Nach Veröffentlichungen des statistischen Bundesamtes sind von 1995 bis 2000 die Deutschen Importe von rund 320 auf 520 Milliarden EUR und die Exporte entsprechend von rund 375 auf 575 Milliarden EUR gestiegen*(). Die Steigerungsraten in den sechs Jahren liegen mit 62,5% und 53,3% relativ dicht beieinander, wenn auch die Importe etwas stärker anziehen, und es damit auf ein Schließen der Lücke in der Handelsbilanz hinaus läuft. Auch wenn wir davon ausgehen, dass Handelspartner ihre Leistungen auf einem exakt gleich bewerteten Preisniveau austauschen, so lässt die Frage der Bewertung mehrere Ansätze zu.
*(2001: Import 522 Mrd. EUR, Export 641 Mrd. EUR)
Zum einen kann mit der Leistung der Nutzen für den Handelspartner gemeint sein, der auch im allgemeinen mit dem Devisentransfer im Zuge der Handelsbilanz ausgedrückt wird. Zum anderen ist für das exportierende Land jedoch auch wichtig, welcher Anteil aus den Erlösen als Überschuß den Wirtschaftskreislauf beleben kann. Dies ist der Grund, wenn wir in einigen Überlegungen auf den erwirtschafteten Mehrwert abzielen.
Wir benutzen den deutschen Importwert von 520 Mrd. EUR und den Exportwert von 575 Mrd. EUR. Als vereinfachendes Modell sehen wir als Handelspartner nur ein Land vor, es könnte auch eine Ländergruppe repräsentieren.
Wenn wir auf dieser Basis einmal willkürlich annehmen, dass sowohl mit den exportierten Waren wie auch mit den importierten in den Erzeugerländern jeweils rund 31 Milliarden Mehrwert erzeugt wird, so bedeutet dies einen Wertschöpfungsanteil von rund 6% bei den Exporten und 5,4% bei den Importen. Wenn also der mit unseren exportierten Gütern erwirtschaftete Mehrwert nominal identisch ist mit jenem Mehrwert, den die unseren Import bedienenden Staaten mit ihren Produkten erwirtschaften, so wäre zwar die Wertschöpfungsbilanz beider Staaten (-gruppen) ausgeglichen, die Zahlungsbilanz divergiert allerdings um den Exportüberschuß, in dem Beispiel um 55 Milliarden EUR. Im Kapitalverkehr nimmt also das mit 575 Milliarden exportierende Land 10,6% Devisen mehr ein, als es ausgibt. Beide Länder bzw. Ländergruppen verdienen jedoch nominal gleich an dem Handel (31 Milliarden).
Nun ist in der Praxis nicht mit einem gleichen Mehrwert zu rechnen. Wenn wir willkürlich von einer Umsatzrendite von 6% in beiden Erzeugerländern ausgehen, so steht ein generierter Mehrwert von 31,2 Milliarden EUR dem anderen von 34,5 Milliarden EUR gegenüber. Damit vergrößert sich die Leistungsschere. Daraus lässt sich ableiten: Je stärker die Umsatzrendite des Landes mit Exportüberschuß ausfällt, desto stärker öffnet sich die Schere der Leistungsbilanz. Umgekehrt schließt sich die Schere, wenn ein Land mit Importüberschuß es fertig bringt, seine Umsatzrendite bei den Ausfuhren zu steigern.
In der klassischen Nationalökonomie wurde der Außenhandel bereits mit der Theorie der komparativen Kosten begründet (Ricardo, siehe Abschnitt Wirtschaftstheorien). Der als Keynesianer beschriebene Ökonom und Querdenker Paul Krugman erklärte die Handelsvolumina zwischen sich ähnelnden Volkswirtschaften 1979 mit den Kostenvorteilen der Massenproduktion (Skaleneffekte) und einer unvollständigen Konkurrenz. Dies sind alles Ansätze zur Erklärung, warum Außenhandel existiert, obwohl nach den Möglichkeiten der Volkswirtschaften dieser nicht zwingend notwendig wäre.
In der Wirtschaftswissenschaft werden in einer Grobeinteilung der Branchen der “exponierte Sektor” (E-Sektor) und der geschützte Sektor (S-Sektor) unterschieden, was den Außenhandel und seinen Einfluß auf die Binnenwirtschaft angeht. Hierbei ist der E-Sektor dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, so dass sich die Preisgestaltung in diesen Branchen (z.B. Autoindustrie, Grundchemie, Elektroindustrie, Anlagenbau, Flugzeug- und Schiffbau usw.) den Weltmarktpreisen anpasst. Da der Friseur um die Ecke sich kaum mit den Weltmarktpreisen fürs Haareschneiden herumplagen wird, finden sich im S-Sektor Dienstleistungen, Handwerk und Bauindustrie, also Bereiche, deren Preisgestaltung von den lokalen Märkten abhängt.
