An Geld zu denken bedeutet auch quantitative Maßstäbe anzusetzen. Geld als erstrebenswertes Leistungspfand ist für jedes Individuum reizvoll. Es verführt zum Einsatz krimineller Energie, was gleichbedeutend ist mit dem Erschleichen eines Leistungsvorrates. Geld ist gemeinhin eben mehr ein Synonym für Unabhängigkeit und Freiheit als für Leistung.
In der mechanistischen Physik nach Isaac Newton drehte sich alles Denken um Bewegung im mechanischen Sinne. Christiaan Huygens, ein Zeitgenosse Newtons, erahnte, dass Licht nicht “korpuskular” ist, sondern sich als Wellenbündel durch den “Äther” bewegt. Das Wissen um Wärme und Energie brachte die Menschheit schließlich zur Quantenphysik. Fortan mußte in zwei Dimensionen gedacht werden, die wir als Energie und Substanz (Materie) kennen*().
- - - - - - - - - - *(Einstein, Albert / Infeld, Leopold: “Die Evolution der Physik”, Neuausgabe 1995, Rowohlt, nach Originalausgabe “The Evolution of Physics”,1938, Simon und Schuster, New York )
Wie Energie und Substanz sind das quantitative Geld und seine Umlaufgeschwindigkeit in gewisser Weise unterschiedliche Dimensionen. Der Vergleich scheint zu hinken, hängt doch die Umlaufgeschwindigkeit vom Vorhandensein des Geldes und seiner Menge ab. Doch auch frühere Physiker mußten sich von der Vorstellung, Energie habe kein “Gewicht”, verabschieden. Die heutige Physik lehrt, dass Energie Masse hat und Masse Energie verkörpert. So können wir die volkswirtschaftliche Bedeutung der Umlaufgeschwindigkeit als eine weitere Dimension des Geldes hervorheben. Der Werbeslogan einer Großbank “Geld muß schwitzen” ist nicht nur griffig, sondern deutet auf den notwendigen Fluß des Geldes hin.
Stellen wir uns einmal als idealtypisches Modell die Geldzirkulation zwischen nur drei Wirtschaftssubjekten vor, die wir in unserer üppigen Kreativität A, B und C nennen wollen. Alle drei stellen eine, oder viel richtiger: eine undenkbar große Anzahl von verschiedenen Leistungen in den Markt ein. Wir gehen davon aus, dass weder A, B noch C die Ideen für diese Leistungen je ausgehen. Und wir setzen ferner voraus, dass C stets an A liefert, A an B und B an C usw. Alle drei haben ein Kapital von je 100, was auch einhundert Millionen oder schlicht 100 Prozent sein könnte.

Wenn nun jeder für 10 Kapitaleinheiten an seinen Kunden liefert und die Bezahlung unverzüglich in der Gegenrichtung erfolgt, so entsteht ein Kreislauf, der reibungslos auf ewig funktionieren wird. Selbst wenn mal hier und dort eine kleine Verzögerung bei der Bezahlung der Rechnung eintreten sollte, so wird daraus keinerlei Problem erwachsen, denn Leistung und Geldfluß machen ja nur ein Zehntel der Kapitale aus (Siehe Figur 1 der Grafik). Eine schnelle oder langsame Zahlweise ist hier fast bedeutungslos. Die Pfeile in der Grafik beschreiben übrigens die Richtung der Leistung.
Wesentlich ist, dass der Umlauf von Geld und Wirtschaftsleistung in diesem vereinfachten Modell beliebig beschleunigt werden kann. Bei unverzüglicher Zahlung wird eine beliebige Steigerung der Wirtschaftskraft denkbar. Das heißt, dass (nur theoretisch) mit der selben Quantität an Geld entweder sehr wenig oder unendlich viel Wertschöpfung erzeugt werden kann. Maßgeblich ist allein die Geschwindigkeit, mit der Leistung und Geld rotieren. Dies ist allerdinsg nur ein rein theoretisches Denkmodell und wir werden später sehen, dass gerade das Gegenteil mit dem A-B-C-Modell belegt wird, wenn andere Faktoren hinzu kommen, nämlich die volkswirtschaftliche Schädlichkeit der Beschleunigung, weil eben das Erbingen der Leistung und die als unverzüglich vorausgesetzte Bezahlung nur zwei von vielen Parametern sind.
