Deflation, na und?

“Ist doch toll, Papa, wenn alles billiger wird!” meinte Yannik, als ihm der Vater Deflation erklärte. In der Tat unterschätzen viele Menschen das Problem der Deflation. Offensichtlich wird ein Preisverfall im Reich der Schnäppchenjäger als positiv empfunden.

Yannik hatte bereits früher eine ähnliche Antwort parat, als es um den Treibhauseffekt ging: “Ist doch prima, da wird es wärmer. Ich hab´ es gern warm.” Was uns ein Schmunzeln entlocken mag, ist eine ernste Bedrohung - sowohl was Klimaveränderungen, als auch die Deflation angeht. Ein anderes Wort “Preisverfall” induziert noch immer, in der Zukunft billiger einkaufen zu können. “Wertverfall” klingt bereits bedrohlicher, weil Wert doch etwas ist, was Bestand haben soll und unbedingt erhalten werden muß. Und da sind wir dann auch viel dichter dran am Problem.

Aber gehen wir noch einmal kurz zurück zu den Preisen. Wenn Preise durch Liberalisierung fallen, so jubeln Verbraucherschützer und Neoliberale aller Tönungen. Das klingt nach Freiheit. Und nach Vorteil. Nur wissen wir alle, was Überkapazitäten und Margenverfall bedeuten. Wir ahnen zumindest, dass es nicht gut sein kann, wenn niemand mehr genug verdient, wenn der harte Wettbewerb die Existenzgrundlage raubt. Auskömmliche Margen sind schwierig zu definieren, denn was ist “auskömmlich”? Der befragte Unternehmer wird erst dann von auskömmlich sprechen, wenn eine goldene Nase bereits verdient ist. Der Kritiker und Verbraucherschützer wird da eine ganz andere Ansicht vertreten.

Deflation bedeutet nun auf der einen Seite, dass unauskömmliche Margen auf die breite Wirtschaft übergreifen, zum Normalfall werden. Rohgewinne, die durch die laufenden Kosten mehr als aufgefressen werden, nutzen volkswirtschaftlich ebenso wenig wie eine Umverteilung aus schwachen Schichten in die Taschen weniger, wie es Monopole und Oligopole befürchten lassen. Wenn alle nicht mehr genug verdienen, brennt die Hecke. Da trösten billigere Preise wenig.

Was aber ist mit den Werten? Preise für Immobilien, Aktien und Anleihen drücken auch Wert aus. Werte wiederum besichern Kredite. Wenn diese Werte den Bach hinunter gehen, so passiert das, woran Japan seit mehr als zwölf Jahren krankt. Eine Bewertungsblase ging all dem voran. Die Korrektur bringt nun eine lange, lange Phase, in der die Preise zurückschlagen, nach unten tendieren.

All die Vorteile und Annehmlichkeiten, die expandierende Märkte und der Zuwachs mit sich gebracht haben, verkehren sich plötzlich ins Gegenteil. Sinkende Preise, schrumpfende Märkte, abnehmende Gewinne, geringere Kaufkraft. Eine logische Kette, die es in sich hat.

Für viele Unternehmen setzen die Probleme viel eher ein, zu Zeiten, in denen noch lange nicht von Deflation gesprochen werden kann. Es handelt sich dann um Deflation in bestimmten Branchen oder Bereichen. Marktsättigung, Überkapazitäten und schrumpfende Margen suchen einzelne Branchen heim. Es sind normale Erscheinungen in durchschnittlichen Branchen- und Innovationszyklen.

Solange einzelne Bereiche von dem galoppierenden Preisschwund heimgesucht werden, andere Wachstumsmotoren dies auffangen können, wird keine allgemeine Deflation sichtbar. Die Volkswirte sprechen dann gerne von strukturellen Problemen oder Verwerfungen in einzelnen Branchen. Erst wenn aus dem regionalen Buschfeuer ein Steppenbrand wird, sprechen wir von Deflation. Der Inkubator ist dann das Finanzwesen, die Banken, die mit unglaublichen Bergen von notleidenden Krediten und uneinbringlichen Wertbesicherungen dastehen. Das komplette Wertgefüge ist dann durcheinander geraten. Deflation ist deutlich schlimmer als geringfügige Inflation bis zwei Prozent.