Nun ergeben sich (und das genau ist ein typisches Merkmal der Globalisierung) heutzutage Mischformen, denn ein psychologischer Ratschlag kann genau so gut über das Internet erfolgen. Im Baugewerbe sind heute “Entsendungen” von billigeren Handwerkern in das teurer produzierende Ausland zu beobachten. So sind holländische Bauunternehmen zu sehr günstigen Preisen mit Bauten in Deutschland beschäftigt, dänische “Zimmerei-Fabriken” lassen von ihren Leuten in Deutschland günstige, vorgefertigte Dachstühle errichten. Auch im Transportwesen gibt es seit langem Entsendepraktiken.
Was die Produktivität angeht, so galten früher Unternehmen des E-Sektors, die als kapitalintensiv produzierend beschrieben werden, als weitaus rationalisierungsfähiger als jene des S-Sektors. Heute haben wir durch das Internet, aber auch durch die kostengünstige “Digitale Ökonomie” auch in lokalen Märkten ein erhebliches Rationalisierungspotential.
Ein Effekt der Globalisierung ist der schnelle Austausch von Innovationen. Dieser ermöglicht es unterentwickelten Regionen wertvolle Zeit in der Entwicklung einzusparen und Zwischenschritte zu überspringen. Das Finanzierungsproblem aufgrund mangelnder Kaufkraft wird zum Teil gemindert durch die Investitionsbereitschaft westlicher Firmen als Gegenleistung zu der Aussicht, an dem Aufbau zu partizipieren. Als China im Juni 2000 ein Sonderprogramm ankündigte, mit dem 1 Million Firmen ins Internet gebracht werden sollen, wurde deutlich, dass das Riesenreich der Mitte ein knappes Jahrhundert wirtschaftlicher Entwicklung überspringen könnte. Die Internet-Ernüchterung aufgrund der “Problem.com”-Unternehmen lässt ahnen, dass die Entwicklung in China wesentlich schneller vonstatten gehen könnte. Der Grund: Nahezu unbelastet von Strukturen, wie sie in der westlichen Welt vorhanden sind, kündigte China an, auf effizienteres Einkaufsmanagement und das B2B-Geschäft zu setzen. Das Marktvolumen wurde hierbei auf 400 Millionen Dollar im Jahr 1999 und auf 3,8 Milliarden Dollar im Jahr 2003 prognostiziert. In einer solchen Entwicklung sind selbstverständlich Ausrüster und Zulieferer gefragt.
Eine ähnliche Transformation zeichnet sich im Bereich der Telekommunikation in Regionen mit schwach ausgebildeten Festnetzen ab. Im Zeitalter der Satelliten und Sendetürme ist sowohl für Süd- und Mittelamerika wie auch für weite Teile Asiens mit einem eher explosionsartigen Ausbau der Mobilfunknetze zu rechnen. Ebenso wahrscheinlich ist die zeitgleiche Entwicklung des Internet, denn auch hier müssen die Entwicklungsschritte nicht zwangsweise nacheinander erfolgen.
Leben die Industriestaaten auf Kosten der Entwicklungsländer? Diese Frage ist zu interpretieren mit “Zahlen die Industriestaaten zu wenig für Rohstoffe und Erzeugnisse, die sie aus der Dritten Welt importieren?” Und hier setzt das erste Definitionsproblem von “zu viel” oder “zu wenig” ein. Jedermann würde den Gast eines Restaurants für verrückt halten, der freiwillig den doppelten Preislistenpreis für sein Menü bezahlt. Und natürlich würde es dem Restaurantbesitzer wesentlich besser gehen, wenn die Gäste dies freiwillig tun würden. Das Problem sind eher Überkapazitäten, denn wenn der Restaurantbetreiber seine Preise drastisch erhöht, so kommt unweigerlich der Punkt, an dem die Gäste zu dem guten und billigeren Restaurant gegenüber abwandern.
Wenn ein Kabelhersteller in den USA für sein Kupfer aus Chile freiwillig mehr zahlt, gelangt der Mehrerlös bis in die Taschen des chilenischen Bergarbeiters? Oder steckt die Minengesellschaft einen höheren Gewinn ein? Weiter unten werden wir sehen, wo die wahren Probleme liegen. Die Rohstoffbörsen dieser Welt regeln jedenfalls hier das Preisgefüge.
Unstrittig ist, dass die Weltwirtschaft und der Welthandel ebenso auf Arbeitsteilung hinausläuft, wie es innerhalb einer jeden Volkswirtschaft passiert. Ein Vertrag kommt zustande, wenn beide Vertragsparteien zu einer einheitlichen Willenserklärung gelangen. Beide Partner sind sich über Vor- und Nachteile des Handels im klaren oder sollten es zumindest sein. Ein Geschäft ist keineswegs ein Handel, bei dem der eine Vertragspartner den anderen übers Ohr haut, sondern aus dem beide Parteien einen Nutzen ziehen. Das ist es, was im Prozess der Arbeitsteilung abläuft, und nichts anderes. Ein Land, das exportiert, ist in der Lage, Güter oder Leistungen billiger oder schneller oder besser zu erbringen als ein anderes.