Ebenfalls reibungslos gestalten sich Einzelleistungen im Werte von 100 Kapitaleinheiten, wie es in Figur 2 der Grafik dargestellt wird. Dies klappt allerdings nur, wenn die Zahlung unmittelbar und sofort gegen die Leistung getauscht wird, was in der Praxis durch zeitliche Verzögerungen der Transferleistungen natürlich nicht realistisch ist. Aber auch hier gilt, dass mit dem gleichen Kapitalstock eine beliebig hohe Wertschöpfung erzeugt werden kann, wenn sich genügend Leistung findet, die von den Wirtschaftssubjekten angeboten, aber auch nachgefragt wird.
Die Situation ändert sich, wenn wir uns der Figur 3 der Grafik zuwenden. B beginnt Geldmittel zu horten. Auf gut Deutsch, er bezahlt seine Rechnungen einfach nicht. Ansonsten läuft alles weiter wie bisher. Je nach Größenordnung des Leistungsaustausches tritt eher früher als später der Fall ein, dass der Zulieferer von B in finanzielle Bedrängnis gerät, weil B seine Rechnungen nicht bezahlt. C merkt zunächst rein gar nichts von diesen Vorgängen, da B an C liefert, dieser an B bezahlt und auch A die Lieferungen von C bezahlt, solange er noch über Barmittel verfügt.
An diesem Punkt bricht der Kreislauf natürlich zusammen; A verfügt schließlich über Null, B über 200 und C über 100 Kapitaleinheiten. A muß spätestens an diesem Punkt finanzieren. Um der Frechheit von B noch die Krone aufzusetzen, könnte dieser aus seiner reichlichen Liquidität seinem Zulieferer A einen Kredit anbieten. Bei einem geringeren Leistungsfluß als 100 verfügt auch C über Reserven, die in Form eines Kredites angeboten werden könnten.
Wir haben bisher weder eine Kapitalvermehrung durch Wertschöpfung, noch den Einfluß von Finanzierung bedacht. Die Akkumulation wollen wir im Moment noch außen vorlassen. A hat sicher nicht bis zum letzten Augenblick mit der Finanzierung gewartet, denn er hat die Malaise kommen sehen. Möglicherweise sind die ersten Kredite aufgenommen worden, als nur noch die Hälfte seines Kapitals in der Kasse war. Es ist uns sofort sichtbar, dass die Zinsen, die A fortan an B und C zahlt, seine Situation verschlimmern, also den Kapitalverlust beschleunigen werden. Selbst wenn B großzügig, wie er nun einmal ist, ab sofort die Rechnungen wieder pünktlich begleicht, hat A mit einem Schwund in der Kasse durch Zinszahlungen zu kämpfen.
Wir wollen einen Durchgang, in dem A an B, B an C und C schließlich wieder an A eine Leistung erbringt, als Leistungsrunde bezeichnen. Wenn A Zinsen in Höhe von 0,5% pro Leistungsrunde zu zahlen hat, so könnte in diesem Fall eine Leistungsrunde einen Monat betragen, wobei der Zinssatz 6% per anno beträgt. Wenn A das Startkapital bereits am Anfang vollständig finanzieren mußte, so wird er nach 36 Leistungsrunden (hier also drei Jahre) bei diesem Zinssatz rund 16,5% verloren haben.
Aber A weiß sich zu helfen. Er erhöht seine Preise für die Leistungen an B, um damit zumindest die Zinsen tilgen zu können. B sieht nicht ein, die Preiserhöhung seines Lieferanten wegzustecken und erhöht flugs auch seine Preise. Fast nicht nötig zu erwähnen, dass auch C keinen Margenverfall hinnehmen möchte und ebenfalls seine Preise erhöht. Was also ist passiert?
B hat seine Rendite durch Zinseinkünfte verbessert und eine Inflationsrunde wurde in Gang gesetzt. Die Inflation muß die Finanzierungskosten auffangen.
Wenn nun alle finanzieren, die Kredite jedoch aus dem gemeinsamen Kapitaltopf (3 x 100 Einheiten) stammen, sich die Wirtschaftssubjekte gegenseitig also Kredite in jeweils gleicher Höhe und zu gleichem Zinssatz einräumen, so findet natürlich eine Neutralisierung des Umverteilungseffektes statt, da auch die Zinsverschiebungen gleich bleiben. Jede individuelle Änderung sowohl im Kreditvolumen wie auch im Zinssatz führt dagegen zu Verschiebungen des Kapitalstocks.
