Schneller, billiger, besser – Produktivität und Rationalisierung

Als Walter Riester im Oktober 1998 die Entwicklung der Produktivität von 1960 bis 1997 darstellte, so waren dies beeindruckende Zahlen. In den 37 Jahren hatte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland rund verdreifacht. Hierbei waren 1997 nur noch 44 Milliarden Arbeitsstunden (gegenüber 54 Milliarden Stunden 1960) eingesetzt worden. Diese Erhöhung um 370% pro Arbeitsstunde bedeutet zwar im einfachen Durchschnitt, dass auf jedes der 37 Jahre eine 10%ige Erhöhung entfällt. Da jedoch jedes neue Jahr auf dem erhöhten Ergebnis des Vorjahres aufbaut, muß ein exponentieller Chrakters zugrunde gelegt werden, so dass sich eine jährliche Steigerung um 4,3% ergibt, was in 37 Jahren ein Plus von insgesamt 370% ergibt. Ein rasantes Wachstum der Produktivität! Ist dies ein Zuviel, oder wo könnte ein "normales" Niveau anzusiedeln sein?

Betrachten wir es logisch, so ist ein "natürliches" Wirtschaftswachstum an den Zuwachs der Bevölkerung gekoppelt. Junge Menschen, die gekleidet und ernährt werden wollen, die irgendwann den eigenen Wohnraum beziehen möchten, die Bedarf erzeugen. Wenn wir die optimale, inflationsfreie Zinshöhe an das Wachstum des BIP knüpfen und das optimale, inflationsfreie BIP-Wachstum wiederum mit dem Bevölkerungszuwachs identifizieren, so ist hierbei ein genau gleicher Lebensstandard und keinerlei Produktivitätserhöhung zugrunde gelegt. Die Produktivität ist jedoch einer der wichtigsten Motoren für Fortschritt und Entwicklung der Menschheit, wie auch immer wir Fortschritt definieren wollen.

Wollen wie die Leistung von Volkswirtschaften miteinander vergleichen, so können wir die Produktivität als Pro-Kopf-Produktion darstellen, indem wir das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf die Bevölkerungszahl verteilen. Diese Zahl kommt unabhängig von der Arbeitslosenquote zustande, so dass auch bei erhöhter Arbeitslosigkeit eine Erhöhung der Produktivität durch vermehrten Maschineneinsatz erfolgen kann. Eine ebenfalls interessante Kennziffer ist das verfügbare Einkommen pro Kopf. Zwischen beiden Zahlen klafft eine Differenz.

Pauschal betrachtet versickert mit dieser Differenz ein Teil des Volkseinkommens in seiner Verwaltung, es ist die Staatsquote. Nach Vorstellung der Experten des IWF sollte diese Quote nicht wesentlich über 30% liegen, da sonst ein Abdriften von Teilen der Wirtschaft in die Schattenwirtschaft erfolgt. So wird der erhebliche Anstieg der Schattenwirtschaft von etwa 11% auf 18,2% des BIP innerhalb der letzten zehn Jahre in Deutschland der zu hohen Staatsquote zugeschrieben.

Um diese etwas theoretisch erscheinenden Zahlen greifbar zu machen, sollten wir uns einen Vergleich zwischen den USA und Euroland ansehen. Die für 1999 von der OECD veröffentlichten Zahlen sind kaufkraftbereinigt:

1999USAEuroland
Einwohner (Millionen)273291
BIP (Mrd. US-$)9.1926.508
Pro-Kopf-Produktion (US-$)33.68522.191
Verfügbares Einkommen (US-$)23.56114.378
Staatsquote (Prozent)30,146,8
Arbeitslosenquote (Prozent)4,210,9