Länder der Dritten Welt haben das Problem, nicht nur hochentwickelte Güter, sondern auch Zwischenprodukte importieren und bezahlen zu müssen. Dies kann nur mit Ressourcen des Landes geschehen, und das sind häufig Rohstoffe oder Güter, die mit niedrigem Lohnniveau hergestellt werden. Aus Erkenntnis dieser Tatsache versuchen viele Schwellenländer eine höhere Eigenveredelung ihrer Rohstoffe vorzunehmen. Sie treten damit in (erfolgreichen) Wettbewerb zu den Industriestaaten.
Der Wettbewerb stellt sich keineswegs als Nachteil für die Industriestaaten heraus, denn zur Veredelung der Rohstoffe werden Produktionsanlagen, Know How und Logistik aus den Industriestaaten importiert. Es ist dabei kein Nachteil, wenn diese Investitionen erst später aus den Erlösen der Eigenveredelung bezahlt werden, denn der Vorteil für alle Beteiligten bleibt: Alle Partner profitieren von dem Handel miteinander. Das ist es, was dem Wesen von Wirtschaftskreislauf und Weltwirtschaft entspricht, Leistung und Gegenleistung. Von Gutmenschen der westlichen Welt werden allzu leicht die Ursachen für die zweifellos bestehenden Leistungsunterschiede und Einkommensungerechtigkeiten übersehen, da der grobe Überblick über die Problematik sich als vermeintlich schlüssig aufdrängt und politisch bedingte Absicht in der Argumentation ein tiefer gehendes Hinterfragen verhindert. Wir werden aber weiter unten sehen, wo die Ursachen der mangelnden Kapitalbildung der Regionen liegen. Zunächst müssen jedoch einige grundlegende Divergenzen in Absicht und Willen der Weltblöcke angesprochen werden.
Die Handelsregeln, die von den nunmehr 142 Mitgliedsstaaten der World Trade Organisation (WTO)*() vereinbart werden, stoßen vielfach auf Kritik. In der Tat bestehen ungeheure Schwierigkeiten, die Einzelinteressen der verschiedenen Staaten und Staatengruppen unter einen Hut zu bringen. Eine Reihe von ewigen Streitthemen blockieren Fortschritte. Dazu gehören Agrarsubventionen der Industriestaaten. Deren Furcht, die eigene Agrarwirtschaft zu verlieren und dadurch in Krisenzeiten in der Ernährung vollständig von Importen abhängig zu sein, ist nicht unbegründet.
*(Anmerkung:
Der Weg zur WTO
30. Oktober 1947: In Genf verabschieden 23 Länder das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT). Im November des selben Jahres beschließen 56 Staaten in Havanna die Bildung einer Internationalen Handelsorganisation (ITO), die neben dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zum dritten institutionellen Pfeiler der Welthandelsordnung werden soll.
1. Januar 1948: Der GATT tritt in Kraft. China gehört zu den Gründungsmitgliedern, tritt aber wenige Monate später aus.
März 1948: Die “Havanna-Charta” wird unterzeichnet, aber wegen großer Widerstände im US-Kongress nie ratifiziert. Damit ist die Einbindung des GATT in eine internationale Handelsorganisation vorerst gescheitert.
1949: In der zweiten GATT-Runde im französischen Annecy werden rund 5.000 Zölle gesenkt oder abgeschafft.
1950 bis 1951: Die dritte GATT-Runde im englischen Torquay endet mit der Senkung weiterer 8.700 Zölle. Seit Inkrafttreten des Abkommens ist das durchschnittliche Zollniveau der bis dahin 38 beteiligten Länder um ein Viertel niedriger.
1. Oktober 1951: Deutschland wird GATT-Mitglied.
1955 bis 1956: Die vierte GATT-Runde in Genf bringt einen Zollabbau im Werte von 2,5 Mrd. Dollar.
1960 bis 1962: Die sogenannte “Dillon-Runde” bringt Zollsenkungen von 4,9 Mrd. Dollar.
1964 bis 1967: An der sogenannten “Kennedy-Runde” nehmen 62 Länder teil. Es werden Senkungen im Gegenwert von 40 Mrd. Dollar beschlossen.
1965: Im GATT werden Sonderregelungen für Entwicklungsländer festgeschrieben.
1973 bis 1979: In der “Tokio-Runde” diskutieren die 102 Teilnehmerländer nicht nur Zölle, sondern erstmals auch andere Handelshemmnisse wie Subventionen, Anti-Dumping-Regeln und Importlizenzen. Zollsenkungen von 300 Mrd. Dollar werden erreicht.
1986 bis 1994: Die “Uruguay-Runde” mit 128 Teilnehmern endet nach schwierigen Verhandlungen mit den bislang größten Schritten zur Liberalisierung.
