Wer ab und zu im Internet surft, der begreift die für die Suche verschwendete Zeit sicher als "Kosten", frei nach dem Spruch "Zeit ist Geld". Die "neue mikroökonomische Theorie des Arbeitsmarktes" stellt der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz die Kosten zur Informationsbeschaffung gegenüber. Auch wenn ein Arbeitsloser sich dessen nicht bewußt ist, so stellt sich wissenschaftlich gesehen die Situation wie folgt: Ein Arbeitsloser wird einen Job ablehnen, wenn die Kosten für das Weitersuchen kleiner ausfallen, als die Annahme einer schlechter bezahlten Arbeit. Nach dieser Theorie gibt es ausschließlich "freiwillige Arbeitslosigkeit" (Sucharbeitslosigkeit). Arbeitslosigkeit durch Konkurs eines Betriebes oder aus sonstigen Entlassungsgründen kommt darin nicht vor.
Regulierungsmechanismen versucht man häufig durch solche Kostenmodelle zu erklären. Der Neoliberalismus geht davon aus, dass sich alle Warenpreise und -strömungen durch den Markt regeln. Bestrebungen, diese Ideologie auch auf die Ware Arbeit auszudehnen, sind selbst bei einem denkbaren Funktionieren sozialpolitisch bedenklich. Da für die meisten Menschen das Einkommen aus nichtselbständiger Arbeit die einzige Quelle zur Selbstfinanzierung ist, muß eine Absicherung des Status Quo und des erreichten Lebensstandards eingerichtet sein. Für die Politik ist es eine überaus anspruchsvolle Aufgabe, diese Absicherung mit der Vermeidung eines Trägheitseffektes durch zu üppige Sicherungsmechanismen zu verbinden.
Der Erfolg des Neoliberalismus scheint darin begründet, dass er mit seiner "Selbstheilungstheorie" durch den Markt evolutionäre Grundzüge zeigt. Diese sind für viele Menschen logisch. Allerdings müssen wir zwischen den Theorien und den von ihnen beobachteten Werkzeugen unterscheiden. Der Markt ist keine Erfindung des Neoliberalismus, sondern eine Funktion. Diese wird als Werkzeug benutzt. Dem Hammer ist es egal, ob er auf einen Nagel, einen Balken oder einen Daumen geschlagen wird. So ist es für den Markt unerheblich, wen oder was die Auswirkungen treffen. Die Benutzer des Werkzeuges sind die Marktteilnehmer. Sie finden ihren Stellenwert und die Beurteilung ihres Erfolges im Markt. Der Markt ist also für die Marktteilnehmer da und nicht umgekehrt. Wenn der Hammer den Daumen trifft, so ist deswegen das Werkzeug nicht schlecht oder unbrauchbar. Wenn eine Theorie sich nun anmaßt, nur ein bestimmtes Werkzeug zu benutzen (zu betrachten), so werden hierbei von vornherein andere Möglichkeiten und Alternativen ausgeschlossen.
Dem Grundsatz der Selbstregelung durch den Markt folgend, bedeutet das Todesurteil für schwächelnde Unternehmen gleichzeitig strukturelle Genesung. Nun ergibt aber gerade der Zusammenhang des Schwindens der Bonität und die damit verbundene Verteuerung der Kredite für betroffene Unternehmen einen erweiterten kritischen Grenzbereich. Dieser Steuerungsprozeß wäre unproblematisch, wenn sich Kreditvolumen konstant verhielten. Diese sind in den Volkswirtschaften nun jedoch keineswegs statisch, sondern unterliegen je nach Versorgungsgrad mit Liquidität erheblichen Schwankungen. Als Meßgröße für die Verfügbarkeit von Krediten dient die Renditedifferenz zwischen riskanten Unternehmensanleihen und zehnjährigen Staatspapieren. Außerdem zeigen Erhebungen, ob eine erhöhte Anzahl der Banken die Bedingungen für ihre Kreditvergaben verschärft.
