam unter dem "Olivenbaum" zu verharren.
Die ablaufende Globalisierung ist eine Revolution, wie es sie in der Menschheit noch kaum gegeben hat. Ob man die Industrialisierung oder die Entdeckung und Nutzbarmachung der Elektrizität als solche Revolutionen bezeichnen mag, es hat den Anschein, als wäre die Macht der Globalisierung und ihre Auswirkungen nicht minder bedeutend. In einhundert Jahren wird die Geschichte dies exakt beschreiben können.
Begonnen hat diese Revolution mit dem Ende das Kalten Krieges. Seither gelten die wichtigsten Konkurrenzsysteme zum marktwirtschaftlichen Kapitalismus als gescheitert. Der Kapitalismus gilt nicht mehr als Schimpfwort, seit staatlich gelenkte Wirtschaft im Kommunismus wie auch im Sozialismus versagt hat. Selbst die bisher erfolgreichste staatlich gelenkte Volkswirtschaft ist nach einem guten Jahrzehnt des wirtschaftlichen Einbruchs dabei sich zu liberalisieren: die japanische. Auch China hat die Notwendigkeit zur Öffnung erkannt, wenn diese auch nur sehr behutsam betrieben werden kann.
Es gilt als sicher, dass die Globalisierung ohne das Ende des Kalten Krieges nie die heutige Geschwindigkeit und Kraft ihrer Entwicklung erreicht hätte. Friedman macht drei folgenschwere Demokratisierungsprozesse aus.
Die erste und grundlegende ist die Demokratisierung der Technologie. Als in den siebziger Jahren Computer in den Firmen Einzug hielten, war kaum die weitere Entwicklung abzuschätzen. Veränderungen in der Telekommunikation (wer kennt noch einen Fernschreiber?), auch evolutionäre Entwicklungen ausgehend von der Hardware-Miniaturisierung und schließlich die Digitalisierung von Daten jeglicher Art und deren Kompression auf kleinstmöglichen Speicherbereich und letztendlich die immer preisgünstigere Bereitstellung all dieser Technik machen das aus, was Friedman die Demokratisierung der Technologie nennt.
Eine der Folgen hiervon ist, dass es quasi jedem von uns möglich ist, in unserem Wohnzimmer eine x-beliebige Firma zu betreiben. Wenn an nahezu jedem Punkt der Erde die neuen Technologien eingesetzt werden können, so kann man sicher von einer Demokratisierung sprechen. Nur sind ängste fehl am Platz, die ein Wegsterben der lokalen Firmen befürchten lassen. Wie wir im Abschnitt "Was übermorgen zählt" gesehen haben, bietet gerade das Internet für die lokalen Unternehmen Chancen, so sie diese zu ergreifen bereit sind.
Wir gehen fast automatisch davon aus, dass die Finanzmärkte schon immer so waren, wie sie heute sind. Vor allen Dingen den jüngeren unter uns ist wohl kaum mehr bewußt, dass erst Ende der sechziger Jahre Firmenanleihen als neues Instrument der Kapitalbeschaffung "erfunden" wurden. Erst in den siebziger Jahren wurden die bis dahin von den Banken gehaltenen Hypotheken gebündelt und zu handelbaren Anleihen strukturiert. Handelbare Anteile waren auch hier ein neues Finanzierungsinstrument.
Die hier in Ansätzen sichtbare Demokratisierung der Finanzen wurde später noch erheblich erweitert. Als großer Durchbruch kann die in den achtziger Jahren von Michael Milken in Philadelphia vorgestellte und angewandte Berechnung von Risikozins und realem Risiko bezeichnet werden. Bonitätsschwache Kreditnehmer müssen einen um fünf bis zehnprozentigen Risikozuschlag zu dem Kreditzins hinnehmen. Milken errechnete, dass die tatsächlich eintreffenden Zahlungsausfälle wesentlich geringer sind als angenommen. Von der Arbitrage ließ sich trefflich leben. Milken machte aus den zuvor als hochriskant geltenden Junk-Bonds ("Schrott-Anleihen") einen Massenartikel, indem diese Gruppe hochspekulativer Papiere zu Paketen zusammengefaßt und Anteilscheine am Markt plaziert wurden.