1994: Die Handelsminister der GATT-Staaten rufen die WTO als Nachfolgeorganistion ins Leben. Sie dient als institutionelles Dach für das neue GATT nach der Uruguay-Runde, sowie die neuen Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) und über geistiges Eigentum (TRIPS).<
BR>1995: Die WTO nimmt in Genf ihre Arbeit auf. Die umfangreichen und nur noch von Experten überschaubaren Handelsregeln fußen auf einigen Grundprinzipien, die schon in den Jahren des GATT entwickelt worden waren: Nichtdiskriminierung ausländischer Handelspartner, Abbau von protektionistischen Maßnahmen wie Zöllen und Subvebtionen sowie möglichst freier Handel und Wettbewerb bei Ausnahmen für noch nicht wettbewerbsfähige Entwicklungsländer.
11. November 2001: China wird wieder in die WTO aufgenommen, einen Tag später auch Taiwan. Über die Aufnahme Rußlands wird verhandelt.
Ein anderer Streitpunkt ist der Patentschutz. Hier reklamieren die Entwicklungsländer verständlicher Weise ihre Schutzlosigkeit gegenüber Epedemien und Seuchen, weil Impfstoffe und Medikamente der Industriestaaten unerschwinglich sind. Die Herstellung von nachempfundenen Medikamenten, Generika, böte Entlastung, widerspricht aber dem Patentschutz. Das Argument der Industriestaaten, dass die immensen Investitionen in Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen nachlassen könnten, ist sicher ebenfalls nicht unbegründet. Denn das Einsickern von billigen Generika aus Indien und Brasilien in die Industrietsaaten ist ein kaum zu lösendes Problem und würde die Pharmaindustrie lähmen.
Die von den Europäern vorangetriebene Verquickung von Umwelt- und Sozialstandards mit den Handelsregeln stößt auf allgemeinen Widerstand. Ein hungriger Bauch hat andere Sorgen. So schwer eine Lösung all dieser Streitpunkte auch erscheinen mag, so alternativlos ist sie doch für alle Beteiligten. Das Entkoppeln der einzelnen Themen und eine methodische Zielsetzung (siehe evolutionstheoretische Wirtschaftswissenschaft) ist notwendig.
Das von Kritikern unterstellte Problem hat leider andere Ursachen. Der Export von Rohstoffen und Nahrungsmitteln ist eigentlich der zweite Schritt vor dem ersten, da die wichtige Basis fehlt, der lokale Wirtschaftskreislauf ist unterentwickelt. Wir haben an anderer Stelle dargestellt, dass ein Wirtschaftskreislauf nur aus der Erwirtschaftung von Überschüssen und der Reinvestition in Gang gesetzt wird. Dies beginnt unmittelbar nach der Erzeugung von Nahrungsmitteln auf der niedrigsten Ebene, der örtlichen Verteilung von Nahrungsmitteln, Konsumgütern, dem Einzelhandel sowie dem Handwerk. In Folge dessen können Großhändler, Zulieferer und Verarbeiter durch Investition von erwirtschafteten Überschüssen entstehen.
Das afrikanische Land Benin zwischen Togo und Nigeria am Golf von Guinea wird durch regelmäßige private und auch durch das Deutsche Rote Kreuz organisierte Hilfssendungen unterstützt. Anfängliche Sendungen von gesammelten Kleidungsstücken wurden zu Gunsten textiler Stoffe und Nähmaschinen nebst deren Ersatzteilen eingestellt. Damit trugen die Helfer der Tatsache Rechnung, dass sich in Benin eine Reihe von Nähstuben entwickelt hatten, welche die Basis für örtliches Handwerk bilden konnten.
Der Aufbau kleinerer Produktionen scheiterte aber auch hier wie an vielen anderen Stellen des schwarzen Kontinents daran, dass die Arbeiter mit dem Lohn zweier Tage auf Sicht zufrieden waren. Sie erschienen den Rest der Woche nicht wieder, sondern erst, als das Geld verbraucht war. Es fehlte der Drang, gewisse Überschüsse oder Sicherheiten anzulegen. Überschüsse, die in einen kleinen Laden, eine Benzinverteilung, eine Nähstube, eine Werkstatt oder was auch immer investiert werden könnten.
Eine Mentalitätsursache ist damit offensichtlich. Wir vermeiden hier bewußt das Wort “Problem”, da wir davon ausgehen müssen, dass die Menschen auf diese Weise durchaus glücklich leben. Auf der anderen Seite (und das bestätigen die vor Ort tätigen Helfer immer wieder) sind die Menschen durchaus begierig, die Errungenschaften der Industriestaaten zu erlangen. Solange dieser Widerspruch zwischen Lexus und Olivenbaum nicht aufgelöst wird, ist nicht mit der wirklichen Initialzündung eines bedeutenden Wirtschaftskreislaufes zu rechnen. Um aber am Welthandel erfolgreich teilzuhaben, ist diese Basis notwendig. Ansonsten kann die Ebene des Almosenempfängers kaum verlassen werden. Die Mentalitätsursache wird, wie wir weiter unten sehen werden, durch eine ganz andere Problemstellung überflügelt.