Wenn den Banken geringere Volumen zur Kreditvergabe zur Verfügung stehen, so steigen die Zinsen für bonitätsschwächere Firmen stärker. Eine erhöhte Vorsichtshaltung der Banken straft damit bei abschwächender Konjunktur ganze Branchen, die dadurch erst recht in den Abwärtstaumel geraten. Es ist eine Situation, in der die berühmte Frage nach "Huhn oder Ei" gestellt werden muß. Der Teufelskreis abschwächende Konjunktur, Kreditverknappung, geschwächte Branchen kann nur durch Liquiditätserhöhung durchbrochen werden, was aufgrund der Inflationsgefahren aber nicht wünschenswert ist. Es zeigt sich klar eine Grenze der Selbstregulierung, an der zwischen strukturellen und hausgemachten Problemen kaum noch zu unterscheiden ist. Und dies ist eine deutliche Schwäche des absoluten Neoliberalismus.
Heute gilt als belegt, dass der Neoliberalismus als alleinige "reine Strategie" ebensowenig Optimum für die breite Bevölkerung erbringt wie auch der Monetarismus der Chicagoer Schule. Dies begründet sich in der Existenz "öffentlicher Güter" wie Bildung, Rechtssicherheit, Schutz des Individuums, neutrale Rahmenbedingungen für privates und wirtschaftliches Handeln und soziale Mindestversorgung. Auch bei allen Bemühungen der neoliberalen Argumentation, Teile der öffentlichen Güter einer Privatisierung und Deregulierung zu unterwerfen (z.B. Krankenversorgung oder Bildung) bleibt ein absoluter Restbestand an Öffentlichen Gütern, die allein staatlich regelbar sind.
Rudi Dornbusch (MIT) stellt die wesentlichen Punkte der amerikanischen Erfolgsstory gegenüber:
- Armutsquote bei etwas mehr als 30 Mio. Amerikaner (die niedrigste seit 20 Jahren),
- das mittlere Familieneinkommen (das höchste seit 30 Jahren),
- die Arbeitslosigkeit (die niedrigste seit 30 Jahren),
- der Einkommensanteil der unteren 20 Prozent der Haushalte auf dem niedrigsten Stand seit über 30 Jahren, gleichzeitig Rekordhöhe bei dem Einkommensanteil der oberen 5 bis 20 Prozent der Haushalte.
So positiv diese Punkte klingen, der negative bei den 20 Prozent der unteren Haushalte ist nicht zu übersehen. Dornbuschs Artikel war überschrieben mit: "Die New Economy allein hilft nicht gegen Armut". In Hochkulturen sollte es Möglichkeiten zur Minderung dieses Problems geben, das offensichtlich nicht vom Neoliberalismus gelöst wird.
Ebenfalls am Massachusetts Institut of Technology (MIT) ist als Wirtschaftsprofessor Lester C. Thurow tätig. Seine Interpretation vom Ende des "Kalten Krieges" ist ein Problem, mit dem der Kapitalismus generell zu kämpfen hat: Ihm fehlen Wettbewerbsmodelle wie Kommunismus und Sozialismus. Dadurch wären Unternehmen nicht mehr gezwungen, sich durch überdurchschnittliche Löhne oder außergewöhnliche Sozialleistungen hervorzutun. In der Folge sind nach Thurow die Stundenlöhne in den USA zwischen 1973 und 1994 um 14 Prozent gesunken. Ehemalige Sozialisten haben sich dem mittleren politischen Spektrum angeschlossen, der Einfluß von Gewerkschaften schwindet.
Einen wesentlichen Schwachpunkt im Neoliberalismus stellt die unbestreitbare Existenz öffentlicher Güter dar. Dazu gehören Rechts- und Individual-Sicherheit, eine gesunde Umwelt, ein funktionierender freier Markt, Sozialversorgung, Menschenrechte, Freiheit, Freizügigkeit, Gleichbehandlung u.v.m. Auch sämtliche Infrastruktur gehört dazu. Die Kosten für öffentliche Güter können nicht durch Mechanismen des freien Marktes einer Selbstregulierung unterworfen werden, da hier das “Freifahrer-Problem” existiert. Die Euler/Freese geben uns ein gutes Beispiel*():
“Stadtverkehr - Paradebeispiel für ein öffentliches Gut
Der Stadtverkehr erzeugt Luftverschmutzung und verschlechtert die Lebensqualität der Stadtbewohner. Würden alle ihr Auto in der Garage lassen, hätte man das öffentliche Gut 'saubere Luft' zusammen erzeugt. Läßt aber nur einer sein Auto zu Hause, so wirkt sich dies praktisch nicht auf die Verbesserung der Luftqualität aus. Man hat dadurch aber Nutzeneinbußen in Form von Zeitverlust oder der Tatsache, dass man beim Fahrradfahren die verschmutzte Luft einatmet. Es erscheint daher rational, sein Auto nicht zu Hause zu lassen. Erst recht, wenn aus irgendwelchen Gründen alle anderen umweltbewußt handeln, ihr Auto also nicht benutzen und somit das öffentliche Gut erzeugen. Jetzt kann man nämlich die Freifahrer-Option nutzen. Da sich der eigene Beitrag auf das Gesamtergebnis kaum auswirkt, ist es rationaler, das von den anderen produzierte öffentliche Gut zu nutzen und gleichzeitig auch den Vorteil des Autofahrens zu genießen.”
