Was Geld wirklich ist

"Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?" - Wem dieses Nestroy-Zitat kein Lächeln abringt, der hat weder Sinn für subtilen Humor noch für die Börse. Es ist eben immer zu wenig, selbst wenn es viel ist. Und vieviel ist "viel"? Und was ist Geld überhaupt?

Die häufig dargestellte Rolle des Geldes im Wirtschaftskreislauf und seine Funktion als Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit greift zu kurz, denn hier ist nicht von Bargeld, sondern von Geld in seinem Wesen die Rede. Wir werden auf schwimmende Grenzen in Fragen der Verkörperlichung und Bewertung stoßen. Erst in jüngeren Geldtheorien geht es um eine genauere Darstellung dessen, was Geld seinem Ursprung nach wirklich ist. Beschreibungen wie "Ungleichgewichte zwischen dem vagabundierenden Kapital und der Realwirtschaft..." belegen, wie ungenau die Vorstellungen von Geld sind. Denn das "vagabundierende Kapital" ist nun einmal aus der Realwirtschaft entstanden und damit untrennbarer Teil von ihr. Aber darauf werden wir genauer eingehen.

Die erwähnte Tauschmittelfunktion des Geldes ist ebenso selbst erklärend wie die Wertaufbewahrungsfunktion. Bei der Recheneinheitsfunktion wird es schon unübersichtlicher. Nach dem Wirtschaftswissenschaftler Dr. Wolfgang Ströbele bedeutet diese Funktion die einfachere Handhabung der Tauschfunktion durch den Ersatz der Formel

"Ware x (n - 1)/2 = Tauschverhältnis"
durch "n-Preise" in Recheneinheit "Geld",

was auf Deutsch nichts weiter heißt, als dass man keine mehr oder weniger komplizierte Formel mehr braucht, sondern einfach einen direkten Preis für eine Einheit Ware einsetzt.

Auf den Punkt gebracht ist Geld Gegenwert zu Leistung. In der heutigen Zeit erfüllt das Geld genau jene Funktion, die in der Urzeit des Menschen die Natur selbst zur Verfügung stellte - als Ernährer des Menschen*(). Wer wollte bestreiten, dass eine reiche Person von seinem Geld leben kann? Die Frage bleibt, woher das Geld stammt. Denn eine finanziell unabhängige Lebenssituation ist die Ausnahme. So ist es natürlich nicht das Geld selbst, das ernährt, sondern die dahinter stehende Leistung. In der Frühzeit gewährte das natürliche Umfeld Nahrung, Wohnraum und Kleidung. Das vierte Grundbedürfnis des Menschen “Energie” wurde vor Nutzung des Feuers allein aus der Nahrung gedeckt. (An dieser Stelle seien auch gleich das fünfte Grundbedürfnis “Kommunikation und Unterhaltung” sowie das sechste “Freiheit” erwähnt.)

*(Anmerkung:
Das Geld hat die Natur als Lebensgrundlage des Menschen abgelöst” mag eine gewagte These sein. Ein wahrscheinlich in seiner Tragweite kaum hinreichend bedachter Satz in einem Leserbrief (“DIE WELT”, 9.3.2002) sollte in diesem Kontext zum Nachdenken anregen: “Jeder mag sein Leben so einrichten, wie es ihm passt, aber er kann nicht die Kosten dafür anderen Menschen aufladen.” Auch wenn es dort um ein völlig anderes Thema, nämlich das Sozialschmarotzertum ging, so bleibt die Aussage, die ein Menschenleben zum Kostenfaktor macht.
Die rein ökonomische Denkweise -Moral hin, Moral her- kann ebenso eine Kosten-Nutzen-Bilanz für einen Hund aufstellen, in der die Kosten für Futter und Tierarzt einem “Nutzwert” (Freude, die das Tierchen seinem Besitzer macht, oder Bewachung) gegenüber gestellt werden. Aus Sicht des Tieres ein unglaubliches und ignorantes Ansinnen.
Jemand, der in ähnlicher Weise eine solche Bilanz für einen in freier Wildbahn lebenden Buntspecht aufstellen wollte, würde sicher absolutes Unverständnis ernten.
Der Punkt ist, dass der durchschnittliche Industriemensch nicht mehr in eine “Naturwelt” geboren wird, sondern in eine “Geldwelt”. Wir können uns dem nicht entziehen, je nach Standpunkt leider - oder zum Glück. Mancher mag einwenden: Wer will, kann auch aus der Industriegesellschaft heraus nach “Ausstiegsmöglichkeiten” suchen, sich vielleicht einem Naturvolk anschließen oder auf einer einsamen Insel alle Geldkultur hinter sich lassen. Wenn auch ein einzelnes Individuum das vermag, für die gesellschaftliche Masse besteht überhaupt keine Möglichkeit. Im Natursinn ist es der Geburtsort oder die heimatliche Region, wo man sich einzurichten hat..., und “man” ist hier gleichbedeutend mit der Mehrheit. So wie das Tier, das in Sibirien das Licht der Welt erblickt und mit den dortigen Umständen leben muß.
Dies alles zeigt deutlich, wie weit wir Menschen uns mit unserer Lebensweise von unserer biologischen Natur entfernt haben.)