Den weltweiten Überkapazitäten in vielen Produktionsbereichen steht ein riesiger Bedarf der Nachhol-Welt gegenüber. So schlecht es auf den ersten Blick einzusehen ist, dass dies nicht unter einen Hut zu bringen sein soll, so stellt sich doch die Frage, woher die Kaufkraft in den bedürftigen Regionen kommen kann, wenn nicht aus einem funktionierenden lokalen Wirtschaftssystem.
Nicht die Menschen in der Nachhol-Welt, sondern ihre Regierungen verursachen die Probleme. Solange diese ihr eignes Land mit einem Selbstbedienungsladen verwechseln, solange Korruption herrscht und Inflation achselzuckend hingenommen wird, sieht es hoffnungslos aus. Die Politiker auch dieser Länder sind verantwortlich für die Rahmenbedingungen der Wirtschaft. Diese Leute bestimmen über die Wiege der Wirtschaft ihres Landes. Aber sie tun nichts dafür, dass die Wiege ihre Funktion erfüllen kann. Wenn der Harvard Ökonom Jeffrey D. Sachs in Interviews von einer gewissen geographischen Bürde etlicher Länder spricht, so entpuppt sich bei näherer Betrachtung, dass es weniger die Geographie als der Mangel an Rechtsstaatlichkeit und die Selbstbedienungsmentalität von Diktatoren ist, die Fortschritt dort verhindert.
Angesichts dem schier grenzenlosen Bedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer könnte man auf den Gedanken kommen, dass die riesigen Welt-Überkapazitäten in allen möglichen Produktbereichen eigentlich kein Problem sein sollten. Dem ist aber nicht so. Wir sehen dies an den Lebensmitteln, die jährlich wegen Überproduktion vernichtet werden, während sie in anderen Teilen der Welt dringend fehlen. Wieder landen wir bei der oben erwähnten fehlenden Kaufkraft. Dies ist der Grund, weshalb es nur verhaltenes wirtschaftliches Interesse an den meisten Afrikanischen Staaten gibt, im Gegensatz zu Lateinamerika und den asiatischen Regionen. Deshalb ist es wichtig, dass aus der Wiege der Wirtschaft vor Ort etwas heranwächst.
Denn ein lukrativer Markt nur dort zu finden ist, wo es auch Kaufkraft gibt. Der sich selbst speisende lukrative Markt, die Rotation von Geld und Leistung muss vor der Haustür stattfinden. Stück für Stück müssen sich aus kleinsten Anfängen Überschüsse aufbauen, z.B. aus dem Handel zur Grundversorgung der Bevölkerung, Mehrwert, der zu Kaufkraft und Investitionsvermögen wird. Dort, und nur dort wird hinreichend investiert werden.
Eigenes Kapital ist das Schlüsselwort. Genauer ausgedrückt: die Fähigkeit, Kapital zu generieren. Die Beantwortung der Frage “wozu?” ist einfach. Wählen wir ein Beispiel. Eine der ertragreichsten Einnahmequellen ist für Drittländer der Tourismus. Aus der Sicht der besuchten Länder ist es ein Export von Dienstleistung. 1998 gaben die Bundesbürger 82,6 Mrd. DM (42,2 Mrd. EUR) für Auslandsurlaube aus. Nur wie viel davon erreicht die Menschen in dem Zielland? Natürlich wäre es für diese Staaten sehr viel profitabler, wenn landeseigene Hotels und Fluglinien benutzt würden. Aber dazu müßte erst mittelständisches Kapital entstehen: Die Wiege der Wirtschaft.
Oder existiert es bereits? Hernando de Soto hat uns in einem aufrüttelnden Vermächtnis eine vollkommen neue Sichtweise eröffnet und damit einige schwer wiegende Fragen beantwortet*(). Es ist das tote Kapital der Ärmsten, dem wir ein eigenes Kapitel widmen werden. Überraschend ist, dass dieses Thema bisher von der Wirtschaftswissenschaft weitgehend unbeachtet blieb. Wahrscheinlich deshalb, weil das Thema auf den ersten Blick eher die Soziologie berührt.
- - - - - - - - - - *(Soto, Hernando de: “Freiheit für das Kapital - Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert”, Rowohlt, 2002)
Der Frage, warum frei bewegliches Kapital nur in den Industriestaaten erfolgreich ist, in Entwicklungsländern jedoch wirkungslos bleibt, folgte bisher nur Achselzucken. Diese Frage beantwortet de Soto mit dem Mangel an Repräsentation von Eigentum. Dieser Mangel verhindert in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und der Entwicklungsregionen, dass der Besitz breiter Massen zu Eigentum und damit zu arbeitendem Kapital transformiert werden kann.