- - - - - - - - - - *(Euler, Mark (Uni-Oldenburg) / Freese, Jan (Uni-Göttingen),
1997, Diskussionsaufruf
Ref.: http://www.uni-oldenburg.de/~euler)
Dieses Beispiel gehört übrigens zu dem spieltheoretischen Begriff soziales Dilemma.
Nobelpreisträger James Buchanan, ein Verfechter der Deregulierung, sieht den großen Wert frei beweglicher Märkte weniger in einer Steigerung der Güterproduktion, als vielmehr darin, dass die Menschen dem politischen Druck ausweichen können. Die Betonung der Freiheit findet sich in der Feststellung, dass die wirkliche Funktion der Marktwirtschaft eine politische ist, in der sich Regierungen nicht in die Privatangelegenheiten der Bürger einmischen. Kritiker hinterfragen, inwieweit wirklich praktische Reaktionsmöglichkeiten der theoretischen Freiheit dem gegenüber stehen. Ebenso verweisen sie auf mentalitätsmäßige und kulturelle Unterschiede, die das Streben in Selbständigkeit, Mobilität und Kreativität von einem zum anderen Kontinent unterschiedlich darstellt.
Es hat den Anschein, als würden auch im Wirtschaftsbereich gemischte Strategien, wie wir sie aus der Spieltheorie kennengelernt haben, zu Optimallösungen führen. Es ergibt sich ein einheitliches Gedankengebäude, wenn wir gemischte Strategien als untrennbaren Bestandteil von evolutionären Entwicklungen erkennen. Dies führt uns zu der evolutionstheoretischen Wirtschaftswissenschaft.
Stichwort: Wirtschaftliche und politische Vernunft
Der Nobelpreisträger für Ökonomie des Jahres 1986 James M. Buchanan ersann das Beispiel zweier Robinsone, die gemeinsam eine Insel bevölkerten. Beide nutzten ihre knappen Ressourcen und Kräfte für drei Tätigkeiten:
- sie bauten Kartoffeln an,
- sie stahlen dem anderen Teile der Ernte,
- sie versuchten sich gegen Überfälle des anderen zu schützen.
Buchanans Theorie nach begründen beide einen Rechtsstaat, da sie früher oder später erkennen, dass sich wesentlich effizienter und Ressourcen schonender arbeiten läßt, wenn beide sowohl auf Überfälle wie auf Schutzmaßnahmen verzichten und die gesparten Kräfte in den Kartoffelanbau stecken würden.
Buchanans Widersacher dagegen vollenden die Geschichte auf eine andere Weise und dokumentieren damit eine menschenrechtlich begründete Notwendigkeit zum sozialen Ausgleich: Die Kräfte auf der Insel würden sich völlig anders entwickeln, wenn einer der Robinsone ein Hühne und der andere ein Hänfling wäre. Der Hühne würde den Hänfling versklaven und auf seinem Kartoffelacker arbeiten lassen.
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Die Grenzen des Monetarismus
Die absolut freie Beweglichkeit des Kapitals ist der Grundgedanke des Monetarismus, der durch die sog. Chicagoer Schule, Milton Friedman und seiner Mitstreiter entwickelt, publiziert und in den neoliberalen Köpfen verankert wurde. Überhaupt ist er eine direkte Fortführung des Neoliberalismus, der nunmehr auch explizit auf das Kapital ausgedehnt wurde. Die Vorteile absoluter Flexibilität, d.h. die regulative Möglichkeit von Märkten an sich, sind unbestreitbar.