In der Frühzeit bestand die wirtschaftliche Leistung des Menschen u.a. darin, Beeren zu sammeln und auf die Jagd zu gehen. Wir wollen uns einen ersten kleinen Wirtschaftsraum in diesem Szenario vorstellen, der zunächst von zwei benachbarten Familien ausgeht. Beide hausen in Höhlen, kleiden sich mit Fellen erlegter Tiere. Allerdings hat die Familie "Schneider" einen Technologiesprung erlebt: Dem Familienoberhaupt gelang das zusammenfügen verschiedener Felle mittels Tiersehnen. Diese Technik beschäftigt ihn fortan so stark, dass er darüber das Beibringen von Nahrung vernachlässigt. Dies hat weit reichende Folgen.

Unser Höhlenbewohner "Jäger" ist erfolgreicher auf der Jagd und sammelt auch mehr Beeren, als es für die Ernährung seiner eigenen Familie notwendig ist. Die Nachbarfamilie "Schneider" hat hingegen durch ihre neue Technologie einen Überschuß an Kleidung erwirtschaftet. Auf der Basis dieser ersten Spezialisierung ergeben sich zwischen den beiden Familien einige Tauschhandel. Eines Tages stellt sich nun die Situation so, dass dem Nahrungsüberschuß der Familie "Jäger" nicht mehr genug Kleidung der Familie "Schneider" gegenüber steht. Kumpel "Jäger" gibt trotzdem Nahrungsmittel an seinen Nachbarn ab, und dieser überläßt ihm als Pfand einen besonders schön geformten Stein. Dieser Stein soll später zurück getauscht werden, wenn wieder Kleidung zur Verfügung steht. Die Leistungen der beiden Familien ist damit klar umrissen, die Funktion des Steines als Pfand für die später noch zu erbringende Leistung wird deutlich.

Im Zuge der voranschreitenden Arbeitsteilung wurde Geld zum Speicher von Leistung und gleichzeitig deren Gegenwert. Auch heute müssen wir unsere Leistung für diesen Wert (sozusagen zum Ausgleich in einer globalen Leistungsbilanz) erbringen, wie auch immer diese Leistung aussehen mag. Leistung und Leistungspfand klingen einfach, wenn es da nicht eine ganze Reihe von bedenkenswerten Umständen gäbe, die wir der Reihe nach abarbeiten werden.

Noch wichtiger als das Leistungspfand ist das entstandene Schuldverhältnis. Im Tauschhandel Ware gegen Ware wird sofort mit der Übergabe die Schuld beglichen. Bei einer späteren Bezahlung - und hier ist es egal, ob ein einfaches Versprechen oder ein sichtbares Pfand an die spätere "Bezahlung" erinnert - beginnt die Existenz von Geld im Sinne eines offenen Schuldverhältnisses. Das Versprechen, die Schuld später zu begleichen, bedeutet gleichzeitig eine Kreditierung des Verkäufers. Die Gewährung eines Kredites ist damit die Schaffung von Geld, es ist die Schaffung eines offenen Schuldverhältnisses*().

*(Nach Marx fungiert Geld als Zahlungsmittel, sobald der Verkauf der Ware und die Realisierung ihres Preises zeitlich auseinanderfallen. Der Verkäufer wird damit zum Gläubiger und der Käufer zum Schuldner. Das Zahlungsmittel Geld ist damit Grundlage für Kreditwesen und Kontraktökonomie. Damit wächst sowohl die Labilität ökonomischer Entwicklung als auch die Möglichkeit der monetären Krise.)

