Inflation – Wenn es Geld regnet

"Papa, was ist Inflation?" - Der berechtigten Frage eines Sprößlings könnte mit folgender Erklärung begegnet werden: "Stell dir vor, es regnet Geld. Du gehst zum Bäcker und willst Kuchen kaufen. Der Bäcker aber will dein Geld nicht, denn er hat schon selbst mehr als genug. Er würde eher frisches Mehl zum Backen benötigen. Du sagst ihm, er solle es sich doch bei der Mühle von seinem vielen Geld kaufen. Er antwortet dir, dass die Mühle sein Geld nicht will, weil sie selbst schon mehr als genug davon hat..."

Wie wahr! Stellt dieser Dialog doch blendend die Gefährdung der Geldfunktion dar, die wissenschaftlich als "Zerrüttung der Geldwirtschaft durch Inakzeptanz durch die Wirtschftssubjekte" beschrieben wird*(). Gleichzeitig werden durch den Bedarfsfall des Mehls auch die Folgen dargestellt: einen Übergang zur Naturalwirtschaft (Tauschwirtschaft). Die Benutzung eines Ersatzgeldes (wie Alkohol, Zigaretten u.ä.) ist eine Folgeerscheinung. Mit Tauschwirtschaft und Ersatzgeld geht eine Beeinträchtigung der Arbeitsteilung einher.

- - - - - - - - - - *(Ströbele, Wolfgang: "Inflation", R.Oldenbourg Verlag,1994)

Um den Vorgang des Bezahlens mittels Geld als rationalisierenden Effekt gegenüber dem Tauschhandel zu verstehen, müssen verschiedene Kostenfaktoren bedacht werden. Informations- und Transaktionskosten sind als (unbezifferbare und häufig nicht rechenbare) Effekte und weniger als reale Summen zu verstehen. Interaktionen zwischen den Wirtschaftsteilnehmern verursachen stets Informationskosten (Preisvergleiche, Quellensuche usw.) und Transaktionskosten (Bewegung von Waren im Zuge eines Tauschhandels oder Nebenkosten der Finanzierung, auch Transaktionskosten bei der Bezahlung). Hier wird ersichtlich, dass die Benutzung von Geld eine wesentliche Kostenersparnis gegenüber dem Tauschhandel darstellt. Eine weitere Ersparnis in Transaktionskosten bedeutet die elektronische Umbuchung von Guthaben gegenüber der Bezahlung mit physischem, also körperlichem Geld.

Beispiel: Eine Kaufentscheidung kann derart aussehen, dass das örtliche bekannte Kaufhaus für die komplette Grundversorgung genutzt wird, obwohl einzelne Sonderangebote aus Zeitung und Wurfzetteln bei weiter entfernten Händlern als günstig bekannt sind. (Wer fährt schon 30 Kilometer mit dem Auto, um ein paar Brötchen 2 Pfennige billiger einzukaufen?) Bei höherwertigen Gütern (vom Fernseher bis zum Auto oder gar Haus) übersteigt die Ersparnis die Informations- und Transaktionskosten bei weitem, so dass hier nicht unbedingt ein Mehrpreis des örtlichen Händlers akzeptiert wird.

Im Gegensatz zur Wertaufbewahrungsfunktion sieht Ströbele bei der Tauschfunktion des Geldes eine Zeitspanne von 4 Wochen als "unmittelbar" an. Dies mag seine Begründung in der monatlichen Zahlweise der üblichen Bezüge liegen, und in der entsprechenden zeitnahen Ausgabe. Vor diesem Hintergrund wird die Akzeptanz einer Inflationsrate bei etwa 12% pro Jahr gesehen, denn bei dem erwähnten Zeitraum der Geldausgabe ergibt sich pro Monat ja lediglich 1%. Darin liegt letztendlich auch die Begründung dafür, dass es durchaus eine Akzeptanz der Inflation gibt, welche allerdings mit dem Ansteigen der Inflationsrate sinkt.