Hören wir de Soto kurz zu:
“Stellen Sie sich ein Land vor, in dem niemand feststellen kann, wem was gehört, in dem sich Adressen nur schwer überprüfen lassen, Menschen nicht dazu gebracht werden können, ihre Schulden zu bezahlen, Eigentum nicht in Aktien aufgeteilt werden kann, Beschreibungen von Vermögensgegenständen nicht standardisiert und daher nicht leicht zu vergleichen sind und die Regeln, die die Eigentumsverhältnisse festlegen, sich von Stadtviertel zu Stadtviertel oder sogar von Straße zu Straße verändern. Soeben haben Sie sich in das Leben eines Entwicklungslandes oder eines ehemaligen kommunistischen Staates hineinversetzt, genauer, in das Leben von 80 Prozent ihrer Bevölkerung ...”
Wenn eine Person in in einem korrupten System, welches ohnehin ohne Rechtssicherheit dahin vegetiert, ein Haus errichten möchte und die offiziellen Genehmigungsgänge sich über acht oder zehn Jahre erstrecken, die dazu notwendigen Bestechungsgelder die Kosten für das benötigte Material um das zigfache übersteigen, so wird sich niemand darüber wundern, wenn der Bau wild und ungenehmigt in einen zufällig freien Flecken der Landschaft gesetzt wird, in keinem Grundbuch, in keinem Plan vermerkt.
Straßenhändler betreiben ungenehmigt und unkontrolliert ihr Geschäft und haben damit einen wesentlichen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung. Sie sind aber weder imstande ihr real existierendes Geschäft zu expandieren, noch Kapital dazu durch Beleihung ihrer kärglichen Hütte aufbringen zu können. De Soto nennt es den unterkapitalisierten Bereich. Dieser Bereich ist keineswegs fiktiv, sondern er wirtschaftet und ernährt nach de Soto 80 Prozent der Menschen in diesen Regionen. Es ist Ökonomie in einem “extralegalen” Bereich, also außerhalb der Legalität, aber mit gesellschaftlich wichtiger Funktion, weshalb de Soto ihn nicht als “illegal” bezeichnet.
Das Ergebnis dieser von de Soto und seinen Wissenschaftlern im Verlauf von zwanzig Jahren Nobelpreis verdächtiger Forschung festgestellten Situation ist Anarchie. Es handelt sich um realen Besitz, der nicht einklagbar, nicht beleihbar, nicht pfändbar ist. Es ist toter Besitz, der nicht als aktives Kapital in einem funktionierenden Wirtschaftskreislauf für Mehrwert sorgen kann, in einem Kreislauf, der nach dem A-B-C-Modell Mehrwert, also Überschuss und frisches Kapital generiert. De Soto beschreibt die vordringliche Aufgabe der Regierungen aller Entwicklungsländer und der Staaten des ehemaligen Ostblocks als “Kapitalisierung der Armen”.
Damit wird die Wandlung von extralegalem Besitz in integrierte, formale Eigentumssysteme verlangt, damit dem toten Besitz Leben als aktives Kapital eingehaucht werden kann. Repräsentiertes Eigentum bedeutet beurkundetes, verbrieftes Recht. Grundbucheintragungen, Pfandbriefe, Schuldscheine, je selbst Geldscheine gehören dazu. Dies alles sind außerdem Teile von Repräsentationssystemen, gleichauf mit der Errungenschaft von Schrift oder dem Gebrauch von arabischen Ziffern. Neu entwickelte Repräsentationssysteme haben die Menschheit stets ein gutes Stück weiter gebracht. Wir erleben heute virtuelles Geld als Guthaben und in der Form von Ziffern auf Konten. Die Repräsentation genügt (zusammen mit dem allgemein akzeptierten Vertrauen in das System), um den Wert nutzbar zu machen und die Transaktionskosten dabei gegenüber früheren Methoden sogar noch zu senken.
Genau um diese Transaktionskosten geht es auch, wenn repräsentiertes Eigentum den früher unverbrieften Besitz fortan fungibel macht. Fungibel bedeutet austauschbar und kennzeichnet das Faktum, dass Transaktionen wie Verkauf oder Beleihung auf diesem vereinfachten Weg auch mit Personen außerhalb des engen Kreises von Vertrauten möglich werden. Der bloße Besitz erhält in der Form des verbrieften Eigentums einen zugeschriebenen Wert und lässt so direkte Vergleiche mit andersartigen Vermögensgegenständen zu, selbst über große Entfernungen hinweg*(). Ebenso wird erst auf dieser Grundlage ein Zusammenfassen von Kapital in der Form von Beteiligungen möglich. Der Zusammenschluss einer Handvoll Handwerker kann auf der Basis abgesicherten Vertrauens, nämlich den verbrieften Werten ihrer eingebrachten Anteile, zu den Synergie-Effekten führen, die den Westen reich gemacht haben.