Die Produktivität und seine Erhöhung schafft Reserven und Überschüsse, die mannigfaltige Leistungen in der Gesellschaft ermöglichen, worauf wir im Abschnitt "Reicher, immer reicher" näher eingehen. Wie der ungarische Mathematiker und Psychologe László Mérö es ausdrückte*(), sind bei dem großen Spiel, das Volkswirtschaft heißt, die Spieler gleichzeitig Verbraucher und Produzenten. Aus deren Zusammenwirken ergibt sich bekanntlich der Wirtschaftskreislauf. Wir können ein ständiges Bestreben aller Wirtschaftsteilnehmer nach Optimierung voraussetzen. Dabei ist es egal, ob es die freiwillige oder die durch Marktumstände wie Wettbewerbs- oder Kostendruck erzwungene Suche nach besser, billiger und schneller ist.

- - - - - - - - - - *(Mérö, László: "Die Logik der Unvernunft", Rowohlt 1998)

Ursprünglich wurden alle Güter durch Menschenhand erzeugt. Dies gilt mit den Ausnahmen Wasser und Luft auch für Rohstoffe, die aus der Erde gegraben oder aus dem Fels gehauen, gereinigt und konzentriert werden mußten. Die ersten Rationalisierungen waren sicher die Werkzeuge Faustkeil, Schaber und Steinaxt. Wir können davon ausgehen, dass gleichzeitig einfache Arbeitsteilungen einsetzten. In der Folge gingen Spezialisierungen mit der Entwicklung von Hilfsmitteln und Werkzeugen einher. Bekanntermaßen mündete dies während der Epoche der Mechanisierung in Maschinen und während der Industrialisierung in Fabrikanlagen.

Bei jedem Quantensprung der Produktivität wurden gewaltige Strukturwandel erzeugt. Mit Einführung der Drei-Felder-Wirtschaft wurde die landwirtschaftliche Produktion dermaßen gesteigert, dass erst die dadurch gegebenen Überschüsse die im Mittelalter einsetzende Landflucht ermöglichte. Der Aufbau und die Expansion von Städten wurden hierdurch stark beschleunigt. Handwerk war zuvor überwiegend als bäuerliches Handwerk entstanden. Mit den landfliehenden Menschen hielt auch das Handwerk Einzug in die sich entwickelnden Städte. Landflucht, Verstädterung und die Entwicklung des Bürgertums waren untrennbar miteinander verknüpft.

Anders geartete, aber nicht weniger dramatische Strukturveränderungen brachten auch Mechanisierung und Industrialisierung. Auch heute sind wir dermaßen davon betroffen, dass immer mehr Maschinen und Computer die Arbeit von Menschen übernehmen. Dies bedeutet, dass der Mensch als Produktionsfaktor aus dem Produktivitätsteil herausgedrängt wird, bis er nur noch als kleiner Teil erscheint. Da er verdrängt wird von Kapital (investiert in Maschinen und Produktionsgütern), ist es für den Menschen eine erstrebenswerte Kompensation, in den Besitz von Kapital zu gelangen, um davon zu leben. Die Volksaktie, wie Ludwig Erhard sie in den 60ger Jahren wünschte, ist sicher eine der besten Möglichkeiten dazu.

Das Problem von menschlicher Arbeit ist untrennbar mit Produktivität verknüpft. Auf der Angebotsseite hängt die Arbeitsnachfrage von der physischen Grenzproduktivität ab, zu der es in der Wirtschaftswissenschaft schlaue Formeln gibt. Diese kann als natürlicher Grenzbereich beschrieben werden, in dem keine weitere Steigerung mehr möglich ist, weil z.B. ein Tag nur 24 Stunden hat und damit den menschlichen Arbeitseinsatz begrenzt. Probleme gibt es nicht nur im Zuge von heute dominierender Unterbeschäftigung. Es ist einzusehen, dass es in einer Vollbeschäftigung trotz erheblichen Reallohnzuwachses kapazitative Grenzen der Produktionsausweitung gibt. Die inflatorische Wirkung ist deutlich. Diese Grenze des Wachstums kann nur mit Rationalisierung und damit einher gehender Erhöhung der Produktivität erweitert werden.In dieser Phase ist das Zinsniveau investitionsbeeinflussend. In einem Marktumfeld der Überproduktion und eines durch Pessimismus geprägten Konsumverzichts werden Zinssenkungen entgegen früheren Meinungen nur wenig zur Wirtschaftsbelebung beitragen. Wir haben dies in der japanischen Krise 1998/99 gesehen, wo die Zinsen (lange Zeit erfolglos) auf einem Niveau bei knapp über Null gehalten wurden.

Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, aber nicht unbedingt am Fließband! Auf der anderen Seite ist der Mensch anscheinend von Natur aus auch faul und bequem. Denn die Ursache allen technologischen Fortschritts, aller Entwicklungen und Erfindungen war das natürliche Streben der Menschheit, weniger zu arbeiten oder es mit der Arbeit zumindest leichter zu haben. Es leichter und einfacher zu haben, ist sicher einer der Gründe für das, was wir gemeinhin mit "Fortschritt" bezeichnen.

Entwicklungen und Erfindungen wurden aber mit Sicherheit auch gemacht aus dem Grunde des Wettbewerbes um Ressourcen, Reichtum und Macht.Produktivität ist stets an Bezugspunkte gekoppelt. In Lohnstückkosten werden die Lohnkosten in Proportion zu einer erzeugten Produkteinheit gesetzt. Die Produktionsrate setzt Ergebnisse ins Verhältnis zur maximal möglichen Auslastung der Maschinen, usw. Die Erhöhung der Produktivität mit Rationalisierung gleichzusetzen ist nicht korrekt. In letzterem enthalten sind wesentlich mehr Faktoren, als nur ein geringerer Personalaufwand zur Erzielung eines gleich hohen Produktionsvolumens. Sie ist mehr als Verlagerung von menschlicher Arbeit auf

Maschinen. Reine Materialersparnis und Substitution, also der Ersatz eingesetzter Mittel durch günstigere, gehören ebenso dazu wie Verbesserungen in der Verfahrenstechnik, im Warendurchfluß innerhalb eines Unternehmens, in der Lagerhaltung ebenso wie in dem sparsamen Einsatz von Eigen- oder auch Fremdkapital. Kurz, Einsparungen und Verbesserungen auf allen denkbaren Gebieten sind Rationalisierungen und drücken sich teilweise in Erhöhung der Produktivität aus.Anders ausgedrückt: Wenn die Produktivität in Teilbereichen durch Rationalisierung derart erhöht wird, dass das BIP in exakter Korrelation mit dem Bevölkerungszuwachs bleibt, so ist die Pro-Kopf-Produktion vor und nach der Rationalisierung identisch. Altes-BIP/Alt-Bevölkerung ist dann identisch mit Neu-BIP/Neu-Bevölkerung, allerdings bei (durch die Rationalisierung) gleichzeitig gestiegener Arbeitslosigkeit.

Während die Produktivität eine bestimmte Quantität Output in das Verhältnis setzt zu den eingesetzten Ressourcen, zielt Rationalisierung unter Umständen auf Verbilligung statt einer höheren Produktionsmenge ab. Da die Produktivität unserer Volkswirtschaft seine Leistungssumme ist, bedeutet Rationalisierung mit dem Ziel

Kostenersparnis allein noch keine Erhöhung der Leistungssumme. Im Gegenteil, wenn eine Zulieferung aufgrund von Rationalisierung entfallen kann, so wird damit auch deren Teil der Leistungssumme überflüssig und eingespart. Eine Erhöhung der Produktivität bedeutet also nicht zwangsläufig Wachstum, denn der entscheidende Punkt ist, wofür der Produktivitätszuwachs eingesetzt wird. Dies kann statt Quantität auch alternativ Qualität oder Kosteneinsparung ohne Mengenausweitung ergeben. Wir werden auch sehen, dass die Verteilung in der Gesellschaft einer der strittigsten Punkte in der Verwendung von Produktivitätsgewinnen ist. In diesem Zusammenhang sollte genauer darüber nachgedacht werden, was Rationalisierung und Wettbewerbsvorteil bedeuten.