An dieser Stelle wird es nun wirklich notwendig, das eigentliche Ziel der Ökonomie einzubeziehen. Die Kapitalakkumulation durch Wertschöpfung haben wir bewußt zunächst außer Acht gelassen, um die “ungeschminkte Wahrheit” der Prinzipdarstellung herauszuarbeiten. Das reine Rotieren von Leistung und Geld reicht danach aus, um das Überleben der Wirtschaftssubjekte zu sichern. Es reicht dagegen nicht aus, um einen Fortschritt im Sinne von schneller, besser oder billiger zu erreichen. Damit ist bereits Wachstum unwahrscheinlich und das Anlegen von Reserven unmöglich, da keine Überschüsse erwirtschaftet werden. Dadurch werden hohe Startinvestitionen für Innovationen verhindert. Somit kann die alleinige Rotation nicht Absicht und Ziel der Ökonomie sein.
Die Art der Leistung im Austausch zwischen A, B und C spielt zunächst eine gewisse Rolle. Stellen wir uns vor, dass A den Rücken von B massiert, B für C das Wohnzimmer tapeziert und C für A den Haushalt grundlegend reinigt. Wir haben zwar einen reinen Dienstleistungskreislauf erdacht, stoßen aber sehr schnell an die Grenzen. Denn A benötigt (alles extrem vereinfacht) Massageöl, B muß über Tapeten und Kleister verfügen und C hat keine Chance ohne Reinigungsmittel und grüner Seife.
Da ABC ohnehin nur Symbole von willkürlich gewählten Gruppen sind, lassen wir jedem von Ihnen einen zweiten Job zukommen. C produziert Massageöl für A, B Reinigungsmittel für C und A Tapeten und Kleister für B. Außerdem müssen sich alle drei Gruppen ernähren, so dass wir einen Drittjob einführen, die Nahrungserzeugung für den jeweiligen “Kunden”. Das Leistungsspektrum könnte an dieser Stelle beliebig erweitert werden. Für das Prinzip reicht diese Darstellung aus.
Die Leistungen und der Bedarf setzen sich damit aus >K< und >I< zusammen, Konsum und Investitionen. Wie aber erreicht A einen Überschuß, wenn er gleichzeitig alle Einnahmen benötigt, um zu konsumieren und die Rechnungen an die Vorlieferanten zu begleichen, was in unserem idealtypischen Beispiel ja auf die jeweils exakt gleiche Summe im Leistungstransfer zwischen den Teilnehmern hinausläuft? Wenn A einen teilweisen Kunsumverzicht betreibt und auch Investitionen herunterfährt, so wird unverzüglich C ein Schrumpfen seines Auftragsvolumens bemerken und der Kreislauf beeinträchtigt. Wenn aller drei Gruppen zeitgleich ein ähnliches Verhaltensmuster an den Tag legen, wird eine Rezession unausweichlich.
Das ABC-Modell stößt uns mit der Nase ebenfalls auf den Konsum. Woraus wird dieser nun gedeckt? Interpretieren wir in das Modell hinein, dass z.B. C gleichzeitig einen Bauern darstellt, der Saatgut ausbringt, später erntet und schließlich aus dem Mehl auch noch selbst Brot backt. Dieses liefert er an A und erhält ein Entgelt, was genau seine Aufwendungen deckt.
Um festzustellen, was seine Aufwendungen deckt, lassen wir C nun gar nicht selbst arbeiten, sondern er bezahlt diesen Aufwand einer angestellten Person. Nun ist es in dieser willkürlich angenommenen ausgeglichenen Bilanz egal, ob der diesen Betrag an eine fremde Person, oder an sich selbst “entrichtet”. Der wesentliche Punkt ist, dass er den Leistungserbringer (von der Saat bis zum Brot) aus genau dem Betrag ernährt, den auch A für den Kauf des Brotes aufwendet. Mit anderen Worten entspricht hier der Konsum von A gleichzeitig dem Konsum von C (oder Äquivalent), was bedeutet, dass der Konsum aus der Arbeitsleistung zu decken ist.