*(De Soto dazu: “Eigentumsrepräsentationen ermöglichen uns, das wirtschaftliche Potenzial unserer Ressourcen so zu bestimmen, dass wir die Möglichkeiten dessen, was wir mit Ihnen tun können, erweitern.” -
Soto, Hernando de: “Freiheit für das Kapital - Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert”, Rowohlt, 2002)
Wenn erkannt ist, dass der wirtschaftliche Erfolg des Westens auf den Säulen von formalen Eigentumssystemen beruht, dann ist der erste Schritt getan. Die grundlegende Funktion von Besitz bezieht sich dann nicht länger nur auf Benutzung, so wie eine Hütte zum Wohnen benutzt wird, sondern eine zweite Funktion als Kapitalträger entsteht. Damit stellen wir die Ambivalenz von Eigentum als Basis für die Ökonomie fest. Fungibles Eigentum gehört damit in die Wiege der Wirtschaft hinein, als Grundlage und Teil eines entstehenden Wirtschaftskreislaufes.
Was aber entspringt der Wiege der Wirtschaft?
Mittelstand
In der Wiege der regionalen Wirtschaft entsteht der Mittelstand. Marx und Engels irrten, als sie in ihrem "Kommunistischen Manifest" das baldige Ende des deutschen Mittelstandes ankündigten. Denn heute, 150 Jahre nach dieser Prophezeiung, stellen kleine und mittelständische Betriebe hierzulande 99,6 Prozent der rund 2,8 Millionen umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen. Sie beschäftigen 68 Prozent aller Arbeitnehmer, bilden 80 Prozent der Lehrlinge aus, erwirtschaften 44,1 Prozent der Bruttowertschöpfung und tragen 42 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Investitionstätigkeit bei (Stand 1998). Kein Zweifel: Der Mittelstand ist das Rückgrat nicht nur der deutschen sondern einer jeglichen Wirtschaft.(Der Mittelstand wird in Deutschland ohne Berücksichtigung der Kleinstfirmen übrigens auf rund 80 Prozent der umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen beziffert.)
Doch was ist dieser Mittelstand überhaupt, wie und wo grenzen wir die Gruppe der so bezeichneten Unternehmen ab? Nach Professor Eberhard Hamer (Leiter des Mittelstandinstituts Niedersachsen e.V.) ist die klassische Abgrenzung nach Größe (Umsatz, Personal oder Kapitalausstattung) ein unbefriedigender quantitativer Ansatz. Es herrscht keine Einigkeit darüber, ob “Größe” als Leistungsbereitschaft oder Leistungsergebnis zu interpretieren sei.
Die intuitive Vorstellung assoziiert eine Wesensverschiedenheit zwischen Kapital- und Personengesellschaften. Während Kapitalgesellschaften auf Kapital aufgebaut, durch Kapital beherrscht, ausschließlich auf Kapitalrendite ausgerichtet und deshalb kapitalistisch strukturiert sind, basieren die anderen Firmen auf Personen, sind an deren persönlichen Lebenszielen orientiert, schicksalsmäßig mit ihnen verbunden und deshalb personell strukturiert. Dies schließt natürlich nicht aus, dass die Unternehmerpersonen sich ebenfalls kapitalistischer Ziele unterwerfen und entsprechende Werkzeuge nutzen.
Eine häufig vertretene Meinung klassifiziert den Mittelstand als Unternehmen kleiner und mittlerer Größe. Nach Professor Hamer sind jedoch die beiden Unternehmensarten dermaßen verschieden, dass das Standardwissen der geltenden Betriebswirtschaftslehre eher für Kapitalgesellschaften gilt und nur bedingt auf Personengesellschaften angewendet werden kann.
Für eine Abgrenzung nach unten (die Größe betreffend) reicht die schiere Selbständigkeit nicht aus. Zu Personalunternehmen gehört neben der Entscheidungsfreiheit der Unternehmer in Bezug auf Optimierung der Betriebsfunktionen und Zielsetzung (Selbständigkeit) auch ein Marktauftritt als eigenständiges Unternehmen. Freiberufler wie Schriftsteller, Künstler, Erfinder usw. sind zwar selbständig, erfüllen aber nicht die Bedingung des Marktauftrittes.
Zum Erfassen der Obergrenze gilt wiederum ein qualitativer (die unternehmerische Entscheidungsfreiheit der Inhaberperson) und kein quantitativer Ansatz. Geht man davon aus, dass auch Kapitalgesellschaften inhabergeführt sein können, so ist die Grenze darin zu suchen, ob der Inhaber selbst noch die Initiative führt (oder aufgrund der wachsenden Komplexität nicht mehr führen kann), oder ob ein Delegieren auf eine obere Managementebene bereits stattgefunden hat, womit der Charakter des Personalunternehmens und des mittelständischen Betriebes aufhört. Professor Hamer beschreibt das Wesen des mittelständischen Unternehmens mit “...der schicksalhaften Verbindung des Risikounternehmers als Eigeninitiator mit seinem von ihm geführten Betrieb.”