Der Markt als Plattform für Interessenausgleich und Transaktion ist und bleibt das schnellste und direkteste Regulativ. Die daraus von vielen abgeleitete Konsequenz, Märkte würden wie Pendel funktionieren und auf die Regression zu einem mittleren Niveau tendieren ist derweil nicht zwingend. Diese Sichtweise resultiert aus dem allzu menschlichen Wunsch nach Sicherheit, die sich wiederum aus den gewünschten Teilen Berechenbarkeit und Gleichgewicht zusammensetzt. Diese erträumte Sicherheit spiegelt Vollkommenheit vor, einen optimalen Endzustand, der in evolutorischen Entwicklungen nicht zu erreichen ist. Vielmehr wird unsere Welt in einem Fluss von beständiger Suche nach Verbesserung verbleiben, solange die Menschheit existiert.
In der Erkenntnis über komplexe Systeme, dass vollkommene Information unmöglich ist, liegt begründet, dass Optimierungen stets vom Individuum ausgehen, dabei seine Interesssen berücksichtigen, aber nie jene des Gesamtsystems. Ja, schlimmer noch: Nie wird eine umfassende Zielsetzung für das Gesamtsystem überhaupt möglich sein, allenfalls für Teilbereiche. Die Aktivitäten hierbei nehmen direkten Einfluss auf andere Teilbereiche und verändern so die Grundlagen des Systems. Selbststeuereung des Systems erfolgt allenfalls in Teilbereichen, wobei hier weder rationale Motive, noch eine Ausrichtung an irgendeinem Ziel denkbar sind. Ein System selbst hat nun einmal kein Ziel, sondern nur Individuen, die als winziger Teil einer riesigen, unüberschaubaren Gruppe von Piloten von individuellen Interessen getrieben das System mitsteuern.
Es ist längst keine ausgemachte Sache (weder in der Wirtschafts- noch in der Sozialwissenschaft), dass die Menge der in Vermögen kristallisierten Überschüsse der Realwirtschaft beliebig wachsen kann, ohne dass sich Veränderung in der Wirkungsweise ergeben. Im Gegenteil. Es ist vielmehr anzunehmen, dass sehr wohl Schwellen zu Grenznutzen existieren, an denen sprunghafte Veränderungen der Wirkungsweise stattfinden.
Begründung für derartige Sprünge:
Wie bereits im Abschnitt Zinsen deutlich gemacht wurde, muss für jegliche Zinszahlung direkt oder indirekt am Ende einer Kette die Realwirtschaft Überschüsse erzielen. Dies bedeutet gleichzeitig, dass nicht die Existenz von einer gewissen Menge Kapital zum Problem wird, sondern die Erwartungshaltung an den Profit desselben. Wenn mehr und mehr Kapital nach profitabler Anlage sucht, die Realwirtschaft aber diese “Verzinsung” nicht aufbringen kann, so ist das Verhältnis zwischen arbeitsfähigem Kapital in der Realwirtschaft und dem vagabundierenden Kapital aus den Fugen geraten.
Geschwindigkeit der Transaktionen:
Hinzu kommte ein Weiteres. Die Gruppe der Binärprodukte, deren Transport mit Lichtgeschwindigkeit in der Datenleitung vor sich geht, können wir um “Kapital” erweitern. Buchung und Gegenbuchung geschehen heutzutage bei einer Finanztransaktion mit dem Druck auf die Return-Taste. Die notwendigen realen Abwicklungen erfolgen im Hintergrund nachgeschaltet in Tagesabrechnungen. Dieses Clearing ist für die Agierenden zeitlich nicht mehr wichtig und wird von ihnen auch gar nicht mehr wahrgenommen. Damit haben wir eine neue Dimension bei Finanztransaktionen erreicht, mit einem Time-Lag, der nahezu auf Null geschrumpft ist.
Wenn nun Kapital in kürzester Zeit aus Teilen der Erde abgezogen und auch wieder zurücktransferiert wird, so ergibt sich im Zusammenhang mit der ebenfalls in Lichtgeschwindigkeit stattfindender Informationsverbreitung eine kollektive Aktionsweise mit deutlich erhöhter Volatilität. “Reifezeiten” zum Nachdenken und zur Meinungsbildung müssten künstlich eingelegt werden, was aber keiner der Akteure will, denn dies würde als zeitlicher Vorsprung der Wettbewerber angesehen werden.