Welche Möglichkeiten für einen Überschuß bleiben A außer dem Konsumverzicht sonst noch? Er könnte Zeit gewinnen, indem er seine Rechnungen etwas später als bisher begleicht, seine Preise an B geringfügig anhebt und so einen winzigen Mehrwert schafft. Der Zeitfaktor in der Rotation gewinnt an Bedeutung.
Der nächste Schritt liegt auf der Hand: Jede Verzögerung in der Bezahlung ist gleichbedeutend mit Kredit und muß abgezinst werden. Der von A erreichte Vorteil wird damit durch die Zinslast aufgefressen, wenn der erreichte Mehrwert nicht höher ausfällt als der Marktzins. Das ökonomische Bestreben von ABC lautet daher, einen höheren Mehrwert als den Marktzins zu schöpfen. Aus diesem Teil können endlich Reserven angelegt werden, die Expansion, Innovation und Vorfinanzierung ermöglichen.
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück an die Stelle, in der eine ausgeglichene Bilanz für den Konsum innerhalb des Kreislaufs vorausgesetzt wurde. Jede weitere Investition muß hier aus zusätzlicher Arbeitsleistung erwirtschaftet werden. Es entsteht eine parallel anmutende Zirkulation, in der wie beim Konsum eine Teilnehmergruppe leistet und entsprechend selbst Investitionen tätigt. Die Arbeitsleistung entspricht hier nur dem Äquivalent der Investition in einer ausgeglichenen Bilanz. Wenn die Investition nun an dieser Stelle dazu führt, dass durch z.B. verbesserte Hilfsmittel die zu erledigende Arbeit in einer kürzeren Zeitspanne ausgeführt wird, so ist eine Zeitreserve erreicht, die entweder einfach gewonnen, oder aber gleichzeitig für andere Tätigkeiten aufgewendet werden kann. Diese Spanne ist darstellbar als Überschuß in der Form von Produktivitätsgewinn.
Es ist ein Wirtschaftskreislauf angestoßen worden, der auf einem Zeitfaktor der Rotation von Leistung und Geld beruht. Dieses idealtypische Modell führt uns gleichzeitig die Problematik von Planwirtschaften vor Augen. Hier liegt der Knackpunkt, warum der Kapitalismus unüberbrückbare Vorteile gegenüber kommunistischen und sozialistischen Plansystemen besitzt. Eine globale Planung von Überschüssen wäre der Ausweg. Aber diese Möglichkeit erscheint deswegen unrealistisch, weil kein Planungsstab Überschüsse für den anderen, sondern allenfalls für sich selbst errechnet. Daraus ergibt sich wiederum die Notwendigkeit, Kontrollinstanzen zu schaffen. Die wirksamste und zugleich einfachste Kontrollinstanz ist der Markt. Mit dem Etablieren von konkurrierenden, individuellen Überschußbemühungen landen wir dann automatisch beim kapitalistischen System.
Schade um dieses schöne Schlußwort, doch wir sind mit diesem Abschnitt noch nicht am Ende. Unser einfaches ABC-Modell lenkt den Blick auf ein sehr wichtiges Thema: Lagerhaltung. In der Wirkung entspricht sie dem Versuch von B, Kapital zu horten. Die entsprechenden Investitionen werden vorübergehend aus dem Kreislauf ABC genommen und in Waren gebunden. Alle dort beschriebenen Einflüsse in Bezug auf Zinsen und Verschiebungseffekte gelten auch hier.
Nun wird nie eine Volkswirtschaft ohne Lagerhaltung auskommen und jeder Versuch, diese zu verhindern wird scheitern. In modernen betriebswirtschaftlichen Modellen ist diesem Faktum jedoch längst Rechnung getragen worden. Besonders kommt dies in der Prozeßsteuerung zum tragen, wo nicht nur die Kapitalbindung in unverkaufte Fertigwaren einer kritischen Überprüfung unterzogen wird, sondern auch alle Rohstoffe, Halbzeuge und Hilfsmittel auf allen Zwischenstationen. Sogar Leistungen mitten im Prozeß können hier mit einem quantitativen Maßstab eingegliedert werden. Sehr eindrucksvoll schildern dies auf populärwissenschaftliche Weise Eliyahu Goldratt / Jeff Cox in “Das Ziel” *().
