Realkapital – Finanzkapital – Arbeit

Der Begriff des Realkapitals wird häufig auch mit Industriekapital ausgedrückt. Es handelt sich um Anlagekapital, das in Betriebseinrichtungen, Gebäuden, Maschinen, Fuhrpark, aber auch in Warenbeständen und anderem gebunden ist. Da mit der Industrie allerdings nicht der gesamte privatwirtschaftliche Bereich gemeint ist, gilt der Begriff Industriekapital als unscharf. Realkapital findet sich schließlich auch in der Geschäftsimmobilie einer Anwaltskanzlei. Der Begriff Finanzkapital bezieht sich auf frei verfügbares Kapital, dass zur Finanzierung gegen Zinsen ausgeliehen oder aber zur gewinnbringenden Finanzanlage eingesetzt werden kann, was der Form nach unterschiedliche Einsatzgebiete darstellt. Wie im Abschnitt "Geld" dargelegt wurde, ist jegliches Finanzkapital aus Überschüssen der Realwirtschaft entstanden.

Wenn man den Begriff Arbeit verwendet, so scheint dieser einfach und nicht erklärungsbedürftig zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Von vornherein ausgeklammert wird der physikalisch benutzte Begriff der Arbeit. Auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen denkt man in erster Linie an bezahlte Arbeit, die dem Lebensunterhalt dient. Diese Arbeit nennen wir "Erwerbsarbeit". Darüber hinaus gibt es eine Menge Arbeit, die ehrenamtlich getan wird und getan werden muß, in Vereinen, Institutionen und sozialen Einrichtungen. Der Begriff "soziale Arbeit" scheint angemessen. Ein anderer Bereich von Arbeit ist in allen Familien zu finden, manchmal sorgt diese "private Arbeit" für Streit und Verwerfungen. Es ist die meist unbezahlte Arbeit der Hausfrau oder des Hausmannes. Es ist gleichzeitig die unvermeidliche "Arbeit" für sich selbst, wenn man sich die Schuhe zubinden oder den PKW vom Schnee befreien muß.

Der Begriff Erwerbsarbeit erklärt sich von selbst, während "soziale Arbeit" nicht mit Erwerbsarbeit im Sozialbereich zu verwechseln ist. Kranken- und Altenpflege, Jugend- und Sozialarbeit, Lehre und Erziehung fallen unter den Begriff der "Humandienstleistung". Mit "sozialer Arbeit" ist vielmehr eine solche gemeint, die aufgrund ihrer Beschaffenheit, aufgrund des real existierenden Bedarfs nicht profitabel gestaltet werden kann. Der Schriftführer eines kleinen, dörflichen Sportvereins wird ehrenamtlich gewählt werden müssen. Er wird seine Tätigkeit aus Idealismus aufnehmen, für eine Bezahlung wird kein Geld zur Verfügung stehen, die Arbeit wird dennoch getan werden müssen.

Private Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie im privaten Bereich erfolgen muß, ohne dass im Regelfall irgend jemand dafür bezahlt. Auf den ersten Blick scheint im Bereich der "privaten Arbeit" eine Rationalisierung durch Arbeitsteilung schwierig, wenn man von Aufgabenverteilungen zwischen Mann und Frau und den Kindern einmal absieht. Dennoch zeigt sich gerade hier der Grenzbereich, wo Tätigkeiten in den Bereich der Erwerbsarbeit abgegeben werden. Ein Beispiel hierfür sind Fertiggerichte, die heutzutage industriell und damit kostengünstig hergestellt werden. Die Familie spart mit der Verwendung dieses Fertiggerichts den Zeitaufwand für Zubereitung und Einkauf vieler einzelner Zutaten. Das Einstellen einer Haushaltshilfe oder eines Babysitters sind weitere Beispiele. Auf der anderen Seite werden in erheblichem Umfang Tätigkeiten aus der Erwerbsarbeit abgezogen. "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" sagt ein volkstümlicher Spruch und deutet damit auf Tapezieren, Renovieren und Reparieren bis hin zum Bau ganzer Häuser zur Eigennutzung.