Einflüsse auf die Realwirtschaft:
Während früher primär der Einfluss der Realwirtschaft auf die Finanzmärkte betrachtet wurde, erkennen wir immer stärker den Einfluss, den umgekehrt die Finanzmärkte auf die Realwirtschaft ausüben. Wir erleben eine Veränderung von Boom-Bust-Circels in Intensität und Dauer (Stand: August 2002). Mit dem Begriff der “Reflexivität” weist George Soros auf die gegenseitige Beeinflussung (Rückkopplung) von Kapital und Realwirtschaft hin, wobei er ausdrücklich ein Zustreben auf Gleichgewicht, egal welcher Art, ausschließt*(). Es scheint nach seiner Sichtweise eher so zu sein, dass Exzesse mit dem Kapitalvolumen zunehmen und unkontrollierbar werden. Als intimster Kenner der internationalen Finanzmärkte und ihrer Funktionsweise stellt Soros fest: “Die Finanzmärkte sind ihrem Wesen nach instabil, und bestimmte gesellschaftliche Bedürfnisse lassen sich nicht befriedigen, indem man den Marktkräften freies Spiel gewährt. [...] Selbst wenn die Marktkräfte uneingeschränkte Geltung nur für den rein ökonomischen und finanziellen Bereich erhalten, produzieren sie Chaos und können letztlich sogar den Sturz des demokratischen kapitalistischen Weltsystems herbeiführen.”*()
- - - - - - - - - - *(Soros, George: “Die Krise des globalen Kapitalismus”, Alexander Fest Verlag, 1998)
In den Naturwissenschaften ist die Beziehung zwischen Beobachter und Objekt einseitig. Forscher und Wissenschaftler gründen ihre Arbeiten auf Wissen, das sich als logisch wahr erweist, wenn die festgestellten Tatsachen die aufgestellten Theorien bestätigen, andernfalls als unwahr.
Für Marktteilnehmer gibt es kein wahr oder unwahr, sondern eine Entwicklung, die jeder von ihnen zu einem kleinen Teil mitgestaltet. Sie stützen sich allenfalls auf Wissen über Vergangenheitsdaten, entscheiden aber aufgrund von Erwartungen an die Zukunft. Über die Zukunft gibt es kein Wissen, sondern Vermutungen und Einschätzungen. Diese Tatsache unterscheidet Wissenschaft und Marktgeschehen und trennt letztlich beide Felder unüberbrückbar. Die kollektive Gestaltung des Marktes entscheidet also über seine Entwicklung mit, so dass jedes Wirtschaftssubjekt mit seiner auf die Zukunft gerichteten zielgerichteten rationalen Verhaltensweise diese Zukunft selbst mitbestimmt.
Die Vorurteile der Marktteilnehmer werden dabei bestätigt, der laufende Trend wird verstärkt. Die Konjunktur wird bei Einbrüchen weiter geschwächt und die starke Konjuntur mündet in Euphorie und im Extremfall in einen Hype (rationaler Überschwang). Der gesamte Ablauf ist der Prozess einer reflexiven Rückkopplung. Es ist die Reflexivität der Finanzmärkte.
Bei dem Begriff des Marktfundamentalismus*() handelt es sich um die Beschreibung eines uneingeschränkten Glaubens an die absolut alles regulierenden Selbstheilungskräfte in freien Märkten, was die unter “laissez faire” bekannten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts bei weitem übersteigt. Dieser Glaube leugnet im Extremfall die Existenz von Werten, die außerhalb ökonomisch erfassbarer Bereiche liegen. Die Verfechter sehen alle Versuche, das Gemeinwohl und öffentliche Güter zu schützen als Feindbild an. Freie (frei bewegliche) Kapitalmärkte sind dagegen ebenso Wunschbild wie freie Märkte in allen nur denkbaren Bereichen.
*(Begriff von George Soros in div. Werken)
Mehrfach haben wir die Aufgaben von Wirtschaft und Politik gegenüber gestellt. Während die Ökonomie im Kapitalismus mit Kapitalakkumulation die Basis zur Erhöhung von Wohlstand *(2) einerseits, aber auch für die Finanzierung der politischen Aufgaben (durch Steuern und Abgaben) zu sorgen hat, ist es Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen zu regeln und sich um Ausgleich *(3,4) zu bemühen. Obwohl Marktfundamentalisten*(5) es sicher nicht hören mögen: Zu diesem Ausgleich gehört zwangsläufig auch Prävention und Gegensteuerung mit Hinblick auf Exzessen, incl. der Exzesse in Märkten. Dies hat mit staatlicher Regulierung nicht das Geringste zu tun, sondern muss als das gewertet werden, was es ist: Ein Eingreifen nur dort, wo das Marktregulativ nicht wirkt*(6).
