Zinshöhe – Der Himmel ist die Grenze

Aus Sicht des Kreditgebers ist die Zinshöhe eindeutig: Der Himmel ist seine Grenze. Dem gegenüber steht die Leistungsgrenze des Schuldners und der Wettbewerb im Zinsmarkt. Die Leistungsgrenze beschreibt die Bonität des Schuldners, denn was nützt es dem Kreditgeber, wenn keine Deckung zur Rückzahlung vorhanden ist?

Aus diesem Grunde dürfte die generelle Zinshöhe nicht über dem BIP-Wachstum liegen, wenn wir ohne Inflation leben wollten. Hierbei ist nicht Prozentrate mit Prozentrate zu vergleichen, sondern nominal Summe mit Summe. Dies liegt an dem Verhältnis von den zwangsläufig unterschiedlichen Volumina von Bruttoinlandsprodukt und Kreditvolumen. Wenn wir Geld als Gegenwert zu Leistung sehen, so muß in diesem Gedankengang also das Volumen der Zinsen durch das Volumen des Anstieges im BIP gedeckt werden.

Wenn wir das BIP als Rechnungssumme aller Leistungen eines Jahres innerhalb einer Volkswirtschaft verstehen und außerdem die durchschnittlichen Außenstandstage kennen würden, so hätten wir eine Leistungsbeschreibung der globalen Kreditierung, der tatsächlichen Geldmenge. Diese Zahlen können in der Praxis nicht beigebracht werden. Denkbar ist allenfalls eine sehr grobe Schätzung, in die genaugenommen auch Schwarzarbeit, Nachbarschaftshilfen, und sonstige Leistungen mit einbezogen werden müßten. Deshalb greift man auf definierte Geldmengen M1, M2 und M3 zurück, die, wie wir festgestellt haben, eigentlich nur Teile der Gesamtgeldmenge sind.

Wenn wir die Vorstellung entwickeln, die Konjunktur über den Zinssatz regeln zu wollen, so stellen wir unseren Höhlenbewohnern die alles entscheidende Frage: Wird unser Höhlennachbar mehr Nahrung einkaufen, wenn der Zinssatz günstig ist? Wird er mehr Kleidung herstellen?

Wenn seine Nahrungsversorgung im Moment gut ist, eher nein. Ist sie schlecht, eher ja. Wenn sie gut ist: Kann ich als Verkäufer ihm etwas anderes bieten als die Nahrung? Wovon hängt seine Kaufentscheidung ferner ab? Seine Entscheidung wird unter anderem von seiner Preiserwartung abhängen. Falls er in der Zukunft höhere Preise erwartet, so wird er eher einen Vorrat anlegen. Bei der Erwartung eines niedrigeren Preises wäre er mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er bereits heute mehr als das Notwendigste einkaufen würde.

Es ist also eher die Erwartungshaltung, welche die Investitionsbereitschaft steuert und weniger das Zinsniveau. Am Beispiel Japans haben wir in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts gesehen, dass selbst ein Zinsniveau bei nahe Null kaum eine Belebung der Wirtschaft herbei führte, da nach wie vor erheblicher Deregulierungsbedarf in vielen Wirtschaftsbereichen bestand. John Maynard Keynes hat bereits vor 70 Jahren eine untere Grenze des Zinssatzes vermutet, unterhalb derer weitere Veränderungen wirkungslos bleiben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Joseph A. Stiglitz (Columbia University of Economics, New York, und ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank) geht davon aus, dass Zinserhöhungen zur Dämpfung der heiß gelaufenen Konjunktur eher wirksam sind, als Zinssenkungen zur Belebung. Die Argumente sind einleuchtend. Noch höhere Kreditkosten (bei einem bereits hohen Niveau) für getätigte Investitionen belasten die Nettorendite der Unternehmen. Die Dämpfung folgt auch angesichts des eingeschränkten Geldvolumens. Der logische Umkehrschluß hierzu zielt auf die Konjunkturbelebung ab. Er ist allerdings deshalb unzulässig, weil die psychologischen Fakten mangelnde Zuversicht, Vertrauen und Konsum eben nicht vom Zinsniveau abhängen. Verbilligte Zinsen unterstützen erst dann, wenn der Investitionswille zurückgekehrt ist.

Die Deflation ist ein Thema, das im Zusammenhang mit der Zinshöhe gesehen werden muß. Kontinuierlich rückläufige Preise wirken wie ein Aufschlag auf den Marktzins. Die Ursache sind die Preiserwartungen. Jeder später ausgegebene Betrag erspart bares Geld, da die Preise der Deflationsrate entsprechend gesunken sind. Dies bedeutet gleichzeitig, dass selbst bei einem Marktzins von Null Prozent eine Deflationsrate von zwei Prozent genau so wirksam wird, wie ein Marktzins von zwei Prozent bei stagnierendem Preisniveau.

Damit wird in Krisenzeiten der Geldpolitik ein wichtiges Steuerungsmittel aus der Hand genommen, wenn allgemein rückläufige Preise herrschen. Die Deflation ist allein aus diesem Grund ein Schreckensszenario für alle Ökonomen und Volkswirtschaftler.