Veränderungen in der Arbeitswelt von heute sind nicht weniger dramatisch als Veränderungen früher. Ein Blick zurück in das 17. Jahrhundert: Textilindustrie. Es ist noch keine Rede von "Industrie", denn die Produktion findet im "Verlagswesen" statt. Fahrende Kaufleute bringen Rohwolle und (importierte) Rohbaumwolle zur Kardierung und zum Spinnen (Handspinnen, später mit dem Spinnrad) zu den Heimwerkern. Das fertige Garn verbringen die Kaufleute zu Webern (Webrahmen, später Handwebstuhl) und nehmen die fertigen Stoffe in die städtischen Handelszentren mit. Es handelt sich also um Lohnveredelung.

Überspringen wir das Zeitalter der Mechanisierung, der mechanischen Kardier- und Spinnmaschinen, der Handwebstühle, das Zeitalter der Manufakturen. Springen wir hinein in die Industrialisierung: Spinnmaschinen mit Tausenden von Spindeln, Dampfmaschinen getriebene Webstühle in Textilfabriken.

Mit den hohen Investitionskosten im Nacken strebten die Fabrikbesitzer im Zuge der ökonomischen Gewinnmaximierung ein dauerhaftes, ununterbrochenes Laufen der Maschinen an. Mit dem Kauf von Arbeitskraft verbanden sie das absolute Unterordnen, die absolute Disziplin der Arbeiter. Kinderarbeit war an der Tagesordnung, der Arbeitstag hatte 14 Stunden. Als 1847 in den "Komitees" der englischen Textilindustrie, dem damals größten und wichtigsten Industriezweig, der 10-Stunden Tag (netto versteht sich, d.h. Montags bis Freitags 12 Stunden mit Pausen, Samstags 8 Stunden netto) durchgesetzt wurde, war dies ein großer Erfolg für die Arbeiterschaft. Ebenso wurden erstmals Zuschläge für Überstunden vereinbart. Gleichzeitig wurde Kinderarbeit zwar nicht verboten, so aber doch auf neun Stunden eingeschränkt. Fabrikinspektoren wurden erstmals zur Kontrolle der Einhaltung eingesetzt.

Mit der Industrialisierung verloren die Textilarbeiter gegenüber dem Verlagswesen ihre Eigenständigkeit in der Gestaltung ihrer Arbeit, ihrer Arbeitszeit und -weise. Unbestritten ist, dass die Industrialisierung eine Unmenge neuer Arbeitsplätze mit sich brachte. Fest steht aber auch, dass der Anteil im Sozialprodukt zwischen 1790 und 1850 von Kapitalzins und Renteneinkommen weit höher war, als das Einkommen der gesamten Arbeiterschaft. Bedenkt man wirtschaftliche Rezessionen (wie sie in den Jahren 1816-1819, 1826-1827, 1830-1831 und 1842-1843 vorkamen), in denen die Arbeiterschaft von Kurzarbeit und hoher Arbeitslosigkeit getroffen wurden, ohne dass sie je die Chance auf die Bildung von Rücklagen oder Reserven gehabt hätten, so wird der Nährboden für Kommunismus und Sozialismus nur allzu verständlich.

Der manchmal als Querkopf beschriebene Jeremy Rifkin prognostiziert in seinem so betitelten Buch das Ende der Arbeit*(). In der heutigen Zeit des Strukturwandels sind wir gezwungen, über Arbeit und über die Schöpfung von Arbeitsplätzen erneut nachzudenken. Alle vorgenannten Bereiche der Arbeit müssen in die Betrachtungen einbezogen werden. Wir müssen auch der Tatsache Rechnung tragen, dass Menschen sinnvolle Aufgaben benötigen, damit sie seelisch und psychisch nicht verkümmern. Mögen wir aber davor behütet sein, sinnvolle Aufgaben mit Beschäftigung zu verwechseln. Das Umschaufeln eines Sandhaufens von links nach rechts und anschließend von rechts nach links hat wahrlich nichts mit einer sinnvollen Aufgabe zu tun. Auch bringt uns das Verhindern von technologischen Fortschritt nicht weiter. Stellen wir uns den Bauherren und den Polier an der Baugrube vor, während sie den Bagger bei der Arbeit beobachten. Der Polier sagt zu dem Bauherrn: "Früher haben das zwanzig Leute mit der Schaufel gemacht!" Daraufhin entgegnet der Bauherr: "Aber warum nicht tausend Leute mit dem Teelöffel?"