- - - - - - - - - - *(Goldratt, Eliyahu M./ Cox, Jeff: “Das Ziel” - Prozeßoptimierung, Campus 2001)
Bei der Kapitaloptimierung spielt also die Lagerhaltung eine sehr wichtige Rolle. In ihrem Fahrwasser findet sich die komplette Logistik. Seit der Einführung des “Just-In-Time”-Gedankens wissen wir schließlich, dass Lagerhaltung sich auch im Auflieger eines LKWs abspielt. Natürlich hängt auch die volkswirtschaftliche Denkweise mit Hinblick auf Kapitalallokation und Investitionen daran.
Geldumlauf und Lagerhaltung sind voneinander nicht zu trennen. Diese Adhärenz wirkt kräftig an den Konjunkturphasen mit, wo ein Abbau der Lagerhaltung zur Kostenreduzierung in der Krise unvermeidlich ist. Gleichfalls dient der eintretende Lageraufbau als Frühindikator für die Verbesserung der Lage. Der Bestandsaufbau bindet Mittel und ist identisch mit Investition im Vorgriff auf ein erneut belebtes Geschäft. Er erzeugt damit bei den Vorlieferanten eine erhöhte Nachfrage in der Phase der Vorkunjunktur. Er liefert damit einen Nachfrage-Impuls, obwohl er Kapital bindet und erhält einen ambivalenten Charakter, was bedeutet, dass er Geld aus dem Umlauf bindet und auf der anderen Seite die Wirtschaft belebt.
Anmerkung:
Spielt der Außenhandel eine Rolle im ABC-Modell? Dazu lassen wir C nicht an A, sondern an eine weitere Gruppe, nämlich an X liefern. X wiederum beliefert A. Da wir ganz willkürlich einen Leistungskreislauf hergestellt haben, der zumindest zu Beginn im Volumen völlig identische Leistungen vorausgesetzt hat, stellt nun der Außenfaktor “X” nichts anderes als eine weitere, zwischengeschaltete Station dar, die in dieser theoretischen Form keinen weiteren Einfluß auf die Rotation ausübt. In der Praxis fallen weitaus höhere Transaktionskosten im Außenhandel an, was aber mit dem Grundgedanken des Modells nichts zu tun hat. Hier kann also die eingeschobene Station einfach weggelassen werden.
Kreditinstitute halten Geldmittel bereit, die den Wirtschaftssubjekten als Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden. Unabhängig davon, ob es sich um private Konsumkredite oder um Geschäftskredite handelt, muß das Kreditvolumen besichert werden. Das reibungslose Funktionieren des Bankwesens ist für jeden Staat der Erde eminent wichtig. Die aktuelle japanische Krise und auch die fortgesetzten Finanzkrisen Lateinamerikas führen die Bedeutung vor Augen.
Ein staatlich verordnetes Mittel zur Verhinderung von Überschuldungen und zur Unterbrechung von Kettenreaktionen im Falle eines Abgleitens der Kreditlinien während Rezessionen ist die Besicherung durch das Eigenkapital der Banken. Je nach Gesetzeslage haben die Banken einen Prozentsatz des Kreditvolumens durch entsprechendes Eigenkapital zu decken. Dies ist kein umfassender Schutz, denn je nach Tiefe der Krise wird sich auch die Kette der Insolvenzen fortsetzen. Aber es ist eine Funktion, die in Grenzbereichen greift und zur Disziplinierung der Kreditvergabe zwingt.
Diese Eigenkapitalvorschriften führen nun allerdings dazu, dass die Kredite selbst in den Umlauf geraten, auf der anderen Seite aber auch Eigenkapital der Banken (Zweck-) gebunden wird. Die Auswirkungen werden deutlich, wenn Änderungen in der Eigenkapitalvorschrift stattfinden wie in den Vereinbarungen Basel II. Je schlechter das Rating, nach dem die Bonität eines Kreditkunden bestimmt wird, desto höher soll der entsprechende Eigenkapitalanteil ausfallen. Dieses Folterwerkzeug führt zwangsläufig dazu, dass die Banken ihr Kreditportfolio umzuschichten beginnen. Wenig riskante Kredite werden gern vergeben, da weniger Eigenkapital gebunden wird. Riskante Kredite werden so weit es geht gemieden. Dies verschärft die Finanzierungssituation der Unternehmen, die auf Kredite angewiesen sind. Schwierige Lagen werden noch prekärer. Es findet eine noch stärkere Polarisierung statt, die in der Konjunktur weniger ins Gewicht fällt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird damit der behäbig anlaufende Motor jedoch gedrosselt und der Geldumlauf verlangsamt.