Die Einführung des Zeitfaktors hat weitreichende Folgen. Wenn unsere Gesellschaft beliebige Kredite gewährt, so findet eine Verschiebung der Gegenleistung in die Zukunft statt. Das Schuldverhältnis von heute wird erst durch Leistung in der Zukunft ausgeglichen. Bei der Betrachtung der Kreditierung wird deutlich, dass die moderne Definition von Geld *() der konventionellen (Geld als Tauschmittel) überlegen ist. Selbst das Zusammenlegen der Funktionen Tausch- plus Wertaufbewahrungsmittel beschreibt die Zusammenhänge zu ungenau, da diese durch die Bezahlung für die Kreditierung (Zins) noch komplexer werden.

- - - - - - - - - - *(Bethmann,J.P.von / Köhne, M.: "Geld,Zins und Konjunktur, Discovery Verlag1997)

Gehen wir zurück zu unseren Höhlenmenschen. Egal ob der schöne Stein als Pfand bereits gefunden wurde oder nicht, auf jeden Fall will unser Jäger seinem Nachbarn helfen, stellt ihm Nahrungsmittel zur Verfügung und vertraut gleichzeitig darauf, dass die entstandene Schuld tatsächlich später durch Übergabe von Kleidung beglichen wird. Wir erkennen neben der Tatsache einer zeitlichen Verschiebung der Bezahlung, dass Kreditgewährung grundsätzlich mit Vertrauen, mit Bonität des Schuldners zu tun hat.

Geld und Leistung

Das Hauptthema lautet hier nicht “Markt” oder “Neoliberalismus”, sondern Geld und Leistung. Dennoch zwingt uns die Verwobenheit zwischen Geld, Leistung und deren Bewertung zu einem Kontext mit Markt.

Karl Marx entwickelte eine monetäre Kapitaltheorie, in welcher der kapitalistische Reproduktionsprozeß das Kapital als sich selbst verwertender (die Reproduktion) Wert verstanden wird. Das Kapital bedarf danach einer eigenen Form, die Marx im Geld erkennt.

Marx sieht Geld als die alleinige Aggregatform des Kapitals und unterscheidet beide Begriffe. Wesentlich ist, dass er die Reproduktion des Kapitalwertes stets in dem Weg über die Warenproduktion sieht. Nach seiner Werttheorie trägt ein Endprodukt den Wert aller zuvor geleisteten gesellschaftlichen Arbeit in sich. Dies bezieht sich auf Rohstoffe, Vorprodukte, Maschinen usw., wobei alle “lebende”*() Arbeit (wie z.B. zur Herstellung der Maschinen) ebenfalls ein Teil davon sind.

*(“Lebende” Arbeit bedeutet der Wert der Arbeit, die noch nicht vergegenständlichter Form, also Produkten, vorliegt. Im Gegensatz dazu beschreibt “tote” Arbeit den Wert der in Produkten bereits auskristallisierten Arbeitsleistung.)

Diese Aussage ähnelt auf den ersten Blick der Definition als Leistung. Das Problem dabei ist das Quantum der gesellschaftlichen Leistung, die eben nicht in handfesten Produkten mündet. Dienstleistungen wie Sozialarbeit könnte man über den Umweg von “Beitrag zur Erhaltung der Arbeitskraft” noch auf hergestellte Güter umleiten. Schwerer können wir uns dies bei einem Künstler vorstellen, den wir dafür bezahlen, dass er uns musikalisch unterhält. Oder wie sollten wir uns die bezahlte Leistung eines Schuhputzers oder die unbezahlte Leistung der Hausfrau in das Schema hineindenken? Unmöglich wird dies mit Arbeitsleistung, die als fehlerhaft, unsinnig und überflüssig vernichtet wird, indem sie keinen Eingang in eine Leistungskette findet.

Ebenfalls ist die in Maschinen gebundene Arbeit heute problematischer als zu Marx Zeiten. Einerseits spaltet sich die in dem Maschinen gebundene Arbeit immer weiter auf, indem Maschinen von anderen Maschinen hergestellt werden. Zum anderen ist deren Leistungskraft häufig wesentlich größer und langfristiger, als dies kalkuliert und erwartet wurde.