Inflation wird wirtschaftswissenschaftlich mit Besteuerung gleichgesetzt, da mit der Ausgabe von Geldscheinen und Münzen durch einen Staat die Garantie zur Einlösung (gegen Leistung) verbunden ist. In gleicher Weise profitiert der Staat mit der Ausgabe von festverzinslichen Anleihen von der Inflation, da der Geldwert zum Rücknahmezeitpunkt entsprechend gesunken ist. Wenn eine Teuerung von 2% in der Zeitspanne zwischen dem Erhalt von Geldes und seiner Verwendung liegt, so erhält man 2% weniger Gegenleistung gegenüber der eigenen Leistung (die beim Erhalt des Geldes abgerechnet wurde). Die Differenz fließt bei goldgedeckten Währungen zweifelsfrei dem Herausgeber des Tauschmittels Geld zu, da in diesem Fall der Staat den Umtausch von Münzen und Scheinen in eine genau spezifizierte Menge Gold garantiert.

In der heutzutage üblichen volkswirtschaftlichen Deckung des Geldes fließt der "Inflationssteuergewinn" allerdings auch dem Verkäufer der einzelnen Leistung zu. Würde ein Unternehmen als Leistungsverkäufer argumentieren, es müsse ja die durch die Inflation erhöhten Löhne bezahlen, so würde diese Aussage nur stimmen, wenn die Warenpreise den Löhnen folgten. Sofern die Löhne den Warenpreisen folgen, ist das Argument aus der Unternehmersicht falsch.

Umgekehrt ist es natürlich wahr, dass ein Arbeitnehmer ebenso ein Leistungsverkäufer ist, nämlich der seiner Arbeitskraft. Sofern also wirklich die Warenpreise den Löhnen folgen, fällt der Inflationssteuergewinn dem Arbeitnehmer zu. Wir sehen, dass Inflation in dem genannten Beispiel durchaus Umverteilungseffekte mit sich bringt. Gerade auch hierin ist die sinkende Akzeptanz bei steigender Inflationsrate zu sehen.

Wir unterscheiden inhomogene und homogene Inflation. Bei der inhomogenen Variante steigen die Preise von nur einigen Warengruppen. Inhomogene Inflation finden wir in dynamischen Volkswirtschaften, in denen alte Branchen stagnieren, neue Branchen mit einer dynamischen Entwicklung entstehen. Das Gegenteil sind statische Volkswirtschaften, die in der Wirtschaftswissenschaft mit dem Begriff "Steady-State" belegt sind.

Die Ursachen für Inflation können vielfältig sein. Steuererhöhungen (Umverteilungseffekt Staat/Privatwirtschaft) kommen als Ursache in Betracht ebenso wie Geldmengen-, Kostendruck-, Angebots-, Nachfrage- oder importierte Inflation. Arbeiten wir kurz der Reihe nach ab:

Geldmengeninflation: Eine stark aufgeblähte Geldmenge induziert billigeres Geld (niedrigere Zinsen) und damit Wirtschaftsaktivität

Kostendruckinflation: Die Masse der Unternehmen unterliegt dem Druck erhöhter Kosten, sei es für eingesetzte Rohstoffe, Energie oder Lohnkosten

Angebotsinflation: Ausgelöst durch ein verknapptes Angebot, Ursachen können in Kapazitätsengpässen oder auch in Marktmacht (Monopole, Oligopole), oder in einer Investitionsmargen-Notwendigkeit für die Zukunft (Mindestrendite-Kalkulation im Gegensatz zu -kostenorientierter- Aufschlagskalkulation) liegen

Nachfrageinflation: Die Flucht in Sachwerte oder eine erhöhte Menge des umlaufenden Geldes

Importierte Inflation: Preiserhöhungen bei importierten Rohstoffen zwingen Unternehmen zu Preiserhöhungen, die teilweise gekoppelt sind an die ebenfalls erhöhten Exportpreise. Mit den Exportpreisen werden gleichfalls die Inlandspreise erhöht, Zinsen sinken, Geld fließt ab. Mit den erhöhten Exportpreisen wird eine Lohnerhöhungsrunde in diesen Branchen angestoßen, die von den übrigen Branchen übernommen wird.

Die Gefahr von importierter Inflation ist bei festen Paritäten wesentlich höher als bei flexiblen Wechselkursen, weil die floatenden Wechselkurse gegen den Preisauftrieb im Importland arbeiten. Professor Peter Bofinger an der Uni Würzburg beschreibt den Samuelson-Balassa-Effekt. Danach kommt es in einem System mit festen Wechselkursen zu einer höheren Inflationsrate in Ländern mit überdurchschnittlichen Produktivitätsfortschritten. Diese werden vornehmlich in der Industrie erzielt, an der sich die gesamte Lohnpolitik orientiert. Somit erleben auch Bereiche mit nur geringen oder ganz ohne Produktivitätserhöhungen Lohnsteigerungen, was besonders Auswirkungen im Dienstleistungssektor hat.