Es ist leicht einsehbar, dass in der Krise die zunehmend schleppende Zahlungsweise der Marktteilnehmer und erst recht komplette Ausfälle durch Insolvenzen den Geldumlauf erheblich beeinträchtigen. Dies wirkt zusätzlich konjunkturschädigend. Der umgekehrte Fall, eine heiß laufende Konjunktur, treibt den Geldumlauf. Logische Konsequenz: Geldmengensteuerung.
Eines der herausragenden Merkmale des Monetarismus liegt ja in der von Milton Friedman vorgeschlagenen Konjunktursteuerung durch die Geldmenge, statt über die (bzw. ergänzend zur) Zinspolitik. Das ABC-Modell führt eine entsprechende Begründung deshalb vor Augen, weil ein vergößertes Volumen an Geld den gleichen Effekt an den Schnittstellen ausübt, wie ein beschleunigter Umlauf.
Wir haben im A-B-C-Modell bereits erfahren, welche Folgen das Zurückhalten von Geldmitteln in dem Kreislauf hat. Bisher waren wir davon ausgegangen, dass Unternehmen diese Störung verursachen. Da wir die A-B-C-Gruppen aber auch gleichzeitig als Konsum-Einheiten dargestellt haben, führt eine Verweigerung der Konsumenten zu gleichem Ergebnis.
Der psychologische Einfluss von Konsumverweigerung war nicht nur in der “japanischen Krise” der 90er Jahre festzustellen. Auch nach Einführung des Bar-Euro Anfang 2002 wurde die sehnlichst erwartete konjunkturelle Erholung dadurch verzögert. Bereits 2001 hatten Unsicherheiten zu Konsumverzicht geführt, was sich auch in einem Anstieg der in den Jahren zuvor gefallenen Sparquote der bundesdeutschen Bevölkerung auf 10,2 Prozent (2000: 9,8 und 1999: 9,9 Prozent) ausdrückte.
Das Geld kann auf zwei Wege erneut in den Umlauf eingeschleust werden. Zum einen können aussichtsreiche Investitionen in die Realwirtschaft (direkt oder über den Kapitalmarkt) als Katalysator dienen. Wenn hier keine ausreichende Phantasie entsteht, bleibt der zweite Weg: die psychologisch motivierte Verbesserung des Konsumklimas.
Wir haben gesehen, dass der Geldumlauf auch eine direkte Beziehung zum Finanzierungsvolumen hat. Kredite sind natürlich ganz normale Finanzierungsinstrumente, allerdings werden wir gleich sehen, wo der eigentliche Haken liegt.
Wenn die 30 DAX-Unternehmen auf ihre Verschuldung hin untersucht werden, so sind die ersten vier Plätze derzeit (April 2002) wie folgt belegt:
- 90 Mrd. EUR - Daimler-Chrysler
- 65 Mrd. EUR - Dt. Telekom
- 42 Mrd. EUR - Volkswagen
- 25 Mrd. EUR - BMW
Der Schuldenberg aller DAX-30-Unternehmen ist im Jahr 2001 auf 1.468 Mrd. EUR angewachsen, was zwei Dritteln des Bundesdeutschen BIP, also der Arbeitsleistung von 82 Millionen Deutschen entspricht. Das ist ein gewaltiger Berg.
Dieses Geld wurde aus zu Vermögen kristallisierten Überschüssen zur Verfügung gestellt. Es existierte damit in dieser Höhe ein Leistungspfand. Diese Überschüsse wollen “profitabel” angelegt werden und sollen Zinserträge erwirtschaften. Die Kreditnehmer haben diese Zinsen und darüber hinaus möglichst weitere Überschüsse aus ihren Geschäftsmodellen zu erbringen. Solange dies gelingt, ist kein Problem zu erwarten. Es existiert dann ein Gegenwert.
Die genannte Verschuldungshöhe von nur 30 Unternehmen läßt allerdings vermuten, dass es diesen Unternehmen zu einfach gemacht wurde, Kreditlinien aufzubauen, deren Gegenwert umstritten sein könnte. Die alles entscheidende Frage lautet also: Arbeitet das Fremdkapital profitabel? Kann es dies überhaupt tun? Und hier entzünden sich die Gemüter der Finanzbranche und der Ökonomen. Sie stellen die Frage, ob die Kapitalallokation am richtigen Platz erfolgt, oder ob der Mittelstand volkswirtschaftlich nicht der bessere Ort wäre.