Bei der Fertigstellung einer Maschine muß die in ihr gebundene Arbeit eine feste Größe darstellen. Wenn eine Maschine nun über das Maß der Abschreibung hinaus produziert, so wird der Anteil, der als gebundene Arbeit an das Endprodukt weiter gegeben wird, mit jedem Stück kleiner. In der heutigen Massenproduktion und der damit verbundenen Arbeitsteilung (über Menschen sowie Maschinen) fließt immer weniger gesellschaftlich geleistete “lebende Arbeit” (Marx, für menschliche Arbeit) ein. Nach Marx Wertheorie würde danach der im Produkt verinnerlichte Wert im ungünstigsten Fall irgendwann gegen Null tendieren.

Ein weiteres Problem löst Marx mit der Definition von absolutem und relativem Mehrwert. Denn nach seiner Theorie mußte die zusätzliche Wertschöpfung, die nach Abzug aller direkten und indirekten Kosten letztlich zur Akkumulation von Kapital führt, einen Platz erhalten. Mehrwert ist damit Platzhalter für erwirtschafteten Überschuß. Dieses Problem haben wir nicht, wenn wir den Wert einer Leistung mit dem Wert gleichsetzen, den ein Abnehmer in Form des Preises zu zahlen bereit ist.

Wenn wir Geld als Gegenwert zu Leistung betrachten ergeben sich einige Folgerungen, die sich in Bewertungsfragen ausdrücken. Zunächst assoziiert danach ein hoher Preis eine “große” Leistung. Das Adjektiv “groß” wird auch mit dem Zusatz relativ nicht aussagekräftiger, denn wer auch immer bereit ist, für ein Objekt einen bestimmten Geldbetrag zu zahlen, trifft eine individuelle Entscheidung. Diese ist durch eine persönliche Schmerzgrenze gekennzeichnet und spricht dem Objekt damit einen persönlich motivierten Wert zu.

Solange es um eine persönliche Bewertung des Objektes geht, gibt es keine Allgemeingültigkeit. Wenn wir uns den Interessenten für ein Unikat (z.B. ein bestimmtes Gemälde eines alten Meisters) vorstellen, so repräsentiert der Käufer eine individuelle Nachfrage. Er kann sich mit dem aktuellen Besitzer auf einen Kaufpreis einigen, womit der Handel beschlossen ist. Es ist bis zu diesem Punkt eine Einmaligkeit. Einen “Marktpreis” hat es nur in dem Moment dieses Handels gegeben.

Ein Markt kommt für dieses Objekt erst zustande, wenn eine Interessentengruppe (Käufergruppe) existiert. Auf diese Weise kann sich ein neuer Marktpreis durch Gebot bilden, ohne dass ein Verkauf überhaupt zur Debatte steht.

Geld an sich kann kein Bewertungsmaßstab sein, da es ein Medium (Stoff, in dem sich ein Vorgang abspielt) ist, im Gegensatz zu dem Preis. Aber auch der Preis ist nur ein Anhaltspunkt für Bewertung. Es wurde festgestellt, dass sich die befristete, individuell motivierte Preisbildung von einem Marktpreis unterscheidet.

Der Schluß “viel Geld (hoher Preis) = hohe Leistung” kann ebenso wenig anwendbar sein wie der Umkehrschluß “wenig Geld = niedrige Leistung”. Das Problem liegt in der Definition von viel oder wenig, Begriffe, die schließlich proportional sind. Es fehlt der Bezugspunkt. “Viel” gegenüber was?

Manager, die gemessen an Durchschnittseinkommen unglaublich viel verdienen, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob das Fünfhundertfache (z.B. von vier Millionen und 80.000 Geldeinheiten Jahreseinkommen) überhaupt noch argumentierbar sein kann. Als Vergleichsmaßstab dienen in diesen Fällen die verwalteten Vermögenswerte, Konzernumsätze und Profite. Ist der Supermanager das Salär wirklich wert? Dies entscheidet sich meistens erst hinterher, wenn die Ergebnisse vorliegen, was aber bei einer Neueinstellung zum Durchschnittseinkommen auch nicht anders ist.
Das gleiche gilt für Stars aller denkbaren Bereiche, Sport, Schauspieler, Finanzfachleute und Wissenschaftler. Die Bewertung erfolgt in allen diesen Fällen von dem Markt, auf dem diese Stars zur Verfügung stehen. Die Entscheidung fällt in jedem Einzelfall von demjenigen, der den Star, Manager oder Wissenschaftler braucht, benutzt und für sich arbeiten läßt.