Bei einer Rundfrage zur Ursache von Inflation, erhält man meistens die Geldmengeninflation genannt, wahrscheinlich, weil es die augenscheinlichste ist und den Menschen logisch erscheint. Interessant ist nun die Darlegung Ströbeles der wahren Ursachen einer durch die Notenpresse aufgefüllten Kriegskasse. Zweifelsfrei erhöht in diesem Szenario der Staat die Geldmenge.

Ströbele: "...der Geldmengenausweitung ist jedoch eine politische Entscheidung des Staates vorgelagert, einen Verwendungskonflikt bezüglich des realen Soizialproduktes nicht durch eine offene Steuererhöhung, sondern auf dem Wege der weniger abwehrbaren Inflation zu lösen." Es handelt sich danach bei der wahren Ursache um einen Verteilungskonflikt zu Gunsten des Staates.

Die Ursachen der Inflation sind auf drei Ebenen zu suchen:

eine expansive Geldmenge (wobei die Quantitätstheorie ausschließlich eine expansive Geldpolitik der Zantralbank als Ursache ausmacht, was strittig ist, da auch die Umlaufgeschwindigkeit und vor allen Dingen die nachfolgenden Argumente Inflation bedingen können)

kreditär erhöhte Geldmengen: Ausnutzung der den Banken zur Verfügung stehenden Liquiditätsreserven für zusätzliche Kredite, die gleichzeitig nicht durch Refinzierung von der (und damit Freigebe durch die) Zentralbank stattfinden.

Verteilungskonflikte, in deren Verlauf Verschiebungen stattfinden. Detaillierter sind dies:

Kostendruck- und Gewinnplanungsinflation von der Angebotsseite her lassen eine "inflationäre Lücke" entstehen. Dies bedeutet, dass Unternehmen entweder aus Gründen des von außen heran getragenen Kostendrucks ihre Preise erhöhen (verteuerte Vorleistungen, importierte Inflation), oder aber weil sie glauben eine (erhöhte) Mindestrendite erzielen zu müssen. Die realen Ansprüche an das Sozialprodukt werden hierbei angehoben, eine erhöhte Umlaufgeschwindigkeit der Geldmittel ist zu vermerken.

politische und soziologische Vorgänge verändern im Zuge von Einkommensumverteilung inflationäre Schübe.

Interessant ist die kreditär erhöhte Geldmenge, wenn wir an die weiter oben beschriebene Ansicht erinnern, dass die wirkliche Geldmenge die Summe aller Schuldverhältnisse in der Volkswirtschaft ist. Im Falle der Konjunktur wächst diese Summe zusammen mit den Geschäften. Die Konjunktur trägt dadurch bereits die Inflation in sich, die nicht erst durch eine staatlich verordnete Zinserhöhung entsteht.

Zur Umlaufgeschwindigkeit, die eindeutig einen die Inflation beschleunigenden Effekt hat, ist zu sagen, dass für die Kassenhaltung in der gesamten Volkswirtschaft zwei Gründe genannt werden. Ein Teil wird für Transaktionszwecke vorgehalten, wie wir sie jeden Tag beim Bäcker benötigen. Ein anderer und nicht unwesentlicher Teil steht darüber hinaus als Sicherheitspolster zur Verfügung. In einer Phase aufkeimender Inflation werden die Kassenhalter aufgrund des Besteuerungseffektes sensibilisiert. Die Kasse wird herunter gefahren und mehr Geld in Wertpapiere investiert. Dies nun erhöht die Umlaufgeschwindigkeit und auch im Wertpapierhandel ist der inflatorische Effekt zu spüren.

Der Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit ermöglicht zusammen mit der Ausweitung der aktiven Geldmenge eine längere Inflationsphase, in der Finanzreglementierungen der Finanzorgane nicht greifen. Im Umkehrschluß kann man sagen: Wäre dies nicht so, so könnte man die Verantwortung für die Inflation voll der Geldpolitik anlasten, da Regelungen sofort greifen würden und alles andere also als verfehlte Politik anzusehen wäre.