Wir wählen als Beispiel eine Offsetdruckerei. Unser Betrieb unterliegt dem Wettbewerbsdruck. Aufträge sind hart umkämpft. Mit einer schnelleren Maschine und kürzeren Rüstzeiten könnten wir in unserer Kalkulation zu wesentlich günstigeren Stückpreisen gelangen, was die Chancen zum Auftragserhalt deutlich verbessert. Nachdem wir die Amortisation der Anschaffungs- und Finanzierungskosten den Einsparungen gegenübergestellt haben, tätigen wir diese Investition. Wir haben damit heute tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil.

Aber hiermit ist die Geschichte nicht zu Ende. Unsere Wettbewerber reagieren auf unsere günstigeren Preise ebenfalls mit gleichen Investitionen und schon in ganz kurzer Zeit bieten wir alle unsere Produkte billiger an als vorher. Auch bis hier klingt die Erfolgsstory noch gut, zumal erhebliche Investitionen getätigt wurden.In unserem Beispiel stellt sich die neue Situation nun so dar, dass auf den alten Maschinen pro Tag 9 Aufträge durchschnittlicher Größe erledigt wurden. Die Erhöhung der Produktivität beträgt etwa ein Drittel. Dies bedeutet, dass wir nunmehr zwölf Aufträge gleicher Größenordnung benötigen, um die Maschine anzulasten, die ja schließlich viel Geld gekostet hat.Unseren Mitbewerbern ergeht es ganz genau so. Alle zusammen benötigen wir ein Drittel Aufträge mehr als früher. Genau die stehen aber möglicherweise nicht zur Verfügung! Es bricht ein gnadenloser Preiskampf aus, um die Maschinen zu füttern.

Wir haben jetzt die gleiche Situation wie vor der Rationalisierungswelle, nur auf wesentlich niedrigerem Preisniveau. Es wird also weniger verdient, obwohl die Neuinvestitionen abgezahlt werden müssen. Noch dramatischer stellt sich die Situation, wenn die Rationalisierung ausschließlich durch Personalabbau erreicht wird, da keine Investitionen anfallen, die für andere Branchen Aufträge bedeutet hätten.

Diese Entwicklung ergibt sich nicht anders, wenn die Aufrüstung der Offsetdruckerei nicht zur Margenverbesserung geschieht, sondern um einem hohen Kostendruck auszuweichen. Auch in diesem Fall stellt das anschließende Wettbewerbsverhalten nach kurzer Zeit die Waffengleichheit her.Was ist also passiert? Global gesehen: Wir müssen die gleiche Anzahl Menschen ernähren, wie eingangs erwähnt. Es wird dazu aber weniger Geld erwirtschaftet als früher. Ist dies der Segen der Investitionen? Oder liegt nicht das Problem im Kapazitätsdenken, im Wachstum? Die Grenzen des Wachstums wurden 1970 und nach Aktualisierung 1993 von Maedows/Randers, aber auch von vielen anderen Autoren beschrieben. Natürlich ist es die Funktion des Marktes, durch Firmensterben die Überproduktion zu regulieren. Dieser Prozeß kann sich aber über Jahrzehnte erstrecken und wird mit Strukturwandel beschrieben. Wenn die Produktivitätssteigerungsrate höher liegt als die Wachstumsrate, ist es rein mathematisch ausgeschlossen, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Festzustellen bleibt: Rationalisierung und Erhöhung von Produktivität bedeutet Wettbewerbsvorteil nur auf kurze Zeit, den wir Vorsprung nennen wollen. Unbestritten leben viele Unternehmen gut von diesem Vorsprung. Hierbei werden die sozialen Folgen jedoch nicht gewürdigt, weil die Produktivitätserhöhung der Allgemeinheit allenfalls in billigeren Preisen für Endprodukte zugute kommt. Dies hilft den Arbeitslosen leider wenig, und die Verteilungsfrage steht erneut an. Die beste Antwort auf diese Problemstellung wird noch gesucht. Es ist abzusehen, dass sich in dieser Frage die Volkswirte mit den Betriebswirten schwer in die Haare geraten.