Das ABC-Modell erinnert auch an den notwendigen Zeitfaktor bei evolutionären Entwicklungen. Es erklärt gleichzeitig, dass neben anderen (und noch wesentlich wichtigeren Faktoren) auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes einen Einfluß auf die Kapitaleffektivität ausübt.
Wir haben nunmehr zwei zeitsensitive Bereiche in dem ABC-Modell vorgefunden, die miteinander nichts zu tun haben. Der eine wird durch die Arbeitszeit repräsentiert. Es ist die jeweilige Zeitspanne, die zur Erstellung der angebotenen Leistung notwendig ist. Der andere ist unter Time-Lag bekannt. Hier sind es (zwar optimierbare, aber nicht zu verhindernde) Verzögerungen bei den Transaktionen. Wir haben bereits weiter oben dargestellt, dass Verzögerungen bei der Zahlung abgezinst werden müssen, da sie in der Masse einen Finanzierungsbedarf darstellen. Jede Optimierung des Time-Lags im Zahlungsverkehr bedeutet volkswirtschaftlich somit Zinsvermeidung.
Die Berücksichtigung von Finanzierungsnotwendigkeiten und die Schöpfung der dafür notwendigen Geldmittel aus ökonomischen Überschüssen, führt uns zu einer Erweiterung des A-B-C-Modells. Dazu setzen wir voraus, dass in allen drei Bereichen
a) Überschüsse erzielt und thesauriert werden
b) Finanzierungsbedarf besteht
c) die entsprechenden Größenordnungen in A,B und C gleich sind.

Wir können uns auf dieser Basis ein parallel verschobenes gleichseitiges Dreieck vorstellen: A1-B1-C1. Aufgrund der kongruenten Voraussetzungen ist es unerheblich, ob A an B oder an C Geldmittel ausleiht, oder an beide. Das Selbe gilt für die Gruppen B und C als Verleiher. Uns interessiert lediglich das Zusammenspiel der beiden parallelen Dreiecke.
Die Überschüsse, die in A weder konsumiert noch investiert werden, sammeln sich in A1. Für B und C verhält es sich entsprechend. Ob der Kreislauf A-B-C beeinträchtigt wird, hängt von den erwirtschafteten Überschüssen ab. Wenn größere Teile in A1-B1-C1 überführt werden als die Überschüsse hergeben, so leidet der Kreislauf A-B-C darunter.
Hier ist an die japanische Wirtschaftssituation in den 90er Jahren zu erinnern. Im Rückblick wird das letzte Jahrzehnt des 20sten Jahrhunderts als kollektive Konsumverweigerung dieser Volkswirtschaft gewertet. Dabei hat diese Nation die weitaus höchsten Ersparnisse der Welt. Rund die Hälfte aller weltweiten Kredite stammt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Blicken wir Anfang 2002 nach Europa, so sehen wir einen ähnlichen Effekt aus ganz anderen Beweggründen. Mit der Einführung des Euro wurde anfangs der “Nominal-Effekt” unterschätzt, nachdem der durchschnittliche Konsument in Deutschland nur noch den psychologisch halben Wert im Portemonaie hat. Dabei nutzt es wenig, dass die Proportion von Einkommen zu Marktpreisen gleich geblieben sein soll. Der Auslöser für Konsumzurückhaltung ist das psychologische Momentum.
In dem Maße, wie der Konsument sich verweigert, wird die Konjunktur gedrosselt. Wir haben in dem A-B-C-Modell die Auswirkungen erfahren. Die individuellen privaten Konsum-Einsparungen wiegen in der Masse so schwer, dass staatliche Mehrausgaben dies nicht ausgleichen können. Bei einer zehnprozentigen Konsumvermeidung wären weit über 100 Milliarden Euro zu kompensieren. Dies kann die Staatskasse nicht leisten. Die von Keynes vorgeschlagene Erhöhung der staatlichen Investitionen in Rezessionen, kann deshalb die private Konsumverweigerung nur ungenügend auffangen. Sie bringt stattdessen als Bumerang den unvermeidbaren Nachteil der erhöhten Zinslast des Staates mit sich, wenn zuvor in guten Zeiten nicht für die Reduzierung der Staatsverschuldung gesorgt wurde.