Nicht nur durch rationalisierte Kassenhaltung kann die statistische Kennziffer "Umlaufgeschwindigkeit" verändert werden. Auch die verstärkte Gewährung von Zahlungszielen und eine erhöhte Anzahl von Leistungstransaktionen gegen direkte Verrechnung (z.B. in großen Konzernen) u.ä. führen zu einer höheren Umlaufgeschwindigkeit. Die Erfahrung lehrt, dass die Umlaufgeschwindigkeit der "Geldmenge" unterschiedliche Schwankungen aufweist, je nachdem, ob als Geldmenge M1, M2, M3 oder sogar eine andere Abgrenzung gewählt wird. Dies liegt daran, dass die Liquiditätsnähe einerseits und die Verzinsung für die verschiedenen Abgrenzungen von "Geld" andererseits sehr unterschiedlich sind.

Um das Thema der Inflation abzurunden, sei die Theorie der Weltinflation erwähnt. Die Weltgeldmenge bestimmt die Inflation in den Volkswirtschaften. Jede einzelne Zentralbank kann mit einem Beitrag von expansiver Geldpolitik die Weltgeldmenge belasten. Hierbei ist sich jede Volkswirtschaft selbst die nächste. Das hat ein unkooperatives Verhalten zur Folge. Freie Wechselkurse müssen als vorteilhaft gesehen werden. Da wir diese heute weitestgehend haben, werden durch diese Flexibilität die negativen Auswirkungen eingedämmt; unkooperative Länder werden durch Währungsverfall abgestraft.

Ökonomen sehen in der Staatsverschuldung einen von mehreren Gründen für Inflation. Der Demographie-Wissenschaftler Harry S. Dent widerspricht dieser Sichtweise und weist die Inflation dagegen einer übergeordneten, auf den ersten Blick etwas exotisch anmutenden Theorie zu *(). Er beschreibt Phasen starker Inflation als natürliche Folgen eines sprunghaft angestiegen Bevölkerungswachstums. Das Argument wird aus der Innovationskraft und der Produktivität der geburtenstarken Jahrgänge abgeleitet und wird an einer Kette von Beispielen in der Betrachtung der letzten dreitausend Jahre dargestellt.

- - - - - - - - - - *(Dent, Harry S.: "Börsentrends erkennen", FinanzBuch Verlag 2000)

Das demographische Argument besitzt durchaus Charme, denn zweifellos bedeutet eine größere Anzahl heranzuziehender Kinder zunächst (volkswirtschaftlich) höhere Kosten für Erziehung und Ausbildung, eine auszubauende Infrastruktur in Kindergärten, Schulen, Universitäten und Betriebsausbildung. Sobald diese Generation in die Produktivität eingreift, ist eine Belebung der Wirtschaft und deutlich erhöhte Innovationskraft zu bemerken. Die in der Folge neu entwickelten Technologien beanspruchen zunächst enorme Kapitalaufwendungen, bevor sie in den Mainstream eintreten und jedermann zugänglich und erschwinglich werden.

Auch wenn diese Argumentation logisch ist, so bedeutet dies nicht automatisch, dass die Ökonomen mit ihrer Ansicht der Dinge unrecht haben. Denn die gleiche Logik kann angewandt werden, wenn aus der notwendiger weise verbesserten Infrastruktur auch eine höhere Staatsverschuldung abgeleitet wird, wenngleich es dafür sicher noch gewichtigere Gründe gibt. Sehen wir uns deshalb an, was in der Staatsverschuldung passiert. Die Staatsorgane verkaufen zur Kapitalschöpfung festverzinsliche Wertpapiere. Die Zinsen dieser Papiere erhalten selbstverständlich die vermögenden in- und ausländischen Käufer. Für die Zinszahlung wiederum greift der emittierende Staat auf die Taschen seiner Bürger, aber auch der gesamten Wirtschaft durch Steuern und Abgaben zurück. Es handelt sich also um eine Umverteilung von der Gesamtbevölkerung zu jenen, die das Kapital besitzen die Staatspapiere zu kaufen. Auf der anderen Seite stimmt das Argument der Ökonomen hinsichtlich des inflationsbeschleunigenden Effektes sehr wohl, denn die durch angestiegene Abgaben belastete Wirtschaft wird Preiserhöhungen in ihren Produkten nicht vermeiden können.