Diese fragwürdigen Dimensionen von Geld und Leistung finden sich aber auch in der anderen Richtung. Sehr viele Menschen arbeiten ehrenamtlich oder stark unterbezahlt, vor allem in sozialen Bereichen. Auch die Kindererziehung gehört dazu. Wer wollte die Werthaltigkeit bestreiten? Geld ist also keineswegs ein quantitativer Ausdruck für eine bestimmte Leistung. Der Preis ist eine Bewertung.

Die Ursache liegt in der Existenz eines Marktes, auf dem genügend Geld (Kaufkraft) zur Verfügung steht. Der Vergleich des hoch bezahlten Fußballprofis mit einer Krankenschwester, die in ihrem gesamten Leben das bezieht, was der Sportstar in einem Jahr verdient, belegt uns mehrere Dinge:

1. Die Macht dessen, was wir “Markt” nennen.
2. Die Abhängigkeit der Bewertungen von vorhandener Kaufkraft in dem Marktsegment.
3. Die Unvollkommenheit des Marktes, wirklich alle Verteilungsfragen zu regeln.
4. Die Notwendigkeit der politischen Aufgabe für sozialen Ausgleich zu sorgen.

Dies klingt nach einer Aufgabenverteilung im Sinne “Unternehmer haben sich um Profite zu kümmern” und “der Staat hat für Rahmenbedingungen und sozialen Ausgleich zu sorgen”. Nur ganz so einfach ist es auch wieder nicht.

Auch wenn in dem Beispiel der Höhlenbewohner Parameter für sozialen Ausgleich fehlen, so wird naturgemäß jeder Familienvorstand die Verpflichtung für das Wohlergehen seiner Familie spüren. Darüber hinaus können wir davon ausgehen, dass dem menschlichen Naturell auch eine Verpflichtung zur Hilfeleistung inne wohnt, wenn es dem Nachbarn schlecht ergeht.

Dem wird im Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes Rechnung getragen: “(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” Dies nimmt Unternehmer nun gewiß nicht aus, so dass sich daraus neben allen ökonomischen Interessen auch eine Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüber ergibt. Die Dimension von Geld und Leistung dürfte dabei nicht unberührt bleiben.


Kreditierung - ein Wesensteil des Geldes
Sich mit Kreditierung zu befassen bedeutet, sich einem ganz bestimmten, nämlich dem temporalen, dem zeitlichen Aspekt des Geldes zu widmen. Die Einräumung eines Zahlungszieles ist gemeinhin die Erlaubnis, erst später für eine bereits jetzt erbrachte Leistung zu bezahlen. Eine umgekehrte Funktion ist denkbar in Form einer Blankokreditzusage oder eines abgesteckten Kreditrahmens, innerhalb dessen verschiedene Leistungen zu frei wählbaren Zeitpunkten in Anspruch genommen werden können.

Dies sind zwei verschiedene Blickwinkel der Kreditierung. Im ersten Fall wird eine von anderen (Kreditgeber) bereits erbrachte Leistung als Kapitalstock für ein neues Projekt benutzt. Es macht hierbei keinen Unterschied, ob für die Nutzung ein Entgelt in Form von Zins gezahlt wird, oder nicht. Im Zweiten Fall wird Leistung benutzt, die aber erst in der Zukunft erbracht wird. Dies geschieht, wenn Staatslenker nach Belieben Geld drucken. Eine ganze Volkswirtschaft kreditiert damit dem Staat, nach Belieben Leistungen seiner Volkswirtschaft in Anspruch nehmen zu können. In dem Ausmaß, in dem (noch) keine realwirtschaftliche Deckung gegenüber steht, wird das Erbringen dieser Leistung in die Zukunft verschoben.