Feindbild Unternehmer
Ja, so sind sie halt, die Unternehmer! Sie pressen und prassen - zunächst ihre Arbeitnehmer aus wie Zitronen, und dann gönnen sie sich von dem erwirtschafteten Mehrwert Luxus, von dem der Normalbürger nur träumen kann. Wenn es nun schon zugeht wie im Märchen “Tausendundeine Nacht”, so dürfen wir doch gerne einmal die Frage stellen, wer sind eigentlich “die Unternehmer”? Ist es Rolf Breuer (Deutsche Bank), ist es Ulrich Schumacher (Infineon), Jürgen Schrempp (Daimler-Chrysler) oder etwa Werner Schröter (Bäckerei Schröter). Für alle, die Werner Schröter nicht kennen: Bäckermeister mir zwei Angestellten in Winzfeld, 948 Einwohner. Sind "die Unternehmer" am Ende ebenso fiktiv wie “die Wirtschaft”? Und wenn ja, über wieviele Personen, die von dem Ausgepressten prassen können, reden wir eigentlich? Wir haben derzeit in Deutschland rund 2,1 Mio. umsatzsteuerfplichtige Firmen, das macht also mindestens 2,1 Mio. Unternehmer. Die Mehrheit dieser Firmen hat allerdings auch Mitinhaber, aktive oder passive Gesellschafter. Wenn wir vorsichtiger Weise davon ausgehen, dass nur an jedem zweiten ein einzelner Mitgesellschafter beteiligt ist (es sind meistens mehrere = + X), so haben wir in der Summe also etwa 3,1 Mio “Auspresser”. Eine Modifizierung des klassisch kommunistischen Grundgedankens (“Niemandem gehört etwas”, weshalb sich auch niemand um den Erhalt der Werte, z.B. von Produktionsanlagen kümmert) könnte ja durchasu lauten “Alles gehört allen”, was kein Bisschen weniger schwammig ist. Auf dem Weg in diese Richtung gibt es nun aber auch das Anteilhaben am Produktivvermögen, wobei heute jeder sogar mit geringsten Beträgen (über Fond-Anteile) mitmischen kann. Mit den derzeit knapp 6 Mio Kleinaktionären ergibt sich also ein Anteil von Unternehmern und Mitunternehmern von 11 Prozent an der deutschen Gesamtbevölkerung (82 Millionen). Wenn wir “Auspresser” und “Ausgepresste” gegenüber stellen wollen, so sollten wir allerdings nicht auf die Gesamtbevölkerung, sondern auf den Anteil von Selbständigen und Angestellten Bezug nehmen (Arbeitende). Sodann kommen wir auf einen Anteil von mehr als 21 Prozent + X Unternehmer und Mitunternehmer. Und wie ist es eigentlich mit den 4,8 Mio. Angestellten des öffentlichen Dienstes? Sind es hier Bund, Länder und Gemeinden, die auspressen? Wenn wir davon ausgehen, dass diese Arbeitgeber vom Bürgermeister über den Kreisdirektor bis zum Minister nicht zu der Gruppe der Unternehmer gezählt werden sollen, so muss auch der Anteil ihrer Arbeitnehmer herausgerechnet werden. Unabhängig davon, ob wir je nach Datenbasis bei 23 oder 25 Prozent landen, ist der wesentliche Punkt doch, dass die Abgrenzung zu “dem Unternehmer” auf diesem Wege nicht exakt vorgenommen werden kann. Deshalb ist der Sinn dieser Abgrenzung ebenso in Frage zu stellen wie das Feindbild. Das Zahlenspiel bringt uns also gar nicht so sehr viel weiter, denn die Breuschurempps sind deutlich in der Minderzahl gegenüber den Schröters dieser Republik. Sprechen wir mit Schröters Gesellen und seiner Ladenhilfe, so sieht das Feindbild Unternehmer deutlich anders aus, als wir es aus vielen Publikationen kennen. Auch im Elektronikbetrieb Scheuch nebenan, der einen Nischenmarkt mit fünf Angestellten bedient, sieht es etwas anders aus. Hier weiß jeder der Arbeitnehmer von den schwankenden Auftragseingänge und die Sorge um Anschlussaufträge zu berichten. Und jeder hier versteht, dass der Chef keine zusätzliche, feste Kraft in Spitzenzeiten einstellt, die er in schwachen Zeiten nicht benötigt. Wie ist es nun mit der Teilhabe am Produktivvermögen? Bei Scheuch würden sich sofort zwei von fünf Angestellten für eine Beteiligung an ihrem kleinen Unternehmen bereit finden wenn dies nur möglich wäre (“Man weiß dann noch besser, wofür man hier arbeitet”). Drei hingegen würden ihren Notgroschen lieber in große DAX-Werte investieren, die als nicht so anfällig gegen die konjunturellen Schwankungen empfunden werden (“So ein kleines Unternehmen ist doch ein Risiko”). So ist das also mit den Unternehmern und Mitunternehmern, von denen alle gern teilhaben wollen und sollen an dem Kuchen, der da verprasst wird. Wenn da nur nicht diese Sache mit dem Risiko wäre ...