- - - - - - - - - - *(Rifkin, Jeremy: "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft", Campus 1995)

Bis Ende der 90er Jahre war eine weit verbreitete Ansicht, dass Probleme mit Arbeitslosigkeit eine Verteilungsfrage wären. Im Frühjahr 2000 wurde in Deutschland angeregt, mangelnde Fachkräfte für den IT-Bereich zu "importieren". Entsprechende Zielländer wie Indien winkten mit dem Hinweis auf den Eigenbedarf ab. Schon in den Jahren zuvor wurde in den Ingenieur-Berufen ein Mangel an Fachkräften beklagt, während gleichzeitig die Wartezimmer der Arbeitsämter überquollen. Immer deutlicher wurde, dass einfach nicht die richtige Qualifizierung für den Bedarf zur Verfügung stand. Die Ansicht, Betriebe sollten doch bitte schön selbst den von ihnen benötigten Nachwuchs ausbilden, half bisher der selbst noch jungen Branche um das Internet auch nicht weiter.

Schon Adam Smith hatte Grenzen für Wachstum unter anderem durch Arbeitskräftemangel gesehen. Heute müssen wir eher den Begriff Fachkräftemangel benutzen und nachdenklich hinzufügen: "Schwachqualifizierte Arbeitskräfte haben wir ja genug!" Anfang Oktober 2000 dachte dann (bei einem Rekordtiefstand der Arbeitslosenquote von 3,9 %) auch die amerikanische Regierung öffentlich über Erleichterungen für die Zuwanderung von IT-Fachkräften nach. Aber Fachkräfte von wo?

Der internationale Austausch von Spezialisten ist keine Erfindung der Neuzeit. Bereits in der Antike wurden berühmte Baumeister aus fremden Regionen "importiert". Im Mittelalter holten viele Nationen zum Ausbau ihrer Seemacht holländische Schiffsbauer. Auch heute sind es keineswegs nur die Länder der USA und Deutschland, in denen Gastarbeiter ihr Werk verrichten. Landarbeiter aus Ecuador arbeiten in Spanien, Bauarbeiter aus Tunesien und Marokko sind in Portugal und Spanien tätig, Bedienstete und Arbeiter rekrutiert Saudi Arabien in ägypten. Es sind stets die relativ reicheren Staaten, die Arbeiter aus schwächeren Regionen anziehen. Gleichzeitig findet ein Interessenausgleich statt, indem Arbeit in fremder Region gesucht wird, welche Einheimische dort nicht verrichtet wollen oder die dort in Ermangelung von Arbeitskräften nicht getan werden kann. Für die entsendenden Staaten ist es ein Export von Arbeitskraft; ein beträchtlicher Teil des im Ausland verdienten Geldes fließt stets zurück.

Wenn ein Mangel aus Gründen der Qualifizierung entsteht, so können fremde Fachkräfte nur mit entsprechend hohen Vergütungen und Vergünstigungen angelockt werden. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, ob die Qualifizierung der eigenen Bevölkerung nicht vorrangig sein muß, und auch, ob diese nicht wesentlich preisgünstiger zu haben wäre. Da die Qualifizierung eine Menge Zeit erfordert, muß allerdings auch hierbei zunächst auf Fremdpersonal zurückgegriffen werden. Für Länder, die aufgrund ihrer Struktur in der Lage sind, hochqualifizierte Spezialisten sehr preisgünstig auszubilden, kann sich Fachpersonal durchaus zum "Exportschlager" entwickeln.

Es ist nicht zu übersehen: Die meisten Länder dieser Erde tun sich mit der Arbeitslosigkeit schwer. Es sind viele Schwachqualifizierte, denen ein Mangel an Fachkräften in vielen Bereichen gegenüber steht. Also geht es in der Frage von Arbeit nicht nur um eine Verteilungsfrage. Aber auch die Verteilung von Kosten steht zur Disposition. Wenn wir den Bereich Humandienstleistung betrachten, so ahnen wir, dass es zu wenig Arbeit eigentlich nicht geben kann. Allerdings ist es wiederum Aufgabe der Politik für Rahmenbedingungen zu sorgen, damit ein Verteilungssystem auch wirkungsvoll in diese Bereiche hineinwirken kann. Freie Märkte werden sich selbst überlassen wohl kaum für die Finanzierung von Recht, Ordnung, Ausbildung und Sozialdiensten sorgen.