Genau diese Instrumentalisierung von Junk-Bonds in Form von strukturierten Anleihen war es, die ab den achtziger Jahren auch für die Finanzierung der Staatsanleihen von Dritt- und Schwellenländern eingesetzt wurde. Waren es anfangs ausschließlich spezielle Großbanken, später dann Großbanken und einzelne superreiche Privatinvestoren, so wurde mit diesen Anteilscheinen die Finanzierung nun auf eine sehr breite Basis gestellt. Dadurch, dass Herr Jedermann in diese Scheine investieren kann, ist die Demokratisierung der Finanzen erreicht.
Schnell ist ein Bogen gespannt über die Informationsgeschichte der Menschheit: Die mündliche Weitergabe von Informationen, Handabschriften, Buchdruck seit Johannes Gutenberg und parallel dazu die seit dem neunzehnten Jahrhundert verbreiterte Basis der allgemeinen Bildung. Die wahrhafte Demokratisierung der Information setzte jedoch erst im zwanzigsten Jahrhundert mit den Erfindungen des Radios und später des Fernsehens ein. Satelliten und Datennetze führten die Menschheit jedoch in eine wahre Explosion der weltweiten Demokratisierung.
Angesichts von Tausenden unabhängigen Tageszeitungen und zig-Millionen Satellitenschüsseln fällt es selbst diktatorisch geführten Staaten heute schwer, seine Bevölkerung von den Einflüssen und Errungenschaften fremder Kulturen fernzuhalten. Der Zwiespalt zwischen Lexus und Olivenbaum wird selbst dem erimitierenden Bergbauern deutlich. Der Wunsch, es besser, einfacher, schöner zu haben läßt den neidischen Blick auf den Nachbarn schweifen. Und der Nachbar kann heute auf der anderen Seite der Erdkugel wohnen.
Demokratisierung der Information bedeutet einen fast zeitgleichen Zugang zu Wissen um den gesamten Erdball herum. Sie bedeutet auch, Kontrollorgan zu sein. Volkswirtschaften und ihre Politiker unterliegen der Kontrolle durch die internationalen Finanzmärkte, die Fehlentwicklungen mit Spekulation gegen die Währung abstrafen, oder andernfalls durch üppige Finanzierung belohnen. Ebenso üben die freien Medien und die öffentliche Meinung Kontrolle aus. Und dabei ist es keineswegs nur das eigene Volk, sondern eine Weltöffentlichkeit, die Einfluß durch Meinung nimmt.
Wenn auch nur zu einem sehr geringen Teil, so kann doch Herr Jedermann mit seinem Investment in Argentinischen Staatsanleihen, mit seinem persönlichen Anteil an "öffentlicher Meinung" über Medien und Internet und nicht zuletzt mit den ihm zugänglichen, preiswert gewordenen technologischen Werkzeugen seinen Anteil an "Kontrolle" ausüben. Wird eine gewisse Mehrheit der "Jedermanns" zu einer öffentlichen Stimme, so kann wie in der Affäre um die Entsorgung der Brent-Spar ein Ergebnis daraus werden. Die vielen, vielen "Jedermanns" bilden die genannte Demokratisierung auf sehr breiter Basis.
Die skizzierte Kontrolle von Staaten durch die Finanzmärkte bezieht sich nicht nur auf den Staatshaushalt, Inflation und Überschuldung, sondern auch auf Rechtstaatlichkeit, Korruption und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Friedman nennt dies die "goldene Zwangsjacke", in der Staatsführer stecken. Er beschreibt die Staaten selbst als die Hardware und die dort herrschenden Rahmenbedingungen als dazugehörige Software, die alles besser oder schlechter funktionieren läßt.
Besonders problematisch ist diese Situation für geschlossene Volkswirtschaften, da sie sich damit selbst viele Entwicklungsmöglichkeiten nehmen. Staaten wie Nordkorea, Iran, Irak, Afghanistan, Algerien, Libyen dürfte es im Satellitenzeitalter zunehmend schwerer fallen, ihre Bevölkerungen von der für sie fremden Sichtweise abzuschotten. Der ehemaligen DDR-Führung war es nicht möglich, die westlichen Fernsehprogramme auszusperren. Es blieb nur das heftige Agitieren gegen die Darstellung des Westens.