*(2) Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl (Ethik: Utilitarismus)
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*(3) u.a. Lebensqualität, Rechtssicherheit, soziale Gerechtigkeit und Sozialausgleich
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*(4) Sofern Nationalstaaten der Aufgabe nicht (mehr) gerecht werden können, ist internationaler Konsens gefragt, wobei die Entwicklung (die Globalisierung )nach weltweiten Gremien ruft
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*(5) gemeint ist die Extremposition aus Neoliberalismus und Monetarismus, die an die alleinige Regelung duch freie Märkte glaubt
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*(6) “Als Marktteilnehmer versuche ich, meinen Profit zu maximieren. Als Bürger bin ich an sozialen Werten interessiert, an Frieden, Grechtigkeit, Freiheit oder was auch immer - all diesen Werten können Marktteilnehmer keinerlei Ausdruck verleihen.” (George Soros in “Die Krise des globalen Kapitalismus”)
Der Einwurf der Marktfundamentalisten ist klar: Ein Eingreifen kann nie zu vollkommenen Ergebnissen führen, die eher dem Markt zugetraut werden. Aber auch der Markt liefert keine vollkommenen Ergebnisse. So soll auch das erwähnte Eingreifen keine Vollkommenheit erzeugen, sondern lediglich eine Optimierung in ganz bestimmten verunglückten Teilbereichen anstreben. Natürlich bleibt die Frage offen, ob mit Regulativen gleichzeitig andere Probleme heraufbeschworen werden. Aber auch an dieser Stelle muss vorangehend die methodische Zielsetzung und daran anschließend die umfassende Wirkungsrecherche als zwingend vorgegeben werden.
Die Entwicklung von einfachen Derivaten ist ohne Zweifel ein Entwicklungsschritt im monetären Bereich gewesen. Optionen auf Futures oder andere Konstruktionen, in denen sich sozusagen Optionen auf Optionen ergeben (in denen eine noch feiner verästelte Risiko- und Chancenverteilung ergibt) muss als fortgesetzte evolutionäre Entwicklung gesehen werden. Wie mehrfach angeführt bedeutet dies keineswegs, dass sich alles automatisch zum Besten wendet. Auch ein evolutorischer Schritt von Leerverkäufen am Aktienmarkt kann sich als vorteilhaft für einige Writschaftssubjekte, aber als Nachteil für die Allgemeinheit erweisen. Das wäre ein typischer Fall, in dem im Sinne des Gemeinwohls eingegriffen und geregelt werden müsste. Ähnlich verhält es sich mit dem um die Welt vagabundierenden Kapital. Eine Welt-Entwicklungs-Steuer ( siehe entsprechenden Abschnitt - ) wäre durchaus erwägenswert.
Je mehr man sich mit Geld und Geldumlauf beschäftigt, desto wahrscheinlicher trifft man auf ein explosives Element: Kredite. Der für Konjunktur, Wachstum und Aufgabenbewältigung gefährliche Punkt liegt zum Einen in der Vergabepraxis und zum Anderen in der (Bewertung der) Besicherung. Wenn der Wert der Besicherungs schrumpft, wird ein Teufelskreis angestoßen. Die Vorsicht der Banken führt mit der Risikovorsorge zu einer Kreditverknappung, die sich bis zu einer Katastrophe (“Credit-Crunch”) ausweiten kann. Im Ergebnis werden weite Teile der Realwirtschaft durch Konkurse bedroht. Das maßgebliche Kriterium ist hierbei das Ausmaß der Kredite: Je härter die Kreditlinien ausgereizt sind, desto weniger Spielraum bleibt den Unternehmen. Jene, die bis zum Rand der Möglichkeiten verschuldet sind, überleben die verschärfende Phase nicht. Ein Mangel an Eigenkapital ist hier meistens die Ursache für zu geringe finanzielle Flexibilität, da zu große Finanzierungen besichert werden müssen.
Der umgekehrte Fall ist die Überhitzung der Konjunktur, da die Kreditaufnahme an den Finanzmärkten durch z.B. übertrieben hohe Aktienkurse bis zum Exzess gefördert wird. Auch hier zeigt sich die Reflexivität der Finanzmärkte.