Vordergründig setzen Preissenkungen durch Rationalisierung bei den Verbrauchern neue Konsum- oder Sparmöglichkeiten frei. So kann z.B. das an Nahrungsmitteln und Energie eingesparte Geld in mehr Luxusgüter, Freizeit oder Sparleistung (Geldanlage, Alterssicherung) fließen. Aber sobald eine Erhöhung der Produktivität mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen einher geht, bedeutet dies auch den Wegfall von Einkommen.

So verlangt eine Globalrechnung nach der Gegenüberstellung von verlorenen Arbeitsplätzen zu in anderen Bereichen neu geschaffenen. Erst wenn die Einkünfte der neuen jene der verlorenen erreichen, wirkt der Produktivitätsgewinn. Ansonsten muß über Sozialausgleich der Steuertopf herhalten, womit wiederum die Allgemeinheit belastet wird.

Das Ergebnis der Globalrechnung zeigt, dass eine Erhöhung der Produktivität (unter Erhöhung des technischen Produktivkapitals) zwangsläufig
- a) zu Überkapazitäten und damit zur Unterkonsumtion,
- b) zu global niedrigerer Kaufkraft in dem Maße, in die eingesparten Arbeitsplätze die neu geschaffenen übersteigen,
führt.

War im Mittelalter noch Grund und Boden die Basis für wirtschaftliche Fortentwicklung, so wurde dies während der Industrialisierung durch den riesigen Kapitalbedarf abgelöst. Kapital war gleichzeitig Wachstumsmotor. Es wurde von Karl Marx als dem arbeitenden Volk (Proletariat) vorenthaltene Entlohnung angesehen und zu einer politischen Zielsetzung mißbraucht. Kapital als Machtinstrument lieferte hierzu die Argumentation. In der Fortsetzung dürfte im 21. Jahrhundert nicht mehr ein Zuwenig an Kapital im Vordergrund stehen (Vgl. Kapitel "Vagabundierendes Kapital").

Trotz Heerscharen von schwach qualifizierten Arbeitslosen scheint angesichts eines immer schwerer zu deckenden Bedarfs an hochqualifiziertem Personal das Humankapital zum bedeutendsten und vielleicht alles entscheidenden Faktor zu werden. Wertkapital steht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Die permanent steigende Komplexität der Dinge zieht die Notwendigkeit extrem hoher Qualifikation zur Entwicklung, Überwachung und Steuerung, pessimistisch betrachtet vielleicht auch zur Schadensbegrenzung, nach sich. Allerdings kann vor dem Hintergrund evolutionärer Entwicklungen langfristig nicht ausgeschlossen werden, dass auch die Bedarfsphase an Höchstqualifizierung irgendwann zu einem Ende kommt.

Die Frage der Produktivität stellt sich natürlich auch bei dem Abbau und der Erzeugung von Rohstoffen. Die Grenzkonzentration gibt an, bei welchem Stoffgehalt der Abbau eines Rohstoffs wirtschaftlich gerade noch rentabel ist. Der Preis des Rohstoffs und die Abbaukosten stehen dabei in Proportion zueinander. Je höher der Preis steigt, desto rentabler wird auch der Abbau geringer konzentrierter Vorkommen, die Grenzkonzentration sinkt. Wenn die Erdölvorräte der Welt in 80 bis 120 Jahren zu Ende gehen werden, wird eine Grenzkonzentration erreicht, die es ermöglicht, riesige Ölschiefervorkommen auszupressen, was heute absolut unökonomisch ist. Die Grenzkonzentration kann allerdings auch sinken, wenn neue technologische Verfahren einen billigeren Abbau ermöglichen.