Ist es denkbar, dass sich eine Privatperson ähnlich verhält wie ein Geld druckender Staat und damit die Leistung in die Zukunft verschiebt? Es stellt sich die Frage, wofür kreditiert werden soll. Ist es eine Leistung, die der Kreditierende heute selbst erbringt, so ist wiederum zuerst die Leistung vorhanden, die gleichzeitig ein Schuldverhältnis erzeugt. Im Falle des Staates garantiert dieser mit der Ausgabe des Bargeldes für Leistungen, die von einer dritten Partei bezogen werden können. Dieser Weg ist einer Privatperson im allgemeinen verstellt. Denkbar wäre allenfalls, dass Anton der Bella die spätere Bezahlung einer von Claus bezogenen Leistung gestattet (Bella hat also von Claus eine Leistung bezogen, zahlt aber an Anton). Dies bedeutet aber ebenfalls nur eine Verschiebung des Schuldverhältnisses, denn Claus muß damit einverstanden sein, dass Bella an Anton bezahlt. Und dies wird er nur sein können, wenn wiederum von Anton zu ihm ein Schuldverhältnis in irgendeiner Form besteht.

Der unkontrolliert Geld druckende Staat vergrößert damit das Schuldverhältnis und erhöht die Geldmenge. Dies erzeugt eine hohe Inflationsrate. Das zusätzliche Bargeld ist so nur eine andere Form der Staatsverschuldung, die wir sonst als Anleihen kennen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, hilft die Inflation der Staatsverwaltung nur scheinbar. Zum einen gewinnt man Zeit, zum anderen haben alle produktiven Teile der Volkswirtschaft das erhöhte Maß an Leistung zu schultern. An diesem Punkt setzt der realwirtschaftliche Gegenwert zu dem ausgegebenen Geld ein. Nur wenn die Volkswirtschaft mit ihrer wachsenden Produktivität die Zinslast als realwirtschaftlichen Überschuß erwirtschaften kann, wird dem Staatshaushalt eine Erleichterung zuteil. Dies ist aber gerade zu Zeiten einer galloppierenden Inflation nicht zu erwarten.

Wenn wir über jemanden sagen, dass er über reichlich Geld verfügt, so meinen wir damit im allgemeinen nicht die Summe, die er gerade in seiner Geldbörse bei sich trägt. Wir denken an sein Bankguthaben und bemerken, dass dieses als Verrechnungsmöglichkeit von Leistung in den Vordergrund rückt. Heute können wir uns sehr wohl eine Welt ganz ohne Bargeld aber mit Geldkarte oder anderen Hilfsmitteln vorstellen, die in allen Variationen eines gemeinsam haben: Ein Guthaben, das von einem Konto auf ein anderes übertragen werden kann. Bargeld erweist sich als Nebenschauplatz, Geld mit Bargeld gleichzusetzen als überflüssig.

Die Verkörperlichung von Geld in Vermögen aller Art wirft schwierige Fragen der Bewertung auf. Diese unterscheiden sich aber wenig von den Bewertungsfragen, die sich auch bei dem “Geld” im Sinne von Preisfindung ergeben. In der angeführten Inflation spielt Bewertung insofern eine wichtige Rolle, als Kreditierung mit der Besicherung durch Vermögenswerte einher geht. In dem Maße, wie Bewertungen übertrieben werden, entstehen Blasen wie wir sie in der anhaltenden Japankrise erlebt haben und noch immer erleben. Die Überbewertung hebt das Niveau der Kreditierung an. Die Besicherung erfolgt durch Buchwerte, die sich im Falle einer Notveräußerung als nicht haltbar erweisen. Es zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen Vermögenswerten und produktiver Leistung als Gegenwert zu “Geld”.

Das Guthaben (oder Bargeld) erweist sich so als ein bestimmtes Hilfsmittel, während sich ein Wesenszug des Geldes eher in der Bewertung von erbrachter Leistung ausdrückt. Die Verkörperlichung der erbrachten Leistung (genauer: Leistungsüberschuß) haben wir in der Form von Vermögen entdeckt. Es ist denkbar, dass wir für das Entgelt, welches wir für eine bestimmte Leistung erhalten haben, eine Immobilie überteuert gekauft haben. Wir stellen im Nachhinein bedauernd fest, dass der Wert statt 400.000 EURO nur 300.000 EURO beträgt, indem es einfach keine bessere Veräußerungsmöglichkeit gibt. Nun können wir daraus selbstverständlich nicht schließen, dass die zuvor erbrachte Leistung ebenfalls nur 300.000 EURO wert gewesen sei. Vielmehr ist es durch eine Fehlentscheidung zu einer der Leistung nachfolgenden Wertvernichtung gekommen. Wir nähern uns dem Grenzbereich zwischen Geld und Vermögen im Sinne von Besitztum.