Eine etwas spezifiziertere Sichtweise der Verknüpfung von Kapital mit Arbeitsplätzen ergibt sich aus der Proportion von Subventionierungen oder Investitionen mit der Anzahl der betroffenen Arbeitsplätze. Gemeint ist folgendes:
Wenn in der deutschen Kohleförderung jährlich jeder Arbeitsplatz mit rund 65.000 EUR subventioniert wird, so liegt der Gedanke nahe, dass die Produktion genau so gut eingestellt werden kann. Mit dem Subventionsbetrag könnten die Arbeitnehmer verrented werden. Aber dies ist nur der erste Ansatz.

Investitionen in neue Arbeitsplätzelassen andere Schlüsse zu. Als Daimler-Chrysler den Ausbau seiner Produktion in Rastatt um 1000 Arbeitsplätze ankündigte (Juli 2002), stand dabei eine Investition in Höhe von 900 Millionen EUR im Raum, also 900.000 EUR für jeden Arbeitsplatz. Worauf der Gedanke hinausläuft wird sichtbar, wenn wir uns vorstellen, dass Daimler-Chrysler mit dieser Investitionssumme doppelt so viele Menschen verrenten könnte, als Arbeitsplätze geschaffen werden. (Natürlich hätte Daimler-Chrysler kein Interesse daran, es handelt sich nur um ein Denkmodell.)

Bei der Verrentung stellt sich nun die Frage, aus welchen Zinseinkünften bzw. Wertschöpfungen diese Renten zu decken wären. Der unausweichliche Zusammenhang wird deutlicher. Jeder Überschuss wie auch jede Zinszahlung muss letztendlich in der Realwirtschaft generiert werden. Das bedeutet gleichzeitig die Unmöglichkeit, alle Renten aus Kapitaleinkünften zu decken, wenn gleichzeitig die Realwirtschaft schrumpft. Um es noch klarer heraus zu arbeiten: Wenn die Realwirtschaft (nur hypothetisch natürlich) ganz wegfällt, gibt es keine Chance auf die Erwirtschaftung irgendwelcher Zinsen. Zinsen generieren sich nicht wirklich selbst, wie es der Begriff des “Zinsenszins” bei (sehr) oberflächlicher Betrachtung anzudeuten scheint.

Sinn, Zweck und Absicht von Daimler-Chrysler (hier als Synonym für alle Unternehmen, auch Staatsbetriebe), muss also nicht die Verrentung aus dem Kapital sein, sondern die Generierung von realwirtschaftlichen Überschüssen auf Basis dieses Kapitalstocks. Genau das muss auch bei der Betrachtung von staatlichen Arbeitsplätzen gelten. Dies schlägt nun eine interessante Brücke zu Dienstleistungen. Denn wenn wir Verwaltung als Dienstleistung sehen, die bezahlt werden muss, so ist die Frage nach der Kaufkraft zwingend. Woher wird die Kaufkraft generiert? Auch sie muss aus der Realwirtschaft geschöpft werde, dessen Teil schließlich auch der Dienstleistungsbereich ist*().

*(Ich verweise hier ausdrücklich auf mein A-B-C-Modell im Abschnitt Geldumlauf, was die Auswirkungen im Wirtschaftskreislauf darstellt.
(In: www.econo-my.de: Geldumlauf)

Hier muss die Frage anschließen: Wie hoch könnte der Anteil von Dienstleistung an der Realwirtschaft getrieben werden? Wieder nur ein Denkmodell: Nehmen wir an, dass alles Volkseinkommen nur aus Dienstleistung generiert werden sollte, wie würde die Versorgung der Bevölkerung aussehen? Sämtliche Produktion bestehend aus Gütern, Energie usw. müsste kostenlos erfolgen, und gleichzeitig müsste ein Kreislauf von bezahlten Dienstleistungen existieren, der mit seinen Überschüssen die Gesamtwirtschaft trägt. Das ist natürlich Unsinn, zeigt aber gleichzeitig, wohin ein Aufblähen der Staatsbediensteten führt.

In dem Zusammenhang mit Dienstleistungen muss stets ein weiterer Punkt berücksichtigt werden: Dienstleistung funktioniert wie ein Produkt, allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass sie nicht speicherbar ist. Sie wird erbracht und verschwindet im gleichen Moment. Je höher also der Dienstleistungsanteil an der gesamten Volkswirtschaft wird, desto geringer (proportional) wird der Kapitalbedarf für Vor-, Zwischen- und Endlagerung. Dies erklärt, warum als allgemein anerkannt gilt, dass konjunkturzyklische Schwankungen mehr durch Produktion, als durch Dienstleistung ausgeprägt wird.