Die Ausrüstung des Internet und der Vielzahl der darin tätigen Firmen bedeutet Neugeschäft und neue Arbeitsplätze. Die strittige Frage ist, wie hoch der Anteil sein wird und wie eine Bilanz zu verlorenen Arbeitsplätzen aussehen wird. Die Mehrzahl der Ökonomen geht davon aus, dass das Internet seinen Hauptnutzen ergeben wird in der Minderung der Transaktionskosten, die immerhin in ihrer Summe in einer entwickelten Volkswirtschaft 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen.

Hier setzt der New-Economy-Kritiker Robert Gordon an. Nach seinen Ausführungen ist der markanteste Unterschied zu anderen technologischen Quantensprüngen wie die Nutzung des elektrischen Stroms und die Dampfmaschine darin zu sehen, dass deren Ergebnisse handfeste Produkte waren, während das Internet lediglich als Effizienzsteigerung im Verteilungssystem gesehen werden kann. Herrn Gordon kann man nun allerdings mit Hinweis auf die Eisenbahn widersprechen, denn diese war erstens ein Quantensprung der technologischen Entwicklung und zweitens der Beginn einer Revolution im Transportwesen, einem Verteilungssystem. Der Unterschied bei der Verteilung liegt lediglich in physischen Produkten (oder Personen), die durch die Bahn befördert werden, und Daten, die per Funk oder Glasfaserkabel transportiert werden.

Das noch wichtigere Gegenargument ist die Minderung der Transaktionskosten. Diese schlagen gerade um so stärker zu Buche, je mehr in der Dienstleistung erwirtschaftet wird. Auch hier drängt sich wieder die Frage auf, wie die Effizienzgewinne in den Volkswirtschaften verteilt werden. Sicher bekommt auch der Verbraucher seinen Teil ab, vielleicht sogar den größten. Ein positiver Aspekt, solange die Kaufkraft der Bevölkerung nicht geschmälert wird.

Wenn wir über Produktivität nachdenken, so zielt dies im allgemeinen auf die volkswirtschaftliche Leistung ab. Natürlich kann auch die Produktivität einer Einzelfirma, ja selbst einer einzelnen Maschine betrachtet werden. Von herausragender Bedeutung ist jedoch Kapitalproduktivität. Diese stellt einen anderen Blickwinkel dar und äußert sich in Fragestellungen wie:

Mit 100 Millionen EURO können wir

  • welche Menge an Dienstleistung oder Produkt erstellen?
  • welche Anzahl von alten Menschen versorgen?
  • wie viele Strafanstalten unterhalten?
  • wie viele Personen und mit welcher Qualifizierung ausbilden?
  • usw.

Diese Fragestellungen sind bewußt gemischt und provokativ aufgebaut. Sie geben einen Eindruck davon, dass eingesetztes Kapital, wofür auch immer, als Ressource gesehen und damit schonend und sparsam eingesetzt werden muß. Die Kapitalproduktivität eines Unternehmens hat nichts mit der gängigen Kennziffer Kapitalrendite zu tun. Erstere bezieht sich auf die mit dem Kapitaleinsatz erbrachte Leistung wie Produktionsmenge, Absatz usw. Damit ist noch nichts darüber gesagt, wieviel Rendite dabei erwirtschaftet wurde, es könnte dabei auch ein Verlust angefallen sein.

Kapitalproduktivität kann aber auch die Effizienz von Volkswirtschaften miteinander vergleichen, indem das BIP in Proportion zu dem zur Verfügung stehenden Eigenkapital der Volkswirtschaft gesetzt wird. Eine Abhängigkeit des Wohlergehens der Bevölkerung eines Landes von der Effizienz seiner Volkswirtschaft ist leicht einzusehen. Das Endergebnis des Wohlergehens ist jedoch erneut die Verteilungsfrage der Produktivitätsgewinne.