Wenn wir die Entwicklungsmöglichkeiten als wichtiges Kriterium und den Weltmarkt als dominant anerkennen, so werden wir die Welt nicht mehr in Erste, Zweite und Dritte einteilen, sondern eher in die schnelle und die langsame Welt. Nicht nur George Sorosh und Thomas L. Friedman sehen die Summe der Investoren als Seismograph der Wirtschaft und der Volkswirtschaften. Dieser Gedanke mag umstritten sein, aber dennoch funktioniert das kollektive Urteil. Es wurde schon in vielen Fällen das Aktienspiel als Meinungsmodell ausprobiert und es erwies sich als mindestens ebenso erfolgreicher Indikator wie Meinungsumfragen. In diesem Modell wird der Verkauf von Aktien auf zu entscheidende Thematiken simuliert. Vor Wahlen ließ man Personen fiktive Aktien von Parteien und Politikern "kaufen" und stellte damit bereits erfolgreich dar, was sich später als Ergebnis zeigen sollte. Selbst mit den Erwartungen an Sportereignisse funktionierte dieses Modell prächtig.
Denkt man nun an die Börsenweisheit, dass das, was die Masse erwartet, nicht eintrifft, so ist dieses ein völlig anderer Gedankenkreis, der sich allein auf Konträrindikation stützt und mit Liquidität mehr als mit Meinung zu tun hat. Der zweite wichtige Unterschied ist, dass es sich hierbei um Erwartung in die Zukunft handelt, während die internationalen Finanzmärkte auf bereits existierende Zustände in den Volkswirtschaften reagieren. Unstrittig ist, dass die Globalisierung Transparenz und Informationsfluß nicht nur ermöglicht, sondern geradezu erzwingt.
Kritiker der Globalisierung (und davon gibt es angesichts weltweiter Demonstrationen eine ganze Reihe) verkennen, dass kein personifizierter Feind in dieser Angelegenheit ausgemacht werden kann. Globalisierung wird nicht von Personen "gemacht", sondern sie existiert aus sich selbst als Teil der Evolution. So wie die Globalisierung Chancen und Vorteile erbringt, so führt sie aber auch deutliche Gefahren mit sich. Lothar Späth formulierte als Nachfrage in seiner Talkshow am 6.2.2000, dass also "...die multinationalen Konzerne fantastisch verdienen, aber die Nationalstaaten pleite gehen?" Der angedeutete Sachverhalt wird von Wirtschaftsführern auch gar nicht bestritten. Nur wird dies nicht als moralische Frage des freiwilligen Verzichts auf Möglichkeiten zur Optimierung verstanden. Vielmehr wird die Politik gefordert, darauf zu reagieren, denn sie legt schließlich Rahmenbedingungen fest.
Während Globalisierungsgegner den Kapitalismus schlechthin infrage stellen, wissen Globalisierungskritiker, dass diese Entwicklung weder zu stoppen noch grundsätzlich zu verteufeln ist. Kritiker werfen der Politik ein Versagen in der richtigen Kanalisierung der Entwicklung vor*(). Und es sind Kritiker der Systematik, die das Primat der Wirtschaft anzweifeln. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist und nicht umgekehrt.
- - - - - - - - - - *(Hertz, Noreena: “Wir lassen uns nicht kaufen”, Econ 2001)
So wie ein freier Markt nicht das Überfischen der Meere verhindert, so gilt es auch, Vorsorge zu Gunsten der Menschen zu treffen, die als Verlierer der Globalisierung gelten müssen. Menschenrechte und soziale Verantwortung verlangen dies. Die Politik als einzig denkbares Regulativ ist weltweit aufgefordert daran zu arbeiten. Der wirtschaftlichen Globalisierung muß eine politische folgen. Es sind bereits heute Anfänge von Bestrebungen im asiatischen Wirtschaftsraum zu sehen, dem Euro zu folgen. Am Ende könnte eine Gemeinschaftswährung des "Asia" stehen. Es ist leicht vorstellbar, dass irgendwann zumindestens für einige Teilbereiche eine kollektiv gestaltete, föderalistische Weltregierung notwendig wird. Falls sie entsteht, so wird sie auf Basis schon heute existierender Organisationen errichtet werden.